Gender Heroinen. Pauline Boudy / Renate Lorenz vertreten die Schweiz auf der Venedig Kunstbiennale

Am kommenden Wochenende wird die 58. Kunstbiennale in Venedig eröffnet. Pauline Boudry und Renate Lorenz vertreten die Schweiz. Das Künstlerinnenduo ist kurz zuvor eröffnet  in Berlin zu erleben. – Ein Blick zurück voraus.

 

Der Hype ist gross. Kein Kunstevent zieht die Aufmerksamkeit so an wie die Biennale di Venezia. Ihre 58. Ausgabe wird am kommenden Freitag eröffnet. Neben der kuratierten Hauptausstellung buhlen mittlerweile 90 Länderpavillons um die Gunst der Besucher, von denen bis zum 24. November über 600.000 erwartet werden. Die Schweiz hat in Venedig eine gute Ausgangsposition: Seit 1920 mit von der Partie, besitzt sie seit 1952 gleich am Anfang der Hauptachse der Giardini, dem zentralen Austragungsort, einen ansehnlichen Pavillon in bester Lage. Die Örtlichkeit sichert der Schweiz garantiert eine Viertelmillion Besucher.

Zwei Newcomerinnen

Und die Künstlerinnen, die den Schweizer Pavillon bespielen? Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen man auf anerkannte Grössen setzte (Teresa Hubbard und Alexander Birchler 2017, Pamela Rosenkranz 2015, Valentin Carron 2013, Thomas Hirschhorn 2011), nominierte die von Pro Helvetia für dieses Jahr eingesetzte Genfer Kuratorin Charlotte Laubard das noch wenig bekannte Duo Pauline Boudry und Renate Lorenz: eine Waadtländerin, Jahrgang 1970, und eine 1963 in Bonn geborene Deutsche. Während Boudry Lehraufträge an der Zürcher Hochschule der Künste wahrnimmt und Lorenz an der Hamburger Hochschule der Künste unterrichtet, leben beide seit den 1990er-Jahren in Berlin. Seit 2007 arbeiten sie zusammen.

Zu ihrer Entscheidung nennt die Kuratorin vor allem inhaltliche Gründe. Die Künstlerinnen «hinterfragen geschlechtsspezifische Muster und werfen einen prüfenden Blick auf die Normen, die unsere Repräsentationen und unser soziales Leben bestimmen», besagt die Presseerklärung. Hervorgehoben wird, dass Boudry/Lorenz dabei nicht nur kritisch und dekonstruierend verfahren: Ihre Installationen, Filme und Performances seien darauf angelegt, «andere Arten des Daseins in der Welt aufzuzeigen, die nicht durch Kategorisierungen und identitäre Binarismen gespalten sind». Mit ihrer Praxis der «Denormalisierung» würden sie den Fokus auf die «Handlungsfähigkeit» von künstlerischen Objekten oder Gesten in deren Beziehung zu ihrem Publikum richten, heisst es weiter.

Mit diesem Crossover aus Partizipation, Perfomance Art und Gender Studies trifft die Schweiz den Zeitgeist ins Schwarze. Wie auf Verabredung wird auch bei den deutschsprachigen Nachbarn, um es im entsprechenden Wording zu formulieren, kritisch hinterfragt, werden heteronormative Zuschreibungen und Geschlechterrollen reflektiert und unterwandert – von Frauen.

Frauenpower

Österreich wird durch die 1943 in Wien geborene Konzept- und Performancekünstlerin Renate Bertlmann vertreten. Das Bundeskanzleramt lässt dazu verlauten, man habe eine Künstlerin ausgewählt, «deren Werk nicht nur eine wesentliche Position in der weiblichen Performance-Geschichte Österreichs innehat, sondern darüber hinaus in der internationalen feministischen Avantgarde hoch geachtet» sei.

Den Deutschen Pavillon wird Natascha Süder Happelmann bespielen. Dieser Name ist das für den Biennaleauftritt gewählte Pseudonym der Deutsch-Iranerin Natascha Sadr Haghighian, einer Konzeptkünstlerin und Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen. Das «Entbinden des Künstler-Subjekts von repräsentativen Rollen oder politischen Instrumentalisierungen ist immer wieder Bestandteil der künstlerischen Praxis von Sadr Haghighian», erklärt das zuständige Institut für Auslandsbeziehungen.

So unterschiedlich die drei Positionen auf den ersten Blick sind, gemeinsam ist ihnen der Zusammenklang konzeptuell-performativer Ansätze und genderpolitischer Inhalte. Die #MeToo-Debatte hinterlässt ihre Spuren.

Doch was ist jenseits der Kuratorenprosa künstlerisch und substanziell von diesen Künstlerinnen zu erwarten? Wie nachhaltig sind ihre Arbeiten? In Venedig wird man sie zumindest mit ihren speziell für die Biennale geschaffenen Werken in direkter Anschauung vergleichen können.

Top Shots in Berlin

Boudry / Lorenz haben ihr erstes diesjähriges Schaulaufen bereits hinter sich: Es fand in Berlin am vergangenen Wochenende beim Gallery Weekend statt. Auch hier liegen die Nerven blank. Es geht um viel Geld und Anerkennung. Neben den fünfundvierzig kommerziellen Galerien, die den Event mit Vernissagen, exklusiven Partys und diskreten Sammler-Dinners ausrichten, werben weitere Galerien und Projekträume, Institutionen und Museen vom Hamburger Bahnhof bis hin zur Berlinischen Galerie, aber auch private Sammlerinnen und Sammler um den Zustrom des Publikums.

Nicht selbstverständlich, in diesem lauten Umfeld gehört zu werden. Pauline Boudry und Renate Lorenz wurden gehört: Sie zählten zu den Top Shots des Berliner Saisonauftakts. Obwohl in der deutschen Hauptstadt zu Hause, waren sie bisher auch dort nur einer kleinen Gemeinde bekannt. Jetzt kommt kein Art-Aficionado mehr an ihnen vorbei. Gleich an zwei bedeutenden Ausstellungsorten markierten sie Präsenz: Zum einen nahmen sie teil an der bereits ein paar Tage vor dem Gallery Weekend eröffneten Schau «Straying from the Line». Zum anderen richtete ihnen die ebenso hippe Julia Stoschek Collection eine umfangreiche Einzelausstellung aus.

«Straying from the Line» (etwa: «Abweichung von der Linie oder Regel») wird nicht irgendwo gezeigt, sondern im zentral Unter den Linden gelegenen Schinkelpavillon, seit einigen Jahren ein Place-to-be, wenn es um zeitgenössische Kunst geht. Das einstige DDR-Vorzeigelokal versammelt 53 Arbeiten von 46 Künstlern und Künstlerinnen feministischer Kunst von der klassischen Moderne bis heute.

Die ganze Schau überzeugt in ihrer Fülle und Reichhaltigkeit auf kleinstem Raum. Bleistiftzeichnungen von Gabriele Münter aus den 1920er-Jahren, Arbeiten von Eva Hesse oder Marianna Simnett, schliesslich die grossartige und gross ausgebreitete Melkmaschinen-Schlachthaus-Videoinstallation «Uterusland» (2017) von Raphaela Vogel im ehemaligen Küchenkeller des Hauses. Die junge Nürnbergerin wirkt hier wie eine dionysische Antagonistin zu den nüchternen, ja spröden Arbeiten von Boudry / Lorenz. Von ihnen wird im Schinkelpavillon «Wig Piece (Entangeled Phenomena IV)» (2018) gezeigt.

Diese «Perücke (Verwickeltes Phänomen IV)», ein Wandbehang aus braunem Kunsthaar, verweist wie ein überdehntes Requisit oder ein Fetisch auf die Performances und Videoarbeiten des Duos. Das Werk will jedoch mehr sein, Referenz auch an die Auflösung der Grenzen, Gattungs- und Geschlechterhierarchien, der festen Zuschreibungen und Erzählungen, ein Versprechen grundsätzlicher Wandlungsfähigkeit und Veränderung. In Berlin tritt es an zentraler Stelle im opulenten Oktogon des Pavillons in einen beredten Dialog sowohl mit der schweren Bronze-Bodenplastik eines amorphen Haufens von Eingeweiden, «EAT MEAT» (1969-75) von Lynda Benglis, als auch mit den minimalistischen Keramiken «Fever» (2010) von Ulrike Müller oder den aggressiv pornografischen Magazinseiten der Künstlerin, Musikerin und Aktivistin Cosey Fanni Tutti aus dem Jahr 1980.

Die Installation als Inszenierung

Ihren grossen Auftritt haben Boudry / Lorenz allerdings wenige Gehminuten vom Schinkelpavillon entfernt im ehemaligen Tschechoslowakischen Kulturinstitut an der Leipziger Strasse, wie der Schinkelpavillon eine der wenigen Berliner Locations mit authentischem Ost-Appeal. An diesem Ort eröffnete 2016 die in Düsseldorf ansässige Julia Stoschek Collection ihre Berliner Dependance. Sie hat sich, wie der Schinkelpavillon, schnell zum angesagten Szenetreff für zeitgenössische Kunst entwickelt, wie nun die Eröffnung von «Ongoing Experiments With Strangeness» bestätigte.

In einem Kabinett werden gleich vier unterschiedlich gestaltete «Wig Pieces» gezeigt, ausserdem aber vier auf zwei Stockwerken grosszügig inszenierte Videoinstallationen: «Telepathic Improvisation» (2016), «I Want» (2015 für die Zürcher Kunsthalle entstanden), «Silent» (2016) und «To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desparation» (2013) machen die Präsentation zur bisher umfangreichsten Schau von Boudry / Lorenz.

Vor dem Betreten der ersten Installation bekommt man klare Instruktionen: «Liebe*r Ausstellungsbesucher*in, die Elemente im ersten Raum führen eine Partitur von Pauline Oliveros auf.» Diese Partitur fordere «Euch (das Publikum) auf, per Telepathie zu improvisieren. Ihr folgt Euren Wünschen und entwerft kollaborativ eine Choreographie für die Ausstellungselemente. Bitte Musik oder Aktionen zu eine*r oder mehreren Performer*innen, die sich in der Nähe befinden. Die Performer*innen werden Eure Töne, Bewegungen oder Reden empfangen und sich entsprechend verhalten.» Doch das Publikum wird schnell gewahr, dass die Handlungsanweisungen nicht allzu wörtlich gemeint sind.

Wer tatsächlich eine Live-Performance erwartet, wird enttäuscht. Die Interaktion bleibt auf das Betrachten der skulpturalen Requisiten wie «HE EAR R» (2017) – ein rotierender Sockel mit Mikrofonen – oder «Stage Piece» – sechzehn LED-Lichtpanele – beschränkt. Betreten der Bühnen oder Berühren der Haarteile ist nicht erwünscht.

Auch die zentrale zwanzigminütige Videoarbeit lässt einen Eingriff nicht zu. Entgegen der Ankündigung werden Einfühlung und gängige Rezeptionsmuster abgerufen. Die Betrachter*innen sehen ernst und sachlich agierende Performer*innen in rot-weissen Turnanzügen auf der grossformatigen Leinwand. Sie bemühen sich nach der Ansage, es handele sich hier um eine „Exercise“ unter Zuhilfenahme einiger Props, Sockel und Podeste, die wie durch Zauberhand über die sonst karge Bühne fahren, einstudierte Haltungen und Posen einzunehmen.

Nun folgt «Telepathis Improvisation» jedoch dem Konzept einer Achtsamkeitsübung der kürzlich verstorbenen US-amerikanischen Komponistin Pauline Oliveros. Dieses sieht vor, dass es durch aufmerksames und konzentriertes Zuhören und Beobachten möglich sei, gegenseitig Willen und Gedanken zu steuern. Das Setting des Videos gibt vor, dass dieser telepathische Vorgang zwischen Publikum und Performer*innen während der Performance stattgefunden habe.

Nur das Publikum, wenn überhaut eines da war, wird nicht sichtbar. Es kommt nie in die Kamera. Die Betrachterinnen und Betrachter des Videos müssen sich also entscheiden: Halten sie das gezeigte Theater für eine magische Feedbackschleife zwischen einem unsichtbaren Publikum, oder für das unterhaltsame Agieren unter der Regie von Boudry / Lorenz, oder setzten sich die Betrachter*innen selbst an deren Stelle, indem sie die Aktionen zum Beispiel über das blosse zur Kenntnis nehmen hinaus kommentieren und antizipieren. Damit entwerfen Boudry / Lorenz spröde und mit einer guten Portion Humor einen Möglichkeitsraum, in dem menschliche Begegnungen und Repräsentationen jenseits gängiger Codes imaginiert werden. Doch die reale Interaktion mit dem Publikum, indem ein vorgegebener Prozess mitbestimmt und gesteuert wird, bleibt grundsätzlich aus – auch bei den folgenden Videoarbeiten.

Reigen der Identitäten

Anleihen an Queer- und Drag-Szenen, Gender-Politiken und Performancekunst sind auch hier perfekt in Szene gesetzt und stehen im Gegensatz zu den Darstellern, die stolpernd und unbeholfen daherkommen. Mit ihnen inszenieren Boudry / Lorenz einen gewitzten Reigen der Konstitution, Re- und Dekonstruktion von Identitäten. So spielt die Künstlerin Sharon Hayes in dem aberwitzigen Zwei-Kanal-Videoloop «I Want» (2015) die längst verstorbene radikalfeministische US-Literatin Kathy Acker, die ihrerseits behauptet, sie sei die WikiLeaks-Aktivistin Chelsea Manning, vormals Bradley Manning, der/die gleichzeitig mit den Enthüllungen zu den US-Schweinereien im Irakkrieg auch enthüllte, eine Frau zu sein – die sich im Video wiederum als Jackie Onassis ausgibt.

Boudry / Lorenz werden bei der Biennale Venedig nicht ihren ersten Auftritt für die Schweiz bestreiten. Bereits 2011 waren sie mit der Videoinstallation «No Future / No Past», einem unterhaltsamen queeren Reenactment aus der Punkszene, im Teatro Fondamenta Nuove zu Gast, das dem Schweizer Pavillon als Aussenposten diente. Ihr neuerlicher Auftritt, eine immersive Videoinstallation mit dem sprechenden Titel «Moving Backwards», diesmal nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum, wird an ihre bekannten Strategien der Zitation und Subversion anknüpfen. Ob wir diesmal als Akteure gefordert werden? Man wird sehen.

Der Artikel erschien in einer redaktionell leicht überarbeiten Version am 6. Mai 2019 auf http://www.Republik.ch

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Theorie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Meine Arbeit ist klüger als ich – Miriam Cahn im Kunstmuseum Bern

Das Bild zieht an, stösst ab. Der Betrachter wird es nicht wieder vergessen. Mit weit aufgerissenen Augen grinst uns eine fröhliche Fratze entgegen. Schnelle Pinselstriche: Augen, Nase, Mund sind nur angedeutet. Hier geht es nicht um Wirklichkeitsnähe, Wiedererkennbarkeit, formale Bravour. Es geht um den Archetypus: Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Angesicht. Mehr bedarf es nicht, damit uns ein Anderer, eine Andere entgegenblickt, in den Bann schlägt.

Und so bleiben wir gefangen von diesem kahlen Schädel, der sich, weit vorgebeugt und zur Seite gedreht, abhebt vor einem schwarzen Hintergrund. Erwirkt wie die Fortsetzung des phallusartigen, wulstig überdehnten Halses, der übergeht in einen massigen nackten Frauenkörper, auch er monströs, abstossend und anziehend zugleich. Das Hüftbild ist nicht nach der Konvention frontal dargestellt, sondern nach links gedreht, so dass die rechte Körperhälfte im Profil erscheint. Will sich die Figur nicht ganz preisgeben? Oder will sie ihre Vorzüge exponieren, die im konventionellen Sinn für hässlich gelten? Den dünnen Arm, die angespannte, geballte Faust, die schlaffe Brust, den faltigen, aufgeschwemmten Bauch, der wie ein Sack in das Schwarz der Schambehaarung übergeht? Möglich.

Es bietet sich jedoch eine andere Betrachtungsweise an. Denn der „hässliche“ Körper wird „schön“ gemalt . Auffällig wechselt die Textur vom flüchtig dünnen Farbauftrag der Fratze zu einem pastosen Duktus in Altmeistermanier, als hätten flämische Barockmaler, Jacob Jordaens oder Antoon van Dyck, die Pinsel geführt, um das Inkarnat einer Quellnymphe oder von Susanna im Bade lebendig zu machen. Mit einem Handstreich, frech und lustvoll, zitiert und konterkariert das fast lebensgrosse Ölgemälde zentrale Topoi der Maler- Mythologien. Ein Spiel der Alternativen, ein Akt des Widerstandes.,

 

Männerwelten und Renitenz

 

Und Widerstand ist ein zentrales Motiv dieser Berner Ausstellung. Das Bild abbau der heute 69-jährigen Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, genau datiert auf den 23./24. Juni 2017, besitzt geradezu Manifestcharakter.Es zeigt, was in der Kunstgeschichte weitgehend ausgespart wurde: den unverstellten, weiblichen Blick, den weiblichen Körper jenseits männlicher Begierde.

Da wirkt es fast wie ein anekdotisches Aperçu, dass abbau auch ein Selbstportrait ist, in dem sich Erschöpfung, Genugtuung und Triumph nach der Teilnahme an der documenta 14, 2017, widerspiegeln – als raunte uns die Künstlerin in ihrer Ermattung zu: „Yes! Ich habe es geschafft!“.

Man stellte Miriam Cahn in Athen und Kassel zwei grosse Räume zur Verfügung. Im Athener Benaki-Museum installierte sie monumentale Kohlezeichnungen, die sie bereits 1982 in Kassel zur documenta 7 hätte zeigen sollen. Damals hängte sie sie wieder ab, als sie entgegen den Absprachen mit dem Kurator Rudi Fuchs für einen Kollegen hätte zur Seite rücken sollen. Ein mutiger Schritt, den sich eigentlich kein Künstler leisten kann. Ihrer Freundin Hella Santarossa schreibt sie im Herbst 1982: „documenta 7, biennale Venedig, alles ausstellungen, in denen künstler und die paar künstlerinnen nur noch handlanger sind von grössenwahnsinnigen ausstellungsmachern, die sich profilieren wollen.“

 

Im Berner Kunstmuseum

 

Die Zeiten haben sich geändert. In Bern am Kunstmuseum weht mit der erst vor zwei Jahren ernannten Direktorin Nina Zimmer ein neuer Wind. Das Bild Abbau, gezeigt in einem Seitenkabinett,könnten Besucherinnen und Besucher in Bern sogar relativ leicht übersehen, wurde doch der gesamte repräsentative Altbau des Museums hoch über der Aare leergeräumtfür die Retrospektive „Miriam Cahn. Ich als Mensch“. Ausgestellt werden hunderte Arbeiten, Zeichnungen und Gemälde.Auch das ist ein Manifest. Vor kurzem hätte man Cahn noch zwei, drei Räume überlassen. Nun ist es das ganze Haus, zehn Säle insgesamt. Dass die Schau anschliessend nach München ins Haus der Kunst sowie nach Warschau ins Muzeum Szuki tourt und parallel am Kunsthaus Bregenz und Madrid im Reina Sophia umfassende Ausstellungen geplant sind, belegt sicherlich den Post-documenta-hype, noch mehr jedoch die enorme künstlerische Kraft und Ernsthaftigkeit von Cahns Werk, dem man in Bern nun Raum gegeben hat. Die Kuratorin Kathleen Bühler nahm sich in ihrer Rolle weitgehend zurück und liess der Künstlerin freie Hand bei der inszenatorischen Gestaltung der Ausstellung.

Cahn fügte Zeichnungen und Gemälde von aus allen Schaffensperioden von den frühen 1980er-Jahren bis heute von Raum zu Raum zu thematischen Sets. Sie arrangierte ihre Zeichnungen und Ölbilder in ihrem Sinn stimmig, was auch bedeutet, dass sie keinem Bild, sei es noch so gross und gewichtig, einen Rahmen gegeben hat, dass die Zeichnungen, mögen sie noch so monumental und fragil sein, mit Nadeln an der Wand befestigt worden sind. Stimmig heisst bei Cahn vor allem aber auch, politisch zu sein, gegen den Strom zu schwimmen, sich für Minderheiten, für Flüchtlinge, gegen Krieg und gegen Männer-Macho-Kisten einzusetzen, Gegenbilder zu entwerfen zum Mainstream-Reklame-Wahnsinn, der uns täglich unter Beschuss nimmt. Gerade deshalb kommt Cahns Berner Schau so wohltuend konservativ daher. Obwohl sie durchaus Super8– und Video-Filme gedreht hat, zeigt die Künstlerin in Bern nur eine Arbeit mit digitalem Bewegtbild, die Installation Schlachtfeld / Alterswerk, 2012. Sie befindet sich am dramatischen Höhepunkt des Gebäudes wie der Ausstellung, im Vestibül des Obergeschosses am Ende des repräsentativen Treppenaufgangs, in dessen Nischen die Donatoren des Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit Gipsbüsten verewigt sind. Diesen stellt, beziehungsweise legt Cahen ein Duzend entrindete unterschiedlich bearbeitete Holzstämme entgegen sowie acht Videoscreens an der Wand, auf denen nahsichtig, man sieht nur die Hand, die Ton bearbeitet, das Material in Form gebracht und erforscht wird: Wie fühlt es sich an, wenn ich den Ton als Penis, Brust, Klitoris oder als Weltkugel behandele? Honi soit qui mal y pense. Die Herren in Stehkragen und Zwirbelbart auf der anderen Seite dürften es kaum goutieren. Es ist eine Kriegserklärung.

 

Ein widerständiges Leben

 

Miriam Cahn wird am 21. Juli 1949 in ein bürgerliches Basler Elternhaus geboren. Der Vater Herbert Adolf Cahn, ein angesehener Klassischer Archäologe und Numismatiker aus einer jüdischen Familie war mit seiner Frau bereits 1933 von Frankfurt a.M. in die Schweiz emigriert. Doch die Familienidylle bekommt Risse. Die Mutter leidet unter Depressionen. Die jüngere Schwester nimmt sich mit zwanzig das Leben. Zehn Jahre nach ihrem Tod verarbeitet Miriam Cahn das traumatische Erlebnis in einer berührenden Serie querformatiger D-A4-Bleistiftzeichnungen, scheinbar unbeholfen und schnell aufs Blatt geworfene Köpfchen im Stil der Art Brut: schweigende schwester, freundliche köpfe mit haaren, 1980. Das Werk ist im letzten Saal ausgestellt, der an den Wänden und in Vitrinen zum Schlussakkord noch einmal Zeichnungen und Skizzenbücher aus allen Lebensphasen versammelt. In den verzweifelten Gesichtchen blickt nicht allein die Schwester aus dem Totenreich. Vielmehr starrt uns auch die Künstlerin entgegen, in deren Antlitz wir uns schliesslich selbst wiederfinden, in aller Bedürftigkeit und Einsamkeit. Doch Lamentieren ist Cahns Sache nicht.

Bereits der Untertitel der Ausstellung Ich als mensch indiziert, dass sie sich nicht auf einen Aspekt ihres Schaffens als Zeichnerin, Malerin, Performerin reduzieren lassen will – und auch nicht auf ihre Rolle als Frau. So begegnet dem Publikum eine wache, streitbare und politische Zeitgenossin, in deren Kunst oft leuchtend bunte Farbigkeit einen provokanten Kontrast zu Themen wie Sexualität, Gewalt, Tod und Krieg herstellt.

Von Anfang an war für Cahn die Kunst ein Weg zum Widerstand, sowohl gegen die engen familiären, als auch gegen die politischen Verhältnisse, die in den 1970/80er-Jahren von der Ost-Westkonfrontation, einem drohenden Nuklearkrieg und der unaufgearbeiteten NS-Vergangenheit der Gesellschaft geprägt waren. Sind die grossformatigen Aquarellserien atombomben 07.09.1991 und 01.-07.1989 nicht zu dekorativ und verdrängen das Grauen? Nein, denn wie Bruce Conners Filmcollage Crossroads, 1976, ein ironischer Zusammenschnitt von Aufnahmen US-Amerikanischer Atombombentests, rufen sie das Ereignis auf, halten es im Gedächtnis, auch wenn der Betrachter eine Tapete zu sehen vermeint.

Eigensinn war Miriam Cahn früh eingeschrieben: „ich/ wollte künstler werden/ Picasso werden/ künstler sein/ unbedingt/ absolut/ frei/ wie ein mann leben/ aber aber/ nie mann sein,“ notiert sie 2013 rückblickend. Dem Vater trotzt sie nach ihrem Grafikstudium an der Basler Kunstgewerbeschule 1973 für fünf Jahre eine Apanage ab, um ihren Traum zu verwirklichen. 1978/79 erhält sie von der Stadt Basel ein Atelier in Paris. Zurückgekehrt zeichnet sie grossflächig mit Kohle auf die Betonpfeiler der gerade erbauten Basler Nordtangente. Mit einiger Chuzpe erklärt sie das Gelände zu ihrem Freiluftatelier. Der Protest beschert ihr eine Gerichtsverurteilung und frühen Ruhm, die Einladung nach Kassel und 1983 eine erste Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel bei Jean-Christophe Ammann.

 

Malen als Performance

 

Um nicht den Habitus des Malerfürsten zu reproduzieren arbeitet Cahn ausschliesslich mit Kohle und Kreide, zerreibt sie am Boden und zeichnet kniend in schnellen Zügen, nahe am Objekt. Ein atemberaubendes Beispiel, die wandfüllende Kreidezeichnung auf Transparentpapier schweigende schwester [kriegsschiff], 1981, im westlichen Kabinettsaal des Obergeschoss. Bis heute ist kein Werk entstanden, an dem sie länger als ein, zwei Tage gearbeitet hat. Sie versteht ihr Handwerk als Performance, das Kunstwerk nicht als ewig gültiges Meisterwerk, sondern als Niederschlag ihrer Haltung, ihrer Befindlichkeit, ihrer Einfühlung in das Objekt, die sich im besten Fall auf die Betrachterin und den Betrachter überträgt. Ungerahmt hängt Cahen ihre Bilder in Clustern übereinander, doch nach Möglichkeit so, dass die geisterhaften abgebildeten Wesen auf Augenhöhe mit den Betrachtenden erscheinen. Allein durch die Hängung rückt sie in schnell nach rechts! 2005 u, 23.09.2017 das maskenhafte Flüchtlingskind ins Zentrum der Aufmerksamkeit, ein unheimlicher Wiedergänger der Putten in Rafaels Sixtinischer Madonna ebenso wie von Alan Kurdi, des syrischen Flüchtlingskindes, bei dessen lebloser, an einem Strand der türkischen Küste angespülter Körper als Pressefoto durch die Weltmedien ging. Miriam Cahn zwingt ihren Betrachtern diese Sichtweisen nicht auf. Sie stellt sie ihnen zur Verfügung, eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich darin wenigstens ein Stück weit wiederzuerkennen. Das Angebot ist kompromisslos – und von unschätzbarem Wert.


English Version

My work is smarter than I am

The Swiss artist Miriam Cahn is honoured with a large-scale retrospective at the Kunstmuseum Bern – the artist does not send her audience on a simple parcours.

The picture attracts, repels. The viewer will not forget it again. With eyes wide open, a cheerful grimace grins at us. Fast brush strokes: Eyes, nose, mouth are only hinted at. This is not about closeness to reality, recognition, formal bravura. It’s about the archetype: dot, dot, comma, stroke, the face is done. It doesn’t take more than that for another, another, to look towards us, to cast a spell over us.
And so we remain trapped by this bald skull, which, bent far forward and turned to the side, stands out against a black background. Acts like the continuation of the phallus-like, bulbously overstretched neck, which merges into a massive naked female body, also monstrous, repulsive and attractive at the same time. The hip picture is not shown frontally according to the convention, but turned to the left, so that the right half of the body appears in profile. Doesn’t the figure want to reveal itself completely? Or does it want to expose its advantages that are considered ugly in the conventional sense? The thin arm, the tense, clenched fist, the flabby chest, the wrinkled, bloated stomach that merges like a sack into the black of the pubic hair? Possible.
But there is another way to look at it. Because the „ugly“ body is painted „beautifully“. The texture changes strikingly from the fleetingly thin application of paint on the grimace to a pasty ductus in the old master manner, as if Flemish baroque painters, Jacob Jordaens or Antoon van Dyck, had led the brushes to bring the incarnation of a nymph from the spring or Susanna’s in the bath to life. The almost life-size oil painting quotes and thwarts the central topoi of painterly mythologies with a single stroke of the hand, cheeky and full of relish. A game of alternatives, an act of resistance..,

Men’s Worlds and Renitence

And resistance is a central motif of this Bern exhibition. The painting of the now 69-year-old Swiss artist Miriam Cahn, dated June 23/24, 2017, has the character of a manifesto and shows what has been largely omitted in art history: the unobstructed female gaze, the female body beyond male desire.
It almost seems like an anecdotal aperçu that Abbau is also a self-portrait that reflects exhaustion, satisfaction, and triumph after her participation in documenta 14, 2017 – as if the artist whispered to us in her exhaustion: „Yes! I made it!“.
Miriam Cahn was given two large rooms in Athens and Kassel. At the Benaki Museum in Athens, she installed monumental charcoal drawings that she was supposed to have shown at documenta 7 in Kassel back in 1982. At the time, she was hanging it off again when, contrary to agreements with curator Rudi Fuchs, she was supposed to move aside for a colleague. A courageous step that no artist can actually afford. She wrote her friend Hella Santarossa in the autumn of 1982: „documenta 7, Venice Biennale, all exhibitions in which artists and the couple of artists are only longer than megalomaniacs who want to distinguish themselves.

In the Bern Art Museum

Times have changed. A new wind is blowing in Bern at the Kunstmuseum with the director Nina Zimmer, who was appointed just two years ago. Visitors in Berne could even easily overlook the image of dismantling, shown in a side cabinet, as the entire representative old building of the museum high above the Aare was emptied for the retrospective „Miriam Cahn. Me as a human being“. Hundreds of works, drawings and paintings are exhibited, and this is also a manifesto. Recently Cahn would have been given two or three rooms. Now it’s the whole house, ten rooms in all. The fact that the show will then tour to the Haus der Kunst in Munich and the Muzeum Szuki in Warsaw, and that comprehensive exhibitions are planned in parallel at the Kunsthaus Bregenz and Madrid in Reina Sophia, certainly proves the post-documenta hype, but even more the enormous artistic power and seriousness of Cahn’s work, which has now been given space in Bern. Curator Kathleen Bühler largely withdrew from her role and gave the artist a free hand in the staging of the exhibition.
Cahn added drawings and paintings from all creative periods from the early 1980s to the present day from room to room to thematic sets. She arranged her drawings and oil paintings harmoniously in her sense, which also means that she did not frame any picture, however large and weighty it may be, so that the drawings, however monumental and fragile they may be, were attached to the wall with needles. But for Cahn, being coherent also means above all being political, swimming against the current, standing up for minorities, for refugees, against war and against men’s Macho boxes, designing counter-images to the mainstream advertising madness that comes under fire every day. This is precisely why Cahn’s Bern show is so pleasantly conservative. Although she has shot Super8 and video films, the artist is only showing one work in Bern with a digital moving image, the installation Schlachtfeld / Alterswerk, 2012. It is at the dramatic climax of the building and the exhibition, in the vestibule of the upper floor at the end of the representative staircase, in whose niches the donators of the 19th century house are immortalized with plaster busts. Cahen confronts these with a dozen debarked, differently processed logs and eight video screens on the wall, on which one can see only the hand, the sound, the material is brought into shape and researched: What does it feel like when I treat clay as penis, breast, clitoris or globe? Honi soit qui mal y pense. The gentlemen in stand-up collars and whiskers on the other side are unlikely to like it. It is a declaration of war.

A life of resistance

Miriam Cahn was born on 21 July 1949 in a Basel parental home. His father Herbert Adolf Cahn, a respected classical archaeologist and numismatist from a Jewish family, emigrated with his wife from Frankfurt am Main to Switzerland in 1933. But the family idyll gets cracks. The mother suffers from depression. The younger sister takes her own life when she is twenty. Ten years after her death, Miriam Cahn processes the traumatic experience in a touching series of landscape-format D-A4 pencil drawings, seemingly awkward little heads quickly thrown onto the sheet in the style of Art Brut: silent sisters, friendly heads with hair, 1980. The work is exhibited in the last hall, which gathers drawings and sketchbooks from all phases of life on the walls and in showcases for the final chord. Not only the sister from the realm of the dead looks into the desperate little faces. Rather, the artist stares at us, in whose face we finally find ourselves, in all neediness and loneliness. But lamenting is not Cahn’s thing.
The subtitle of the exhibition Ich als mensch already indicates that she does not want to be reduced to one aspect of her work as a draughtswoman, painter, performer – or to her role as a woman. Thus the audience encounters an alert, quarrelsome and political contemporary, whose art often makes a provocative contrast to themes such as sexuality, violence, death and war with its bright and colorful colors.
For Cahn, art was from the outset a path to resistance, both against the close family and against the political conditions that were marked in the 1970s and 1980s by the East-West confrontation, an impending nuclear war, and the unresolved Nazi past of society. Aren’t the large-format watercolor series atomic bombs 07.09.1991 and 01.-07.1989 too decorative and displace horror? No, because like Bruce Conners‘ film collage Crossroads, 1976, an ironic compilation of shots of American nuclear bomb tests, they recall the event, keep it in mind, even if the viewer seems to see a wallpaper.
Miriam Cahn was a stubborn young artist: „I/ wanted to become an artist/ become a Picasso/ be an artist/ absolutely/ absolutely/ free/ live like a man/ but/ never be a man,“ she notes retrospectively in 2013. After studying graphics at the Basel School of Applied Arts in 1973, she defied her father for five years to realize her dream. In 1978/79 she received a studio in Paris from the city of Basel. Back she drew large areas of charcoal on the concrete pillars of the recently built northern tangent of Basel. With some chutzpah she declares the site her open-air studio. The protest brought her a court sentence and early fame, an invitation to Kassel and her first solo exhibition at the Kunsthalle Basel in 1983 with Jean-Christophe Ammann.

Painting as Performance

In order not to reproduce the habitus of the painter-prince, Cahn worked exclusively with charcoal and chalk, rubbing them on the floor and drawing them kneeling in fast moves, close to the object. A breathtaking example, the wall-filling chalk drawing on tracing paper silent sister [warship], 1981, in the western cabinet room of the upper floor. To this day, no work has been created on which she has worked for more than a day or two. She understands her craft as performance, the work of art not as an eternally valid masterpiece, but as a reflection of her attitude, her state of mind, her empathy with the object, which in the best case is transferred to the viewer. Unframed, Cahen hangs her pictures on top of each other in clusters, but if possible in such a way that the ghostly beings depicted appear at eye level with the viewers. Just by hanging them, they quickly move to the right! 2005 u, 23.09.2017 the mask-like refugee child in the center of attention, an uncanny revenant of the putti in Rafael’s Sistine Madonna as well as of Alan Kurdi, the Syrian refugee child, whose lifeless body washed up on a beach of the Turkish coast went through the world media as a press photo. Miriam Cahn does not force these views upon her viewers. She makes them available to them, giving them the opportunity to recognize themselves at least to a certain extent. The offer is uncompromising – and of inestimable value.

First published in Republik.ch

Veröffentlicht unter Ausstellungen | Kommentar hinterlassen

Und ewig ruft’s aus Ingolstadt

Das Schauspielhaus Zürich bringt zum 200-Jahr-Jubliäum der Erstveröffentlichung Mary Shelleys berühmter Gothic Novel „Frankenstein“ eine Neubearbeitung auf die Bühne

Epoche, Zäsur, unendliche Ruhe vor dem was kommen mag, die Welt hält den Atem an: Nachdem am 5. April 1815 gut zwei Monate vor der Schlacht von Waterloo der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa ausbrach, verdunkelte seine Lavaasche auch die Nordhalbkugel dergestalt, dass das darauffolgende Jahr als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsbücher einging. Während die Ernten ausblieben, die Menschen darbten, das Vieh auf den Weiden verhungerte und die europäische Ordnung auf Anfang gedreht wurde, vertrieb sich eine kleine libertinäre Schaar junger Engländer den Sommer in einer angemieteten Villa, der Villa Diodati, am Ost-Ufer des Genfer Sees mit Drogen und Geschichtenerzählen.

Das ist zum einen die Geburtsstunde des dritten Gesangs des Versepos Childe Harold’s Pilgrimage von George Gordon, Lord, Byron, der die Villa im irrigen Glauben angemietet hatte, der Autor des Paradies Lost, John Milton, habe hier logiert. Eine Tafel an der Hausfassade erinnert an den Aufenthalt und die Dichtung. Daneben und hier nicht memoriert entstanden in den verregnet-kalten Sommertagen des Jahres 1816 vor allem die erste moderne Vampirerzählung The Vampyre von John William Polidori, Byrons Leibarzt, und eine Monster-Geschichte von Mary Godwin, der Reise- und Lebensgefährtin des Dichterphilosophen Percy Bysshe Shelley. Sie brachte sie zwei Jahre später 1818 als verheiratete Shelley unter dem Titel Frankenstein or The Modern Prometheus heraus.

Erwartung des Unerhörten

Die Fallhöhe für eine Jubiläumsveranstaltung ist hoch. Und tatsächlich gibt es sie noch, diese Erwartung, das freudige Fiebern, die Unruhe, ein Gang ins Theater könnte noch eine Überraschung bieten, ein Erstaunen, eine Erfahrung, die über das Epigonale hinausgeht, eine Geschichte erzählt, die fesselt, weil sie so und nicht anders erzählt werden kann und in ihrer Erzählung und ihren Bildern nicht ständig Anleihen an die neunen Medien und die bildende Kunst nehmen muss; – wahrscheinlich liefert das heute eher das Tanz- und Performancetheater, Künstlerinnen und Künstler, die sich auf wortlose Bewegung, den Leib einlassen.

Die Erwartung des Unerhörten, Außergewöhnlichen war auch immer mit dem Regisseur Stefan Pucher verbunden. Er kam dem zwar selten nach, aber die Fama des Innovativen, des Neuerers wurde er nie los. Ihm ging wider jeder Niederlage der Ruf voraus, er vereine das alte Theater mit dem Neuen, das Schauspiel mit dem digitalen Bewegtbild, enttäuschte aber, wo die Videoprojektionen Chris Kondeks bloß hippe Zeitgeistornamente lieferten.

So klaffte nun auch bei der Premiere „Frankenstein. Von Dietmar Dath, inspiriert von Mary Shelley“ am vergangenen Donnerstag eine gewaltige Lücke zwischen Erwartung, Anspruch und ästhetischer Wirklichkeit. Während sich Kondeks Videoprojektionen epigonal zwischen Ed Atkins – die Untoten in der Nährflüssigkeit – und Katharina Sieverding – die monumentalen En-Face-Projektionen der Protagonisten – bewegten, sprengten die ambitionierten vier beweglichen Dreiecksegmente der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes die ohnehin zu kleine Bühne im Zürcher Pfauen.

Der Autor Dath und sein Regisseur versuchen in diesem Einheitsset Shelleys Vorlage in die Gegenwart zu wuchten, wobei die Tonlage zwischen heiligem Ernst und heiterer Ironie angelegt bleibt, ein Spiel, das besonders gelungen bei Inga Busch als Professor Anna Waldmann ausgereizt wird, der forschen Antagonistin zum zaudernden Menschenschöpfer Victor Frankenstein, den Edmund Telgenkämper als Figur zwischen Hamlet und Marylin Manson gibt. Wer den Abend genießen möchte, der achte auf die Darsteller – auf Julia Kreusch als beflissener Dr. Walton, auf Lena Schwarz, als Elisabeth Lavenza, die untote Braut Frankensteins, auf Fritz Fennes Totoschka, das Faktotum im Famulusmodus. Ja, und schließlich auf Robert Hunger-Bühler als „Geschöpf“, wohl allein schon darin groß, als er darauf verzichtet, in den ersten Minuten mit entblößtem Oberkörper aufzutreten und sonst zwischen Kaspar Hauser und Büchners Woyzeck agiert.

Und der Inhalt? Die ethischen Fragen, die chinesischen Klonaffen Zhong Zhong und Hua Hua, und die AIDS-resilienten Designerbabys? Ja, irgendwie sind sie, auch mitgemeint, aber eigentlich auch nicht. Mit dem Dath-Viktor-Frankenstein gesagt: „Interessiert mich nicht. Du kannst zehn geschwollene Monologe über Gut und Böse halten, ich falle nicht drauf rein. Diese Sprache, dieses Papierdeutsch!“ Sonst noch Fragen? Wir warten auf den nächsten Vulkanausbruch.

———————–

And forever it calls from Ingolstadt

Schauspielhaus Zürich stages a reworking of Mary Shelley’s famous gothic novel „Frankenstein“ for the 200th anniversary of its first publication.

A new epoch, a break, infinite peace, before what may come, the world holds its breath: After the Tambora volcano erupted on the Indonesian island of Sumbawa on April 5, 1815, a few months before the Battle of Waterloo, its lava ash darkened the northern hemisphere to such an extent that the following year went down in history as the „year without summer“. While the harvests failed to materialise, the people lived, the cattle starved to death on the pastures and the European order was turned upside down, a small libertine group of young Englishmen drove away the summer in a rented villa, Villa Diodati, on the eastern shore of Lake Geneva with drugs and storytelling.

This is on the one hand the birth of the third song of the epic poem „Childe Harold’s Pilgrimage“ by George Gordon, Lord, Byron, who rented the villa in the erroneous belief that the author of „Paradise Lost“, John Milton, stayed here. A plaque on the façade of the house recalls the stay and the poetry. In addition, and not memorized here, the first modern vampire tale „The Vampyre“ by John William Polidori, Byron’s personal physician, and a monster story by Mary Godwin, the travel and life companion of the poet philosopher Percy Bysshe Shelley, were written in the rainy, cold summer days of 1816. Two years later, in 1818, she published her as married Shelley under the title „Frankenstein or The Modern Prometheus“.

Expectation of the unheard-of

The drop height for an anniversary event is high. And in fact it still exists, this expectation, the joyful fever, the restlessness, a trip to the theatre could still offer a surprise, an astonishment, an experience that goes beyond the epigonal, tells a story that captivates because it can be told in this way and not in any other way and in its narrative and images does not have to constantly borrow from the new media and the visual arts; – Probably today it’s more the dance and performance theatre that delivers that, artists who engage in wordless movement, the body.

The expectation of the unheard-of, of the extraordinary was always connected with the director Stefan Pucher. He seldom followed this expectation, but he never got rid of the fama of the innovative, the innovator. Against every defeat, he was preceded by the reputation of uniting the old theatre with the new, the play with the digital moving image, but he disappointed, where Chris Kondek’s video projections merely provided hip zeitgeist ornaments.

And so it was at the premiere of „Frankenstein. Von Dietmar Dath, inspired by Mary Shelley“ last Thursday there was a huge gap between expectation, ambition and aesthetic reality. While Kondek’s video projections moved epigonally between Ed Atkins – the undead in the nutrient fluid – and Katharina Sieverding – the monumental en-face projections of the protagonists – the ambitious four movable triangular segments of stage designer Barbara Ehnes blew up the already too small stage in Zurich Peacock.

The author Dath and his director try to balance Shelley’s model into the present in this unit set, whereby the tone remains between holy seriousness and cheerful irony, a game that is particularly successfully exploited in Inga Busch’s work as Professor Anna Waldmann, the researchful antagonist to the dithering creator of man Victor Frankenstein, whom Edmund Telgenkämper gives as a figure between Hamlet and Marylin Manson. If you want to enjoy the evening, pay attention to the actors – Julia Kreusch as the eager Dr. Walton, Lena Schwarz, Elisabeth Lavenza, Frankenstein’s undead bride, Fritz Fennes Totoschka, the factotum in family mode. Yes, and finally Robert Hunger-Bühler as a „creature“, probably already great in it alone, when he renounces to appear in the first minutes with his upper body exposed and otherwise acts between Kaspar Hauser and Büchner’s Woyzeck.

And the contents? The ethical questions, the clone monkeys Zhong Zhong, Hua Hua, and the Chinese designer babies? Yes, somehow they are, also meant, but also not really involved. Said with the Dath-Viktor-Frankenstein: „I’m not interested. You can hold ten swollen monologues about good and evil, I won’t fall for it. This language, this paper German! Any other questions? We are waiting for the next volcanic eruption.

End

Veröffentlicht unter Ausstellungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Schiefertafeln und Tennisbälle. Yves Netzhammers Biografische Versprecher im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen

Es war einmal eine Stadt am Rhein. Stolze Altstadthäuser, der Mohrenbrunnen und ein mächtiges Spinnereigebäude zeugen noch heute vom Wirtschaftssinn und Wohlstand ihrer Bürger. Einer kam, als die Textilindustrie darniederlag, auf die findige Idee, Kunst in die alte Spinnerei zu holen und versammelte die Werke eines Bruce Nauman, Carl Andre, Mario Merz, Sol LeWitt, Robert Ryman, Robert Mangold, Donald Judd, und – Joseph Beuys. Zwei Jahre vor seinem Tod baute der Meister 1984 eines seiner Hauptwerke „Das Kapital Raum 1970 – 1977“ in einen acht Meter hohen Raum. Man brach dafür eine Decke heraus. Spektakulär. Doch auch dieser Traum hatte ein Ende. 2014 entschied ein Gericht des Städtchens, „Das Kapital“ müsse kapitalisiert werden. Die klagenden Eigentümer seien auszuzahlen, worauf dutzende Objekte, Schiefertafeln, Filmprojektoren, Wannen und ein Flügel nach Berlin verkauft wurden. Dort sind sie seit 2016 im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart vorzüglich platziert. Die Sammlung der einst gerühmten „Hallen für Neue Kunst“ hingegen zog flussaufwärts nach Basel und ward bisher nicht wiedergesehen. Ein Märchen? Eine Posse aus der Schweizer Provinz, die ihr „Kapital“ verzockt? Sicherlich. Doch viel grundsätzlicher, da der Ratio und schnellen Erklärungen entzogen, zeigt sich hier ein sozietäres Stottern, ein Versprechen, als eine Zusicherung und ein Versagen gleichermaßen.

Der Künstler Yves Netzhammer wuchs in diesem Märchenstädtchen Schaffhausen auf. Nun ist er kurz in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und bespielt ausgewählte Orte des Museums zu Allerheiligen, das im einst mächtigen Benediktinerkloster die kantonalen Sammlungen zu Natur, Kunst und Geschichte präsentiert. Auch Teile der ehemaligen Hallen für Neue Kunst sind dabei. Deren Geschichte gehört unmittelbar zu Netzhammers Erfahrungen. Er hat dort in seiner Jugend zwischen Judd, Nauman und Beuys als Aufseher gejobbt – ein Artisten-Versprechen, ein „Biografischer Versprecher“ allemal, wie der Titel der klandestin retrospektiven Ausstellung nun auch lautet. Der Künstler platziert 18 Objekte und Video-Projektionen in den verzweigten Räumlichkeiten der ständigen Sammlung und richtet dazu eine großflächige Black Box mit kinetischen Skulpturen und Videoprojektionen ein.

Der unstrittige Höhepunkt bildete allerdings die Temporäre Installation in den ehemaligen Hallen für Neue Kunst. Sie war, auch darin stringent, nur knapp drei Wochen zu sehen. Der Besucher betrat das gespenstisch leere Obergeschoss ohne jeden optischen Anhaltspunkt; – nur monotone Plop-und-Plong-Geräusche, wie man sie von Tennisplätzen her kennt, sorgten im unheimlichen Pfeilergewirr der Halle für eine akustische Orientierung. Die Geräusche rührten von drei Tennisball-Wurfmaschinen her, die aus ihren schwarzen Trichtern Bälle gegen die Wände just jenes Raums schleuderten, in dem vor wenigen Jahren noch die Kreide-beschriebenen Schiefertafeln Beuys’ zu sehen waren. Die Bälle plopten erstaunlich genau mit einem Klong auf metallische Scheiben und sprangen in hohem Bogen zurück, nicht selten in den Trichter. Wo nicht, waren Aufsicht und Besucher damit beschäftigt, die fehlgeleiteten signal-gelben Geschosse einzusammeln und zurück in die Wurfmaschine zu bugsieren. Es bedarf einiger Chuzpe sich dieses Ortes künstlerisch zu bemächtigen. Doch Netzhammer gelang dies auf überzeugende Weise, nicht in Verneigung und Gedenken, sondern in einer munteren Austreibung der Geister, bei der symbolisch der Übervater Beuys durch die Waffen des realen Vaters, Netzhammers war Tennislehrer, geschlagen wurde. Statt der Schiefertafeltexte des Kunstschamanen waren nun fünf monumentale Wandzeichnungen direkt auf den Putz gebracht, die dem Betrachter noch rätselhafter erschienen, fehlte doch jedes ikonographische Bezugssystem. Was sollte einem der Hände-Finger-Wurzel-Knollen bedeuten? Der große Kopf? Die Ente über einem Hundeschädel mit roter Clownsnase oder die Hand, an deren Stumpf ein roter Kreis und der afrikanische Kontinent gebunden waren? Der Besucher sah sich auf das Lineament und den Zusammenklang der schwarzen und roten Kreisflächen zurückgeworfen und freute sich über das Tennisball-Bombardement der Schussmaschinen.

Die Ausstellung Yves Netzhammer Biografische Versprecher läuft noch bis 17. Februar 2019

Der Beitrag erschien zuert online und im Print in Kunstforum international Band 258, Köln 2018

 

 

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Emblematischer Konzeptualismus. Mai-Thu Perret im Genfer Mamco

IMG_8611.jpeg

I._ Genf, die Utopie, die Kunst

Nahezu jedem Kunstwerk wohnt ein utopisches Moment inne. Ihm ist etwas beigegeben, das noch nicht ist, das werden will und sein wird, als Vorschein einer besseren Welt. Daher wundert es nicht, dass eine Gemeinschaft, die sich wie das calvinistische Genf als eine von Gottes Gnaden auserwählte versteht, mit Kunst wenig anzufangen weiss. Sie hat sich ihrer jenseitigen Utopie schon versichert. In Calvins neuem Jerusalem haben der Glaube, die Bibellektüre und die nützlichen Dinge Platz. Artistischer Tand und Theater dagegen nicht.

Diese erhalten erst ihren Raum, wenn der Bund mit Gott Risse bekommt, – das dauert in Genf lange, bis 1821 mindestens. Da eröffnet die Stadt das Musée Rath als Tempel für die schönen Künste. Nicht zuletzt und vor allem, um diese im Griff zu behalten. Auch die in den 1870er-Jahren eingerichtete I`École des baux-arts de Genève diente als Gewerbeschule in erster Linie der handwerklichen Ausbildungen und erst in zweiter als Sprungbrett für eine künstlerische Laufbahn, sprich als Zwischenstation in Richtung Paris, ab den 1960er-Jahren dann auch nach London, New York.

Mit der Studentenrevolte versuchten einzelne Akteure Anschluss an die internationale Avantgarde zu halten. So vernetzte der gebürtige Genfer John Armleder, Jahrgang 1948, die Stadt über die Groupe Ecarte mit der internationalen Fluxus-Bewegung. Andy Warhol, John Cage, Joseph Beuys waren zu Gast. Doch die grosse Veränderung schafft erst die Deindustrialisierung zu Beginn der 1980er-Jahre. In verlassenen Fabriketagen gab es auf einmal Ateliers, Action, Galerien und wilde Partys. Genf formatierte sich als Kunstmetropole. Mehr aus Pragmatismus denn aus kulturpolitischer Überzeugung, liess Genf es plötzlich zu, dass die Kunst ihre Saat in verödeten Fertigungsstätten der Präzisionsindustrie säen konnte. Von deren Früchten lebt sie noch heute. Eine ist das centre culturel autogéré Genéve, L`Usine, mit seinem Projektraum Forde, der seit den frühen 1990er-Jahren für jeweils ein Jahr an ein Kuratorenteam vergeben wird. Dort organisierte Mai-Thu Perret mit dem Kurator Fabrice Stroun 1999 bis 2000 elf Ausstellungen und Veranstaltungen. Eine andere öffnete 1994 die Türen, das Mamco, das Musée d`art moderne et contemporain, mittlerweile eines der bedeutendsten schweizerischen Einrichtungen für Gegenwartskunst. Auch mit dieser ist Perret eng verbunden. Auf dem ersten Peak ihrer Karriere 2011, als sie neben einer Retrospektive im Kunsthaus Aarau, in Los Angeles, Zürich und Grenoble ausstellt, zeigt sie im Mamco eine erste Ausstellung in fünf Räumen des einstigen Industriebaus. Nun hat ihr der neue Chef Lionel Bovier eine grosse Retrospektive eingeräumt. Der Titel beschränkt sich auf den Namen der Künstlerin: „Mai-Thu Perret“. Das ist Verheissung und wohl auch ein bisschen Warnung. Denn Perrets Kunst gibt sich einerseits leicht, und erzählfreudig, andererseits einsilbig und spröde.

Gleich im ersten Raum steht ein lebensgroßer Esel aus Rattangeflecht, „Balthazar“, 2013, daneben ein niederer Holztisch, auf dem schwarz glasierte Tonfiguren ausgelegt sind. Das wirkt unangestrengt. Der Esel könnte als Werbefigur in einem Reisebüro stehen, die Figürchen in der Vitrine eines Schulflurs. Doch was haben Tisch und Esel miteinander zu tun? Und in welcher Beziehung steht das rote runde Kissen daneben, in dessen Mitte sich ein Mandala türmt? Es trägt den Titel: „They made no attempt to rescue art from ritual“, 2002, zu Deutsch, „Man hat keinen Versuch unternommen, die Kunst vor dem Ritual zu retten“. Doch wer spricht hier? Im calvinistischen Genf klingt es wie eine Kampfansage. Und damit sind wir, die Besucher mittendrin in Mai-Thu Perrets Utopien, wo der Esel einfach ein Esel ist, ein Objekt aus Rattan, das ein sentimentales, stures Naturwesen darstellt – und wo er doch gleichzeitig und bedeutungsschwer nach dem König des Alten Testaments benannt ist. Wo die Tonfigürchen zunächst nur naive Töpferei darstellen und zugleich Zeugnis für eine reiche soziale Plastik ablegen. Willkommen bei Mai-Thu Perret und ihrem vielstimmigen, vielschichtigen „New Ponderosa“!

IMG_8902.jpeg

II._ Die Künstlerin, die Erzählungen

Obwohl in Genf geboren und aufgewachsen, hat Mai-Thu Perret lange gebraucht, bis sie hier ankam. Sie wurde 1976 in eine Juristenfamilie geboren. Beide Eltern arbeiteten für die UNO. Vom Schweizer Vater bekam sie den Nachnamen, den Vornamen aus der Heimat ihrer Mutter, einer vietnamesischen Diplomatin. Eine Kunsthochschule besuchte sie nie. Nach der Matur studierte sie zuerst in Cambridge Literatur und schloss mit einem Bachor ab. 1997 zog sie nach New York und arbeitete unter anderem bei dem Maler und Musiker Steven Parrino, der in der Silvesternacht 2005 bei einem Motoradunfall ums leben kam, als Assistentin. Im zu Ehren gibt sie mit John Armleder, mit dem sie einige Jahre zusammenlebte, 2008 das Künstlerbuch „Black Noise“ heraus. Ein entscheidender Anstoss, die Bildende Kunst ernst zu nehmen, kam ihr während einer Tour durch die Wüsten Arizonas und New Mexicos. Der Künstlerfreund Olivier Mosset, ein Schweizer Maler in Tuscon, Arizona verheiratet, hatte angeregt, die Arbeiten Donald Judds in Marfa und James Turells Roden-Crater zu besuchen. Sie übernachteten auf der langen Strecke bei Bekannten, die in der Abgeschiedenheit von bescheidener Landwirtschaft und Kunsthandwerk lebten. Perret war davon fasziniert, wie ihre Gastgeber fern der Zivilisation an einer besseren Welt bauten. Für sie kam ein Leben in der Landkommune nicht in Frage, „ich bin dafür viel zu sehr Städte gewöhnt. Ich brauche diesen lebendigen Wechsel von Austausch und Anonymität . Doch das revolutionäre Potential dieser Gemeinschaften liess Perret nicht wieder los. „Mir ging es zuerst um das utopische Potential, dann erst um den künstlerischen Ausdruck und ein bestimmtes Medium,“ erklärt die Künstlerin im Gespräch mit der Republik.

Kurz nach der Rückkehr nach Genf 1999 konkretisierte sich ihr Projekt „Crystal Frontier“. In Anlehnung an die U.S.-amerikanische Westernserie Bonanza, in der ausschließlich männliche Familienmitglieder die Ranch „Ponderosa“ betreiben, erfand Perret das Narrativ der radikalfeministischen Frauenkommune „New Ponderosa“. Sie produzierte kurze Texte, Briefe und Tagebucheitragungen fiktiver Mitglieder der utopischen Gemeinschaft, die sich in der Wüste von New Mexico von den Zwängen der Lohnarbeit und des Geschlechterkampfs befreien möchte. Die literarischen Fragmente liessen Perret in die Bildende Kunst eintauchen. Neben und mit der literarischen entstand eine reale Welt: Perret produzierte Objekte, von denen sie behauptet, sie stammten aus der Hand der Kommunardinnen, Keramikarbeiten und Textilarbeiten vor allem, die mit dem Vorurteil weiblicher Haus- und Handarbeit spielen. „Hypothetische Produkte“ nennt sie die Künstlerin. «So kann ich Dinge tun, die wirklich nichts mit mir als Künstlerin, meiner Biografie oder meinem persönlichen Geschmack zu tun haben», sagt sie, «das ist wie eine Befreiung von mir selbst.» Ihr Verfahren erinnert an Strategien der Intertextualität bei der französischen Künstlerin Sophie Calle oder der U.S.-amerikanischen Multimedia-Künstlerin Lynn Hershman. Auch bei ihnen fallen im medialen Spiel Fiktion und Realität ununterscheidbar zusammen.

Die Zürcher Galeristin Francesca Pia hat den künstlerischen Weg von Mai-Thu Perret von Anfang an begleitet. „Ich hatte bis 2006 eine Galerie in Bern und freute mich, als Mai-Thu und Fabrice Stroun den Espace Forde in Genf betrieben, auf Verbündete zu stossen,“ erzählt sie mit einem Schmunzeln. „Ich war erstaunt zu hören, dass sie nicht nur als Kuratorin sondern auch als Künstlerin tätig war.“ Francesca Pia zeigte dann 2003 eine erste Ausstellung mit Perret, „Pure self-expression x25“.

IMG_8663.jpeg

III. _ Die Ausstellung, der Emblematische Konzeptualismus

Auch die Ton-Skulpturen im Eingangsraum stehen vermeintlich im Zeichen der Selbstverwirklichung. „9 Sculptures of Pure Self-Expression (The Male Principle)“ (2003) war bereits in Bern zu sehen, rührend dilettantische Kleinplastiken aus schwarz glasiertem Ton, vom Pferd bis zu einem Paar beim Cunnilingus. Wir sind in ein Reich der Allusionen und Verweise eingetreten, in ein Spiel von Mehrdeutigkeiten, falschen Fährten und Versprechen.

Dabei funktioniert die Mehrzahl ihrer Arbeiten, so auch diese, nach dem Prinzip eines barocken Emblems. Das Emblem entsteht durch die Verknüpfung von Schrift und Bild, der Kombination von Titel, Bild, und Subscriptio, der Erklärung, die verschlüsselt Hinweise zur Gesamtbedeutung liefert. Natürlich könnte der unbefangene Besucher ihrer Ausstellung kurz annehmen, die neun Figürchen seien als „reiner Ausdruck“ der Künstlerin zu verstehen – und sie stammen ja auch von ihr, wie das Werkschildchen annonciert. Aber hätten sie nicht auch dritte herstellen können? Sind sie dann noch authentischer Ausdruck eines „Selbst“? Und wenn ja, wessen? Perret hat sie zuerst als Dokumente deklariert. Die Figürchen sind eben zu allererst Zeugnisse der Arbeit der Frauen aus ihrer „New Ponderosa“-Geschichte, der Befreiungsbewegung der Frau, als Subscriptio ihrer Arbeit.

Perrets Emblematischer Konzeptualismus gibt ihr erstens die Möglichkeit als Künstlerin erneut in der Rolle der Demiurgin, der Weltschöpferin in Erscheinung zu treten, ohne die gängigen Artisten-Labels wie „expressiv“, „authentisch“, „ausdruckstark“ zu bemühen. Zweitens ermöglicht er ihr, sich auszuprobieren. Sie kann ohne Erfolgsdruck in unterschiedlichen Medien unterwegs sein. Ein Grund dafür, dass ihr kaum eine eigene Handschrift zuzuordnen ist. Jede Arbeit steht im Zusammenhang mit einer anderen und ihren Narrativen und dann erst mit der Künstlerin. Formal dient das Thema Frauenemanzipation zuerst dazu, die künstlerischen Aktivitäten zu bündeln. So steht ihre Arbeit bis heute unter dem Horizont der „New Ponderosa“-Geschichte, auch wenn längst andere Setzungen und auch reale Figuren wie die russische Konstruktivistin Varvara Stepanova in der Videoinstallation „An Evening of the Book“ (2007) oder der überdimensionierte Rattan-Pfropf nach Sophie Taeuber-Arp, „Black Sophie“ (2015) hinzugekommen sind. Es sind mittlerweile verwirrend viele Vorbilder und Leitmütter, die da an der Wiege stehen.

Mai-Thu Perret hat in Genf einen spannenden, kaum zu beschreibenden Parcours aufgebaut. Der Besucher tritt wie Alice im Wunderland in eine Kaffeekanne, sieht in das stahlglänzende Auge der schlafenden Künstlerin, freut sich über rot leuchtende Spiralkegel unter der Decke und konkrete Keramikreliefs an den Wänden. Zum Ende der Ausstellung ein unerwarteter Themenwechsel: Drei irritierend realistische Bronzeglocken in Form von Organen „Eventail des caresses“, 2018, hängen vor einer langen schwarzen Holzwand, „The Garden of Nothingness“, 2018, wie zu einer Zen-Meditation. Doch als wäre dieser existenzialistische Schwenk schon ein Schritt zu viel, weg von ihrem künstlerischen Kerngeschäft, bekommt die feministische Emanzipationsutopie gleich im Anschluss mit einer Handvoll Figurinen im Kampfanzug, „Les Guérillères“, 2016, einen Auftritt mit Trommelwirbel. Als sie die Künstlerin zum ersten mal zeigte, konnten die Besucher zwischen ihnen herumspazieren. Das geht jetzt nicht mehr. Sie stehen auf einer Bühne, einem hohen Sockel – und mit ihnen auch die Künstlerin. Ob sie da wieder herunterkommt? Wir werden es sehen!

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Theater, Theorie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Marthaler Passion

Musik – was das Theater noch zusammenhält. Oder, was den Jungen der Brahms (Deutsches Requiem), ist den Alten ihr Mahler (das Adagietto aus der 5. Symphonie).

Christoph Marthaler und Anna Viebrock verbeugen sich gemeinsam, was für ein Bild! Die beiden Theatergroßen sind mit einem kleinen Stück des Musikgroßen John Cage „44 Harmonies from Apartment House 1776“ an der Theaterrampe des Schiffbau des Schauspielhaus Zürich zurückgekehrt. Sie verbeugen sich demütig und augenscheinlich versöhnt mit ihrem Publikum, dem Publikum einer Stadt, Zürich, die sie vor gut 15 Jahren zum Teufel gejagt hatte. Zwar sah man die beiden schon vor zwei Jahren hier mit einer Inszenierung, doch das war eine Übernahme; nun also die erste nach langer, ewig langer Zeit.

Nach dem Warmlaufen Marthalers am Pfauen kurz vorher, die Nummernrevue im Science-Fiction-Set „Wir nämeds uf öis“ im Dezember 2017, war das Register nun deutlich tiefer angesetzt und seine Botschaft lautete nach dem Satyrspiel nicht nur „Wir-sind-wieder-da!“ sondern, „Seht-her! Die-Kunst-ist-bei-weitem-nicht-so-leicht,- wie-ihr-immer-denkt;-sie-ist-vielmehr-oft-schwer-und-auf-vielen-Bühnen-zu-Haus.“ Dazu baute Viebrock viele Bühnen in den viel zu großen Schiffbausaal, so wie man es von ihr kennt, so der Vereinsheim-Charme, den man heute eben nicht mehr in Chemniz sondern in Celle wiederfindet. Hier agieren, singen, musizieren zwei Aufführungsstunden lang 13 Akteure, wie immer verschrobene Marthaler-Sonderlinge in wie immer un-sinnigen Marthaler-Aktionen bis sie am Ende im Sandkasten im Vordergrund wie auf einem Jeff-Wall-Fototableau in eine gespenstische Starre verfallen – man sieht ihre Knochen bereits von Future-Paläologen ausgegraben und untersucht. Ihr Rückrat bildet ein züchtiges Mädchencelloquartett, ab und an vom Piano unterstützt – doch hier zeigt sich bereits die dramaturgische Schwäche des Abends: Marthaler-Viebrock wissen nicht so recht, was sie außer ihrem „Hier-sind-wir-wieder!“ zeigen wollen – nein, ums Erzählen, um Narrative ist es ihnen eh nie gegangen. Da ist statt dessen das Motiv der Schicksalsgemeinschaft, der Soldatität und der Harmonie, sozial und musikalisch. Da ist der Pilz, sagen wir, als Denkfigur, als bewusstseinserweiternde Substanz, als Provokation, als Herzausforderung, das Myzel als das Netz kollaborativer Kräfte und Abbildung der menschlichen Gemeinschaft. Wie wir schon zum Theatertreffen 2017 angemerkt hatten (siehe Beitrag „Brahms aus vollen Rohren“, ed. 1.5.2017 https://wp.me/p23TFX-rK ), vermag das nur noch durch die Musik zusammengehalten werden. Doch statt Cages eher eingängiges frühes Stück „44 Harmonies“ in den geistigen, musikalischen, dramaturgischen und choreografischen Mittelpunkt zu stellen, wirkt es mal so „vorgeschlagen“ wie angarniert.

Marthalers eigentlicher Gewährsmann der Musikmoderne heißt Charles Ives. Von diesem stammt an diesem Abend zwar kein einziges Stück. Doch die marthalerschen Retuschen und Brüche an Klassikern von Bach bis Wagner und Eric Satie, das Verblasene und Verrauschte sind aus seinem Geiste. Der einzige Klassikerberg, der unverrückt bleibt, heißt Gustav Mahler. Herzzerreißend für die vier Celli arrangiert beschließt sein Adagietto aus der 5. Symphonie den Abend und kompensiert damit dessen emotionalen Leerlauf. Gut, dass das Deutsche Requiem bei Marthaler keine Verwendung findet. Es war darum ein erträglicher Abend. Aber groß geht anders.

English Version:

Music – what still holds theatre together. Or, for what the youth of Brahms need (German Requiem), the old need their Mahler (the Adagietto from the 5th Symphony).

 

Christoph Marthaler and Anna Viebrock bow down together, what a picture! The two theater giants have returned with a small piece by the music great John Cage „44 Harmonies from Apartment House 1776“ at the theater ramp of the Schiffbau of the Schauspielhaus Zürich. They bow humbly and seemingly reconciled with their audience, the audience of a city, Zurich, which they had chased to hell 15 years ago. Although they were seen here with a production two years ago, this was a take-over; now the first after a long, eternally long time.

After Marthaler’s warm-up at Pfauen shortly before, the number revue in the science fiction set „Wir nämeds uf öis“ in December 2017, the register was now set much lower and its message after the satyr play was not only „Wir-sind-wieder-da! The-art-is-not-as-easy-as-you-always-think-about-it;-it-is-much-more-often-heavy-and-on-many-stage-to-house.“ In addition Viebrock built many stages in the much too big shipbuilding hall, as one knows it from her, so the clubhouse charm, which one finds today no longer in Chemniz but in Celle. Here 13 actors act, sing, play music for two hours of performance, as always quirky Marthaler specialties in as always senseless Marthaler actions, until at the end they fall into a ghostly rigidity in the sandbox in the foreground like on a Jeff Wall photo tableau – one can already see their bones excavated and examined by Future palaeologists. Their backbone forms a bossy girl cello quartet, occasionally supported by the piano – but here the dramaturgical weakness of the evening is already apparent: Marthaler-Viebrock don’t really know what they want to show apart from their „here we are again“ – no, they were never concerned with narration, with narratives anyway. Instead, there is the motif of the community of fate, of soldierliness and harmony, social and musical. There is the mushroom, let’s say, as a figure of thought, as a consciousness expanding substance, as provocation, as a heart challenge, the mycelium as the network of collaborative forces and representation of the human community. As we already mentioned at the Theatertreffen 2017, it can only be held together by music. But instead of placing Cage’s catchy early piece „44 Harmonies“ in the intellectual, musical, dramaturgical and choreographic centre, it sometimes seems as „suggested“ as if it were „angarniert“.

Marthaler’s true guardian of modern music is Charles Ives. Not a single piece of this music was written this evening. But the Marthaler retouches and breaks in classics from Bach to Wagner and Eric Satie, the blown and noisy, are from his spirit. Gustav Mahler is the only mountain of classics that remains unaffected. Heartbreakingly arranged for the four cellos, his Adagietto from the 5th Symphony concludes the evening and thus compensates for its emotional idleness. It is good that the German Requiem is not used by Marthaler. It was therefore a bearable evening. But great is different.

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Psychogeografie, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Chops and Crops – Jean-Marie Appriou in the Gallerie Eva Presenhuber

Der Besucher traut seinen Augen nicht. Im Geviert des ersten White Cube der Galerie erblickt er metallglänzende Bündel von realistisch dimensionierten Maisstauden, gut zwei Meter hoch. Veristische Maskengesichter mit großen Augen und spitzen Mündern lugen unheimlich daraus hervor. Übergroße metallene Heuschrecken hängen furchterregend an der Wand. Und der Besucher mittendrin. Wo ist er da hineingeraten? In den Requisitenschrank eines Märchen-Stücks? Oder in die Metallwerkstatt für Aluminium-Guss-Skulpturen?

Der junge Bildhauer Jean-Marie Appriou wurde 1986 in Brest im äußersten Nordwesten Frankreichs geboren. Er erfuhr seine Ausbildung im nahen Rennes, weit von der französischen Hauptstadt und Kulturmetropole Paris entfernt, wo er heute lebt und arbeitet. Doch er scheint noch immer tief in seiner bretonischen Heimat verwurzelt zu sein, wo er in der Garage seines Vaters die ersten Aluminium-Guss-Skulpturen gefertigt hatte. Das unedle Leichtmetall kommt in der Natur nur in Form von chemischen Verbindungen vor. Erst im 19.-Jahrhundert entdeckt, findet es heute in der industriellen Massenproduktion, zum Beispiel bei Alufolien oder Leichtbauteilen im Fahrzeug- und Maschinenbau Verwendung. Für die bildende Kunst, die figurative zumal, kam das leicht zu verarbeitende Material mit einem Schmelzpunkt halb so hoch wie der von Eisen zu spät.

Das macht sich der junge bretonische Künstler nun zunutze und lotet die Möglichkeiten des in der Kunst selten genutzten Guss-Aluminiums aus. Sieht der Besucher im ersten Galerieraum rurale Motive, Maiskolben als aufrecht stehende Bilder eines phallisch konnotierten Überflusses, zum Beispiel in Crossing the parallel worlds (alle Arbeiten 2018), folgen im zweiten White Cube morbide Miniaturlandschaften, Höhlen in hüfthohen Halbkugeln (u.a. The cave of time [mystique]), aufrecht stehende Zypressen (u.a. Cypress [blade]), die an Arnold Böcklins berühmte Toteninsel, 1880 erinnern, sowie statt der Heuschrecken (u.a. Invasion), lebensgroße Fledermäuse (u.a. Chiroptera), an denen wie in den Innenseiten der bizarren Halbkugeln deutlich die Eindrücke der knetenden Künstlerhand zu sehen sind. Alle Arbeiten entstanden im Aluminiumguss zumeist in verlorenen Formen. Dabei geht es dem Künstler neben der Ausgestaltung seiner bizarren Form-Welten vor allem auch um die Vielfalt der verschiedenen Strukturen und Oberflächen eines höchst eigenwilligen und künstlerisch anspruchsvollen Werkstoffs. Der Betrachter folgt im darin angeregt und fasziniert. Ein formal forderndes und auch einzigartiges Erlebnis.


The Visitor can’t believe his eyes. In the square of the gallery’s first White Cube he sees bundles of realistically dimensioned corn perennials, a good two metres high. Veristic masked faces with big eyes and pointed mouths peeped out of it eerily. Oversized metal locusts hang frighteningly on the wall. And the visitor right in the middle of it. Where did he get into it? In the props cupboard of a fairytale piece? Or into the metal workshop for cast aluminium sculptures?

The young sculptor Jean-Marie Appriou was born in 1986 in Brest in the far northwest of France. He received his training in nearby Rennes, far from the French capital and cultural metropolis of Paris, where he now lives and works. But he still seems to be deeply rooted in his Breton homeland, where he made his first cast aluminium sculptures in his father’s garage. The base light metal occurs in nature only in the form of chemical compounds. Discovered only in the 19th century, it is now used in industrial mass production, for example in aluminium foil or lightweight components in vehicle construction and mechanical engineering. For the visual arts, figurative art in particular, the easy-to-process material came with a melting point half as high as that of iron too late.

The young Breton artist is now taking advantage of this and exploring the possibilities of cast aluminium, which is rarely used in art. If the visitor sees rural motifs in the first gallery room, corncobs as upright images of a phallically connoted abundance, for example in Crossing the parallel worlds (all works 2018), morbid miniature landscapes, caves in hip-high hemispheres (among other things) follow in the second White Cube. The cave of time [mystique]), upright cypresses (including Cypress [blade]), reminiscent of Arnold Böcklin’s famous Isle of the Dead, 1880, as well as life-size bats (including Chiroptera) instead of locusts (including Invasion), on which the impressions of the kneading artist’s hand can be clearly seen, as in the inner sides of the bizarre hemispheres. All the works were cast in aluminium, mostly in lost forms. In addition to the design of his bizarre form worlds, the artist is above all concerned with the diversity of the various structures and surfaces of a highly individual and artistically sophisticated material. The observer follows him in it stimulated and fascinated. A formally demanding and unique experience.

Another version was published_Dezember in Artforum

Veröffentlicht unter Ausstellungen | Kommentar hinterlassen

Balthus in Basel – der kalkulierte Skandal

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt den Maler Balthazar Klossowski, bekannt unter dem Künstlernamen Balthus in einer groß angelegten Retrospektive und beweist neben ihrem Sinn für große Kunst wieder einmal das Gespür für Blockbuster und Kommerz

Im Vorfeld seiner Retrospektive 1968 in der Londoner Tate Gallery ließ der Maler Balthus aka Balthazar Klossowski de Rola in einem Telegramm wissen: „Keine biografischen Details. Beginnen Sie mit: Balthus ist ein Maler von dem nichts bekannt ist. Wenden wir uns nun seinen Gemälden zu. Hochachtungsvoll, B.“ Wider alle Vorbehalte, lohnt ein genauerer Blick: Der polnisch-deutsch-jüdische Künstleraristokrat Balthazar Klossowski mit französischer und schweizerischer Staatsbürgerschaft lebt von 1908 bis 2001. Rainer Maria Rilke, der Liebhaber der Mutter, verlieh ihm den Künstlernamen, er sich selbst den Adelstitel „de Rola“. Er bewegt sich als Spätgeborener Maler der klassischen Moderne eigensinnig zwischen neuer Sachlichkeit und Surrealismus und präsentiert tonige Farbskalen, düstere Szenografien und pubertierende Mädchen als Alleinstellungsmerkmale. Das machte Skandal. Dennoch oder gerade darum blieb er, befreundet mit Federico Fellini oder Alberto Giacometti, Liebling des Establishments und empfing bis ins hohe Alter Showbiz-Größen. Die Vermarktungsmaschine lief auch nach seinem Tod rund, wozu zählt, dass der kalkulierte Skandal zu besseren Verkaufszahlen führt. Balthus wird vom Markführer, der New Yorker Gagosian Gallery, vertreten. In deren Portfolio passt nun, dass die Fondation Beyeler bis Ende des Jahres zu einer neuerlichen „Balthus“ Bestandsaufnahme lädt, die anschließend bis Ende Mai ins Madrider Museo Nacional Thyssen-Bornemisza wandert.

Doch Balthus lässt sich noch von einer anderen Seite betrachten. Zum Beispiel von dieser: Das Bernische Historische Museum zeigt eine der originellsten doch wenig bekannten Kunstschätze der Schweiz: 125 von ehemals 140 gleich großer Trachtenbildnisse in Öl, meist Doppelportraits, die der Aarauer Seidenfabrikant, liberale Politiker und Philanthrop Johann Rudolf Meyer 1789 bei dem Luzerner Portraitmaler Josef Reinhard in Auftrag gegeben hatte.

Sie müssen schon zur Zeit ihrer Entstehung merkwürdig gewirkt haben, ging es dem Künstler offenbar mehr um die charakteristische Physiognomik der Dargestellten, als um die landestypischen Trachten. Wie sonst ist zu erklären, dass ihre oft grob gezeichneten Gesichter wie Karikaturen viel zu groß für die schmächtigen Körper erscheinen?

Mindestens vier davon kopiert der vierundzwanzigjährige Balthazar Klossowski im Sommer 1932, nachdem er fünfzehn Monate Militärdienst in der französischen Armee in Marokko absolviert hat.

Der junge Autodidakt hatte zuvor in Italien die Meister der Frührenaissance Masaccio und Pietro della Francesca kopiert. Hier findet er Gleichmaß, klassizistische Statuarik. Doch Klassizismus liefert Anfang der 1930er-Jahre kein Alleinstellungsmerkmal. Das besorgt ihm nun die spezielle Physiognomik des Schweizer Sonderlings. Ihr bleibt er bis zum Lebensende treu. Und Balthus steigt damit bereits nach seiner ersten Ausstellung 1934 in der angesagten Pariser Galerie Pierre zum gefragten Portraitisten der französischen Gesellschaft auf. In Basel wird das mit dem ganzfigurigen Ölbild Portrait de femme (Madame Hilaire) 1935 wunderbar dokumentiert: Der viel zu große, puppenhaft wirkende Kopf der skeptisch dreiblickenden Dame, ihre blasierte Haltung das blaue Brokatabendkleid, der Kontrast zwischen leer Wand rechts und möblierter Bildhälfte links, all das produziert eine schwer erträgliche Spannung und zieht den Betrachter noch heute in Bann.

Und ein Zweites fällt auf: Balthus ist ein Frühreifer, ein Destillierer, bei dem bereits in der ersten Ausstellung alles zu sehen ist, was sich über ein langes Künstlerleben hinweg in Variationen und Arabesken entwickeln wird: das deviante Portrait, die puppenhaften Figuren, die kühlen Interieurs und klaustrophoben Szenografien. Basel kann vier der sieben damals gezeigten Bilder präsentieren. Darunter das monumentale 195x240cm große Ölbild La Rue (Die Strasse, 1933), das heute durch Schenkung dem New Yorker Museum of Modern Art gehört. Nun kann es mit dem noch größeren, zwanzig Jahre später entstandenen Bild Passage du Commerce-Saint-André (1952-54), eine dauerhafte private Leihgabe an die Fondation Beyeler, direkt auf Gemeinsames und Abweichendes hin verglichen werden.

In beiden Gemälden entfaltet sich ein rätselhaftes Bühnenleben, eine somnambule Parallelwelt, kühl, statuarisch, wie eingefroren und der Betrachter ist natürlich versucht die Figuren aus dem Jahr 1933 – zwei Frauen in Rückenansicht rechts, davon eine Haushälterin mit kleinwüchsigem Mann im Arm, den Studenten, den Handwerker, den Koch, das spielende Mädchen und die junge Frau, die sich des jungen Mannes erwehrt, der ihr von hinten zu nahe kommt – auf die Figuren der 1950er-Jahre zu übertragen, um die Bilder zu entschlüsseln. In beiden sind es genau neun. Nachdenklich blickt ein Mädchen mit blauem Rock und gelbem Pullover aus dem jüngeren Bild. Ist sie ein Reflex auf die angedeutete Gewaltszene im älteren Bild, das spielende Kleinkind ein Echo auf das spielende Mädchen, der sitzende Alte ein ironisches Selbstportrait, während der selbstbewusste Student im Bildzentrum zum Schreitenden mit Baguette oder Architektenrolle mutierte? All diese Narrative liegen im Auge des Betrachters, dem freilich, wie in der Moderne zu erwarten, kein eindeutiger ikonografischer Schlüssel hingelegt wird. „La Rue hat nichts Komisches (…) sondern auf ihr lastet ein bedrohliches Geheimnis“, schreibt Balthus an seine Angebetete und spätere Frau, die Schweizer Offizierstochter Antoinette de Watteville, freilich ohne ihr dieses zu enthüllen, denn auch hier gilt das Credo Marshall McLuhans: „The medium ist the message“. Und tatsächlich streicht sich jede Zuschreibung und Deutung recht schnell durch und wie bei einem alten Meister bleibt der Betrachter bei Farbnuancen, Kontrasten und Stufungen des tonigen Kolorits hängen und da ist Balthus ein Kolorist der Sonderklasse.

Die Ausstellung in Basel zeigt das mit einer repräsentativen Auswahl von 45 der nur knapp 350 Gemälde, die der Künstler bis zum Tod mit 93 Jahren geschaffenen hatte. Und selbstverständlich waren, kalkulierter Skandal als sicherer Pluspunkt in der allgemeinen Aufmerksamkeitsökonomie, nackte Mädchenbrüste in der ersten Ausstellung 1934 zu sehen. Basel kann von den zwei Skandalbildern La Toilette de Cathy (1933) zeigen, womit der Künstler auf Emily Brontës Roman Wuthering Heights anspielt und somit verschiedene Lesarten anbietet, die das sichtbar nackte Fleisch im Erzählerischen neutralisieren. Der Künstler als Roman-Protagonist Heathcliff ringt mit Eifersucht und Liebessehnsucht auf seinem Stühlchen, während sich die Begehrte von einer alten Kupplerin die Haare kämmen lässt und sich nackt mit spitzen Brüsten als Barockherrscherin inszeniert.

Das Bild, 1977 vom Pariser Centre Pompidou angekauft, wirkt heute angesichts der Bilderflut von ausgestellter Nacktheit im Internet zunächst harmlos, beim zweiten Besehen aber wirkt Cathys Körper durch die Überlängtheit der Gliedmaßen, die Figurinen-artige Haltung und die unbehaarte Vulva auch wieder herausfordernd, provozierend.

Das zweite Bild des kalkulierten Skandals verbarg der Galerist hinter einem Vorhang. La Leçon de guitare (1934) sollte nicht jedem zugänglich sein. Es befindet sich heute in einer Privatsammlung. In der Ikonografie einer klassischen Pieta, liegt ein Mädchen mit entblößtem Unterleib ohnmächtig auf dem Schoß einer Frau. Während ihre Rechte den Kopf des Kindes nach unten zieht greift ihre linke den linken Oberschenkel kurz unter der Scham, während das Kind, eine Gitarre auf dem Dielenboden, mit letzter Kraft eine Brust entblößt. Das Spiel von erotischem Sujet mit christlicher Ikonologie überwölbt die Raffinesse von Kolorit und Inkarnat. Wohl darum hat man es in Basel wie La Chambre (1952-1954) nicht angefragt, genauso wenig wie die Polaroidfotos, die der Künstler über Jahre von der Tochter seines Hausarztes als Ersatz für Skizzen gemacht hatte.

Als man sie 2014 in Essen zeigen wollte, zog man die Ausstellung, die Affäre um den SPD-Mann Edathy war im Rollen, nach Protesten, hier werde der Pädophilie Tür und Tor geöffnet, zurück. Solche Debatten möchte man in der Schweiz nicht haben. Dafür bricht die Fondation Beyeler mit Thérèse (1938) und Thérèse revant (1938) für Balthus und die Kunst eine Lanze, indem hier zwei kürzlich inkriminierte Bilder zu sehen sind, deren Entfernung aus dem Metropolitain Museum of Art gefordert wurde. Sicher, durch ihre subtile Blick-Politik stehen sie weit entfernt von pädophiler Anwandlung und Pornografie. Eine Provokation und Herausforderung an unsere Sehgewohnheiten stellen sie bis heute dar. Diese Möglichkeit sollte man sich durch nichts und niemanden nehmen lassen.

Balthus Fondation Beyeler Basel, bis 1. Januar 2019. Der Text erschien unter dem Titel „Vorher-nachher-Bilder“ redaktionell überarbeitet im Berliner Freitag im Print am 15.11.2018

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Siegfried Kober. Die Rotte

Zur Ausstellung „Siegfried Kober. Objekte und Zeichnungen“ in der städtischen Kunsthalle Brennabor in Brandenburg an der Havel vom 12.10. – 23.11.2018

Wenn der Bildhauer und Maler Siegfried Kober eine veritable Rotte Wildschweine durch die Brandenburger Kunsthalle Brennabor jagt, ist für produktive Unruhe gesorgt. Seine neueste Arbeit Keiler (2018), eine Serie von Drahtskulpturen, hat es in sich. In jedem Fall löst sie bei ihrem Publikum neben guten und schlechten Gefühlen und darauf folgenden Reaktionen eine ganze Reihe von Erinnerungen, Bildern und Erzählungen aus, die mit der Kunst und den gleichermaßen geliebten wie verschrienen Schwarzkitteln verbunden sind.

Wer kennt nicht die Geschichte von den verzauberten Gefährten des Odysseus, die auf der fernen Insel Aiaia ein säuisches Dasein fristen? Es lohnt sich diese Geschichte noch einmal genauer anzusehen. Denn schon im homerischen Gesang zeigt sich die enge Beziehung des Rüsseltiers zur Verwandlung und Transformation. In der Übersetzung von Voss heißt es:

„Kirke ging, in der Hand die magische Rute,

Aus dem Gemach, und öffnete schnell die Türe des Kofens

Und trieb jene heraus, in Gestalt neunjähriger Eber.

Alle stellten sich jetzt vor die mächtige, und diese

Ging umher und bestrich jedweden mit heiligem Safte.

Siehe, da sanken herab von den Gliedern die scheußlichen Borsten

Jenes vergifteten Tranks, den ihnen die Zauberin eingab.

Männer wurden sie schnell, und jüngere Männer denn vormals,

Auch weit schönerer Bildung und weit erhabeneres Wuchses.“ [1]

Das Wildschwein steht mit Wandlungsmächten im Bunde, eine Beziehung die ihm dadurch eignet, als seine Grundtätigkeit darin besteht in der Erde zu wühlen, um an Essbares zu gelangen. Dabei transformiert es selbst Materie und präfiguriert im animalisch-engen Wirkungskreis den großen Zauber im beherrschbar Kleinen.

Damit dies und mehr – wir kommen darauf zurück – in Kobers Rotte berufener Maßen zu lesen ist, muss sich am Kunstwerk selbst der Wandlungszauber, eine ästhetische Transformation vollziehen. Der Zauber muss für seine Betrachter durch seine plastische Form, das Material und seine Gestalt, sagen wir, seine Machart unmittelbar zu erleben sein. Denn wie unendlich hol und schnell vergessen zeigen sich bunt bemalte Polyester-Kühe und -Bären oder sentimentalische Bronzefiguren, die zur Kommemorierung an touristisch frequentierten Orten aufgestellt werden, weil Form und Inhalt, der Ort und die Botschaft nichts miteinander zu schaffen haben.

Ganz anders die neun Sauen, die der Künstler in die Kunsthalle stellt, eins nach dem anderen von hinten in die Halle nach vorn auf den erstaunten Betrachter zurennt. Jedes Schwein erscheint in seiner natürlichen Größe, ähnlich in der Form und Haltung, doch nicht als geschlossenes Volumen, nicht in einer naturalistischen Oberfläche, sondern das Volumen, Borsten und Haar bilden sich durch Meter und Meter aneinander geschweißter drei Millimeter starker Stahldrähte. Das verblüfft. Denn statt, dass die Tiere ihrem Schema, ihrer Idee gemäß präsentiert werden, hat der Betrachter die Form individuell zu synthetisieren – eine ästhetische Anverwandlung par excellence. Sie verleiht der präsentierten Rotte eine zweifache Dynamik: Zum einen transformiert sich der Drahthaufen in der Betrachtung zu einem definierten Raumkörper, den Schweinen. Zum anderen übersetzt sich der Raumkörper zurück in seinen systematisch-kunsthistorischen Kontrapunkt, die Zeichnung, denn die Drahtschnipsel werden auch als Zeichnungen im Raum gelesen. Jeder Drahtbogen zeichnet damit auch einen Strich, eine dynamische Setzung, die den Tierkörper, den Kunstkörper in Schwingung, in Bewegung versetzt und alle Abkömmlinge der Sau Phaia, den Erymanthischen und Kalydonischen Eber bis hin zum Metallschwein der Fontana del Porcellino an der Loggia del Mercato in Florenz aufruft.

Hans Christian Andersen widmete der sitzenden Eberskulptur, die der Bildhauer Pietro Tacca 1622 nach einem hellenistischen Vorbild schuf, ein sentimentales Kunstmärchen, „Das Metallschwein“ (1852)[2], das wie keine andere Mythe oder Erzählung der Weltliteratur Wandlungsfähigkeit und Kunstfertigkeit mit dem Rüsseltier verbindet. Ein elternloser Knabe schläft auf dem Bronzetier, das lebendig wird und den staunenden Jungen durch die Nacht trägt. Das tierische Vehikel wird ihm zum Cicerone, der die Gemälde und Plastiken in den Uffizien und Kirchen Florenz die Kunstwerke ebenso lebendig werden lässt, worauf der Knabe nicht nur Pflegeeltern sondern auch einen Maler zum Lehrer erhält und selbst als Künstler Karriere macht. Es wäre kaum übertrieben anzunehmen, dass die Begegnung mit Kobers Rotte nicht nur in einem Kind den Wunsch aufkeimen lässt selbst zum Künstler zu werden – um eben nicht im mimetischen Nacheifern stecken zu bleiben, sondern das Leben in der Schöpfung selbst zu fassen.

Daran erinnert ein zweiter Bezug. Denn zeitgenössisch und seriell ruft Siegfried Kobers Rotte noch eine andere Schar aus der zeitgenössischen Kunst auf, nämlich Joseph Beuys` bekannte Installation „The Pack/ Das Rudel“ aus dem Jahr 1969, die heute in der Kassler Neuen Galerie aufbewahrt wird. Aus einem VW-Bus, Baujahr 1961, entfleucht eine Meute Schlitten, vierundzwanzig an der Zahl, bepackt mit etwas Fett, Filzrollen, Taschenlampen wie unheimliche Invasoren, unheilvolle Boten einer neuen Weltordnung vielleicht. Tatsächlich stehen Kobers naturalistisch-abstrahierten Schweinerotte in klandestiner Beziehung zum romantischen Konzeptualismus von Beuys Schlittenrudel, denn beide sind auch als Warnung, Menetekel zu lesen, dafür, dass im Zweifel, die geschundene und ausgebeutete Natur irgendwann, irgendwie ihr Recht zurückfordern wird.

Dafür steht wohl auch der gewaltige Eisbär aus dünnem Draht, Eisbär (2018), im hinteren Saal der Ausstellung, aus dem die Schweinerotte zu stürmen scheint, groß und beeindruckend und, doch fragil und flüchtig in der Zeichnung. Auch er ein Monument aber auch im gezeichneten, gemalten Bild, Eisbär (2018), zugleich Mahnung an eine selbstvergessene Menschheit, die ihre Grundlagen verspielt.

Max Glauner – im September 2018

____________________

[1] Odyssee, Zehnter Gesang, Zeilen 365-402

[2] Siehe Hans Christian Andersen, Das Metallschwein, in: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe, Leipzig 1882, S.277-280

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Kulturgeschichte, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Neue Helden für die Kunst

Mit der Johannesburger Kuratorin Gabi Ngcobo positioniert die 10. Berlin Biennale Künstlerinnern der Afrikanischen Diaspora in die erste Liga des Kunstbetriebs. Sie liegt damit im Trend: Das Kunstmuseum Basel und die Großmesse Art Basel rücken zur gleichen Zeit bereits etablierte schwarze Künstlerinnen und Künstler wie Theaster Gates, Sam Gilliam, Ibrahim Mahama oder Rashid Johnson in den Vordergrund.

 

 

 

 

Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz. Zwischen Volksbühne und Karl-Liebknecht-Haus duckt sich ein Pavillon. Mit zwei durch ein Gesims verbundene Pylonen formuliert der Bau die Eingangssituation zu einem kleinen Park. Pultdach, bis auf die Rückseite verglast, spricht er vom Anspruch der jungen DDR in der Moderne angekommen zu sein. Versorgte er die Ost-Deutsche Hauptstadt mit Blumen, Getränken, Zeitungen oder Theaterkarten? Eines ist sicher, die schlichte Zweckarchitektur ist mit den klassizistischen Kandelabern vor der Volksbühne mittlerweile das einzige authentische Relikt am Platz, das von der sozialistischen Republik erzählt.

Nun dient er als einer der vier Austragungsorte der 10. Berlin Biennale. Und es ist unwahrscheinlich, dass einer der Kunstnomaden, die nun am ersten Samstagvormittag nach der Eröffnung der Biennale hier auf Einlass warten, sich solche Fragen stellen. Bereits die 9. Berlin Biennale hatte sich vom Lokalen gründlich verabschiedet.

Nun wird der Pavillon auch nicht von heimischen Aktivisten belegt, sondern durch die Schwestern Lydela und Michel Nonó, Jahrgang 1979 und 1982, mit dem Künstlernamen Las Nietas de Nonó, die Enkelinnen Nonós, aus dem Inselstaat Puerto Rico. Das ist die Insel über die im September letzten Jahres der Tropensturm Maria hinwegwehte. Wir erinnern uns: das Sonderterritorium der USA, die vielen Tote, die zerstörte Infrastruktur, die skurrilen Auftritte von Donald Trump, die fehlenden Hilfeleistungen, bis heute.

Die Schwestern betreiben in einem Arbeiterviertel der Hauptstadt San Juan, dem Barrio San Antón in Carolina, seit einigen Jahren ein Kunst- und Begegnungszentrum. Das Haus ihres Großvaters Nonó. Ihr „Patio Taller“ ist mittlerweile als Nachbarschafts- und Szenetreff, Party- und Galerieraum, weit über den Inselstaat hinaus bekannt. Irgendwie also passt der Pavillon neben der Volksbühne zu ihrer Installation, vielleicht darum, weil seine DDR-Atmosphäre als angemessener exotischer Rahmen für eine ebenso exotische Veranstaltung empfunden wird, die nichts von den aktuellen Verwerfungen durch Karibik-Sturm, Behördenwillkür und Klassenunterschiede erzählt.

Karibisches Theater der Grausamkeit

Die Installation „Ilustraciones de la Mecánica (Illustrationen des Mechanischen)“, 2016-18 bietet vielmehr die Bühne für eine –pantomimisch-allegorische Performance, die Gewalt und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung, insbesondere der schwarzen Frauen Puerto Ricos zur Darstellung bringt.

Für ihre Performance schotten sie den Glaskasten rundum durch weiße Gardinen von seiner Umgebung ab. Ein weiterer Vorhang ist zu Anfang quer durch den Raum gespannt. Dahinter, ein Labor mit Tischen, Lautsprechern, Phiolen, konservierten Gegenständen, Stockfische, ein großes Hautpräparat, das an Eva Hesse erinnert, hängt in den Raum. Pflanzen stehen in Kübeln, eine Schreibtafel und laufende iPads, haben sie daneben aufgebaut, ein Tumult-Raum anziehend und unheimlich, die Bühne für eine berührende Show.

Die knapp dreißig Besucher drängeln sich vor einem Tisch mit grauer Folie. Die erste Akteurin betritt feierlich den Raum. Michel im gelben T-Shirt und kurzen Hosen wird sich zu Anfang auf den Tisch legen, das Opfer, die schwarze Frau. Ihr geht es an die Plazenta, die als wabbeliges Plastikreplikat auf dem Bauch liegt: Ein gesichtsloses Monster, die Schwester Lydela in OP-Kittel und Strumpfmaske macht sich in weit ausholenden Gesten mit spitzen Instrumenten daran zu schaffen. Das ekelt und rührt. Die Botschaft ist klar: Die dunkelhäutige Frau ist das Opfer dunkler, sprich weißer Machenschaften, der Schwarze, der Verlierer der Gesellschaft, hier durch die Maske mit dem vergrößerten Polizeifotos ihres Cousins symbolisiert, einem stadtbekannten Drogendealer, der gerade wieder im Gefängnis sitzt. Die Form der Aufführung ist ebenso eingängig. Ihre Fixsterne heißen Antonin Artaud, die brasilianischen Performancekünstler Lygia Clark und Hélio Oiticica und freilich Paul McCarthy. Für den Ekel sorgt bei den Nonós geraspeltes Rotkraut. Das funktioniert in San Juan und Berlin. Der Auftritt an der Spree verschafft ihnen dazu internationale Anerkennung. Ein Signal an die heimatliche Community, wie an die heimatlichen Behörden, das sagt, „wir sind wer und nicht nichts“.

 Blackness and Conceptual correctness

Sicher darf diese zweite Feedbackschleife für den Auftritt der Nietas de Nonó nicht unterschätzt werden. Auf der anderen Seite ist kaum zu übersehen, dass sie ihr Ticket vom gebeutelten Inselstaat ins Festivaleuropa auch darum erhielten, weil sie ohne weiteres die Mainstream-Parameter für politisch engagierte Kunst-Kunst erfüllen, ohne wirklich anzuecken. Dieser Geist von conceptual correcness – im vorigen Kunstforumband von Wolfgang Ullrich treffend beschrieben – weht nun tüchtig durch Berlin.

Wie schon bei Adam Szymczyks ducumenta 14 steht der wache Beobachter wie der Rezensent vor dem Dilemma, zu bestimmen, woher ein gezeigtes Kunstwerk oder eine Aufführung seinen Wert bezieht. Wenn Szymczyk und im Kielwasser mit ihm Ngcobo behaupten, man müsse zur Dekonstruktion respektive Dekolonisierung des heteronormativen, westlichen Denkens sein bisheriges Wissen über Bord werfen, mit den Kunstwerken das (rancièresche) Un-Learning, das Ver-Lernen lernen, bleiben sie Qualitätskriterien und den Diskurs über Kunst schuldig. Sie öffnen der Verdummung Tür und Tor.

Viel zu schnell wird auf ein anderes, die Blackness, das Politische, das Aktivistische für die gute Sache verwiesen, wenn nach der Qualität einer Geste, eines Kunstwerks, einer Aufführung gefragt wird. Bei dieser Haltung kann es der Kunst auch an den Kragen gehen. Merkwürdig stößt auf, wenn die Biennale-Kuratorin in ihrem Katalogtext gleich als erstes die Entfernung des Cecil Rhodes-Denkmals vor der Cape Town University 2015 akklamiert. Sicher wurde da das Standbild eines Imperialisten erster Güte vom Sockel gehoben. Aber Bilderstürmerei steht einer Kuratorin wenig. Nicht allein, weil sie der Wahrung des Bildes, des Kunstwerks verpflichtet sich zeigen sollte. Schwerer wiegt, dass ihre ikonoklastische Genugtuung den konzeptuellen Ansatz von Kunst überhaupt ignoriert, der besagt, dass Kunst und das Künstlerische jenseits von Abbild-Funktion und Indienstnahme zu suchen ist. Stattdessen wird Idolatrie betrieben. Man bleibt grund-reaktionär, zeigt einiges festival-konformes Mittelmaß, produziert ein paar auffällige One-Liner und weniges, worüber zu sprechen sich lohnt.

Was zum Beispiel soll die friderizianische Sans-Souci-Narration der Künstlerin Firelei Báez 19° 36’ 16.89“ N, 72° 13’ 6.95“ W) / (52.4042° N, 13.0385° E“, 2018? Sicher ist das ruinöse Weinbergschloss am Eingang der Akademie am Hanseaten-Weg ein Eye-Catcher erster Güte. Aber es ist nicht mehr als gefällige Theaterkulisse als Einstieg zu einem eingängigen Erzählmaterial von Heinrich von Kleist bis Henri Christophe, dem schwarzen König von Haiti, der sich ein Sans-Souci auf den Inselurwaldhügel hat bauen lassen?

Sichtbarkeit und deren Entzug, Kooperation mit Behörden, Humor und eine gekonnte Präsentation zeigt hingegen Thierry Oussou mit seiner konzeptuellen, archäologisch anmutenden Multimedia-Installation „Impossible is Nothing“, 2016-18, in der Akademie der Künste um das von ihm inszenierte Verschwinden und Wiederauffinden eines Königthrons aus dem Benin – eines der einsamen Highlights der Berliner Show. Die penibel Strich-an-Strich auf Wand und Boden gesetzten Zeitskalen zu der Arbeit „La Llave/ La Clave“, 2018, von Tony Cruz Pabón gehören zweifellos dazu. Sonst will bis auf eine bemerkenswerte Video-Theater-Arbeit der schwarzen Psychologin und Künstlerin Grada Kilomba, eine Video-Oidipus-Tyrannos-Überschreibung „Illusions Vol. II, Oedipus“, 2018, in den Kunst Werken wenig in Erinnerung bleiben.

Post-Blackness von der Spree an den Rhein

Wenn es ein Anliegen der 10. Berlin Biennale war, Künstlerinnen und Künstler aus Afrika südlich der Sahara zusammen mit der Afrikanischen Diaspora aus südamerikanischen, karibischen und europäischen Ländern auf die internationale Kunst-Bühne zu rufen, wenn es ein Anliegen war für ihre Kunst, ihre Themen, Anliegen, und Politiken zu sensibilisieren, zu interessieren und darüber hinaus Empathie und Solidarität herzustellen, das Projekt der Dekolonialisierung der Diskurse voranzubringen, ist ihr das zweifellos gelungen. Genauer besehen, bleibt diese Berlin Biennale jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Der Beweis dafür lag in der Woche darauf eine Flugstunde entfernt am Rheinknie: Jeder, der im Anschluss an die bb10 die Art Basel und ihre öffentlich geförderten Kollateral-Events besuchte, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kommerzveranstaltung das Post-Blackness-Anliegen unverkrampfter und auf höherem künstlerischen Niveau bewerkstelligen konnte.

Die Steilvorlage dafür lieferte das Basler Kunstmuseum, das für den Chicagoer Künstler, Forscher, Aktivisten und Musiker-Performer Theaster Gates gleich zwei Ausstellungsorte, den Neubau und das Museum für Gegenwartskunst für die beeindruckende Gesamtschau, „Black Madonna“ freiräumte, der Auftakt einer Trilogie, die Gates auch an zwei deutsche Häuser führen wird. Im gleichen Haus dann eine umfangreiche Einzelausstellung „The Music of Color“ des 1933 geborenen Sam Gilliam, die erste institutionelle Einzelausstellung eines Wegbereiters konkreter US-amerikanischer Kunst, der als erster Afroamerikaner 1972 die USA bei einer Venedig Biennale vertrat. Natürlich ist er auch prominent auf der kuratierten Schau der Art Basel, „Unlimited“ vertreten.

Mit der schwarzen Turner-Preisträgerin Lubaina Himid und Grada Kilomba finden sich Positionen der bb10 in den Verkaufskojen. Die klandestine Messe-Losung hieß „black sells“. Der Markt holt nach, was er bisher geflissentlich übersah und holt nun reflexartig schwarze Künstlerinnen und Künstler nach vorn. Beim Global Player Hauser & Wirth baut der Afro-Amerikaner Rashid Johnson, Jahrgang 1977, eine Gartencenterstellage „Antoine`s Organ“, 2016, bis unter die Decke. Großformatige Malerei liefern McArthur Binion aus den USA und Barthélémy Toguo aus Kamerun, Videomaterial aus ihrer black community liefert die junge Martine Syms, Jahrgang 1988. Der Ghanaer Ibrahim Mahama, Jahrgang 1987, verhüllte 2015 den Korridor der Venedig Biennale „All the World Futures“ von Okwui Enwezor ausgedehnt mit gebrauchten Jutesäcken, 2017 zur documenta 14 zwei historische Kassler Zollhäuser. 2018 darf er seine Wand aus Schuhputzkisten unübersehbar an den Eingang der Basler Großschau stellen. Es gibt in Basel keinen prominenteren Ort für ein Kunstwerk. „Non-Orientable Nkansa“, 2017, nutzt aber nicht, wie zunächst zu vermuten, gebrauchtes Material, sondern jede Kiste wurde neu gefertigt und auf alt gestylt. Mahama steht damit im Verwertungskarussell des Kunstbetriebs ganz vorne. Er wird von der Londoner White Cube Gallery vertreten. Post-Blackness, das heißt für ihn zunächst, dass seine ghanaischen Mitarbeiter, einer gab dem Kunstwerk den Namen, keine Schuhe putzen mussten und vernünftige Löhne bekamen. Seine Kistenwand dreht sich um rassistische Hierarchisierung und Ausbeutung. Die Frage, ob der Kunstbetrieb damit das Kritisierte reproduziert, wurde bereits bei Santiago Sierra diskutiert. Es ist im Sinne einer post-kolonialen Kapitalismuskritik, wenn mit Mahama die Diskussion wach bleibt und fortgesetzt wird.

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Theater, Theorie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Bruce Nauman. Disappearing Acts, Schaulager Basel, 17.03. – 26.08.2018

Ein Kunstwerk, so lautet ein gern und oft zitierter Spruch von Bruce Nauman, ein Kunstwerk müsse den Betrachter so umhauen, als wäre er von einem Baseballschläger ins Genick getroffen. Tatsächlich ist dies dem großen amerikanischen Künstler häufig gelungen: In seinen frühen 16-mm-Filmen und Videos, in denen er das Atelier durchmisst, ebenso wie in seinen klaustrophoben Korridoren, in denen sich der Betrachter als Akteur verirrt, in seinen Videoinstallationen, in denen es entweder töst oder Stille herrscht, und nicht zuletzt durch die lebensgroßen kopulierenden Leuchtstoffröhrenmännchen. In Erinnerung geblieben ist der erste Arsenale-Saal der 56. Venedig Biennale 2015, einem Initiationsraum, in dem aggressive Gestecke aus Messern und Macheten, die Nymphéas (2015) von Adel Abdessemed, durch zuckende Leuchtschriften wie Life, Death, Love, Hate, Pleasure, Pain (1983) erhellt wurden.

Das ist heute noch starker Tobak. Naumans Arbeit hat von ihrer Schärfe, oder besser gesagt, an Schlagkraft nichts verloren. Doch was passiert, wenn ein Schlag nach dem anderen, ein Kunstwerk dieses Kalibers auf das andere folgt? Nach Naumans Logik bleibt nur zweierlei: Der Betrachter wird erschlagen. Oder die Arbeiten neutralisieren sich gegenseitig. Unter dieser Perspektive verbietet sich allein der Gedanke an eine retrospektive Schau, und tatsächlich hat es fünfundzwanzig Jahre keine solche gegeben.

Nun aber ist sie da „Bruce Nauman: Disappearing Acts“ und kann bis in den Sommer hinein im Basler Schaulager besichtigt werden. Warum gerade da? Nauman erfuhr in Europa erste Anerkennung über die Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer. Die Basler Emanuel Hofmannstiftung kaufte bereits in den 1970er-Jahren Werke des Shootingstars. Sie besitzt heute eine der größten Sammlungen seiner Arbeiten.

Das Schaulager unterbrach daher in 2017 seinen gewohnten Ausstellungsreigen einer monografischen Ausstellung pro Jahr für die aufwendigen Vorbereitungen. Als potente Partner konnten der Künstler selbst und das New Yorker Museum of Modern Art gewonnen werden, wo die Retrospektive ab dem Herbst dieses Jahres ein zweites Mal Station macht. Was passiert? Immerhin, damit sich der Besucher die Schläge ins Genick portionieren kann, berechtigt ihn der Kauf einer Eintrittskarte nicht nur zum einmaligen Eintritt ins Kunstmuseum, das drei kapitale Arbeiten aus der Emanuel Hoffmannstiftung bereithält, sondern gestattet noch zwei weitere Mal zum Besuch des Hauses im Industriegebiet am Rand der Stadt. Und was bekommt er zu sehen? Mit über einhundertsiebzig Arbeiten aus allen Schaffensperioden bis heute – einige sind eigens für Basel fertiggestellt worden – den Querschnitt eines der einflussreichsten und wichtigsten Künstlerleben unserer Zeit. Natürlich macht es einen Unterschied ob der Betrachter sich dieses über Google Images, Katalogabbildungen oder im Original vor Augen führt. Es macht einen Unterschied, ob ich die flüchtige Materialität von Square, Triangle, Circle (1984) nahekomme und die Gipslagen über einer Holz-Stahlkonstruktion vor Augen habe, oder bloß die Materialangaben im Katalog nachlese. Doch gemessen daran, was durch die enge, kunsthistorisch korrekte und marktkonforme Präsentation gewonnen wurde, ist der künstlerische Verlust, der Verlust an Durchschlagkraft und Subversion deplorabel. Zwar werden zum Beispiel ikonologische Bezüge wie das Quellmotiv als Metapher für künstlerische Inspiration, von Eleven Color Photographs (1966/1967) bis Venice Fountains (2007) deutlich, doch um den Preis, dass ihr provokantes Potential neutralisiert wird. Der 16mm-s/w-Film Black Balls (1969), der im Wechsel mit Bouncing Balls (1969) läuft, wirken dabei wie das Anasyrma auf die blinkende Analverkehrsszenerie von Seven Figures (1985) gegenüber. Eins erschlägt das andere. Es obsiegt Conceptual Correctness und kunsthistorisches Administationsbedürfnis. Das scheint sich selbst bis in die künstlerische Produktion auszuwirken. In einem medial hochgerüsteten Aufnahmeverfahren für die 3-D-Projektion, die dem Betrachter das Atelier des Künstlers zum Greifen scharf vor Augen führt, überschreibt Nauman in Contrapposto Split (2018) seinen berühmten Walk with Contrapposto (1968), den er für die Videokamera in einem seiner Korridore durchführte und auf kongeniale Weise performative Kunst und klassische Skulptur zusammenbrachte. „Contrapposto Split“ wird in Basel zum ersten Mal gezeigt. Doch es wiederholt den Effekt, der Hüft- und Beinbewegungen von denen des Oberkörpers trennt, wodurch skurrile Bewegungsabläufe entstehen, die das Publikum allerdings bereits in der monumentalen Mehrkanalvideoinstallation Contrapposto Studies, i through vii (2015/2016) gesehen hatte. Das reicht nicht über einen akademischen One-Liner hinaus.

Und dann ist es doch noch passiert. Überraschend und aus heiterem Himmel, der Schlag mit dem Baselballschläger. Nicht im Schaulager, vielmehr im Kunstmuseum, wo die Ausstellung des Decorum halber vor 20 Jahren noch stattgefunden hätte. In der unterirdischen Passage zwischen Alt- und Neubau des Kunstmuseums stößt der Besucher auf eine visuell diskrete, aber akustisch aufdringliche, beim näheren Hören absolut faszinierende Klanginstallation. Zwei mal sieben flache Lautsprecher hängen mit Architektenklammern befestigt an jeweils zwei Stahlstrippen in Kopfhöhe von der Decke herab, ein Spalier, dem nicht zu entrinnen ist. Frauen-, Männer- und Kinderstimmen memorieren in unterschiedlicher Tonlage und teilweise anarchisch gestalteter Reihenfolge die Wochentage, eine herrliche Glossolalie in der sich Macht und Ohnmacht gegenüber der Zeit akustisch Luft machen. „Days“ schuf Nauman 2009 für die 53. Venedig Biennale, präsentierte sie in einem manieristischen Saal der Universität. In der unterkühlten Passage des Kunstmuseums kommt die Arbeit nun zu sich selbst. Ein beglückendes Moment, zumal es eines ist, das die öffentliche Einrichtung ins Recht setzt.

Zuerst erschienen im Print und online: Kunstforum international Band 250.

Veröffentlicht unter Ausstellungen | Kommentar hinterlassen

Georg Baselitz. Farewell am Rheinknie

 

Georg Baselitz und Anselm Kiefer 1980 im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale: Das Feuilleton steht Kopf. Man beobachtet bei Kiefer „eine Nähe zur faschistischen Ideologie“, bei Baselitz „Angst, Brutalität, Verletzung feiernd perpetuiert“. Der designierte Documenta-Leiter Rudi Fuchs kontert im Spiegel: „Die Kritik macht sich zum Vormund der Kunst,“ und Bazon Brock hält im Kunstforum international ein flammendes Plädoyer für die neue Avantgarde (vgl. Band 40).

Fast vierzig Jahre danach, ist die Aufregung nur schwer zu verstehen. In Basel genießt Baselitz drei Tage vor seinem 80ten Geburtstag am 23. Januar den Rummel um die Eröffnung zweier groß angelegter Retrospektiven. Auch die ehedem inkriminierte Holzfigur eines Sitzenden Modell für eine Skulptur (1979/1980) ist da zu sehen. Sie war die erste Plastik des 1938 im sächsischen Deutschbaselitz Geborenen und winkt nun in den lichten Hallen des Renzo-Piano-Baus der Fondation Beyeler fast fröhlich aus seiner querulanten Vergangenheit zu den Geschwistern im Haus und Garten. Tatsächlich war der Sturm 1980 weniger einer klaren Frontstellung als einer Gemengelage aus Medienhype und einem prekären Verhältnis der Bundesrepublik zur NS-Vergangenheit geschuldet. Die Presse hatte Baselitz vorher schon auf dem Radar: Noch bevor er sich ab 1969 mit seinen Verkehrt-herum-Bildern einen „Brand“ geschaffen hatte, entfernte die Staatsanwaltschaft 1963 zwei Bilder aus der ersten Einzelausstellung Baselitz’ in der Galerie Werner & Katz in West-Berlin. Zwei Jahre blieben sie wegen des Verdachts der Unsittlichkeit unter Verschluss. Wieder freigegeben kam eines in Privatbesitz, das andere ins Kölner Museum Ludwig. In einer beachtlichen Größe von 250 × 180 cm bildet nun das Ölbild Die große Nacht im Eimer (1962/63) im ersten von zwölf Sälen den Auftakt zu einer Reihe in Basel versammelter ikonischer Werke eines Künstlerlebens, das sich wie nur wenige in die Kunstgeschichte der alten Bundesrepublik eingeschrieben hat.

Die große Nacht im Eimer beeindruckt noch heute. In ihrem Ringen um Form und Anti-Form, den aggressiven Übermalungen und Retuschen erscheint eine Figur, die in ihrer massiven Präsenz doch lächerlich und bemüht, in jedem Fall aber so unheimlich sich geriert, dass sie sich jeder erdenklichen Phantasie, auch der cineastischen, in ihrer destruktiven Gewalt überlegen zeigt. Das bestätigt sich schlagend in der Gegenüberstellung mit einer weiteren Baselitz-Ikone, dem Oberon (1964) aus dem Frankfurter Städel. Erfährt der Betrachter in Die große Nacht in Farbschicht um Farbschicht materialisierte physische Gewalt, erfährt er mit den vier auf langen Hälsen knospenden Köpfen vor rostrotem Grund Macht und Gewalt des Blicks. Allein diese Gegenüberstellung lohnt die Fahrt in die Schweizer Provinz, auch wenn der Künstler in Introversion bar jeden Kontextes als Ausnahmepersönlichkeit präsentiert wird.

Es wäre zum Beispiel erhellend und lustig gewesen, der Fußportrait-Parade im ersten Saal, P. D. Füße, (1960 – 1963) Adolf Menzels Fuß des Künstlers (1876) aus der Berliner Nationalgalerie gegenüberzustellen. Dazu fehlte jedoch der Mut. Der Verdacht liegt nahe, dass der Großkünstler in der wohl letzten Großveranstaltung zu Lebzeiten so konfliktfrei und konsumierbar wie möglich daherkommen sollte.

Dies gilt auch für die monumentale Holzskulptur Modell für eine Skulptur im vierten Raum. Sie bringt über eine Fensterfront, Innen und Außen in Beziehung. Tatsächlich erinnert die Aufstellung etwas an die ursprüngliche in Venedig, als der grob gehauene, flüchtig bemalte Körper, halb liegend halbsitzend in der zentralen Gebäudeachse bedeutungsvoll vor der Apsis abgestellt war. Doch damit ist es mit der historischen Kontextualisierung bereits zu Ende. Die Aufregung um Baselitz und Kiefers Beitrag zur Biennale lag nämlich keinesfalls allein darin, dass man Skandalkünstler am Werke sah. Vielmehr bewegte sich Baselitz allein schon in der Platzierung der Skulptur in einer Ikonografie, die in der Basler Ausstellung ebenso verschwiegen und zugedeckelt wird, wie Menzel Fuß. Zwei Jahre vor Baselitz hatte der Bildhauer Ulrich Rückriem am gleichen Ort vier grobe, minimalistisch geformte Quader abgelegt. Mit diesem radikalen Verzicht auf Figuration setzte er ein plastisches Antidot zum Realismus der DDR vor allem aber zu dem des NS, kann doch kaum übersehen werden, dass der GERMANIA-Pavillon aus dieser Zeit stammt. Arno Brekers Schwert ziehenden Muskelmann Bereitschaft (1939) stand 1940 am gleichen Ort. Baselitz bewegt sich nun gekonnt zwischen den Polen Figuration – eine männliche Figur hebt den Arm –, und konkrete Kunst – der Leib wird durch zwei Kugeln, die Beine und Füße durch einen Quader angedeutet. Manch einer wie der Kritiker der Süddeutschen Zeitung Peter Iden mochte in dem erhobenen Arm einen verkappten Hitler-Gruß sehen. Die dritte Venedig-Inszenierung des Kurators Klaus Gallwitz stand unter NS-Sympathie-Verdacht. Solche Geschichten erzählt die Ausstellung am Rheinknie jedoch nicht. Stattdessen werden Idyllen inszeniert, süßliche Adieus gesetzt, bildlich, skulptural und nicht zuletzt sepulkral. Sie bereichern das „Modell für eine Skulptur“ durchaus um neue Perspektiven. Die unerbittliche Radikalität der Setzung geht jedoch verloren. Fünf erste Umgekehrt-Bilder, ein Frauenakt, ein Adler, Bäume und Portraits der Frau Elke aus den 1970er-Jahren rahmen es an den Wänden, radikal in der Chuzpe in hochpolitischen Zeiten Banales gekonnt und auf dem Kopf gemalt einem verdutzten Publikum präsentieren zu können. Doch auch zu den Skulpturen im Garten und der Enfilade werden Beziehungen hergestellt – auch jene, die den körperlichen Verfall und nahenden Tod auf die Agenda setzen.

Mit der monumentalen hochformatigen Arbeit Avignon ade, 2017 ist der Schlußpunkt der Ausstellung gesetzt, der Bogen an den Anfang geschlossen, der im Foyer das Altersdoppelportrait Baselitz und seiner Frau Zero Dom, 2015 präsentiert. Beide Arbeiten setzen die 2015 zur Venedig Biennale in den Arsenalen gezeigten Umgekehrt-Bilder morbide fort, schonungslose Ece homo eines alten Mannes, die, und darin liegt ihre humane Größe, dem Skandal des Vergehens ihre Ewigkeit entgegenstellt. Der letzte Saal der Ausstellung gerät dabei zum sakral überhöhten Andachtsrum, die Malerei zur verkitschten Votivgabe. Ganz unfreiwillig präludiert er damit jedoch die zweite Ausstellung zu Ehren Baselitz in Basel im Neubau des Kunstmuseums. Dort kann man aus eigenen Beständen und Leihgaben aus Privatbesitz die Schau, „Georg Baselitz. Werke auf Papier“ präsentieren. Die gezeigten Arbeiten sind in der Qualität, der Auswahl und Zusammenstellung wundervoll und gehen über den Werkstatteinblick weit hinaus. Doch in drei viel zu hohen Räumen im Untergeschoß kommen sie viel zu dicht gehängt und kalt beleuchtet nicht zum Atmen – wie auch? War in der Fondation noch eine lichte Kapelle inszeniert, gleicht die Katabasis im Kunstmuseum dem Gang in ein Pharaonengrab. Das passt zur Perversion der Verhältnisse. Basel macht es allen vor, wie ein profitables Privathaus, die Fondation Beyeler, der einstmals prioritären öffentlichen Institution, dem Kunsthaus, den Rang abläuft und kooperativ marktkompatible Künstlerbiografien produziert. Dass das jetzt ausgerechnet mit Baselitz exerziert wird, wundert ob dessen macht- und marktaffiner Disposition nun eigentlich auch wieder nicht. Doch wo die öffentliche Einrichtung ihren Aufgaben nicht mehr nachkommt, oder nachkommen kann, hinterlässt das einen schalen Geschmack.

Georg Baselitz, Fondation Beyeler, Riehen/ Basel, Arbeiten auf Papier, Kunstmuseum Basel bis 21. Januar bis 29. April 2018

Der Artikel erschien zuerst im Print im April 2018 bei Kunstforum international, Band 253

 

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ein Mal die eigene Welt gestemmt. Charles Atlas im Migros Museum Zürich

 

Seit den Split-Screen-Wänden aus den 1970er-Jahren hält sich das Vorurteil hartnäckig, Videokunst müsse vor allem schnell, bunt und laut sein. Die erste umfangreichere schweizerische Präsentation des New Yorker Videokünstlers Charles Atlas will dies auf den ersten Blick bestätigen: Vier Monitore projizieren zu einem wummernden Sound gleich in der Videoinstallation „Glazier“ (2014) glatte Bilder vom Großstadtleben, industriellen Fertigungsprozessen und süßlicher Natur.

Bildgewaltig und bunt geht es auch in der Videoarbeit “2003“ (2003/ 2018) gleich nebenan weiter. Sah sich der Betrachter in „Glazier“ mit moderner Vereinzelung und Anonymität konfrontiert, wird hier das Gegenteil behauptet. Der Künstler lässt die Hundertschaften seiner queren Community freundlich und ausgelassen über die Projektoren flimmern – der Sound wird über zwei Stelen mit Monitoren durch Kopfhörer zugänglich. Auch die Videoarbeiten „Institute for Turbulance Reseach“ und „Platos Alley“ (beide 2008) gönnen mit ihren immersiven Überwältigungsstrategien dem Besucher keine Atempause.

Erst mit „The Years“ (2018) wird es etwas ruhiger. Atlas erreichte in den 1970er-Jahren durch Tanz-Filme und Videos mit Merce Cunningham erste Bekanntheit. 1987 wurde seine Fiction-Docu „Hail the New Puritan“ (1986) über die Londoner GLBT-Szene auf der documenta 8 in Kassel gezeigt. Auf vier Screens werden nun Ausschnitte aus diesen und weitern Arbeiten des Künstlers präsentiert, darunter Kollaborationen mit Marina Abramovic und Yvonne Rainer. Doch auch hier rauscht das Material, denn Atlas inszeniert sich auf den Stelen für die Ewigkeit. Dazu erscheinen hinter den Videostelen auf einer Leinwand sieben „Zeugen“. Wollten sie den Künstler à la Bill Viola in die Unsterblichkeit geleiten? Das suggeriert ein zum Abschluss des Bühnensets auf die Wand projizierter Sternenhimmel. Das ist dann doch arg dick aufgetragen.

————————————-

Lifting the world once. Charles Atlas at the Migros Museum Zurich

Since the split-screen walls from the 1970s, there has been a persistent prejudice that video art must above all be fast, colourful and loud. The first comprehensive Swiss presentation by New York video artist Charles Atlas aims to confirm this at first glance: Four monitors project smooth images of city life, industrial production processes and sweet nature to a booming sound in the video installation „Glazier“ (2014).

The video work „2003“ (2003/ 2018) continues right next door, too. While the viewer was confronted with modern isolation and anonymity in „Glazier“, the opposite is claimed here. The artist lets the hundreds of his cross community flicker friendly and exuberantly over the projectors – the sound is accessible through headphones via two stelae with monitors. The video works „Institute for Turbulance Reseach“ and „Platos Alley“ (both 2008), with their immersive overwhelming strategies, do not give the visitor any breathing space.

Only with „The Years“ (2018) things will calm down a bit. Atlas first became known in the 1970s through dance films and videos with Merce Cunningham. In 1987 his fiction docu „Hail the New Puritan“ (1986) about the London GLBT scene was shown at documenta 8 in Kassel. Four screens now present excerpts from these and other works by the artist, including collaborations with Marina Abramovic and Yvonne Rainer. But here, too, the material rushes, because Atlas stages itself on the stele for eternity. Seven „witnesses“ appear behind the video steles on a screen. Did they want to lead the artist à la Bill Viola into immortality? This is suggested by a starry sky projected onto the wall at the end of the stage set. That’s a big one, isn’t it?

Writen for Artforum March 2018

Charles Atlas, Scary, Scary, Community Fun, Death, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, 17.02.–13.05. 2018

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Paragone am Rheinknie

Nahezu zeitgleich zeigen die Ausnahmekünstler Georg Baselitz und Bruce Nauman in Basler Privatmuseen die Summa ihrer Künstlerleben – das verspricht eine merkwürdige Begegnung.

 

 

 

 

 

Die Geschichte lässt sich kurz so erzählen: Zwei Buben aus der Provinz, der deutschen hier, der US-amerikanischen dort, beschließen große Künstler zu werden. Durch Talent und Glück werden sie das auch. Der deutsche, Georg Baselitz, 1938 geboren, als Maler. Der Amerikaner, Bruce Nauman, 1941 geboren, als Konzept-, Performance-, Video und Installationskünstler. Von 1968 bis 1980 findet keine Documenta ohne sie statt. Das hat damit zu tun, dass ihre Arbeiten Pole besetzen, ohne die der modernistische Kunstbetrieb nicht läuft: Traditionalismus/Modernismus, figurativ/abstrakt, politisch/formalistisch, all das ist bei ihnen idealtypisch aufgehoben. So kommen sie bei aller Gegensätzlichkeit immer wieder zusammen.

Die letzte Begegnung der beiden wurde 2015 inszeniert. Da hatte sie der Kurator der Venedig-Biennale Okwui Enwezor in Szene gesetzt. Während Baselitz auf halber Strecke des Arsenale-Parcours in einem eigens eingerichteten kapellenartigen Oktogon kopfüber gehängte Selbstporträts platzieren durfte, war das Entree der Ausstellung als eine beängstigende Blackbox gestaltet, ein Initiationsraum, in dem aggressive aus Macheten gestaltete Gestecke im Holzboden von Adel Abdessemed durch Bruce Naumans zuckende Leuchtschriften gespenstisch erhellt wurden.

Endet die Geschichte der beiden nun am Basler Rheinknie? Dort soll im Frühjahr für ein paar Wochen – mehr zufällig als beabsichtigt –  einen letzten, dafür aber umso lauteren Showdown mit zwei umfangreichen Retrospektiven geben. Die Ausstellung zu Baselitz ist in der Fondation Beyeler bereits eröffnet. Im Schaulager der Emmanuel Hoffmann-Stiftung folgt im März die zu Nauman. Kunsthistorisch gesehen ist sie sicher das spannendere Kaliber.

Der junge Bruce Nauman war sicherlich nicht der einzige Student der Malerei, der sich Anfang der 1960er-Jahre gegen den akademischen Betrieb stemmte. Doch bei Nauman geriet die Rebellion zur Geste, die den Kunstbetrieb revolutionieren sollte. Im Atelier, so die schöne Einsicht Naumans, müsse alles, was er tue und lasse, Kunst sein. Damit war ein Zeichen gesetzt, dass der Wert von Kunst nicht mehr allein im fertigen Produkt zu suchen ist, sondern vielmehr im Tun, in der Arbeit des Künstlers, im Prozess. Ab 1967 – da war er bereits bei dem Großgaleristen Leo Castelli unter Vertrag – dokumentierte er einfache Bewegungsabläufe wie Gehen, eine Geige-Streichen, An-der-Wand-Lehnen auf Schwarz-Weiß-16mm-Ton-Film und schleuste so ephemere Akte als „Werk“ in den Verwertungskreislauf der Kunst ein. In Bouncing Balls (1969) manipuliert er seinen Hodensack im Close-up und Slow Motion.

Mit der Darstellung primärer Geschlechtsmerkmale machte auch Baselitz Skandal. Zwei Jahre hing das Ölbild Die große Nacht im Eimer (1962-63) wegen Unsittlichkeit in der Asservatenkammer der Westberliner Staatsanwaltschaft. Nun hängt es prominent als Leihgabe in der Fondation Beyeler, ein Männchen mit langem Gemächt, das heute auch etwas an Putin erinnert. So wirken viele der baselitzschen Großformate in Basel merkwürdig aktuell und stark, sein Oberon 1964 ebenso wie die seit 1969 kopfüber gemalten Figurenbildnisse wie Adieu 1982. Was manch einer als Gag abtuen will, zeigt sich im Vergleich mit den Kollegen Gerhard Richter, Markus Lüperz,  Anselm Kiefer als Bildfindung mit Bestand.

Doch sein Gepolter übertönt, dass sein Künstlerbild überholt erscheint, auch wenn es vom Markt gerne propagiert wird. Daher finden sich bei Nauman die leiseren Töne, auch wenn wie er es sagt „ein Kunstwerk wie der Schlag eines Baseballschlägers ins Genick“ wirken sollte. Auch er wusste neben Skandalösem Beständiges zu platzieren. So geriet der 16mm-Film „Bouncing Two Balls between the Floor and Ceiling with Changing Rhythms“ (1967-68) zur gültigen Künstlermetapher, in der Nauman wieder und wieder mit voller Kraft versucht, zwei Bälle über den Boden an die Atelierdecke zu knallen.

Das Video, das sicherlich auch im Schaulager zu sehen sein wird, liest sich auf die Verhältnisse heute emblematisch: Zwei private Häuser an der Peripherie müssen ihre Bälle mit aller Vehemenz in der Luft halten, wo öffentliche Häuser im Zentrum ihrem Auftrag nicht mehr in vollem Umfang nachkommen können. Der Showdown am Rheinknie ist daher symptomatisch. Einerseits markiert es mit den Retrospektiven zum Lebensende zweier wichtigen Exponenten des Modernismus das endgültige Ende avantgardistischer Künstlermodelle, andererseits melden sich privates Mäzenatentum und Geschäftssinn, die gegen die Zeichen der Zeit das überholte Künstlerbild wiederum zu bewahren, wenn nicht zu retten suchen. Die althergebrachte Ordnung mitsamt ihrer sensiblen Machtgefüge kommt damit gründlich durcheinander: Hätte man Baselitz großformatigen Bilder vor 20 Jahren selbstverständlich im Kunstmuseum Basel gesehen, zeigt man dort nur das grafische Werk, während man die Ölmalerei in der Fondation und anschließend im Washingtoner Hirshhorn-Museum präsentiert. Ebenso das Schaulager, das mit einem Sockel wichtiger Arbeiten Naumans ausgestattet ist, das nun aber als Financier der ersten Retrospektive nach 20 Jahren den zeitlichen Vortritt vor der Partnerinstitution MoMA in New York reklamieren kann.„The true artist helps the world revealing mystic truths,“ heißt es in einer Neon-Licht-Spirale von Nauman ironisch. Unter Basler Verhältnissen wird es ihnen sicher nicht leichter gemacht.

Redaktionell überarbeitet zuerst erschienen unter dem Titel „Basel Balla Balla“ in Der Freitag am 15.02.2018

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Keine Zeit – Kunst aus Zürich. Helmhaus Zürich

“Oh dear! Oh dear! I shall be late!” cried Lewis Carroll’s white rabbit, the absolute archetype of both our present moment and an alternate one—wherein he exemplifies a different, fantastical order. Helmhaus’s exhibition, “_Keine Zeit – Kunst aus Zürich” (No Time – Art from Zurich) also moves within such an adventurous dialectic, honoring regional artistic practices, as is traditional in Switzerland.

The results are a breathtakingly beautiful exhibition that includes an installation of cacti by Magda Drozd; powerful towers and arks rendered in watercolors by the eighty-seven-year-old Willi Facen; four fascinating concrete rugs by Noomi Gantert; and the audio installation Poser, 2016, by Susanne Hefti. Also on view are Cécile Huber’s joyful parade of small sculptures; Susanne Keller’s monumental stage set made of cut paper, Musicisti, 2015–2016; Martina Mächler’s audio-installation, 71% (play), 2017; and the precise drawings of Daniel Zimmerman. Meanwhile, Michael Meier and Christoph Franz made concrete blocks using leftovers from Zurich’s Nagelhaus, while Patrizia Vitali’s video performances muse on the passage of time. In the glass vitrines of 7 Stationen (7 Stations), 2017, Klaus Tinkel arranges found materials into absurd landscapes.

Of this creative baker’s dozen, the artist Peter Schweri deserves special mention. The painter, illustrator, photographer, and object artist died in November, 2016, at seventy-seven. On view are early drawings by Schweri, as well as examples of the image-production systems, exemplifying Zurich constructivism, that made it possible for the artist—who had been completely blind since 2002—to work in a controlled, sculptural manner. In his art particularly, the creative potential of the city is revealed to be both clandestine and furious.

Translated from German by Diana Reese.

First published Artforum Online: https://www.artforum.com/picks/section=ch#picks73457


„Oh dear! Oh dear! I shall be late!“ klagt Lewis Carols weißes Kaninchen, ganz Phänotypus unserer Zeit, aber auch dessen Gegenentwurf, wo es einer anderen, phantastischen Ordnung angehört. In dieser abenteuerlichen Dialektik bewegt sich auch die diesjährige Weihnachtsausstellung des Helmhauses, in der, wie in der Schweiz traditionell üblich, das regionale Kunstschaffen gewürdigt wird. Dreizehn Künstlerlinnen und Künstler haben nun in der Erwartung, dass sich das Publikum auf ihre Arbeits- und Aufmerksamkeitsökonomien einlässt, eigensinnig an der Uhr gedreht.

Und das gerät mit Magda Drozds Kakteen-Installation, den gewaltigen aquarellierten Türmen und Archen des 87-Jährigen Willi Facen, den drei faszinierenden konkreten Teppichen Noomi Ganterts und der Audio-Installation „Poser“ (2017) von Susanne Hefti, Cécile Hubers fröhlicher Klein-Skulpturenparade, Susanne Kellers monumentaler Schnittpapier-Bühne „Musicisti“ (2017), Martina Mächlers Audioinstallation „71% (play)“ (2017), dem Betonklotz aus Überresten des Zürcher Nagelhauses von Michael Meier & Christoph Franz, und mit den Video-Performances zum Verrinnen der Zeit von Patrizia Vitali, sowie den Glaskästen „7 Stationen“ (2017), in denen Klaus Tinkel Fundstücke zu absurden Materiallandschaften arrangiert, und schließlich mit den präzisen Zeichnungen Daniel Zimmermanns zu einer atemberaubend schönen Ausstellung.

Einzig der Künstler Peter Schweri ist aus diesem kreativen Duzend herauszuheben. Der Maler, Zeichner, Fotograf und Objektkünstler verstarb im November 2016 siebenundsiebzigjährig. Im Helmhaus sind nun frühe Zeichnungen und Beispiele von konstruktiven Bildsystemen zu sehen. Sie ermöglichten dem seit 2002 völlig Erblindeten ein kontrolliertes bildnerisches Arbeiten. So zeigt sich das kreative Potential der Stadt klandestin und furios zugleich.

Veröffentlicht unter Ausstellungen | Kommentar hinterlassen