Paragone am Rheinknie

Nahezu zeitgleich zeigen die Ausnahmekünstler Georg Baselitz und Bruce Nauman in Basler Privatmuseen die Summa ihrer Künstlerleben – das verspricht eine merkwürdige Begegnung.

 

 

 

 

 

Die Geschichte lässt sich kurz so erzählen: Zwei Buben aus der Provinz, der deutschen hier, der US-amerikanischen dort, beschließen große Künstler zu werden. Durch Talent und Glück werden sie das auch. Der deutsche, Georg Baselitz, 1938 geboren, als Maler. Der Amerikaner, Bruce Nauman, 1941 geboren, als Konzept-, Performance-, Video und Installationskünstler. Von 1968 bis 1980 findet keine Documenta ohne sie statt. Das hat damit zu tun, dass ihre Arbeiten Pole besetzen, ohne die der modernistische Kunstbetrieb nicht läuft: Traditionalismus/Modernismus, figurativ/abstrakt, politisch/formalistisch, all das ist bei ihnen idealtypisch aufgehoben. So kommen sie bei aller Gegensätzlichkeit immer wieder zusammen.

Die letzte Begegnung der beiden wurde 2015 inszeniert. Da hatte sie der Kurator der Venedig-Biennale Okwui Enwezor in Szene gesetzt. Während Baselitz auf halber Strecke des Arsenale-Parcours in einem eigens eingerichteten kapellenartigen Oktogon kopfüber gehängte Selbstporträts platzieren durfte, war das Entree der Ausstellung als eine beängstigende Blackbox gestaltet, ein Initiationsraum, in dem aggressive aus Macheten gestaltete Gestecke im Holzboden von Adel Abdessemed durch Bruce Naumans zuckende Leuchtschriften gespenstisch erhellt wurden.

Endet die Geschichte der beiden nun am Basler Rheinknie? Dort soll im Frühjahr für ein paar Wochen – mehr zufällig als beabsichtigt –  einen letzten, dafür aber umso lauteren Showdown mit zwei umfangreichen Retrospektiven geben. Die Ausstellung zu Baselitz ist in der Fondation Beyeler bereits eröffnet. Im Schaulager der Emmanuel Hoffmann-Stiftung folgt im März die zu Nauman. Kunsthistorisch gesehen ist sie sicher das spannendere Kaliber.

Der junge Bruce Nauman war sicherlich nicht der einzige Student der Malerei, der sich Anfang der 1960er-Jahre gegen den akademischen Betrieb stemmte. Doch bei Nauman geriet die Rebellion zur Geste, die den Kunstbetrieb revolutionieren sollte. Im Atelier, so die schöne Einsicht Naumans, müsse alles, was er tue und lasse, Kunst sein. Damit war ein Zeichen gesetzt, dass der Wert von Kunst nicht mehr allein im fertigen Produkt zu suchen ist, sondern vielmehr im Tun, in der Arbeit des Künstlers, im Prozess. Ab 1967 – da war er bereits bei dem Großgaleristen Leo Castelli unter Vertrag – dokumentierte er einfache Bewegungsabläufe wie Gehen, eine Geige-Streichen, An-der-Wand-Lehnen auf Schwarz-Weiß-16mm-Ton-Film und schleuste so ephemere Akte als „Werk“ in den Verwertungskreislauf der Kunst ein. In Bouncing Balls (1969) manipuliert er seinen Hodensack im Close-up und Slow Motion.

Mit der Darstellung primärer Geschlechtsmerkmale machte auch Baselitz Skandal. Zwei Jahre hing das Ölbild Die große Nacht im Eimer (1962-63) wegen Unsittlichkeit in der Asservatenkammer der Westberliner Staatsanwaltschaft. Nun hängt es prominent als Leihgabe in der Fondation Beyeler, ein Männchen mit langem Gemächt, das heute auch etwas an Putin erinnert. So wirken viele der baselitzschen Großformate in Basel merkwürdig aktuell und stark, sein Oberon 1964 ebenso wie die seit 1969 kopfüber gemalten Figurenbildnisse wie Adieu 1982. Was manch einer als Gag abtuen will, zeigt sich im Vergleich mit den Kollegen Gerhard Richter, Markus Lüperz,  Anselm Kiefer als Bildfindung mit Bestand.

Doch sein Gepolter übertönt, dass sein Künstlerbild überholt erscheint, auch wenn es vom Markt gerne propagiert wird. Daher finden sich bei Nauman die leiseren Töne, auch wenn wie er es sagt „ein Kunstwerk wie der Schlag eines Baseballschlägers ins Genick“ wirken sollte. Auch er wusste neben Skandalösem Beständiges zu platzieren. So geriet der 16mm-Film „Bouncing Two Balls between the Floor and Ceiling with Changing Rhythms“ (1967-68) zur gültigen Künstlermetapher, in der Nauman wieder und wieder mit voller Kraft versucht, zwei Bälle über den Boden an die Atelierdecke zu knallen.

Das Video, das sicherlich auch im Schaulager zu sehen sein wird, liest sich auf die Verhältnisse heute emblematisch: Zwei private Häuser an der Peripherie müssen ihre Bälle mit aller Vehemenz in der Luft halten, wo öffentliche Häuser im Zentrum ihrem Auftrag nicht mehr in vollem Umfang nachkommen können. Der Showdown am Rheinknie ist daher symptomatisch. Einerseits markiert es mit den Retrospektiven zum Lebensende zweier wichtigen Exponenten des Modernismus das endgültige Ende avantgardistischer Künstlermodelle, andererseits melden sich privates Mäzenatentum und Geschäftssinn, die gegen die Zeichen der Zeit das überholte Künstlerbild wiederum zu bewahren, wenn nicht zu retten suchen. Die althergebrachte Ordnung mitsamt ihrer sensiblen Machtgefüge kommt damit gründlich durcheinander: Hätte man Baselitz großformatigen Bilder vor 20 Jahren selbstverständlich im Kunstmuseum Basel gesehen, zeigt man dort nur das grafische Werk, während man die Ölmalerei in der Fondation und anschließend im Washingtoner Hirshhorn-Museum präsentiert. Ebenso das Schaulager, das mit einem Sockel wichtiger Arbeiten Naumans ausgestattet ist, das nun aber als Financier der ersten Retrospektive nach 20 Jahren den zeitlichen Vortritt vor der Partnerinstitution MoMA in New York reklamieren kann.„The true artist helps the world revealing mystic truths,“ heißt es in einer Neon-Licht-Spirale von Nauman ironisch. Unter Basler Verhältnissen wird es ihnen sicher nicht leichter gemacht.

Redaktionell überarbeitet zuerst erschienen unter dem Titel „Basel Balla Balla“ in Der Freitag am 15.02.2018

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Keine Zeit – Kunst aus Zürich. Helmhaus Zürich

“Oh dear! Oh dear! I shall be late!” cried Lewis Carroll’s white rabbit, the absolute archetype of both our present moment and an alternate one—wherein he exemplifies a different, fantastical order. Helmhaus’s exhibition, “_Keine Zeit – Kunst aus Zürich” (No Time – Art from Zurich) also moves within such an adventurous dialectic, honoring regional artistic practices, as is traditional in Switzerland.

The results are a breathtakingly beautiful exhibition that includes an installation of cacti by Magda Drozd; powerful towers and arks rendered in watercolors by the eighty-seven-year-old Willi Facen; four fascinating concrete rugs by Noomi Gantert; and the audio installation Poser, 2016, by Susanne Hefti. Also on view are Cécile Huber’s joyful parade of small sculptures; Susanne Keller’s monumental stage set made of cut paper, Musicisti, 2015–2016; Martina Mächler’s audio-installation, 71% (play), 2017; and the precise drawings of Daniel Zimmerman. Meanwhile, Michael Meier and Christoph Franz made concrete blocks using leftovers from Zurich’s Nagelhaus, while Patrizia Vitali’s video performances muse on the passage of time. In the glass vitrines of 7 Stationen (7 Stations), 2017, Klaus Tinkel arranges found materials into absurd landscapes.

Of this creative baker’s dozen, the artist Peter Schweri deserves special mention. The painter, illustrator, photographer, and object artist died in November, 2016, at seventy-seven. On view are early drawings by Schweri, as well as examples of the image-production systems, exemplifying Zurich constructivism, that made it possible for the artist—who had been completely blind since 2002—to work in a controlled, sculptural manner. In his art particularly, the creative potential of the city is revealed to be both clandestine and furious.

Translated from German by Diana Reese.

First published Artforum Online: https://www.artforum.com/picks/section=ch#picks73457


„Oh dear! Oh dear! I shall be late!“ klagt Lewis Carols weißes Kaninchen, ganz Phänotypus unserer Zeit, aber auch dessen Gegenentwurf, wo es einer anderen, phantastischen Ordnung angehört. In dieser abenteuerlichen Dialektik bewegt sich auch die diesjährige Weihnachtsausstellung des Helmhauses, in der, wie in der Schweiz traditionell üblich, das regionale Kunstschaffen gewürdigt wird. Dreizehn Künstlerlinnen und Künstler haben nun in der Erwartung, dass sich das Publikum auf ihre Arbeits- und Aufmerksamkeitsökonomien einlässt, eigensinnig an der Uhr gedreht.

Und das gerät mit Magda Drozds Kakteen-Installation, den gewaltigen aquarellierten Türmen und Archen des 87-Jährigen Willi Facen, den drei faszinierenden konkreten Teppichen Noomi Ganterts und der Audio-Installation „Poser“ (2017) von Susanne Hefti, Cécile Hubers fröhlicher Klein-Skulpturenparade, Susanne Kellers monumentaler Schnittpapier-Bühne „Musicisti“ (2017), Martina Mächlers Audioinstallation „71% (play)“ (2017), dem Betonklotz aus Überresten des Zürcher Nagelhauses von Michael Meier & Christoph Franz, und mit den Video-Performances zum Verrinnen der Zeit von Patrizia Vitali, sowie den Glaskästen „7 Stationen“ (2017), in denen Klaus Tinkel Fundstücke zu absurden Materiallandschaften arrangiert, und schließlich mit den präzisen Zeichnungen Daniel Zimmermanns zu einer atemberaubend schönen Ausstellung.

Einzig der Künstler Peter Schweri ist aus diesem kreativen Duzend herauszuheben. Der Maler, Zeichner, Fotograf und Objektkünstler verstarb im November 2016 siebenundsiebzigjährig. Im Helmhaus sind nun frühe Zeichnungen und Beispiele von konstruktiven Bildsystemen zu sehen. Sie ermöglichten dem seit 2002 völlig Erblindeten ein kontrolliertes bildnerisches Arbeiten. So zeigt sich das kreative Potential der Stadt klandestin und furios zugleich.

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Enactment – Zur Ausstellung Sturm auf den Winterpalast. Die Forensik eines Bildes

 

 

 

 

Bedarf es für die gesellschaftspolitische Wirkmächtigkeit der Kunst noch eines Beweises? Eigentlich nein. Doch wer mit einer eindeutigen Einschätzung hadert, dem kommt zum Jubiläum der folgenreichsten Revolution des 20. Jahrhunderts, der russischen Oktoberrevolution 1917, die Ausstellung „Sturm auf den Winterpalast: Forensik eines Bildes“ der Kuratorinnen Inke Arns und Sylvia Sasse gerade recht. Denn sie erzählt nicht nur von der Oktoberrevolution und darf als ihre pointierteste Memorialveranstaltung im deutschsprachigen Raum gelten, sondern sie spricht allgemeiner von der Macht und Ohnmacht der Bilder, die seit jeher ein Eigenleben führen, das sich der Kontrolle ihrer Schöpfer per se entzieht.

Das Foto vom Sturm auf den Winterpalast gilt wie Grigori Goldsteins berühmtes Foto des agitierenden Lenin auf einer Holztribüne 1920, von der Leo Trotzki später wegretuschiert wird, als die Ikone der bolschewistischen Revolution: Die Kamera im Rücken stürmen uniformierte Soldaten mit Gewehren in der Rechten hinter einem Motorwagen auf eine barocke Schlossfassade zu – dem St. Petersburger Winterpalast. Rauch steigt auf und dramatisiert mit einer vom oberen Bildrand angeschnitten Triumph-Säule die Situation ins monumental-heroische.

Über nahezu ein Jahrhundert lang lieferte dieses Bild in Schul- und Geschichtsbüchern, in Magazinen, Drucken und nicht zuletzt im Internet millionenfach reproduziert den Brand zur Oktoberrevolution, der den Mythos einer revolutionären Massenbewegung bedient. Wie die Kuratorinnen der Ausstellung recherchierten – Inke Arns schrieb bereits 2016 im Kunstforum international darüber (siehe Band 240) – handelt es sich bei dem Bild um die retuschierte Version einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von einem drei Jahre nach den revolutionären Ereignissen durchgeführten Massenspektakel „Sturm auf den Winterpalast“. Die Machtübernahme der Bolschewiki 1917 war lautlos und ohne nennenswerte Kampfhandlung über die Bühne gegangen. Um zwei Uhr morgens konnte die Kerenski-Regierung ohne Widerstand im Winterpalast verhaftet werden. Im Gegensatz dazu setzte das Spektakel auf Kanonen und Getös, Wagen, Pferde und unzählige Statisten. Das Publikum – je nach Quelle zwischen 80.000 und 150.000 Personen – stand in zwei Blöcken von vier Spielstätten umgeben mitten auf dem Platz. Inmitten des Geschehens sollte es Zuschauer und unmittelbar Beteiligter sein. Regie führte der russische Theatermann Nikolaj Evreinov der dem Regime kaum nahestand, doch mit seiner These von der Theatralisierung aller Lebensbereiche die Sympathie der roten Propagandisten erweckte.

Das Foto entstand wie ein Film für die Wochenschau während der Generalprobe am Tag, während die eigentliche Aufführung punktgenau am 25. Oktober/7.November nachts über die Bühne ging. Auf der vermutlichen Originalvorlage des Fotos sind noch der hölzerne Regie-Kommandoturm und Zuschauergrüppchen zu sehen, die dem Pinsel der Retuscheure zum Opfer fielen, nicht jedoch der fünfzackige Sowjetstern am Palastbalkon, der den Schwindel vom inszenierten Akt verrät. Warum sollte etwas erobert werden, das man schon besetzt hält? Doch hier hat sich das Bild wie Evreinovs Spektakel bereits einer kritischen Deutung entzogen. Mit Sergei Eisensteins Stummfilm „Oktober“ 1928 zementiert sich der Mythos vom bewaffneten Volksaufstand unter Führung der Bolschewiki, mit dem analog zum „Sturm auf die Bastille“ eine Zäsur vom Rang der französischen Revolution reklamiert werden sollte. Der propagandistische Erfolg, wirft einen Schatten auf den künstlerischen: Evreinovs eigentliche Herausforderung lag in der Inszenierung aufwendiger Spielszenen des vorrevolutionären Klassenkampfs in expressiven Kulissen auf zwei großen Bühnen vor der dem Winterpalast gegenüberliegenden Generalität, die nun in der Erinnerungskultur möglichst getilgt werden mussten, sollte der „Sturm“ für einen realen Vorgang gehalten werden.

Aber auch sonst entfaltet das Bild und das mit dem Bild behauptete Ereignis eine eigenartige Dynamik. Bis heute. So zeigt die Ausstellung, in Dortmund etwas erweitert, Arbeiten, die sich mit der Oktoberrevolution und der Konstruktion von Geschichte auseinandersetzen wie „Surplus Value“ (2014–2016) und „La liberté raisonnée“ (2009) der Spanierin Cristina Lucas oder die dadaistischen Oktober-Reenactments Waldemar Fydrychs mit der polnischen Künstlergruppe Orange Alternative aus den 1980er-Jahren. Neben diesen älteren Positionen ragt das russische Künstlerkollektiv Chto Delat (dt. Was tun) aus Petersburg heraus, das in dem Video „Palastplatz 100 Jahre danach“ (2017) eine junge Philosophin zur Feldforschung auf den Platz vor dem Winterpalast schickt. Dort begegnen ihr nur Zombies. Die Geister der Vergangenheit geistern weiter. Wenn der Theatermacher Milo Rau wie in Dortmund dokumentiert zum Abschluss seiner „General Assembly“ an der Berliner Schaubühne mit dem Bild von Evreinovs Soldatenschaar zum „Sturm auf den Reichstag“ aufruft, hängt er sich geschichtsvergessen an den Mythos vom Sturm und der bewegten Masse an. Die gute Absicht, mit einem Weltparlament den verdammten dieser Erde eine Stimme zu verleihen, desavouiert die theatrale Werbetrommel. Der Besucher hätte sich von dieser prominenten Seite mehr historisches Bewusstsein gewünscht. Der tollen Ausstellung tut dies jedoch keinen Abbruch.

Ausstellung: Gessnerallee Zürich 24.09. – 25.10.201, HMKV, Dortmund 25.11.2017 – 08.04.2018; dazu erschienen: Nikolaj Evreinov & andere. „Sturm auf den Winterpalast“, Hrsg. Inke Arns, Igor Chubarov, Silvia Sasse Berlin/ Zürich 2017. Die beiden s-w-Abbildungen oben sind diesem Band mit Zustimmung der Herausgeber entnommen.

 

 

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Schuss und Gegenschuss. The Hobbyist im Fotomuseum Winterthur

The Hobbyist – Eine Ausstellung im Schweizer Fotomuseum Winterthur geht dem Phänomen ritualisierter Freizeitaktivitäten und seiner professionellen wie nicht-professionellen Spiegelung in der Fotografie nach

Wow, denkt man. Warum ist da keiner früher draufgekommen? Grund für solchen Enthusiasmus liefert der Kunstbetrieb heute selten. Überraschungen, zwingende Ideen und überzeugend umgesetzte Konzepte sucht man trotz Museums-Konkurrenz und Biennalen-Flut meist vergebens. Der interessierte Zeitgenosse kann nun in der Provinz fündig werden, im schweizerischen Städtchen Winterthur zwischen Schaffhausen und Zürich. Dort zeigt das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Fotomuseum eine museale Bestandsaufnahme, die längst überfällig schien und, wie zu vermuten, das zu einem Zeitpunkt, an dem das thematisierte Phänomen am Verschwinden ist, der Freizeitler, der Hobbyist.

Vielen dürfte noch der elterliche Hobbykeller in Erinnerung sein. Doch die damit verbundenen Aktivitäten waren weit entfernt von Spitzwegs Kaktuszüchtern, diffus zwischen Party, Tischtennis und Carrera-Bahn definiert, so dass jenseits von Super8-Gefilme und dem Sammeln von Briefmarken schon Ende der 1970er-Jahre kaum mehr von „Hobbys“ die Rede sein konnte.

War man damit bereits auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft wie sie Karl Marx und Friedrich Engels vorschwebte? Der Kommunismus würde es jedem ermöglichen, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, mittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ (Die deutsche Ideologie, 1846) Freiheit statt Freizeit lautete die lebst noch von Theodor W. Adorno vertretene Parole.

Ganz so einfach sehen es die Macher der Winterthurer Ausstellung freilich nicht. Nicht nur, dass sie mit dem fotografischen Blick auf Freizeitaktivitäten stille aber auch sichtbar-laute Residuen des Hobbyismus ausmachen, vom Taubenzüchter („Paloma al Aire“ (2011) von Ricardo Cases), über Pilzsammler (hier ist der Minimalist John Cage in einer Fotografie von William Gedney 1967 bezeugt), bis hin zum Selbstdarsteller Alexander Ramnev, der sich in seinen Selfies ohne Sicherung auf den Spitzen von Super-Hochhäusern ablichtet. In Winterthur kommt er mit einer Fototapete („Need Adrenaline!“, 2014) gleich im ersten von fünf Ausstellungssälen mit der Rubrik „Ich und die Welt“ zu Ehren. Die weiteren benennt man „Von Freizeit und Lifestyle“, Raum 2, „Werkzeuge für die Zukunft“, Raum 3, „Un/Späktakuläre Orte“ und „Rituelle Leidenschaft“, Räume 4 und 5, in denen man zwar kaum große und schon gar schöne Bilder zu sehen bekommt, wohl aber originelle und aufschlussreiche..

Auch wenn dabei so bekannte Künstler wie Diane Arbus, mit Bildern ihrer Landsleute, Gordon Matta-Clark, mit einem Restaurant, Chris Burden, mit einem Raketenauto oder Kenneth Anger mit einem Auto-Fetisch-Videoclip, als professionelle Dokumentaristen oder in der Rolle dilettierender Freizeitler auftauchen, kann der Besucher weder phänomenal-künstlerisch Vollständigkeit erwarten, – wo beleibt der Schach spielende Duchamp, der Hobby-Pyromane Roman Siegner oder der Sammlerkünstler Hans-Peter Feldmann? – noch soziokulturell. Wo bleiben die Heerscharen von Hobbyfotografen, die ab 1880 mit immer günstigeren Fotoutensilien ausgestattet unterwegs waren und den Profis den Rang streitig machten? Das Potential hiervon lässt sich mit Jeremy Deller und Alan Kane „Folk Archive“ (1999-2005) erahnen, das mit knapp dreißig Drucken aus der Fotosammlung mit teils skurrilen Maskeraden und Aufzügen der britischen Mittelklasse präsent ist.

Die Kuratoren setzten jedoch die epochale Zäsur und den Anfang ihres historischen Bogens nicht ohne Grund in die 1970er-Jahre und statten ihre Ausstellung mit einem prallen Begleitprogramm aus. Eine Holztribüne samt Podium unterstreicht den performativen Charakter, ohne den auch diese Unternehmung nicht auskommen will. Auch wenn die Dixi-Land-Schrumpel-Jazz-Szene dieser Jahre ebenso ausgeblendet beleibt wie die „Trimm-Dich-Fit“-Welle. Erkennen die Ausstellungsmacher in der digitalen Maker-Szene der US-Westüste jener Jahre die letzte nachhaltige Hobbyisten-Bewegung, die vom Nerd zum Hacker mit dem Ruf nach Do-it-Yourself und Selbstermächtigung gegen die Macht der Konzerne bis in unsere Tage zum eigenen Totengräber heranwuchs. In einem „Open letter to Hobbyists“ im Februar 1976 beklagt sich der Micro-Soft Gründer Bill Gates über den miserablen Stand der Software für private User und gelobt die Szenewünsche mit der Aufstockung seiner Mitarbeiterschaft um zehn Programmierer zu erfüllen. Das Schreiben erschien im Tüftlermagazin Homebrew Computer Club Newsletter freilich noch gedruckt und liegt als Give-Away unter dem mittlerweile ikonischen, groß auf die Wand gezogenen Schwarz-Weiss-Foto von Steve Jobs und Steve Wozniak mit nachlässig gescheiteltem Zottelhaar und ungepflegten Bärten aus den 1970er-Jahren. Kleinen Fluchten – große Freiheit? Scheinbar. In der digitalen Welt fallen die Grenzen zwischen Consumer und Producer, Arbeit und Freizeit mit jedem Selfie-Tweet, Klick and Like, Selbstermächtigung oder Zwang? „Ich bin kein Sneaker Addict, jetzt reicht es mal,“ verkündet ein Commuity-Mitglied zum Thema Turnschuhe in der Netz-Dokumentation „The Molem Collective“ (2013) von Hana Miletić. Von den Abgründen der Selbstdarstellung der Netz-Game-Szene geben Eva & Franco Mattes mit ihrer Arbeit „My Generation“ (2010) ein beredtes Zeugnis.

Doch lassen sich durchaus Residuen kreativer Freizeitkultur ausmachen, auch wenn sich der Betrachter der zum Abschuss der Ausstellung präsentierten Aktivitäten ein Lächeln schwer verkneifen kann, die in Vitrinen ausgebreiteten Fotoalben „Bodybuilder“ (1986-1995) des Hamburger Museumdirektors Eckehard Schaar etwa, oder Alec Soths Sammlung von „Ping-Pong“ Spielern (2013). Die Palme aber gebührt dem US-Amerikaischen Künstler Mike Mendel, der die Baseball-Sammelkarten seiner Jugend in den 1970ern wieder herausholte und ergänzte, nur dass die portraitierten Helden nun aus dem Freundeskreis stammten. Jugendliche Sammelwut, Appropriation und Gegenkultur wurden selten so überzeugend kurzgeschlossen. Allein wegen dieser Entdeckung hätte sich der Weg nach Winterthur gelohnt.

The Hobbyist. Hobbys, Fotografie und Hobby-Fotografie, Fotomuseum Winterthur, bis 28.01.2018Text redaktionell bearbeitet zuerst erschienen in Der Freitag, November 2017

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Das Konvolut. Die Sammlung Gurlitt im Kunstmuseum Bern

Im Kunstmuseum Bern wird seit Anfang letzter Woche neben der Bundeskunsthalle in Bonn der unverdächtige Teil der Sammlung Gurlitt gezeigt – der Sprengsatz Beutekunst ist damit noch lange nicht entschärft.

Mit großen Augen guckt der Maler unter seinem Strohhut hervor. Scheu, fast verängstigt blickt er aus dem verschatteten Gesicht an seinem Betrachter vorbei. Der Künstler, es ist der Maler Lovis Corinth, inszeniert sich mit dem Ölbild aus schnell hingeworgenen, groben Pinselstrichen in der Sommerfrische am See mit Tanne und Bergen im Hintergrund, als wollte er bedeuten: „Seht her, Ich bin eigentlich nicht da!“ Das 70 x 85 cm große Bild entstand nach einem Schlaganfall Corinths 1923 zwei Jahre vor seinem Tod. Nun ist es wie verirrt und doch passgenau im Mittelpunkt der mit Spannung erwarteten Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt. `Entartete Kunst –Beschlagnahmt und verkauft“ im schweizerischen Kunstmuseum Bern gelandet.

Obwohl es nicht zu den über 1.500 Kunstwerken aus dem Nachlass des Sonderlings und Sohn eines NS-Kunstverwerters mit „Flair“ für Zeitgenössisches gehört, scheint es in der Ausstellung wie ein guter Geist die bösen bannen zu wollen. Man war in Bern in ein Dilemma der Memorialkultur geraten: So kritisch und aufgeklärt man sich von Museumsseite gäbe, würde mit der Ausstellung der Name Gurlitt weiter erinnert und gehypt. Die Menschen, an denen man sich bereicherte, die abertausende Ermordeten bleiben dagegen namenlos und vergessen. Hätte man das gurlittsche Vermächtnis ausschlagen müssen? Der Widerstand einer kritischen Öffentlichkeit gegen die Flick-Collection 2001 in Zürich war so stark, dass der Flick-Erbe Friedrich-Christian seine Museumspläne in der Stadt aufgeben musste, während ihm Berlin drei Jahre später die Türen im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart weit öffnete,

Am 6. Mai 2014 verstarb Cornelius Gurlitt und setzte die Kunstmuseum Bern als Alleinerben ein. Vier Jahre zuvor war er den Bayerischen Zollbehörden bei einer Routinekontrolle im Zug zwischen Zürich und München ins Visier geraten. Seine Kunstsammlung im Münchner Appartement mit Schwerpunkt modernistischer Kunst der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts aus dem Erbe seines Vaters fiel auf. Das Magazin Fokus bekam Wind und skandalisierte den „Schwabinger Kunstfund“, dessen Wert gleich hinter dem Nibelungenhort zu taxieren wäre. Doch der Verdacht, dass hier vor allem Raubkunst zu finden war, also Kunst, die ihre Besitzer unter Druck der Verfolgung veräußern oder zurücklassen mussten, erhärtete sich nicht, obwohl der Vater Hildebrand Gurlitt zu den wichtigsten Kunstbeschaffern des NS-Regimes zählte. Nur bei vier Werken konnte der Raubkunstverdacht bestätigt werden – weitere, deren Besitzerfiliation bis heute nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte sind, nun in Bonn zu sehen (siehe Freitag xx/2017).

Bern hatte sich skrupulös wie die Berner sind, von der Bundesrepublik ausbedungen, sich nur jener Kunstwerke anzunehmen, die eine unbedenkliche Provenienz aufwiesen, also lückenlos frei vom Raub- oder Beutekunstverdacht sind. Das kann so aussehen: Bei Corinths „Selbstportrait“ sieht das so aus: Es kam noch im Jahr seiner Entstehung über den Berliner Kunsthandel mit der Inventarnummer A II 409 in Besitz der Nationalgalerie im Kronprinzenpalais unter den Linden. 1937 flog es dort raus. Corinth galt mit seinem deftigen Postimpressionismus als „Entartete Kunst“. Unter der Nummer 12087 landete das Sommerfrischebild neben vielen anderen als „international verwertbares“ Kunstwerk im Depot Schloss Schönhausen. Sonst hätte man es verbrannt. So kam es mit der Losnummer 19 durch die legendäre Auktion „Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen“ der Luzerner Galerie Fischer am 30. Juni 1939 an das Kunstmuseum Bern – natürlich zum Schnäppchenpreis.

Freilich kann der Museumsbesucher heute froh sein, dass die peinlich raunende Legitimationsrhetorik der Nachkriegsjahre, so sei die Moderne gerettet worden, verklungen ist. Die Alternative dazu zeigt sich in Bern in einer Zweiteilung des Ausstellungsdisplays das Aufklärung und Unterhaltung, Ethik und Ästhetik, Schwarz und Weiss ostentativ trennt, auch wenn sie in einem großen Souterrainsaal vereint gezeigt werden. In 9 Abteilungen mit schwarzen Stellwänden wird die NS-Kunstpolitik und die Karriere Hildebrand Gurlitts und der Erwerb und Stellenwert seiner Sammlung nachgezeichnet, während in kunsthistorisch abgesicherten Kapiteln auf weißen Wänden der schönste Teil der nach Bern übernommenen Arbeiten gezeigt wird, vorwiegend Grafiken, nur vier Gemälde, überwiegend von hoher Qualität, die üblichen Verdächtigen, Mark, Macke, Kirchner, Heckel, Dix. Es gibt, wie zu erwarten keine Überraschungen. Aber unter den Werkangaben jedes Bildes findet sich die Liste seiner Vorbesitzer. Und das ist Fortschritt. Denn nicht nur Bern, sondern jedes Museum mit Werken aus der Moderne vor 1945 wird sich dieser Recherche-und Restitutionsarbeit stellen müssen – allen voran das Zürcher Kunsthaus, das mit der Eröffnung seines Neubaus die mit dem Flackkanonenkapital finanzierte modernistische Kunstsammlung des Mäzens Emil Bührle zeigen will oder das Humboldt-Forum in Berlin, das kolonial akquiriertes Kulturgut – mit unklarer, sicher oft blutiger Vergangenheit – aus den Depots holen möchte. Die Diskussion drüber hat erst begonnen.

Zuerst veröffentlicht in redaktionell überarbeiteter Fassung am 9. November 2017 in der Printausgabe Der Freitag.

 

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Und dann mal Tschüss. Lucy Skaer und Willem de Rooij in den Kunst Werken

Die beiden Künstler bewegen sich in der ersten Liga eines integren Kunstfeldes: Lucy Skaer, Britin, Jahrgang 1975, Turner-Preis-Nominierte und Willem de Rooij, Niederländer, 1969 geboren, Wahlberliner und seit zehn Jahren Professor an der Frankfurter Städelschule. Was sie eint? Man kann beide künstlerisch einem Romantischen Konzeptualismus zuordnen: Ihre Reduktionen erzeugen Verschiebungen, die sich zu faszinierenden (Un-)Sinnbildern amalgamieren. Für weitergereiste unvergessen, Skaers Ausstellung in der Basler Kunsthalle mit Mauerwand und Walskelett 2009 und für Berliner Museumpatrioten de Rooijs Ausstellung Intolerance 2010, die in der Neuen Nationalgalerie barocke Vogelbilder mit zeremonialem Federschmuck konfrontierte. Zwei tolle Künstler mit hoher Szene-Credibility.

Sonst Gemeinsamkeiten? Nein. Außer, dass Skaer und de Roij nun bis Ende des Jahres mit zwei umfangreichen Einzelausstellungen die zweite Runde der Auftaktveranstaltungen der neuen Kunst-Werke-Leitung bestreiten. Doch was im Kalkül der Kuratoren zu einem Co-Branding hätte führen sollen, zwei Große der Szene vollbringen gemeinsam etwas ganz Großes, gerät zwar nicht zum Desaster, so doch zu einer flachen Veranstaltung, die der Besucher mit einem schulterzuckenden „So-What!“ verlässt.

Dabei ärgert sich der Kunst-Werke-Gänger bereits über die neu geschaffene Eingangssituation, die ihm zumutet, sich durch den Dienstboteneingang zu zwängen, statt wie einst vom Hauptportal des Ausstellungshauses empfangen zu werden. Ist er hier nur noch geduldet? Einmal durch einen Glitzer-Klimper-Vorhang im Foyer hindurch, er indiziert 90er-Hippness-Glamour, wird dem Besucher auf jeden Fall rasch klar, dass nun Schluss mit Lustig und Trallala ist.

Dazu hat man aus einer Londoner Privatsammlung für den ersten Raum de Rooijs 135 x 280 cm große Arbeit Blue to Blue 2012, ein auf einen Holzrahmen gleichmäßig gespanntes Gewebe aus blauen Polyesterfäden, entliehen. Das ist schön anzusehen und scheint etwas mit dem Vitrinen-Tisch daneben zu tun zu haben. Blue Table (2004) präsentiert blau pigmentierte Druckerzeugnisse zu dem einen Raum weiter gezeigten 16mm-Film I´m Coming Home in Forty Days (1997).

Damals filmte der Künstler mit seinem inzwischen verstorbenen Arbeitspartner Jeroen de Rijke bei der Umrundung die Wasserkante eines Eisberges bei Grönland. Der Betrachter wohnt diesen fünfzehn Minuten bei, ein nach wie vor eindrückliches Memento zu Vergänglichkeit und dem Verrinnen von Zeit. 2014 hat de Rooij Grönland erneut besucht und dort das Geheul von Schlittenhunden aufgenommen. Wie der Film von langen Pausen unterbrochen, heulen sie nun in der 12-Kanal Audio-Installation Ilulissat (2014) vierzehn Minuten im abgedunkelten großen Ausstellungssaal um die Wette. Da wird mit großer Kelle angerührt.

Dagegen wirken die Arbeiten von Lucy Skaer ein und zwei Stockwerke höher zierlich und bescheiden und bedienen so unfreiwillig das Klischee züchtiger Kunst aus Frauenhand. Nach einigen Tischlein-Deck-Dich-Arrangements One Remove (2016), 16mm-Filmen Rachel, Peter, Caitlin, John (2010) geht es in den zweiten Stock hinauf, in dem die Auftragsarbeit La Chasse (dt. Die Jagd, 2017) durch auf dem Boden liegende serielle Tonobjekte ebenso an die Niederwildjagd Erich Honeckers als auch an die – Achtung Frauenkunst! – Jagd der Diana denken lässt. Zu allem Überfluss drücken nun auch noch die blanken Ziegel, die man bei der letzten Sanierung in der Decke stehen ließ, auf Skaers kleinteilige Arbeiten. Die kuratorische Hilflosigkeit ist da in Großbuchstaben an die Wand geschrieben.

MAX GLAUNER

 

 

 

 

Bis 17. 12. 2017 Willem de Rooij Whiteout, bis 7. 01. 2018 Lucy Skaer Available Fonts

KW Institute for Contemporary Art. Auguststraße 69, Mitte. Mi-Mo 11-19, Do 18-21 Uhr, 8/erm 6 €, freier Eintritt Do 18 -21 Uhr & 1. So/Mon.

Zuerst in leicht gekürzter und redaktionell überarbeiteten Version erschienen in zitty – stadtmagazin Oktober 2017

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Von Monstern und Monstranzen. Studer&van den Berg in Wettingen

Das Gluri Suter Huus im Ortskern von Wettingen bei Zürich gibt einen Schweizer Bauerhof aus dem Bilderbuch ab: Zeitgenössische Kunst vermutet der Besucher hier nicht unbedingt – Neue Medien, für die das Künstlerpaar Monica Studer und Christoph van den Berg steht, schon gar nicht. So löst sich der Titel ihrer Ausstellung „Findings“, „Entdeckungen“, „Funde“ ein, noch bevor man das Haus betritt.

Drinnen erwartet das Publikum über zwei Stockwerke eine szenografisch klug abgestimmte Folge dreier hoch komplexer, teilweise interaktiver Bewegtbild-Installationen („Beings“, „Explorer“, „Dark Matter – One Million Years Later“), sowie ergänzender kleinerer Arbeiten, die Echtzeit-Animation („Verlauf“), ein digitales Video („Wind-Wasser-Wolken“ 2015/17) und Inkjet-Prints („Flare I-III). Nahezu alle Werke sind 2017 entstanden und in Wettingen zum ersten Mal zu sehen.

Die Arbeiten und das experimentelle Arrangement der Ausstellung sind berückend, humorvoll und intelligent in ihrer Selbstreflexion. „Findings“ zeigt sich in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit. So betritt der Betrachter die Installation „Beings“ zur Initiation gebückt über eine niedere Tür. Steht er im diffusen Licht des grün lackierten Einbaus, blickt er auf das projizierte animierte schattenrissähnliche Bild eines Urwalds. Vögel zwitschern, sekundenschnell wachsen Bäume im Dickicht. Aber auch Baugerüste, die merkwürdig fremd und passend zugleich, das konstruktiv-virtuelle der Inszenierung unterstreichen. Über einen Steuerhebel kann nun der Besucher im Bild einem Vogelschrei nachgehen, bis er auf eine magisch leuchtende abstrakte Figur stößt. Die Urwaldgeräusche brechen ab und ein drohender elektronischer Sound wird lauter und lauter, die Figur schnell grösser und grösser bis sie wieder verschwindet und das Spiel von neuem beginnen kann. So loten Studer/Van den Berg klug und unterhaltsam die Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit, Realität und Fiktion, Ohnmacht und Ermächtig aus. Das Gluri Suter Huus hält damit einen Höhepunkt des Schweizer Kunstherbstes bereit.


This venue, in the center of Wettingen, outside Zürich, radiates with the atmosphere of a picturesque Swiss farmstead—a visitor doesn’t necessarily expect to find contemporary art here, and certainly not the kind that Monica Studer and Christoph van den Berg are known for.

Within a clever and finely tuned scenographic series spanning two floors are the interactive moving-image installations (Wesen [Beings] and Forscher [Explorer], both 2017) and the digital videos Dark Matter – One Million Years Later, 2017, and Wind-Wasser-Wolken (Wind-Water-Clouds), 2015/17, as well as supplementary smaller works, such as the “real-time” animation Verlauf (Gradient), 2017—generated frame by frame via an algorithm—and a series of ink-jet prints, “Flackern I–III” (Flare I–III) 2017.

The pieces, and the experimental arrangement of the exhibition, are captivating, humorous, and intelligent in their self-reflection. The observer enters the installation Beings as if for an initiation, bending to pass through a low door. One then stands in diffuse light in a room with a platform painted green, gazing at the digitally animated projection of a silhouetted image of an ancient forest. Birds chirp and trees grow by the second in the thicket. Scaffolding, which seems both strange and fitting, underscores the constructed and virtual elements of the staging. Using a control lever, one can follow a bird’s call in the image until a magically luminous, abstract figure appears. The sounds of nature break off and a threatening electrical din becomes louder and louder, while the bright shape rapidly grows larger until it disappears and the game can start anew. In this way, Studer and van den Berg plumb the boundaries between chance and necessity, reality and fiction, powerlessness and authority.

Translated from German by Diana Reese.

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Da fehlt noch was

Rohbilanz Nach der Documenta 14 in Kassel offenbart auch die Art Basel: Die Kunstwelt ist verunsichert. Geht es noch ums Werk – oder nur ums Event?

IMG_3663.JPGEin echter Eyecatcher muss es sein, etwas, das zum Publikum spricht, das einnimmt und richtungsweisend vom Stand der Dinge und der Kunst erzählt. Wenn die Art Basel, die mit Abstand umsatzstärkste Messe für Gegenwartskunst, ans Rheinknie lädt, ist ihr nichts zu aufwendig, um ihr Entree für eine kurze Messewoche mit einem Großkunstwerk der Sonderklasse zu schmücken. Schließlich steht sie vor der Aufgabe, eine Ware anzubieten, die sich entweder prostitutiv anbiedert oder sich a priori jeder Käuflichkeit entzieht.

So stand vor zwei Jahren auf dem Vorplatz eine Großküche mit hoch aufragendem Bambusdach, in der der thailändische Partizipationskünstler Rirkrit Tiravanija die bedürftigen Messebesucher gegen eine Spende mit Wan-Tan-Suppe bekochte. Vergangenes Jahr errichtete der mexikanische Bildhauer Oscar Tuazon einen hölzernen Cluster aus begehbaren Sphärenkugeln, die, wiederum Zeichen der Zeit, wie Bunker oder Flüchtlingsunterkünfte anmuteten. Nun also das Kontrastprogramm. Als gelte es diesmal gleich vor dem Eintritt in die bunte Einkaufswelt drinnen, draußen gute Stimmung zu verbreiten, baute die Schweizerin Claudia Comte eine Art Atlantikwall mit höhlenartigen Kojen, in denen den Besuchern lustige Spiele wie Kegel- und Wurfwettbewerbe, Armdrücken und Kampftrinken angeboten werden. Auf der begehbaren Wallkrone bilden Tannenstämme Buchstaben zu dem vieldeutigen Palindrom „NOW I WON“, wobei unausgemacht bleibt, wer hier gewänne: die Künstlerin, der Betrachter, der Galerist, der das lanciert hat, die Kunstwelt an sich oder eben niemand Bestimmtes.

Doch gerade wo nichts Bestimmtes angesprochen wird, spricht eines um so beredter: komplette Verunsicherung. Egal, ob man in diesem Superkunstjahr auf der Documenta in Athen, in Kassel, auf der Venedig Biennale oder auf der Art Basel vorbeischaut – es grassiert die Angst, bei der Kunst könnte es sich um eine Währung handeln, die nicht gedeckt ist.

Bitte politisch

Dazu braucht es nur einen kurzen Blick in die voll bestückten Kojen der Galerien in der Basler Messehalle 2. Ob Hauser & Wirth, Gagosian oder Zwirner, wer kann, bietet frische Blue-Chip-Ware an, also Arbeiten sattsam bekannter Künstlerpersönlichkeiten aus der ersten Liga und diese im möglichst handlichen Format.

Die Kunst sucht Deckung ihrer Werte – und nicht nur in ihrem markttauglichen Segment. Ihre Rückversicherung geht vor allem über drei Schienen: erstens, wie schon erwähnt, über die Namen anerkannter Großkünstler. Zweitens über die Eventisierung der Veranstaltungen von Messen bis hin zu einfachen Ausstellungseröffnungen. Und drittens über die Behauptung gesellschaftlicher Relevanz. Sie hat politisch zu sein.

Auch wenn die Art Basel vor allem auf die ersten zwei Faktoren, nämlich Großkünstler und den Eventfaktor, setzt, kommt sie um die Aktivierung des dritten nicht herum.

In der Halle 1 werden in einer kuratierten Ausstellung unter dem Titel Unlimited traditionell sperrige Formate gezeigt, die in den Kojen der Aussteller keinen Platz finden. Herrschten vor einem Jahr noch Buntes und Glamour, dominierten 2017 conceptional correctness, Performance und Politik. Kleinteiliger, fast bescheiden, ohne auftrumpfende Geste kommt die Unlimitedjetzt daher. Gleich am Eingang hat man daher drei engagierte Positionen platziert: erstens Jenny Holzer mit ihrem zweieinhalb Meter langen, von der Decke hängenden Leuchtschriftpendel Statement – redacted (2015), auf dem Geheimakten des US-Militärs über LED-Bänder nach unten laufen, zweitens Olaf Metzels medienkritische Aluminiumwand dermaßen regiert zu werden (2015). Und drittens, als müsste man dem Publikum das vom Politischen in der Kunst gleich mehrmals sagen, ist da noch die Arbeit Leck (2012/2015) der Künstlergruppe FORT, ein unter Neonröhren wie skelettiert wirkender Schlecker-Drogeriemarkt, mit leeren Regalen und Kassenbändern. Die Künstlerinnen Jenny Kropp, Alberta Niemann und damals noch Anna Jandt präsentierten den unheimlichen Laden nach dem Bankrott des Konzerns und der Entlassung Tausender Angestellter zu Beginn der 2010er Jahre im Ausstellungskontext.

Doch wer glaubt, nur die Marktkunst bewege sich, korrupt wie sie ist, zum gesellschaftlich Relevanten und Politischen hin, weil die Venedig-Biennale und Documenta14 die Agenda so vorgeben, irrt. Der Legitimationsdruck lastet auch in Venedig und Kassel. Nur geht bei den Großausstellungen die Entlastungsbewegung in die andere Richtung, hin zur Publikumsteilhabe und Eventisierung. Nach dem Gesetz des Events zählt ein noch so seltenes und kostbares Objekt nichts, wenn es nicht durch irgendeinen Zuspruch oder Zauber geweiht wird.

Daher hat die Documenta 14 in Kassel jedem ihrer gewichtigen Austragungsorte – der Neuen Galerie, der Documenta-Halle, dem Fridericianum, der Neuen Neuen Galerie – mindestens eine Performance beziehungsweise eine Aufführung zugedacht. So ist in der Neuen Galerie der linke Eingangsbereich für eine Verkaufsperformance der nigerianischen Künstlerin Otobong Nkanga reserviert. Wie in einem mobilen Pop-up-Store bieten freundliche Hostessen schwarze Seifen an. Das Angebot erinnert nicht ohne Absicht an rituelle Waschungen vor dem Betreten eines Tempels.

Mangel als Stärke

Und nahezu programmatisch spricht das zentrale Kunstwerk der Documenta 14, The Parthenon of Books (2017) der Argentinierin Marta Minujín, von Teilhabe und Event. Ihr Tempelgerüst auf dem Friedrichsplatz steht wie eine bildliche Klammer für die Austragungsorte Kassel und Athen, für die griechisch-hellenische Kultur, ihre klassizistische Transformation, die Fortführung des humanistischen Erbes bis heute und seine Bedrohung durch autoritäre Regime. Nun sollen in Kassel 100.000 ehemals verbotene oder noch verbotene Bücher mit Plastikfolien an Säulen und Gebälk der monumentalen, in der Nacht magisch beleuchteten Konstruktion befestigt werden. Noch fehlen gut 40.000 Titel.

Doch gerade in diesem Mangel besteht die Stärke des Monuments. Schon lange vor Eröffnung war der Aufruf an die Kassler und ihre Gäste ergangen, Bücher für den Parthenon zu spenden, ein Aufruf, der gerne befolgt wurde und weiterhin befolgt wird. Es ist ein Kunstwerk entstanden, das zur größeren Nähe nicht nur betreten werden kann, sondern das durch die Spenden Bindungen und Verbindlichkeiten herstellt, aus einem potenziellen Publikum Beteiligte macht.

Die Documenta 14 betont damit den Eventcharakter wie keine andere vor ihr. Damit ist sie bei aller versuchten Distanznahme wieder ganz nah beim Kunstbetrieb und bei der Art Basel gelandet.

Zuerst veröffentlicht in Print in Freitag 2517, 27. Juni 2017 

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Kulturkolonialismus und Politfolklore die Zweite

Nach der Eröffnung in Athen setzt die documenta 14 auch in Kassel auf partizipative und performative Formate. Auf welche Weise und warum? Ein Erklärungsversuch

I. – Das war ein kluger Schachzug. „The Parthenon of Books“ (2017) der Argentinierin Marta Minujín mag in seiner Machart nicht jedem befriedigend erscheinen. Doch erfüllte er schon vor der Eröffnung der documenta 14 in Kassel alle Kriterien für eine Landmark der Sonderklasse. Denn der „Parthenon“ steht, prominent vor dem Museum Fridericianum auf dem Friedrichsplatz platziert, schon durch seine schiere Größe wie kein anderes Kunstwerk ikonisch für die neueste Ausgabe der Kassler Documenta. Damit steht das Kunstwerk auch wie eine bildliche Klammer für die Austragungsorte Kassel und Athen, für das griechisch-hellenische Erbe, seine klassizistische Transformation, der Fortführung des humanistischen Erbes bis heute und seine Bedrohung durch autoritäre Regime. Auf dem Friedrichplatz hatte 1933 die Bücherverbrennung stattgefunden.

Bereits 1983 unmittelbar nach der Argentinischen Militärdiktatur hatte die Künstlerin „El Partenón de libros“, ihren „Parthenon der Bücher“ in einer kleineren dem Athener Haupttempel auf der Akropolis maßstabsgetreu nachempfunden Version in Buenos Aires errichtet. An einem Gerüst aus Eisenstangen, das am Sockel von einer Seite von zwei Kränen angehoben wurde, befestigte sie eine Unzahl von Büchern, die während der Diktatur verboten waren. Nun sollen in Kassel 100.000 ehemals verbotene oder noch verbotene Bücher mit Plastikfolien an Säulen und Gebälk der monumentalen, in der Nacht magisch beleuchteten Konstruktion befestig werden. Noch fehlen gut 40.000 Titel, die bis zum Ende der documenta und dem Abbau von Minujíns Kunstwerk zusammen kommen sollen.

Doch gerade in diesem Mangel besteht die Stärke des Monuments. Denn es steht nicht nur für die documenta 14 selbst sondern verweist auf deren Programmatik von Teilhabe und Performativität. Schon lange vor Eröffnung war der Aufruf an die Kassler und ihre Gäste ergangen, Bücher für den „Parthenon“ zu spenden, ein Aufruf der gerne befolgt wurde und weiterhin befolgt wird. Es ist ein Kunstwerk entstanden, das zur größeren Nähe nicht nur betreten werden kann, sondern das durch die Spenden Bindungen und Verbindlichkeiten herstellt, aus einem potenziellen Publikum Beteiligte macht.

P1420616II. – Ein vierfaches Dilemma. Minujíns „Parthenon“ ist ein Bau an dem noch gebaut wird und an dem wir mitbauen sollen. Von daher ist es nicht überspannt, ihn auch als ein Monument der Performativität und Partizipation zu deuten, wesentliche Aspekte, die zum Core-business dieser documenta 14 gehören. Dabei steht der Veranstalter wie das Publikum vor einem vierfachen Dilemma: Erstens, Performances und Aufführung können mit ihrer Präsenz zu einem intensiveren Wahrnehmungs- und Erlebnischarakter der Veranstaltung beitragen und sie befriedigen in der Selfie-Gesellschaft das immer größer werdende Bedürfnis nach einmaligen Live-Events. Es war kein Zufall, dass der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Präsident Griechenlands Prokopis Pavlopoulos sich beim offiziellen Fototermin zur Eröffnung der dokumenta 14 in der „Blut-Mühle“ (2017) von Antonio Vega Macotela ablichten ließen. Der Mexikaner, Jahrgang 1979, hat aus Stahl, Holz und Glas einen echten Hingucker in die Karlsaue vor die Orangerie gebaut, einen gewaltigen Holzmechanismus, der von den Besuchern in einer begehbaren Bühne über eine Achse mit vier schweren Stangen in Bewegung gesetzt werden kann, und in einer darüber liegenden Plattform in einem symmetrisch angeordneten Räderwerk krachend und quietschend ins Leere läuft. Das Ungetüm soll dereinst in Minen Südamerikas im Einsatz gewesen sein, um unter grausamen Bedingungen Erz zu schürfen. Doch als hätte es einem gotischen Dombaumeister als Hebelmaschine gedient, ist ihm diese ursprüngliche Funktion nicht anzusehen. Hier eignet es sich bestens als fotogene präsidiale Kulisse und Hintergrund fürs private Foto zur Beglaubigung des Live-Ereignisses.

Stellt der Veranstalter seinem Publikum solche Features zur Verfügung delegiert er die Performance an die Besucher, wobei dieser wie bei Macotela nicht etwa wie häufig bei performativen Formaten unterstellt eine größere Beteiligung oder Freiheit in seiner Rezeption erlebt, sondern und hier legt das zweite Dilemma in der Orchestrierung seiner Handlungen eine Einschränkung seiner Wahrnehmung und analytischen Fähigkeiten erfährt.

Das dritte Dilemma liegt darin, dass Performances obschon zeitlich begrenzt durch die Präsenz der Künstler und deren Honorare kostenintensiv sind. Auch wenn über die 100 Tage eine Reihe von Live-Events angeboten werden, wird es Zeitfenster geben, wo einige zu sehn sind und andere nicht. So war die Arbeit der Haitianerin Kettly Noël „Errance (Umherirren)“ (2017), eine Tanzperformance in den Henschel-Hallen nicht zu sehen, obwohl ihre surreale Performance mit Puppen und BambusstangenZombification (2017) im Athener Konservatorium prominent in den ersten Tagen gezeigt wurde. Aber auch die Performance der Schweiz-Griechin Alexandra Bachzetsis, die mit dem 2-Kanal-Video „Studies for Massacre“ (2017) in der Documenta-Halle präsent ist, war, wie eine Aufführung der Performance „Check Point Sekondi Loco. 1901-2030. 2016-2017“ (2017) des Ghanaers Ibrahim Mahama in den Henschelhallen in der Eröffnungswoche nicht zu sehen.

Das vierte und triftigste Dilemma hängt mit dem dritten eng zusammen, aber liegt im Wesen der Performance selbst begründet: Sie stellt in der Regel ein einmaliges, nicht wiederholbares Ereignis dar. Viele Künstler wehren sich gegen die Forderung aus dem Theaterbetrieb, dieses Ereignis müsse wiederholbar sein. Für diese Künstler wäre Wiederholbarkeit ein Verrat an der Sache, an der Originalität und Einmaligkeit des Kunstereignisses. Auch von daher wäre keiner in der Lage, alle und jedes Happening, jeden Event wahrzunehmen.

So wird für jeden jeder Tag ein besonderer. Mit den zeitgebundenen Künsten individualisiert sich das Kunstereignis und präsentiert sich in einem zeitgebundenen Format. Die documenta 14 bewegt sich gleichsam im permanenten Beta-Modus, trägt dergestalt selbst den Index des Performativen einer dauernden doch ständig mutierenden Performance, die jeder Besucher als sein customized Event abbuchen und mit Credit im Social-Network präsentieren kann. Allein an den Preview- und Eröffnungstagen waren wie in Athen zwischen zwanzig bis dreißig Veranstaltungen, Aufführungen, Performances und interaktive Events zu verzeichnen, ein Überforderungs- und Überbietungsprogramm, das es selbst dem geübten Theater- und Kunstgänger unmöglich machte alles im Blick zu haben.

III. – Experten- und Laienmeinungen. Dem Experten stand nun plötzlich der interessierte Laie als Modell des idealen Rezipienten gegenüber, mit dem die persönliche Erfahrung und das individuelle Narrativ in Position gebracht wird. Doch ist diese als Novität präsentierte Wachablösung nicht ihrerseits naiv und dem Zeitgeist geschuldet? Denn gleichgültig ob Expertentum oder Laienmeinung, jede Kunsterfahrung bedarf der kritischen Bestandsaufnahme und Analyse, will sie nicht blind und teilnahmslos in einem meinenden Ungefähr stecken bleiben. Sicher ist dem Betrachter etwas entgangen, wenn er Ibrahim Mahamas kurze Performance auf dem Syntagma-Platz in Athen nicht gesehen hat. Der Ghanaer, Jahrgang 1987 ließ dort mit Flüchtlingen und Passanten einen Nachmittag lang Kohlesäcke vernähen, die nun mit anderem dunkelgetöntem Material die klassizistischen Torhäuser an der Kassler Wilhelmshöher Allee zum Eingang in die Stadt verhüllen. Es ist eine der beeindruckendsten Arbeiten der documenta 14. Und sie ist unmittelbar und ohne die sie begleitenden Performances zugänglich, denn die Torhäuser inszenieren sich in ihrer Verhüllung wie Monster, die in ihrer Monstrosität die Angst vor dem Fremden und damit die missglückte apotropäische Abwehr des Unheimlichen da draußen als das Heimliche in einem Drinnen heraufbeschwören. Diesen Trigger bedient auch, ein zweiter documenta-Künstler aus Westafrika, der Nigerianer und Wahlberliner Emeka Ogboh. Er lanciert das „Sufferhead Original“-Beer, wie andere Künstler vor ihm, als hippes Getränk. Unter anderem durch Werbe-Plakate auf Litfaßsäulen und in Radioannoncen. Sein Slogan: „Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann“. Die ironische Botschaft versteht auch, wer nicht in Athen war und dort seine ebenso beeindruckende Arbeit „The Way Earthly Things Are Going“ (2017) gesehen hat, die im Rohbau des Theaters des Konservatoriums Börsenkurse mit A-Kapella-Gesängen konfrontierte. Auch die wunderbaren indigenen Masken des kurz vor Eröffnung der documenta in Athen verstorbenen indianischen Künstlers Beau_Dick aus West-Canada funktionieren ohne das inszenierte rituelle, im Kunstkontext automatisch folkloristisch wirkende und damit touristisch-dumme Tam Tam, das man ihnen samt vorzeitiger Rücktransporte zwecks ritueller Vernichtung nicht nur in Athen, sondern auch in Kassel angedeihen ließ. Dabei genügt es aus kunstkritischer Sicht zu sagen, dass ihre Präsentation im Athener EMST-Museum ungleich würdiger und eindrücklicher gelang als in Kassel, wo sie im Eingangsbereich der Documenta-Halle wie ein Hindernis im Weg standen.

IV.– Von Athen lernen „Von Athen lernen“, was heißt das? Bis heute behalten die Kommunikationsbeauftragten der documenta 14 hierzu den kommentierenden Zusatz „Arbeitstitel“ im Mail-Verkehr bei. Die documenta 14 als Documenta im Beta-Modus zu begreifen, drängt sich hier zweifellos erneut auf. Doch bedarf es dazu einer Reise nach Athen? Müssen wir dort die Künstler und Kunstwerke aufsuchen, um sie in Kassel besser zu verstehen und umgekehrt? Die Antwort lautet: Sicher nein und zugleich ja. Denn, wie bereits angedeutet, verschleißt sich und erschließt sich jede Arbeit der documenta wie jedes Kunstwerk aus ihrem Kontext. Dieser steht allerdings auch unter einem größeren historischen wie transnationalen ökonomisch-sozial-politischen Horizont. Dieser kann mit der Erfahrung von 2.500 Kilometern Entfernung konkret werden. Die von der Presse relativ gut gecoverte von dem britischen Konzeptkünstler Ross Birell angezettelte Kavalkade von vier Reitern auf streckenbewährten Ponys spielt darauf ebenso an, wie auf die perversen europäischen Spielregeln im transkontinentalen Reiseverkehr, der auf Liebhaber auf ihrer Grand Tour, ebenso Rücksicht zu nehmen hat wie auf Migranten, Flüchtlinge und Badetouristen.

So war die Begegnung des Rezensenten mit vier außerordentlichen, in einschlägigen Publikationen nie veröffentlichten Bronzestatuen des Nationalen Archäologischen Museums von Piräus aus dem 5. und 6. Jahrhundert von atemberaubender Natur. Er hatte sie nur entdeckt, weil vor Ort eine Tanzveranstaltung der documenta 14 stattfand. Die Macher derselben nahmen darauf keinen Bezug. Wenn wir es polemisch ausdrücken wollten: wir haben für uns zufällig etwas entdeckt, was uns ohne die documenta nicht aufgefallen wäre. Doch ignorant ihrem eigenen Motto gegenüber, hat die documenta 14 – auf jeden Fall was das antike Erbe anbelangt – nichts aber auch gar nichts von Athen gelernt.

V. – Die Eventisierung der documenta. Auch wenn die documenta 14 dies nicht klar ausspricht, gehorcht sie dem Gesetz der Eventisierung. Nach dem zählt ein noch so seltenes und kostbares Objekt nichts, wenn es nicht durch irgendeinen Zuspruch oder Zauber konsekriert würde. Daher hat sie jedem ihrer gewichtigen Austragungsorte, der Neuen Galerie, der Dokumenta-Halle, dem Fridericianum, der Neuen Neuen Galerie und den Außenposten zwischen Friedrichsplatz und Nord-Stadt jeweils mindestens eine Performance beziehungsweise eine Aufführung zugedacht. Wie in einem Allerheiligsten werden sie jeweils an einem prominenten Ort gezeigt, der, solange keine Aufführung stattfindet, für das Publikum zumindest als theatrale Installation oder gar Bühnensituation erkennbar und lesbar bleibt.

So wird in der Neuen Galerie, dem unausgesprochenen Herz dieser documenta, der gesamte linke Eingangsbereich zum Einen für eine Verkaufsperformance der nigerianischen Künstlerin Otobong Nkanga reserviert. Wie in einem mobilen Pop-up-Store bieten freundliche Hostessen, die die Künstlerin mit einem Stock und einem Tuch und runden Tragetischchen ausgestattet hat, spezielle, nach einem Rezept der Künstlerin in Athen hergestellte schwarze Seifen an. Das Angebot erinnert nicht ohne Absicht an rituelle Waschungen vor dem Betreten eines Tempels. Zum anderen findet sich im ersten Geschoß im zentralen hohen Oberlichtsaal die Installation der israelischen Konzept- und Performancekünstlerin Yael Davids „A Reading That Loves – A Physical Act“ (2017). Der Raum ist karg bestückt. An zwei Holzbalken unter der Decke hängen ein Holzrahmen und ein Hanfseil. Panzerglasplatten an die Wände gelehnt und am Boden sowie eine einfache Holztreppe mit wenigen Stufen runden das Interieur ab. Befremdlich erscheinen einzig vergrößerte Kopien von expressionistischen Zeichnungen aus der Hand der freiwillig aus dem Leben geschiedenen Künstlerin Cornelia Gurlitt (1890-1919), der Tante jenes Cornelius Gurlitt, der durch den sogenannten Schwabinger Kunstfund zu unrühmlicher Bekanntheit kam und dessen Vermächtnis die Documenta-Macher ernsthaft erwägen ließ, seine dem Kunstmuseum Bern zugeeignete Sammlung in Kassel zu präsentieren.

Zwei Mal am Tag wurde nun dieser Raum in der Eröffnungswoche von einer Gruppe Frauen in alltäglichen Kleidern um die Künstlerin herum vor einem kleinen, auf dem Boden sitzenden Publikum wie zu einer Geisterbeschwörung bespielt. Langsame Bewegungen, etwas Seilakrobatik, und vor allem der vorsichtige, da riskante Transport der Glasplatten von hier nach da, ergänzten den Vortrag von Texten aus Mikro-Ports, die von Liebe und Bindungen handelten und mit Gedichten von Elke Lasker-Schüler überblendet wurden. Das hatte seinen Reiz, auch wenn man bei dieser wie bei den meisten Veranstaltungen das Gefühl nicht los wurde, das irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Und das konnte nicht in Athen gewesen sein. Denn außer dem Künstlerpaar Wolfgang Prinz und Michael Gholam, die in Kassel zwei Videomitschnitte ihrer Athener Tableaux vivants in der Documenta-Halle präsentierten und Live auf dem Lutherplatz auftraten, gab es, soweit der Rezensent den Überblick bewahren konnte, keinen Live-Event, der sich im Aufbau und Ablauf wiederholten.

VI. – Varianten des Performativen Es gab also wenig, was sich vom sattsam Bekannten abhob und überraschte. Zu den Bemerkenswerten zählte die Arbeit der Serbin Irena Haiduk, die rund um ihre 2015 gegründete Firma Yugoexport verschiedene Narrative realisiert hat. So kann man in der ehemaligen Essensausgabe der Kantine der Hauptpost, die jetzt von der documenta 14 als Neue Neue Galerie genutzt wird, bei Haiduk in einem weiteren Pop-up-Store „SER (Seductive Exacting Realism)“ (2015-2017) jene Arbeitsschuhe kaufen, die im ehemaligen Jugoslawien als Borosana-Schuhe für weibliche Servicekräfte entwickelt wurden. Aus tausend Paar besteht die Arbeit „Nine Hour Delay“ (2012-2058). Partizipation wird bei Haiduk groß geschrieben. Der Verkauf kommt erst nach längerer Erläuterung und dem Unterschreiben einer Urkunde zustande, in der sich der Käufer verpflichtet die Schuhe während der Arbeit immer zu tragen. Auch der Preis ist Verhandlungssache und orientiert sich am Einkommen des Käufers. Dazu inszeniert die Küstlerin unter dem Titel „Spinal Discipline“ Paraden von bis zu dreizehn blau und schwarz gekleideten jungen Frauen in „voller Yugoform“ , die jeweils ein Buch auf dem Kopf durch Kassel balancierten. Ihre knöchellangen Kleider ließen sie wie ein Schwarm Karyatiden wirken. Bemerkenswerte performative Formate finden sich zum Beispiel auch im Fridericianum im Rahmen der Präsentation des EMST bei dem Griechen Stephanos Tsivopoulos, dessen „Precarious Archive“ (2015) von drei Hostessen vorgezeigt wird oder in der Neuen Neuen Galerie, wo sich unter der Regie der Zypriotin Maria Hassabi Menschen in auffällig bunten Alltagsklamotten und silbernen Schuhen in „Staging“ (2017) unendlich langsam auf dem Boden bewegen. Auch das Setting des als „Dauerkonzert“ angekündigten Parallelevents „Social Distance“ (2017) des spanischen Performancekünstlers Mattin erschien in Kassel plausibler als in Athen : Eine Gruppe von Menschen wird in einem Raum der Documenta-Halle starkem gruppendynamischem Druck ausgesetzt und mit ihren Reaktionen gefilmt, was dort am darauffolgenden Tag über einen Screen vorgeführt wird. Das erinnert stark an die Konzeptionen eines Christian Falsnaes, bei dem die Arbeiten jedoch stringenter konzipiert sind.

Und so wäre noch von manchem zu erzählen, von den minimalistischen Handlungsmustern der Bildhauerin Marie Cool Fabio Balducci, die in der Documenta-Halle mit erhobenem Arm ungerührt ein durchsichtiges Klebe-Band entlangstreicht zum Beispiel oder von einer munteren Truppe Spanier, die in den Gottschalk-Hallen auf Münzgeld herumtanzten, oder vom U.S.-Amerikaner Rick Low, der sich wie am Athener Victoriaplatz nun in der Kassler Nordstadt um eine Anwohnerinitiative kümmert. Und freilich gäbe es von den obligaten Stadtteilbüros und Initiativen zu berichten wie die Glas-Pavillons an der Kurt-Schumacher-Strasse, wo Georgia Sagris Workshops und Mounira Al Solhs „Nassib`s Bakery“ untergekommen sind, oder das Narrowcast House oder das Büro Peppermint, das sich dem Werk des Urbanisten und Peripatologen Lucius Burkhardt verschrieben hat.

VII. – Schluss. Damit betont die documenta 14 ihren Eventcharakter wie keine andere vor ihr. Und es besteht der Verdacht, sie tut dies, im ostentativen Verzicht auf die Präsentation Neuer Medien, vor einem drohenden Bedeutungsverlust der bildenden Kunst. Wo die Originalität des einzelnen Werkes in der Datenflut in Frage gestellt erscheint, bleibt das singuläre Ereignis an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit übrig, als beglaubigte und individuelle Erfahrung, als Residuum authentisch erlebter Welt. Diese d14 hat mehr intuitiv als bewusst gesteuert einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan.

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Die Performance und die performativen Künste gehören seit der 56. Venedig Biennale endgültig in den Kanon der zeitgenössischen Kunst – im Zeitalter der Post-Performance als analoge Spur ihres Digitalisats. Die Goldenen Löwen der 57. Venedig Biennale an den Deutschen Pavillon und Anne Imhof und Franz Erhard Walther stecken die große Spanne der gegenwärtigen Aufführungspraxen ab.  

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Von der Peripherie zurück ins Zentrum: Die hessische Stadt Fulda bezeichnete bis zur Wende nicht nur geografisch sondern auch mental den Osten der Bundesrepublik Deutschland. Nur fünfunddreißig Kilometer von der Zonengrenze entfernt, war man im sogenannten „Fulda Gap“, dem Einfallstor des Warschauer Pakts in den goldenen Westen, in einem der ältesten deutschen Bistümer ständig auf der Hut vor den sozialistischen Brüdern konservativ, gottesfürchtig und erzkatholisch unter dem Schutz der amerikanischen Streitkräfte und des Germanenmissionars Sankt Bonifatius.

Heißt nun von Fulda lernen, siegen lernen? Beide deutsche Gewinner eines Goldenen Löwen auf der diesjährigen 57. Venedig Biennale sind in Fulda aufgewachsen. Beide vertreten performativ-partizipative Positionen. Gibt es da einen Zusammenhang? Franz Erhard Walther, der den Preis für das beste Werk in der Hauptausstellung erhielt, wurde hier 1939 geboren. Er verließ die Stadt, um von 1957 – 1959 an der Werkkunstschule in Offenbach am Main der heutigen Hochschule für Gestaltung zu studieren. Von dort ging es über Frankfurt, Düsseldorf und von 1967 bis 1971 nach New York bis er als Professor an die Hochschule für bildende Künste Hamburg berufen wurde. Martin Kippenberger, Jonathan Meese, Santiago Sierra, Martina Debus, Almut Linde, und Rebecca Horn gehörten zu seinen Studenten. Doch seit seiner Emeritierung lebt er wieder in Fulda – unter dem Franziskanerkloster Frauenberg.

Die Künstlerin Anne Imhof, die mit ihrer Kuratorin Susanne Pfeffer für den Deutschen Pavillon in den Giardini verantwortlich zeichnet, wurde zwar 1979 im hessischen Gießen geboren. Aber auch sie wuchs in Fulda auf. Nach dem Ende ihrer Schulzeit ging es wie bei Walther für drei Jahre von 2000 bis 2003 an die Kunsthochschule Offenbach, die nun Hochschule für Gestaltung hieß. Sie arbeitete in einem Techo-Club als Türsteherin und stand als Leadsängerin der Band „Die Töchter aus gutem Hause“ auf der Bühne. Erst 2008 ging es noch einmal für vier Jahre zur Ausbildung nach Frankfurt an die Städelschule, wo sie Meisterschülerin von Judith Hopf wurde.

Da sich Lehrpläne- und Inhalte der alten und neuen Offenbacher Kunsthochschule der 1950er- und 2000er-Jahre deutlich unterscheiden dürften, kann die Nähe der Arbeiten Walthers und Imhofs, so sie denn mit dem Performativen als zureichend anerkannt wird, kaum hier gefunden werden. Wohl aber in der provinziellen Herkunft: Die Neigung zum Performativen und Partizipativen wäre im Fuldaer Katholizismus seinem Ritus und Ritualen zu suchen. Die Performance wäre bei Walther und Imhof aus dem Geist der Prozession zu erklären.

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2.1. Prozessionen

Gegen jede Vorhersage herrscht Kaiserwetter. Eine leichte Brise weht von der Lagune her in die Hafenanlage der Arsenale, der einstigen Werft der Serenissima und heute zweiter Austragungsort der Biennale. Das Rot der Ziegel leuchtet und strahlt mit dem Blau des Wassers um die Wette. Eine ansehnliche Schaar Journalisten hat sich am Freitagnachmittag des 12. Mai 2017 auf dem Gelände vor dem Garten der Jungfrau an einem Pavillon eingefunden. Es handelt sich um den Prototyp eines Drohnenhangars der Norman Foster Foundation, der von der letzten Architekturbiennale 2016 übrig geblieben ist. Der Besucher wird diesen Bau gerne für einen originären Bestandteil der Prozessionsperformance „Mama Say Make I Dey Go, She Dey My Back“ (sofern nach dem Werktitel keine Jahresangabe folgt, alle Arbeiten 2017) des nigerianischen Künstlers Jelili Atiku halten.

Dieser hatte davor einige fünf Duzend Schalen und geschnitzte Stößel in Holzgestellen in Reih und Glied aufstellen lassen. Ein veritabler Schimmel wartet auf den Einsatz, und während Jelili Atiku in priesterliches Weiß und Gold gewandet, sich einen hölzernen Maskenaufsatz über Kopf und Schulter zieht, wuchtet sich der Assistent eine Schale mit der Figur eines Nagelfetisches auf den Kopf. Der feierliche Umgang, von Anfang bis Ende ohne jedes Geräusch oder Musik, kann beginnen: Durch den Pavillon tritt wie der Bewegungschor einer Puccini-Oper ein Schwarm Damen jedweden Alters in rosaglänzenden Roben. Sie werden vom Künstler-Zeremonienmeister mit Halsketten ausgestattet, heben die bereitgestellten Schalen in ihren Gestellen auf und angeleitet durch den Meister steigen die Frauen in Boote, befahren das Arsenale-Becken, schöpfen Wasser und kehren mit der Fracht zurück. Am Ausgangspunkt zurückgekehrt geht es wieder gemessenen Schrittes, der Künstler-Meister hoch zu Ross voraus in die Arsenale-Halle mit dem Themenabschnitt VII, dem dionysischen Pavillon, gegenüber der jahrmarktsschrillen Monsterhand von Pauline Curnier Jardin. Nachdem Jelili Atiku seine Maske und der Assistent den Nagelfetisch abgestellt haben, platzieren die Damen ein Holzgestell mit Schale nach dem anderen hübsch geordnet, und befestigen ihre Halsketten am Nagelfetisch, um zum Schluss in einen leisen Chor der Hierophantinnen einzustimmen.

Maske, Fetisch und die Holzgestelle bleiben nun als Relikte des Rituals in der Ausstellung präsent, die, wie der Kondukt in seiner Züchtigkeit und Ordnung so gar nichts Dionysisches aufweist und in seiner entrückten Kostümierung und ernsthaften Haltung jede Publikumsbeteiligung von sich weist. Sind die Requisiten der westafrikanischen Religionspraxis entnommen, erinnern die Wasserprozession an euro-asiatische Beschwörungs- und Opferriten, die sich an die großen Muttergöttinnen richten, wie die venezianische Festa della Sensa, die stellvertretende Vermählung des Dogen mit dem Meer. Auch Jelili Atiku sucht diesen Energietransfer, die Versicherung bei matriarchalen Urgewalten, die sich auf die Teilnehmer übertragen soll. Doch Jelili Atiku bleibt anders als die post-modernen Paraden eines Jeremy Deller oder einer Marinella Senatore irritationslos und gefällig im konzeptuell Korrekten stecken.

Das hat natürlich auch einen zweiten Grund, die mediale Resonanz, auf die die Prozession setzt: Zur „live performance“ heißt es im Katalog lapidar: „Procession organized in the Arsenale during the preview.“ Das Publikum hatte nur dies eine Mal die Möglichkeit, die Veranstaltung zu erleben. Ein zweites oder drittes Mal war nicht vorgesehen. Damit öffnet sich hier eine grundsätzliche Problematik der Performative Arts – sie bleibt als temporäre Veranstaltung oft nur wenigen zugänglich. Meist aus Kostengründen nur in den ersten Eröffnungstagen gezeigt, sind danach nur ihre Residuen und Relikte zu sehen. Das liegt im Medium selbst begründet. Performance ist als ein einmaliges Ereignis definiert. Im Fall von „Mama Sey“ wird jedoch – wie bei einer Reihe anderer Performances des Biennale – die Einmaligkeit des Ereignisses der medialen Aufmerksamkeit geopfert. Jelili Atikus Publikum bestand fast ausschließlich aus Foto-Journalisten. Und so ist auch auf dem offiziellen YouTube- Channel der Biennale di Venezia ein eineinhalbstündiges Doku-Video der Prozession aufgeschaltet. Weitere werden sicher folgen, denn die Performance zielt zuerst auf Öffentlichkeitsecho, Klicks und Likes.  P1400218.JPG

2.2. Tableau vivant

Das ist sicher auch bei dem Biennale-Auftritt von Anne Imhof so. Doch ihre Arbeit „Faust“ entzieht sich einem einfachen Abbildungsverhältnis von Ereignis und Dokumentation, Aufführung und Videoclip im Netz. Im Gegenteil. Die Aufführung „Faust“ geht in den vielen Digitalisaten und Fotoberichten nicht auf, doch diese gehören in Form von Vorabberichten in den Printmedien, Posts, Tweets und Likes zu ihrer Inszenierung. Sie sind in der Hand ihres Publikums konstitutives partizipatives Moment und darin deren integraler Bestandteil. Damit ist Anne Imhof ganz und gar gegenwärtig und auf Höhe der Zeit. Und bei Franz Erhard Walther. Als dieser am Samstag, dem 13. Mai 2017, in der Ca`Giustinian seinen Goldenen Löwen empfängt, ermuntert er die applaudierende Gästeschaar sich seine Arbeit in den Arsenale anzusehen und wie er es gerne nennt zu „aktivieren“, jeder könne damit, so Walther weiter, „zu einem Kunstwerk werden.“

Dabei liegt das Versprechen Walthers und implizit das von Imhof weit von Andy Warhols Parole „15 minutes of fame“ entfernt. Beiden Künstlern geht es nicht um narzisstische Extrovertiertheit, sondern um die Introversion des Betrachters, seine Einkehr und innere Sammlung und die daraus resultierende Erfahrungsfülle in der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk, das erst durch die Intervention des Betrachters zu einem solchen wird und reziprok der Betrachter zum Kunstwerk.

Walthers Arbeiten finden sich zum Abschluss der ersten Abteilung der Arsenale, der dritten des Gesamtparcours von „Viva Arte Viva“, dem „Padiglione dello Spazio Comune“. Und in der Tat geben die Wandformationen, „Die Erinnerung untersockelt (Drei Zitate)“ (1983), „Gelbe Modellierung“ (1985) und „Der Drehung entgegen“ (1986) in ihrer leuchtenden Farbigkeit und stofflich-räumlichen Struktur den Betrachtern Luft und Raum – auch in Bezug zu den zuvor gezeigten Arbeiten des griechischen Künstlers Yourgos Sapountzis, textile Raumteiler, die ebenso zu Handlungen des Publikums animieren wollen. Dass Walther hier in einen allzu oberflächlichen Zusammenhang gestellt wird, verzeiht der Betrachter. Denn Walthers Arbeiten, dreidimensionale partitionierte Rechtecke aus natürlichem und rot und gelb gefärbtem Baumwollstoff strahlen in einer exquisiten Ausleuchtung, monumental präsentiert an der Wand. Sie dienen ebenso wie die davor niedergelegten „Acht Schreisockel“ (1975), L-förmige Stahlplinthen dazu, dass sich der Betrachter als Akteur mit ihnen in ein aktives, körperlich reales oder auch nur mentales Verhältnis setzt und damit die „Skulptur“ als körperliche Plastik in einer Handlung temporär vollendet und für kurz zu sich selbst bringt. Mit Mitmachkunst und narzisstischer Selbstbespiegelung hat das nichts zu tun. Wenn, wird der Betrachter zur Plastik, nicht zum Bild.

Anne Imhof teilt diese Aufführungsökonomie. Ihr Material ist zwar nicht skulptural geformter Stoff, mit der Aufforderung an das Publikum sich dazu zu verhalten, sondern Menschen in Bewegung, Körper, die mit den Körpern und Vorstellungen ihres Publikums kollidieren und interagieren.

Am Anfang steht bei Anne Imhof zu den Eröffnungstagen die Prozession. Das Publikum steht vor dem Eingang des Pavillons, der von der monumentalen Pilaster-Front an die Seite verlegt wurde, Schlange wie vor einem Szeneclub. Man unterhält sich und macht Selfies, die den Hype um den Deutschen Pavillon über die sozialen Medien in die Welt tragen. Über die Entschärfung seiner NS-Ästhetik ist viel und lange diskutiert worden. Anne Imhof baut ihn kurzerhand in eine Versuchsanlage mit doppeltem Boden um, die das Unterkühlte, Inhumane der Architektur noch unterstreicht: Während an den symmetrisch zurückspringenden Seitenschiffen außen bis zum Portikus Zwinger aus Glasscheiben und Gittern angebaut sind, zwei Dobermann-Junge kommen darin unter, bewegt sich das Publikum innen auf einem eingebauten Boden aus Panzerglas, der etwa auf Tischhöhe über dem geschliffenen Travertin des Pavillons angebracht ist.

Nur eine Minderheit der Besucher scheint dabei das karge Interieur, die installierten Objekte, die angebotenen Figurenkonstellationen und Szenen der gut ein Dutzend Performer zu betrachten. Die Meisten stehen in Grüppchen, unterhalten und fotografieren sich und wirken, auch wenn sie sich in Alter und Style von den Darstellern in schwarzen Unisexszeneklamotten deutlich unterscheiden, wie ein Teil der Inszenierung selbst. Sie wirken wie der Laienchor eines Tableau vivant im Großformat. Der Umstand, dass man den anderen Besuchern ebenso zusehen und zuhören kann wie den kleinen fragmentierten Spielszenen, Liedern und harten Gitarrensoli, macht ein gutes Teil der fünfstündigen Inszenierung aus, die sich ansonsten ebenso karg wie lapidar gibt, ohne jede Handlung, ohne Text und zusammenhängendes Narrativ auskommt und erbarmungslos aus einem Unendlichen in ein Unendliches zu laufen scheint. Imhof erzählt keine Geschichten, sondern liefert Atmosphären der Angst und Beklemmung, aus denen es kein Entrinnen gibt und die nur in einer zynischen Haltung „ho kynos“, das heißt „wie ein Hund“ erträglich sind. Dergestalt ist „Faust“ näher an der Orpheus-Mythe, in der der Sänger zur Rettung seiner Liebsten in den Hades steigt, als an der deutschen Sage. Wir alle, so der imhofsche Subtext, sind dabei, uns in der Unterwelt einzurichten, wir haben es nur noch nicht gemerkt. Ob diese Botschaft dem Besucher gefällt oder nicht, Anne Imhof schafft dazu eindringlich starke Bilder, die man nicht so rasch vergisst.

2.3. Partizipation und Transformation

In Anne Imhofs Biennale-Beitrag kommen drei charakteristische Momente der Performancekunst zum tragen: Prozession (Bewegung im Raum), Performanz (Handlung) und Partizipation (Teilhabe und Gemeinschaft). Nur wenigen Arbeiten der 57. Venedig Biennale gelingt deren Verdichtung auf derart hohem Niveau.

Dabei bedarf es nicht notwendig der Darsteller beziehungsweise der Performer. Der von Cevdet Erek gestaltete türkische Pavillon zum Beispiel hätte ohne weiteres einen Goldenen Löwen verdient. Er spielt wie der spanische Pavillon von Jordi Colomer „¡Unite! Join Us!“ im Anschluss an Bruce Naumans „Indoor Outdoor Seating Arrangement“ (1999) mit Zuschauerrängen, Bühnen und Projektionsflächen eines Stadions oder Theaters. Und Erek und Colomer rechnen damit, dass sich das Publikum zunächst selbst zum Ereignis wird um solchermaßen aktiviert, offen für Veränderung zu werden. Wie bei Colomer über Videoarbeiten urbane Gemeinsamkeiten jenseits der gängigen Ökonomien in den Blick kommen sollen, evoziert Erek in seiner Arbeit „ÇIN“ durch Holztribünen, Baugerüste und Rampen und einer Klanginstallation einen faszinierenden Möglichkeitsraum, der für die Besucher von einer Sekunde zur anderen von einem Ort der Feier und Freude in einen Ort von Repression, Gewalt und Tod umschlagen könnte.

Dagegen nimmt sich der Isländische Pavillon des in Berlin lebenden Künstlers Egill Sæbjörnssons nachgerade eskapistisch aus, wenn er in einem ehemaligen Lagergebäude auf der Giudecca einen Club mit dem Titel „Out of Controll in Venice“ mit Wurzelzwergambiente zum Sehen und Gesehen werden installiert. Solcherlei partizipative Geburts-, Initiations-, Transformationshöhlen hatte die 57. Biennale mal humorig, mal bierernst oder etwas dazwischen einige zu bieten.

So wartet der italienische Pavillon wie meist bei den italienischen Biennalebeiträgen wenig geschmackssicher mit einer futuristisch wirkenden Werkstatt auf, in den ein Christus-Klon (Achtung Humunkulus!) bis in den finalen Verbrennungsofen (Achtung Holocaust!) verfolgt werden kann. Unter dem Motto „Il mondo magico“ darf hier Partizipation als Imitatio Christi verstanden werden.

Gut gemeint, doch politisch gänzlich unbedarft und bar jeden Humors geben sich dann in der Hauptausstellung der Brasilianer Ernesto Neto mit einem groß gewebten Schamanenzelt, „Um Sagrado Lugar (A Secred Place)“ und ebenso in der Hauptausstellung der Däne Ólafur Elíasson mit einer Werkstatt, „Green light – An artistic workshop“, in der Ampeln hergestellt werden. Wo der Künstler an die Heilung oder wenigstens Beseelung Zivilisationsmüder durch Regenwaldzauberer glaubt – zur Eröffnungsperformance ließ er sie einfliegen – (Neto), oder an die Inklusion von Flüchtlingen durch die Verfertigung der Lampen – „echte“ Flüchtlinge sitzen an den Werkbänken – (Elíasson), machte sich beim Publikum statt Empathie und Partizipation meist bloß Völkerschau-Neugier oder empörtes Bedenkenträgertum breit.

Wohltuend da die immersive und humorvolle Multi-Media-Initiation des Publikums im finnischen Pavillon, „The Aalto Natives“, in der von Nathaniel Mellors und Erkka Nissinen wörtlich ab ovo die Nationalgeschichte des skandinavischen Landes nacherzählt wird. Der Besucher fühlt sich eins und einig – wenn auch nur für kurz begegnet sich hier eine gut unterhaltene und fröhliche Gemeinschaft, eine Erfahrung, die zumindest in der Hauptausstellung der 57. Biennale zu kurz kam.

3. Epilog

 „Das Schweigen des Marcel Duchamp wird überbewertet“ titelte Joseph Beuys 1964 eine Aktion im Rahmen einer TV-Show. Wäre der Spruch hinsichtlich der Venedig Biennale 2017 neu auf Beuys selbst zu münzen? Es ist auffällig, dass Beuys von der künstlerischen Leiterin Christine Macel im kuratorischen Statement des Katalogs nur ein Mal und hier nur marginal Erwähnung findet, während er in der Hauptausstellung erst gar nicht präsentiert wird, obwohl eine erkleckliche Zahl historischer Positionen gezeigt werden. Beuys wäre nicht nur in ihren Abteilungen, die den Schamanismus oder das Dionysische beschwören, ein Gewährsmann der Wahl. Eine Reihe performativer und partizipativer Ansätze der Gegenwart fänden hier einen angemessenen Echoraum. Darüber, warum sie über ihn schweigt, darf also spekuliert werden. Es darf vermutet werden, dass mit Beuys auch die verdrängten und wenig eingängigen Gründe für die schamanistische Kunsthaltung hätten betrachtet werden müssen. Das wäre dann für eine Ausstellung, die gerne an der Oberfläche bleibt, doch zu viel gewesen.

Der Essay erschein zum ersten Mal in der Printausgabe von Kunstforum international Ausgabe Band 247.

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Von Kassel lernen

Die documenta 14 öffnet heute ihre Pforten für das Publikum. Darüber herrscht vorab weitgehend Einigkeit: Die ärgerlichste documenta war bisher die documenta 12 von Ruth Noack und Roger M. Buergel.  In ihrem  belehrenden Ton und großteils dürftig-oberflächlichen Arbeiten ist auch die documenta 14 ärgerlich. Doch die documenta 12 konnte sie auch nach dem unterirdischen Start in Athen  nicht unterbieten.

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Klicks, Pics and Likes. Die 57. Venedig Biennale im Zeichen von Web 2.0

Die 57. Biennale Arte eröffnete am vergangenen Samstag in Venedig – gleich zwei Goldene Löwen gingen nach Deutschland, an die Künstlerin Anne Imhof für den besten Pavillon und an den Altmeister der performativen Skulptur Franz Erhard Walter für die beste künstlerische Arbeit in der Hauptausstellung – das dürfte die Kollegen und Marketingstrategen der kommerziellen Side-Events kaum jucken.

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Kunstbiennale Venedig zum 57. Mal. Wir erinnern uns: 2017 ist Superkunstjahr. Allein drei regelmäßige Großveranstaltungen von Weltrang öffnen im ersten Halbjahr. Eine davon gleich zwei Mal: Die documenta 14, alle fünf Jahre ausgetragen, in Athen und Kassel. Dann die Biennale Arte Venedig, die wie der Name bereits sagt, alle zwei Jahre am Start ist und schließlich die Skulptur Projekte Münster, die alle zehn Jahre wiederkehren. Entsprechend hoch ist die Nervosität in der Künstler-Kuratoren-Artdealer-Journalisten-Community. In Venedig wurde die Spannung noch zusätzlich gesteigert, als die hochgesteckten Erwartungen an die documenta 14 enttäuscht wurden. Ihr Kurator verzichtete zwar auf Künstler, die sich im hart umkämpften Feld teurer Marktkunst bewegen. Doch nur sehr wenige der 160 Geladenen konnten mit starken Arbeiten überzeugen, die obendrein noch den politischen Auftrag erfüllten.

Wenn jetzt für die älteste und wichtigste Leistungsschau der zeitgenössischen Kunst von der künstlerische Leiterin Christine Marcelder Leitspruch „Viva Arte Viva“– es lebe die Kunst, sie lebe! – ausgegeben wird, erscheint der altbackene Ruf für viele als das notwendige Wendekommando, das die zeitgenössische Kunst zwischen Skylla und Charybdis, Markt und Agitprop hindurchzusteuern wagt.

Ist ihr das gelungen? Hat sich das Versprechen eingelöst? Oder mit der Freitagabend-Abendessen-Frage gefragt: Muss ich da jetzt hinfahren? Die Antwort kann kurz ausfallen: Ja, man muss! Allein schon wegen des Markusplatz, den Vaporettos, Palladios Erlöser-Kirche, und Carpaccios St. Georgzyklus in der Scuola degli Schiavoni. Und man weiß ja, die Hauptausstellung in den Giardini und den Arsenalen wird von vielen Satelliten umkreist, den Länderpavillons. Da lässt sich immer etwas Großartiges entdecken. Etwas, das man nie vergisst und garantiert nur hier zu sehen bekommt. Es mag so viel Fragwürdiges versammelt sein wie will.

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Kostproben gefällig? Da ist zum Beispiel der britische Pavillon wie immer in einem Kuppeltempel aus dem 19. Jahrhundert untergebracht – die große Achse im Park gerade aus hoch. Die große Dame der britischen Bildhauerei Phyllida Barlow hat ihn unter dem Titel „folly“ mit ihren wild bemalten Bauholz-, Pappmache-Objekten bis unter die Decke ausstaffiert und vor die Fassade gewaltige Kugeln auf Stangen gesteckt, damit das strenge Gefüge des Hauses einen weiteren Konterpart erfährt. Das ist mit so viel Sinn für den Raum, fürs Spiel von Form und Farbe gestaltet, dass man ihr sofort, nur einen Steinwurf vom deutschen entfernt, den ersten Preis, einen goldenen Löwen, für den schönsten Pavillon gegönnt hätte.

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Hat den der deutsche Pavillon tatsächlich verdient? Ja, sicher. Der Kuratorin Susanne Pfeffer ist ein Coup gelungen und man hat ihr und der Installation mit Performern „Faust“ der Künstlerin Anne Imhof die Türe eingerannt, was in Venedig ohne Schlange stehen nicht geht: Es indiziert den analogen Hype um Klicks und Likes auf Twitter und Instagram. Anne Imhof, erst kurz zuvor mit ihren theatralen Installationen in Basel und Berlin bekannt geworden, trifft mit ihren sediert wirkenden Akteurinnen in Slow Motion den Zeitgeist. Sie produziert mit ihren clean-reduzierten Arrangements eine Atmosphäre von Bedrohung und Ausgeliefert-sein: Das Publikum bewegt sich auf einem in den Pavillon eingezogenen gläsernen Boden, beobachtet die verloren wirkenden Gestalten im Liegen, Sitzen, Kriechen unter sich und lauscht den ab und an in den Seitenräumen angeschlagenen Gitarrenriffs. Irgendwann werden alle tranceartig eins, die Zuschauer, die Akteure, Hunde, zwei Dobermann-Junge tollen in einem eigens angebauten Außengehege. Artistenzoo mit Tiefenpeilung. Imhofs lebende Bilder inszenieren die Synthese aus nach wie vor getrennt verhandelten Gattungen und Genres, der Performance, der Installation, dem Tableau vivant auf hohem Niveau.

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Das findet man auch an anderen Orten, der Schweiz zum Beispiel. Sie hat ihren eigenen Pavillon in den Giardinis, 1952 von Bruno Giacometti, Architekt und kleiner Bruder des berühmten Bildhauers errichtet. Doch dieser hat sich zeitlebens geweigert, das Heimatland Schweiz zu vertreten. „Women of Venice“ heißt daher die wunderbare Doppelausstellung des Bildhauers Carol Bove mit sperrigen Stahlskulpturen und einer Video-Doppelprojektion der Schweiz-Amerikaner Teresa Hubbard und Alexander Birchler. Sie rekonstruieren in einer Doku-Fiction das Leben der schließlich gescheiterten Künstlerin Flora Mayo, gespielt von der deutschen Popliteratin Julia Zange, mit dem dergestalt abwesend anwesenden Alberto Giacometti.

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Gewaltig, schön, klug aber auch bedrückend war die begehbare Soundinstallation auf einer Holztribüne „ÇIN “ von Cevdet Erek im türkischen Pavillon, der in einem ehemaligen Munitionslager der Arsenale untergekommen ist. Südafrika gleich daneben, der Irak gegenüber der Accademia in der Stadt, Dänemark, Polen, und, und, und. Die Liste schöner und beeindruckender Länderbeiträge, die meisten gesellschaftspolitisch auf Höhe der Zeit ließe sich problemlos fortsetzen. Zwar gilt die Nationalstaatsdarstellung als obsolet. Doch mit 85 Ländern sind 2017 so viele vertreten wie noch nie.

Und die Hauptausstellung im großen Pavillon der Giardini und den Arsenale, der einstigen Werft der Seerepublik? Was will und was kann sie bieten? Mit 120 Künstlern, davon 103 bisher in Venedig noch nie vertreten, findet auch hier ein Überforderungsprogramm statt. „Viva Arte Viva“ versucht daher sein Anliegen, dem klandestinen Wesen des künstlerischen Schaffens näher zu kommen, in neun Abteilungen zu vermitteln, vom „Pavilion of Artists and Books“ über den der „Shamans“ bis hin zum „Dionysian Pavilion“ und den „Colors“ – Farben. Der aufmerksame Besucher merkt es rasch. Es geht dabei vor allem um performative Kunst, Partizipation und Transformation, frei nach dem Motto des Jahrhundertwendedichters Rainer Maria Rilke, „Du darfst dein Leben ändern“.

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Ging es bei den immer noch aktuell und frisch wirkenden Wandformationen aus Stoff von Franz Erhard Walther, für die er verdienter Massen ebenso einen goldenen Löwen erhielt, zuerst um die konzeptuelle Erweiterung der Skulptur aus der Teilhabe und „Handlung als Werkform“ und nicht um Mitmachkunst, tönt es nun bei den Jüngeren von überallher: Meet your artist. Get involved! So lädt gleich zu Beginn Ólafur Elíasson an lange Arbeitstische, an denen das Publikum mit Flüchtlingen bei „Green light – An artistic workshop“hübsche Ampeln herstellen und gegen eine Spende erwerben kann. Sind wir hier bei einer Völkerschau angelangt, oder handelt es sich um gelungene reziproke Inklusion?

Vergleichbaren ambivalenten Situationen wird man in Venedigs Hauptausstellung häufig ausgesetzt. Wird der Künstler als Schamane, der an seinen Narrativen webt, beschworen, mutiert das Publikum zu einem Schwarm Neophyten, der sich willig für das Gute, Wahre, Schöne einspannen lässt. Entsprechend viel wird in diesem Jahr mit Stoffen, Nadel, Faden und Garnen gearbeitet. Der Besucher näht dabei häufig nach Konzepten der 1960er-70er-Jahre wie bei dem 1938 geborenen philippinischen Künstler David Medalla oder sitzt in Geburtshöhlen wie bei dem Brasilianer Ernesto Neto oder möchte sich gleich in die bunte Wand aus überdimensionierten Wollknäulen der Amerikanerin Sheila Hicks kuscheln, die die lange Achse des Arsenale-Venue abschließt.

Das ist alles gut gemacht und angenehm präsentiert. Und ohnehin geht es bei der Biennale längst nicht mehr um kritische Reflexion der Kunst. Schon die documenta-Leitung hatte für Athen die Losung ausgegeben, man nähere sich ihrer Kunst am besten ohne Vorwissen, ungebildet und vorurteilsfrei. Die Venedig Biennale setzt dem nun noch einen obendrauf, indem sie die Berichterstattung bis zur Unmöglichkeit erschwert. Bereits der erste Pressetag war so überlaufen, dass man stundenlang vor den Pavillons stand. Was zählt ist nicht mehr der kritische Bericht, sondern der Twitterfeed mit Selfi aus der Warteschlange. Kulturjournalismus würde da nur stören.

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Er stört auch bei den beiden Groß-Kunst-Veranstaltungen am Canale Grande. Zur Biennale-Zeit fischen die Modehäuser Prada und Louis Vuitton das Publikum in zwei gegenüberliegenden Palazzi ab: Während bei Vuitton Damien Hirst gefakte Unterwasserfunde wie zu erwarten monumental kostbar präsentiert, kuratiert der Direktor der Berliner Nationalgalerie die deutschen Bild-Text-Meister Alexander Kluge und Thomas Demand in einem begehbaren Bühnenbild der Marthaler-Szonografin Anna Viebrock. Ein garantierter Hit, der ahnen lässt, wie es in der Volksbühne nach Castorf weitergehen könnte. Auch hier steht dem staunenden Publikum der Mund nur offen. Kritische Reflexion ist unerwünscht. Oder wie es in einem Wäscheladen in der Via Garibaldi zwischen den Giardini und den Arsenalen hieß: „Don`t criticize, just celebrate.“

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Der Artikel erschien zuerst in der Printausgabe des Freitag Ausgabe Nr. 20, 2017

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Ethnokitsch und Politfolklore. Die documenta 14 eröffnet in Athen

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Der Künstler Rick Lowe strahlt übers ganze Gesicht. Er empfängt jeden Gast einzeln, „good to see you!“ Der charismatische Afroamerikaner, Jahrgang 1961, hat zur Eröffnung seines „Victoria Square Project“ geladen. Im Rahmen der documenta 14 hat er mit seinen Helfern ein helles Ladengeschäft in der Nähe des Archäologischen Nationalmuseums in einen Nachbarschaftstreff umgewandelt. An einer Maschine werden jetzt bunte Überzüge für Stofftiere aber auch Pistolen gestrickt, Stifte und Papier auf einem langen Tisch fordern unter dem Motto „Mein-Victoria-Platz“ den Besucher auf, der Phantasie freien Lauf zu lassen, und Karten an der Wand informieren über die sozio-kulturelle Struktur des Viertels, während draußen Kulinarisches fürs Leibliche Wohl sorgt. Der Kneipenwirt gegenüber hat sich mit Lowe längst angefreundet und versichert, dass das „Victoria Square Project“ eine prima Sache sei. Nicht erst seit der Platz vor zwei Jahren durch ein improvisiertes Flüchtlingscamp in die Schlagzeilen geriet, habe sich viel verändert. Die Solidarität der Anwohner war damals überwältigend. Aber der spekulative Leerstand, der Wegzug Alteingesessener, wilde Mietverhältnisse in Flüchtlingsunterkünften und die gleichzeitige Gentrifizierung hatten die Nachbarschaftsgemeinschaft schon vorher unterminiert. Heute bereiten Drogendealer und minderjährige Flüchtlinge, die sich prostituieren, Sorgen im Kiez. Da sei es gut, dass Alteingesessene und Zugezogene über Lows Initiative ins Gespräch kämen. Wie das konkret zustande kommt, soll sich nach einer Orientierungsphase zeigen. Lowe will seinen 100-Tageaufenthalt in jedem Fall verlängern.

Der Künstler wurde durch sein „Project Row House“ bekannt, das er 1993 in Huston ins Leben rief, eine Nachbarschaftsinitiative, die mit künstlerischen Mitteln Reihenhäuser vor dem Verfall rettete und neu bewirtschaftete. „Art is a social culpture,“ so sein bei Joseph Beuys entlehntes Credo. Rick Lowes Arbeit ist angreifbar. Die einen werden dagegen ins Feld führen, Kunst könne keine Sozialarbeit ersetzen; die anderen werden sagen, soziales Engagement dürfe nicht mit Kunst verwechselt werden. Was als Einwand schwerer wiegt, das Motto der documenta 14, „Von Athen lernen“, wird hier umgekehrt. Im Sinn ihres künstlerischen Leiters Adam Szymczyks fordert es von den Teilnehmern, den Künstlern wie Besuchern gleichermaßen, Teilhabe, sprich Partizipation an den verschärften Lebensverhältnissen von der Schulden- bis zur Flüchtlingskrise der 3,5-Millionenstadt Athen. Damit dies möglich sei, so Szymczyks Überlegung, bedarf es einer fundamentalen Epoché, einer Urteilsenthaltung und vorurteilsfreien Wahrnehmung. Soweit die Theorie. Die Praxis am Victoria-Platz spricht eine andere Sprache. Nach Auskunft von Lowe sollen die Kiez-Bewohner mit dem Projekt lernen, was ihnen abhanden kam, ihre Kommunikationsfähigkeit. Sieht man genauer hin, haben sie dies aber nicht nötig. Allein im benachbarten Szene- und Studentenviertel Exarchia dementieren duzende von Stadtteilinitiativen diesen Eindruck und so setzt sich die documenta 14 einem Vorwurf aus, dem sie sich rhetorisch vielstimmig entronnen glaubte, der des Kulturkolonialismus.

Dieser Verdacht geht nicht allein an Lowe. Da wären zum Beispiel der Pakistaner Rasheed Araeen oder die Kroatin Sanja Iveković, die wie Lowe in den Problemvierteln der Innenstadt nördöstlich des Omonia-Platzes ihre Zelte aufgeschlagen haben. Bei dem in London lebenden Rasheed Araeen, Jahrgang 1935, ist das wörtlich genommen. Auf dem einst trubeligen, heute verwaisten Kotzia-Platz aktiviert er mit „Shamiyaana – Food for Thought: Thought for Change (2016–2017) das Kochen und Essen als gemeinschaftsstiftende Idee. Zu festen Zeiten für eineinhalb Stunden um ein und drei Uhr mittags werden hier an Tisch unter einem großen bunten Zelt Mahlzeiten ausgegeben. Bedürftige Anwohner und documenta-Besucher sollen sich solchermaßen gelockt und von eifrigen Hostessen bedient und angeleitet der kapitalistischen Tauschökonomie enthoben über ihre Zukunftspläne und –ängste unterhalten. Ein wohlfeiles Konzept, das an Veranstaltungen zwischen Schulspeisung und Heilsarmee erinnert, aber für die Teilnehmer leider unverbindlich und folgenlos bleibt. Nachdem das Essen vorüber ist, liegt die Zelt-Installation so öde brach wie ihre Umgebung.

Das gilt auch für die Installation der Künstlerin und Aktivistin Sanja Iveković, 1949 in Zagreb geboren. Sie ließ ein Ziegelsteinsockel errichten, der dem des 1935 in Berlin zerstörten Luxemburg-Liebknecht-Denkmals Ludwig Mies van der Rohes entspricht. Ist das ein Podest, eine Plattform, eine Bühne? Für wen oder was? „Das Denkmal wird zu einem Vorwand für neue Formen des politischen Handelns, basierend auf der Treue zu historischen Kämpfen und gleichzeitig der Zukunft eine Bühne bietend. In einer Zeit, in der Faschismus, neoliberal-kapitalistischer Imperialismus und finanzielle Kriegsführung immer mehr an Terrain gewinnen ist Sanja Ivekovićs Monument to Revolution mahnende Erinnerung an die Vergangenheit, kontroverses Objekt und dinghafte Anrufung zugleich,“ heißt es dazu vollmundig im Katalog. Dabei vergisst die Autorin und ihre Künstlerin, dass ihr Steinklotz an einem der widersprüchlichsten Orte der Stadt gebaut ist: dem Avdi-Platz. Mit zwei Cafés ist er Treffpunkt der örtlichen Schwulen- und Lesbenszene. Doch während er nach Westen an schicke neue Wohngebäude grenzt, befindet sich in den halb verfallen Straßenzügen nach Osten hin eines der düstersten Bordellviertel Europas. An den Eröffnungstagen ließ sich eine Schaar documenta-Besucher auf dem Denkmalsockel nieder und lauschte den aufgezeichneten Reden feministischer Aktivistinnen, die die Künstlerin über Lautsprecher aus über den Platz schallten ließ. Die Zuhörer dürften allerdings von der heimlichen unheimlichen Nachbarschaft ebenso wenig mitbekommen haben, wie die Sex-Arbeiterinnen von der wohlmeinenden Botschaft einer weiblichen Solidargemeinschaft, die über die Denkmalsgeschichte aktiviert werden sollte.

Mit annähernd dreißig Live-Acts an unterschiedlichen Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt wurde zu den Eröffnungstagen der Stellenwert von Performances und Aktionen deutlich – viele werden bis zum Ende der Athener documenta zu sehen sein, was die Veranstalter vor einige Herausforderungen stellt. Bereits bei der Eröffnung im Megaron Theater unterstrich ein vielstimmiger Chor aus Mitarbeitern der documenta mit einer aleatorischen Glossolalie das Versprechen einer demokratischen Gegenöffentlichkeit, das dem Performativen und Partizipativen innewohnt.

Doch löst sich das nicht automatisch ein. Immerhin geriet der kritische Besucher durch sie an Orte, die er sonst nie besucht hätte. Wer kennt schon das Archäologische Museum von Piräus? Zur Eröffnung lockten unter dem Titel „Collective Exhibition for a single Body“ Tänzer in die Museumsräume und boten von dem Griechen Kostas Tsioukas Choreografien à la Sasha Walz & Guests. Zwar hatten die Tanzdarbietungen mit dem Haus wenig zu tun, aber man bekam im Obergeschoss vier überlebensgroße 2.500 Jahre alte Bronzestatuen, eine Athene, zwei Artemisien und einen Kouros-Apollon in atemberaubender Schönheit zu sehen. Der Besucher war den Veranstaltern dankbar, vom Trott der Karawanen abgewichen zu sein.

Ähnliches gilt für die beiden allerdings ungleich stärkeren Arbeiten, die in der neoklassizistischen Gennadius Library unter dem Hausberg Athens, dem Lykabettus, gezeigt werden, einerseits Ross Birrells Video „A Beautiful Living Thing“ (2015), das die ausgebrannte Bibliothek der Glasgow School of Arts dokumentiert und künstlerische Überhöhung und Anteilnahme über einen Violinisten im verkohlten Gemäuer herstellt. Andererseits die Faksimiles, Schriftbahnen und Fotos der Arbeit „Learning from Timbuktu“ eines Künstlerkollektivs, das die beschädigten und angekokelten Schätze der Bibliotheken der westafrikanischen Wüstenstadt wiederspiegelt. Angesichts solcher Zerstörung und der Tatsache, dass Temporalität und Vergänglichkeit eh längst im Repertoire zeitgenössischer Kunst angekommen ist, macht sich der Hinweis, die beeindruckenden Masken des inzwischen verstorbenen indigenen Künstlers Beau Dick (1955-2017) würden noch während der documenta 14 nach Kanada, ihrem Ursprungsland, zurückgebracht, um dort rituell verbrannt zu werden, als performativer Ethnokitsch aus, der auf Breitenwirkung zielt.

Davon gab es am Ende doch sehr viel. Emegh Ogbos mehrstimmiger Chor zum Lichtflackern ausgewählter Aktienkurse im Rohbau des Theaters des Konservatoriums gehört noch zu den starken Arbeiten oder die dem Blick vollkommen entzogene Tanz-Performance „Géographie-Athéns“ im Innern von expressiv zusammengestellten Ausstellungswänden im Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst, EMST, durch eine Truppe um die Griechin Stella Dimitrakopoulou. Aber schon die von Ross Birrell angeregte Pony-Tour von vier Reitern über die Balkanroute nach Kassel bedient einen viral gesteuerten Eventcharakter, der die politische Intention – die Flüchtlingsproblematik und das zerrüttete Europa im Bewusstsein zu halten – zu konterkarieren droht. Für ein paar Stunden bedeckte die Arbeit „Check Point Prosfygika. 1934–2034. 2016–2017“ des Ghanaers Ibrahim Mahama ein Stück des Syntagma-Platz vor dem Parlament. „Mitarbeiter“, laut Katalog „Landflüchtige aus anderen Ländern“, vernähten die gebrauchten Jute-Säcke, die bei der letzten Venedig Biennale eine lange düster mahnende Passage überzogen. In Athen genügte offensichtlich eine ephemere Geste und der Besucher mochte darüber spekulieren, ob und wie Mahama in Kassel noch einen Auftritt hat.

Warben auf der Kasseler documenta schon veritable Schweine für die Kunst, erweitern jetzt bei Aboubakar Fofana blau gefärbte Schafe das Bewusstsein der Besucher, ebenso wie die Gesänge und Musikdarbietungen in dem schamanischen Lagerplatz des Norwegers Joar Nango. Und „du must dein Leben dringend ändern“ lautet das unausgesprochene Motto auch bei der griechischen Performerinnen Georgia Sagri, die ihre Workshop-Teilnehmerinnen im Kasernenton kommandiert. Bemüht nehmen sich auch die Musik-Möbel von Nevin Aladağ aus, die auch dadurch nicht interessanter werden, wenn sie von einer Hand voll Nerds gespielt werden. Und ähnlich oberflächlich gibt sich Daniel Knorrs Müllbuch-Presse „Βιβλίο Καλλιτέχνη“ (2017) im Hof des Konservatoriums, eine angestrengte Politallegorie, die sich zwischen Dieter Roths und Mike Bouchets künstlerischen Interventionen zum Thema Müll aufhält. Knorr holt diese Benchmarks leider nicht ein.

Dass Kunst dem Künstler wie dem Publikum neben sinnlicher Energie auch Arbeit und reflexive Kraft abverlangen kann, zeigt zum Beispiel Maria Eichhorn, im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst. Es wurde aus Geldmangel bis heute nicht eröffnet. Analog dazu entzog Eichhorn ein Athener Haus dem spekulativen Kreislauf und dokumentierte den Vorgang in Building as unowned property“ (2017).

In diesem heterogenen Umfeld mutete das Künstlerpaar Wolfgang Prinz und Michel Gholam mit seinen Reenactemts angenehm deplaziert und charmant an. Sie arbeiten seit 2001 zusammen und gestalten in „edler Einfalt und stiller Größe“ Tableaux Vivants nach klassischen Antiken. Das machen sie meist im Kunstkontext, in Museen oder Galerien. Wenn sie nun in den Ruinen der antiken Agora oder zwischen den erhaltenen Säulen des Zeus-Tempels auftreten, scheint ihr Bewegungsrepertoire an seinem referentiellen Ursprungsort, das klassisch antike Athen anzukommen. Zwischen irritierten Touristen und aufmerksamen Zuschauern stehen, liegen, posieren sie im Staub, eine Skurrile narzisstische Geste künstlerischer Selbstermächtigung. Das erfreut. Doch es erinnert im Kontext der Großveranstaltung auch daran, wie prätentiös, staubtrocken und humorlos die Athener documenta-Veranstaltung daherkommt.

Zuerst im Print und Online bei Kunstforum international Band 246, Mai-Juni 2017

 

 

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Brahms aus vollen Rohren. Das 54. Theatertreffen eröffnet am 6. Mai

Noch nie war die Theaterlandschaft zwischen Hamburg und Zürich so bunt und vielfältig. Das Berliner Theatertreffen 2017 bildet das mit seiner Auswahl von zehn „herausragenden“ Inszenierungen ab. Warum aber ebbt die Kritik am zeitgenössischen Theater nach wie vor nicht ab? Bildschirmfoto 2017-05-01 um 12.48.38.png

Licht aus, Regler hoch, voller Chor und Orchester, b-Moll in getragenem Dreivierteltakt: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras…“ Auch wenn den Besucher des diesjährigen Theatertreffens wenig an das vergangene erinnert, der wuchtige zweite Satz aus dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms bleibt ihm unweigerlich im Ohr. In der Saison 2015/16 war es an den Münchner Kammerspielen und zum Theatertreffen zu hören: In der Romanadaption Sepp Bierbichlers „Mittelreich“ in der Regie von Anna-Sophie Mahler wurde eine Kammerversion des spätromantischen Konzertstücks zum musikalischen Gerüst eines klug dramatisierten Nachkriegsepos.

Heuer tönt der Brahms aus Bern, gleich zum Auftakt von Ersan Mondtags „Die Vernichtung“. Er transportiert analog zum Stücktitel Endzeit-Pathos und Gedankenschwere. Doch anders als bei Mahler, wo die Musik den Abend über weite Strecken strukturierte, wird dem Zuschauer bei Mondtag schnell klar, dass ihm Brahms im Modus der Ironie serviert wurde: Die Endzeitlandschaft entpuppt sich als veritabler Garten Eden, in dem die Protagonisten aus Langeweile eine finale Katastrophe erwarten, die freilich – Beckett lässt grüßen – nicht eintritt. Das entfaltet streckenweise Magie. Die zwei Pärchen in bemalten Trikots, die ihre Nacktheit veristisch verzerren, plappern und sinnieren über Hundewelpen, private und soziale Fragen, um ab und an einem neuen Musikstück zu lauschen oder in einer neuen Position zu kopulieren. Doch das Publikum hat sich am Dschungeleinheitsbühnenbild schnell sattgesehen. Und es mag den vier schlichten Zeitgenossen und ihren schütteren Dialogen nicht mehr so recht folgen. Der Brahms zum Anfang entpuppt sich als Knaller einer Dramaturgie, die bei den Stichworten „Requiem“ und „Deutsch“ meint, ohne weiteres Zutun Tiefgang und ihren Teil an Political Correctness beigetragen zu haben. Dabei wird die Arbeit an der Geschichte, die man erzählen will, die Arbeit am Text, seine Interpretation und die nötige Übersetzungsleistung an den Pathos der Musik delegiert. Was hier nicht geleistet wurde, wird durch eine möglichst ergreifende, überwältigende oder coole musikalische Untermalung kompensiert.

Dieses Dilemma ist symptomatisch für den heutigen Theaterbetrieb. Die Konflikte und Frontlinien sind mannigfach, der ästhetische und politische Druck immens. Vor allem die Klage über zu viel Nähe des Theaters zur Performance und Bildenden Kunst ebbt nicht ab. Was in den 1960er-Jahren vom Doyen der U.S.-amerikanischen Kunst Michael Fried beklagt wurde, eine Theatralisierung der Kunst, gilt heute mit umgekehrten Vorzeichen für das Theater, dem nicht erst mit Castorfs Einsatz neuer Medien, eine Verkunstung nachgesagt wird. Wie absurd sich der Vorwurf bei genauerem Besehen ausnimmt, zeigt sich daran, dass Castorf heute als Wahrer des Ensembletheaters gegen seinen designierten Nachfolger, den theaterfernen Kuratorenintendanten Chris Dercon ausgespielt werden kann. Das Theater als Eventbude – dieses Menetekel steht allerdings auch schon an den Häusern seit in den 1990er-Jahren die ersten Kulturmanager an Westuniversitäten ihren Bachelor in der Tasche hatten.

Freilich verbergen sich hinter diesen Frontlinien vor allem auch generationelle Konflikte. Bei der diesjährigen Auswahl der Stücke fällt eine Ausgewogenheit der Kohortenstärke auf vorherrscht: Die Alten, die über Jahrzehnte den Betrieb besetzten, sind nicht mehr vertreten. Herbert Fritsch, Johann Simons, Tim Etchells, geboren 1962, sitzen auf den Seniorenrängen, gefolgt von den 1970er-Jahrgängen wie Uli Rasche (geboren 1969) Kay Voges (1972) Milo Rau (1977) und den 1980ern, die an die Türen der großen Häuser klopfen, Thom Luz (1982), Simon Stone (1984) Ersan Mondtag (1987). Dass hier die Jury kräftig mitinszeniert hat, versteht sich von selbst. Die Regisseurin Claudia Bauer, Jahrgang 1966, sitzt als einzige Frau auch hier zwischen den Stühlen. Denn mit dem 54. Theatertreffen hat sich unumkehrbar ein Paradigmenwechsel vom textbasierten Regietheater hin zur postdramatischen Aufführungspraxis vollzogen. Wo es vor ein paar Jahren ausschließlich um die zeitgenössische Deutung des klassischen Repertoires ging, sorgen sich heute nur noch zwei um die Fortschreibung des traditionellen Bestandes. Mit Ulrich Rasches „Die Räuber“ und Simone Stones „Drei Schwesten“ kümmert man sich nicht zufällig ausgerechnet mit zwei Dramen gescheiterter Rebellionen. Und obendrein werden diese bei beiden Regisseuren in szenische Durchlauferhitzer gestopft. Rasche schickt seine Darsteller auf gewaltige Laufbänder à la Fritz Lang, Stone ordert sie in ein Wochenendhäuschen in der Prignitz.

Drei Schwestern retweeted. Der Darling des deutschen Regietheaters Simon Stone – er war als einziger auch im letzten Jahr beim Theatertreffen dabei – katapultiert Tschechows drei Schwestern am Basler Theater in die Gegenwart – mitten ins Ziel und voll daneben, denn statt zentrifugaler Kräfte regieren zentripetale; „bloß Tschechow“, was immer das bedeuten mag, das geht heute nicht. Und so wird die Inszenierung des Jungstars vollmundig als Uraufführung angekündigt. Es bleibt weitgehend die Figurenkonstellation, der formale Aufbau, doch sonst wird Tschechow „überschrieben“, zeitgeistig auf Byung-Chul-Han-Niveau Reenacted so, dass das Palimpsest nur noch im Groben zu erahnen ist. Dabei reduziert Stone und sein Übersetzer Tschechows Gesellschaftsdrama in der russischen Provinz auf ein paar Tweets seiner Kohorte in Papas Wochenendhäuschen in der Prignitz, von wo aus das Stück gedacht ist, und nicht wie behauptet aus der Schweiz. Was macht den Abend dennoch so ansprechend? Es ist die schlicht die trügerische Illusion, Tschechow mit einer deutschen Vorabendserie, Sprachmagie mit dem infantilen Screwball versöhnen und dem zeitgenössischen Theater mit Einfühlungsrealismus in der Darstellung beikommen zu können. Als voyeuristisches Surplus winkt dann noch das auf der Drehbühne exponierte Wochenendhäuschen: Das Publikum darf mit großen Ohren (die Schauspieler tragen Microport) und Augen (Scheiben) der deplatzierten Jugend in einem gleichsam scientivischen Reenactment-Setting (Frau und Mann lassen ab und an Geschlechtsteile sehen) beiwohnen. Damit gelingt der Basler Tschechowüberschreibung, was man sonst von keiner eingeladenen Inszenierung sagen kann: Sie zerfällt nicht in eine bloße Szenenfolge, kommt ohne musikalischen Kit und Unterfütterung aus. Schon Rasches Muckibuden-Schiller braucht Trommel und Streicher als Taktgeber am Bühnenrand, um geschmiert zu laufen.

Das gilt auch und vor allem für die beiden Inszenierungen, die Romanadaptionen vornehmen, Claudia Bauers „89/90“ nach einem Wenderoman Peter Richters und Johan Simons „Der Schimmelreiter“ nach Theodor Storm. Erst recht aber für die theatrale Installation „Die Borderline Prozession“ von Kay Voges, „Traurige Zauberer, eine stumme Komödie mit Musik“ von Thom Lutz, „Pfusch“ von Herbert Fritsch und „Real Magic“ von Forced Entertainment. Und selbst noch das Theater am anderen Ende der Formalismus-Realismus-Scala, Milo Raus Dokudrama um den belgischen Pädokriminellen Marc Dutroux „Five Easy Pieces“ fußt auf einer Nummernrevue-Dramaturgie. Jeder der Kindererzähler hat seinen bezaubernden musikalisch-, tänzerischen Auftritt, jedoch ohne dass die pädagogische Herrschaftsgeste für das Publikum in verbindliche Zusammenhänge gebracht wird. Von was will er erzählen? Dem Belgischen Staat? Seiner gewaltgesättigten Kolonialgeschichte? Den Perversionen eines Dutroux? Das bleibt alles im (musikalisch) Vagen.

Somit steht der mittlerweile hochdekorierte Schweizer Theaterregisseur Christoph Marthaler wie bei einer ganzen Theatergeneration auch noch bei „Five Easy Pieces“ als geistiger Vater Pate. Nicht umsonst zitiert der Titel Strawinskys Übungsstücke für Klavier. Marthaler brachte 1993 mit dem Volksbühnenstück „Murx den Europärer!“ einen bitterbös- unterhaltsamen Abgesang auf den deutschen Osten heraus. Gesellschaftspolitischer Biss und dessen formale Durchdringung suchten ihresgleichen. Bis 2007 stand Marthalers Stück auf dem Spielplan. Ein neues Format schien geboren. Mit dem musikalischen Vaudeville wurde es den großen Häusern möglich auch ohne Fünf-Akte-Handlung oder eine durchgängige Erzählung mit Theater zu unterhalten. Dass dabei in Folge die Musik allzu oft die Durchdringung der Materie ersetzt, ist Marthaler kaum anzulasten. Mehr schon dem Produktionsdruck an den Theatern, der sorgfältige Lektüren kaum mehr zulässt. So bleibt wohl vorerst nur Brahms aus vollen Rohren.

Zuerst veröffentlicht in Printausgabe Der Freitag. Das Meinungsmagazin, Ausgabe 17, 27.04.2017

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Kurzer Vorblick: Kulturkolonialismus und Politfolklore. Die documenta 14 eröffnet in Athen

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Das Berliner Künstlerduo Prinz Gholam stellt am 7. April 2017 in den Ruinen der Athener Agora zur Eröffnung der d14 Tableaux vivants im Kanon antik-klassischen Kunstschaffens nach.  Sie stehen zwar charmant aber symptomatisch für eine ärgerliche und im Ganzen missratene Veranstaltung, die mit einiger Wahrscheinlichkeit das Ende der documenta seit 1955 bedeutet.

Artikel  erscheint Anfang Mai in Band 246 von Kunstforum international

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