Das Einheitsdenkmal in Leipzig setzt auf populäre Zeichen. Die Akzeptanz des Siegerentwurfs des Leipziger Architektenkollektivs ZILA ist damit gesichert.

Modellansicht Wettbewerb Freiheits- und Einheitsdenkmal Leipzig, 1. Preisträger, das Architektenkollektiv ZILA, © dpa, Foto: Jan Woitas
Schon die Pluralbildung bereitet Kopfzerbrechen. Heißt es „Denkmale“ oder „Denkmäler“? Geht es darum, eines zu errichten, potenziert sich die Pein. Noch schwieriger wird es, wenn es um ein Denkmal für die friedliche Revolution 1989, den gewaltlosen Widerstand, die Montagsdemonstrationen, kurz, um ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal geht.
An die schwere Geburt der Berliner Einheitswippe mag sich darum keiner mehr erinnern. Die brachliegende Baustelle vor dem Humboldtforum erinnert an einen gestrandeten Wal, das Scheitern eines ambitionierten, doch zu kurz gedachten Unternehmens.
Vor diesem Hintergrund nimmt es fast wunder, dass am Mittwoch ein Sieger eines einstufigen und anonym durchgeführten künstlerischen Wettbewerbs für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal bekannt gegeben wurden.
Nachdem ein erster Wettbewerb parallel zum Berliner Projekt trotz Preisvergabe 2014 gescheitert war, zeigten sich die Auslober, das Land Sachsen, der Ministerpräsident Kretschmer, die Stadt Leipzig, OB Jung und die Organisatoren, voran die Stiftung Friedliche Revolution, sichtlich erleichtert.
Reizbegriffe der Kunstpädagogik
Grund eins: Der Entwurf „Banner, Fahnen, Transparente“ des Leipziger Architekturbüros ZILA baut Echokammern für die aktuellen Reizbegriffe der Kunstpädagogik – Niederschwelligkeit, Inklusion und Teilhabe. Das einfache Konzept besteht aus dem Platzieren von gut 50 überdimensionierten, weiß beschichteten Bannern, Fahnen und Transparenten aus facettierten Stahlplatten, bis zu fünf Meter hoch.
Sie sollen symbolträchtig vereinzelt sowie in Clustern im noch anzulegenden Park der heutigen Brache des Willhelm-Leuschner-Platzes bar jeder Aufschrift, sozusagen als Leerstelle emanzipatorischer Handlungsanweisungen zur Wende-Meditation einladen. Dass von ihnen auch die Einladung ausgeht, Farbbeutel, Tags und Graffiti zu platzieren, ist im Entwurf zwar nicht explizit erwünscht, aber doch kalkuliert.
Erleichterung verschaffte auch die Tatsache, dass hinter dem Entwurf ein Kollektiv steht. Auch das trifft den Zeitgeist; trotzdem gehört nur eine Frau zu den sechs Entwurfszeichnern – ein Nachteil anonymer Wettbewerbe. Auch dass mit ZILA ein Leipziger Team das große Los zog, ist Zufall. Die Euphorie war groß, die Politik avisiert erste sichtbare Zeichen im nächsten Jahr.
Doch vom ersten Entwurf bis zur Umsetzung ist es ein langer Weg. Bis dahin bleiben grundsätzliche Bedenken zum Leipziger Entwurf.
Abschied vom überholten Denkmalprunk
Das Teilhabeversprechen kaschiert ein tieferliegendes Dilemma. Demokratie und Denkmale tun sich nicht nur schwer, sie passen eigentlich auch nicht zusammen. Während das wilhelminische Kaiserreich noch par ordre du mufti widerspruchslos plastische Großkunst zur Verherrlichung feudaler Machansprüche in die Welt klotzen konnte, tat sich schon die nachfolgende demokratisch verfasste Weimarer Republik schwer darin, Gedenkorte und -zeichen zu setzen.
Drei Gründe lassen sich dafür ausmachen. Erstens konnte der Postfeudalismus mit einem bis heute gängigen, im Barock ausformulierten Formrepertoire wie Löwengruppe, Säulenkranz und Mann auf Pferd auf breite Akzeptanz stoßen. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg mussten angemessen egalitäre architektonisch-skulpturale Symbole und Zeichen der jungen Demokratie hingegen erst verhandelt werden.
Ein gutes Beispiel: das von Heinrich Tessenow 1931 minimalistisch gestaltete Ehrenmahl der Preußischen Staatsregierung in der Neuen Wache unter den Linden in Berlin. Es stand bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in seiner Einfachheit und Reduktion in krassem Gegensatz zum grotesken Prunk des 1897 eingeweihten Kaiser-Wilhelm-National-Denkmals an der Berliner Schlossfreiheit, auf dessen noch vorhandenem Sockel nun die Einheitswippe entsteht.
Ein zweites Moment für die Unvereinbarkeit von Demokratie und Ehrenmal wird hier deutlich: Die Monothematik eines Erinnerungszeichens widerspricht dem Pluralismus, der Poliperspektivität, dem Widerspruch und Konsens als Kernprinzipien eines demokratischen Gemeinwesens. Der Leipziger über eine Park-ähnliche Fläche verteilte Flaggenhain trägt diesem Gedanken immerhin ein Stück weit Rechnung.
Statt auf eine Dominante, mit der bis heute der Denkmalgedanke verbunden bleibt (die zweit- und drittplatzierten Entwürfe des Leipziger Wettbewerbs hängen dem noch an), setzt er auf Dezentralisierung. Doch die monumentalen Banner, Fahnen und Transparente werden wie Leinwände im Autokino die Einladung zur Teilhabe, weil penetrant überdimensioniert, negieren. Die populäre Denkmallösung verkehrt sich in der Realisierung ins Gegenteil.
Weniger Einreichungen im zweiten Anlauf
Die Zweit- und Drittplatzierten zeigen sich nicht durchdachter. Hat es nichts Originelleres, Kühneres, künstlerisch Überzeugenderes gegeben? Sieht man sich die Wettbewerbsbedingungen genauer an, war dies nicht zu erwarten.
Damit die zivilgesellschaftliche Teilhabe am Realisierungswettbewerb gewährleistet würde, delegierte die Stadt die Organisation des Projekts als Ausloberin an die Leipziger Stiftung Friedliche Revolution, die ihrerseits ein Berliner Beratungsbüro für den reibungslosen Ablauf des Verfahrens einsetzte.
Dabei wird man den Eindruck nicht los, dass mit dem Delegieren von Aufgaben und Verantwortung mit knappen Verfahrensfristen nicht mehr Transparenz, sondern Diskurshoheit hinter den Kulissen geschaffen werden sollte. Gab es beim ersten Wettbewerb über dreihundert Einsendungen, waren es nun lediglich zweiundsiebzig. Renommierte Namen fehlten.
Merkwürdig blieb auch die Zusammensetzung der Fach- und Sachpreisrichter und ihrer Stellvertreter. Bei den stimmberechtigen Fachpreisrichter:innen war nicht eine, nicht einer, der in der DDR geboren und aufgewachsen war. Dazu ließ auch die fachliche Kompetenz der Preisrichter zu Wünschen übrig. Bis auf Wolfgang Ullrich fehlten Namen mit Gewicht.
Das Missverhältnis in Sachen Kompetenz und Ost-Hintergrund war auch bei den Sachpreisrichtern, wenn auch nicht ganz so gewichtig, zu konstatieren. Immerhin waren hier der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, und der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung vertreten.
So wurde auch auf der Ebene der Wettbewerbsentscheidung Teilhabe suggeriert – und gleich wieder dementiert. Die Juryentscheidungen ließen sich so besser steuern. Doch künstlerische Würfe entstehen selten unter Zeitdruck und im Konsens, sondern durch Konflikt und Debatte. Dass in Leipzig nicht mehr herausgekommen ist, wundert nicht.
Zuerst veröffentlicht online Tagesspiegel Berlin 3.10.2024. Printversion am 4.10.2024