Von Max Glauner

Marina Abramović. Retrospektive Kunthaus Zürich Installationsansicht, Foto: Max Glauner
Gab es in den letzten fünfzig Jahren eine Künstler*in, die die Aufmerksamkeitsökonomien des Kunstfeldes so erfolgreich triggerte, wie die 1946 in Belgrad geborene Marina Abramović? Vorreiterin der Performancekunst, Ikone, Diva, Megastar lauten einschlägige Epitheta. Sie hat lange und hart an diesem Image gearbeitet. Das demonstriert jetzt eine retrospektive Ausstellungsreihe eindrücklich. Sie führt von der Royal Academy of Arts in London über das Amsterdamer Stedelijk Museum und wird im Wiener Bank Austria Kunstforum abgeschlossen. Davor gastiert sie im Kunsthaus Zürich.
Das hat seine Tücken. Abramović ist eine großartige Performance-Künstlerin. Doch ihre Stärke liegt im Augenblick der Aufführung. Videos, Fotografien, Objekte, Beschreibungen dokumentieren das. Sie fallen aber dagegen notwendig ab und können die Präsenz der Darstellerin, Ko-Präsenz und partizipative Interaktion des Publikums nicht einholen. Damit haftet jeder Abramović-Ausstellung, die sich historisch zur Künstlerin verhält, der Malus einer Totenklage und Geisterbeschwörung an. In Zürich wird diese Tendenz durch den Ort, den Pfisterbau des Kunsthauses, unterstrichen. Während sich Chipperfields Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthaus als Kenotaph-artiges Memorialgebäude gebärdet, wirkt der zweite Erweiterungsbau aus den 1950er-Jahren, in dem die Ausstellung stattfindet, wie der dazugehörige Sarkophag. Sein großzügiger Ausstellungssaal trägt den Namen seines Stifters, dem umstrittenen Rüstungsindustriellen Emil Bührle, dem am Eingang mit einer Büste gedacht wird. So treten wir mit dem Reenactment Abramovićs Performance Imponderabilia, 1977, ins Reich des Thanatos. Dunkle Wände, gedämpftes Licht, lange Korridore sorgen für sakrale Wiederauferstehungsatmosphäre.
Abramovićs unbändige darstellerische Energie ist im Zürcher Arrangement von Objekten, Fotos, Videos schwer zu ahnen. Zum Vergleich, die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte setzt in ihrer Theorie des Performativen, 2012, Abramović ein literarisches Denkmal. Sie schildert detailliert und anrührend die Performance Lips of Thomas in der Innsbrucker Galerie Krinzinger, 1975. Der Museumsbetrieb dagegen bemüht zur Revitalisierung des Genres Reenactments, Wiederaufführungen mit gecasteten Darsteller*innen.

Marina Abramović. Retrospektive Kunthaus Zürich Installationsansicht, Foto: Max Glauner
Doch das funktioniert in Zürich schon mit der Arbeit Imperabilia zum Auftakt nicht. Performances spielten mit Haltungen, dem kalkulierten Skandal, der Zumutung. Das wird dem Zürcher Publikum erspart. Das italienische Wort «imperabilia» bedeutet so viel wie «undurchlässig, undurchdringlich». Das nahmen Abramović und ihr damaliger Partner Ulay wörtlich. Sie stellten sich für 90 Minuten nackt in einen aufgestellten Türrahmen im Foyer der Bologneser Galleria Cumunale d’Arte Moderna. Bis zur Räumung durch die Polizei, war ein Durchkommen ohne Berührung nicht möglich. Wir spazieren einfach durch und haben zudem die Wahl nach links, ohne die billig erkaufte Initiation einzutreten. Die liminale Erfahrung von Künstler und Publikum findet nicht statt. Es bleibt bei der symbolischen Reminiszenz.
Was folgt, gruppiert grossformatig Foto- und Video-Material in chronologisch-thematischen Kabinetten, zeigt die Milestones ihrer Karriere. Da sind die Videodokumentationen der die Grenzen des Körpers auslotenden Performances der 1970er- und 1980er-Jahre, die auf monumentale Bildschirme projiziert werden, weil man ihnen offensichtlich nicht zutraut, bescheidener präsentiert, beim Publikum anzukommen. Krampfhaft versucht die Ausstellung die emotionale Differenz zwischen vergangener Aufführung und ihrer medialen Vermittlung einzuholen, zum Beispiel, wenn ein kleines Häufchen Rinderknochen für ihr erschütterndes Balkan Baroque auf der Venedig Biennale 1997 stehen muss. Die Künstlerin schrubbte damals stundenlang Sehnen und Fleisch von den Knochen. Stattdessen verhindert die Inszenierung gerade hier aktive Anteilnahme. Abramovićs künstlerischer Weg vom Exzess zur Askese endet für das Publikum in asozialer Isolation. Kristallbewehrte Stühle, Stellagen, Sessel und Liegen, die die Künstlerin als Objekte zum Gebrauch bereithält, lenken vom Eigentlichen, der exponierten Körperlichkeit, ab.
So können wir uns gleich zu Anfang mit einem Kopfhörer in einen Liegestuhl legen und nichts tun, ausser durch die Fenster ins Herbstlaub an den Bäumen zu blicken, dort, wo einst ein Friedhof sich befand, auf dem Georg Büchner begraben lag. Am Schluss lädt uns ein runder Tisch dazu ein, Reiskörner von Linsen zu trennen. Wer da an Cinderella denkt, liegt nicht falsch. Denn wer Abramovićs Methode der Lebensführung befolgt, hat die Chance wie sie sich vom Kunstfeld-Niemand zum Star zu verwandeln.
Nach dem Kunsthaus Zürich geht die Ausstellung Marina Abramović in das Wiener Bank Austria Kunstforum 2.10.2025 – 18.01.2026
Zuerst erschienen in KUNSTFORUM International Band 300, Januar – Februar 2025