
Am Ende der drei Stunden zehn Minuten Aufführung stellte sich eigentlich nur die eine bange Frage: Hatte jemand am Schauspielhaus den Roman „Il Gattopardo“ jemals gelesen? Denn ausser Kostüm- und Kulissenschlacht, als gälte es „Tosca“ oder „Madame Butterfly“ zu wuppen, war in der Dramatisierung des Stoffs nichts zu sehen, was auf eine Lektüre hindeutete, die im Gelesenen etwas liest, das den Lesenden und damit uns, die Gegenwart, interessieren könnte.
Damit trifft sich aber die Züricher Provinzveranstaltung mit dem Schicksal des „Il Gattopardo“-Autors Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Sein einziger Roman kam 1956 im Format bei Tolstoy oder Joseph Roths beheimatet, heillos zu spät. Einen Verleger fand der Spätberufene nur mühsam und seine Popularität erreichte der Autor erst mit der Verfilmung Luchino Viscontis 1963. Dieser las ihn narzistisch auf die eigene Familiengeschichte hin und liess die Protagonisten kongenial mit Burt Lancaster, Alain Delon und wir staunen, Mario Girotti, aka Terence Hill, besetzen. Das Zentrum des Begehrens, Angelica, gab schön, fern und sinnlich Claudia Cardinale.

Ihre Figuren sind in Zürich allesamt mit Knallchargen besetzt, eine Besetzung die man in der Illusionismus-gesättigten Geradeaus-Inszenierung fast schon als ein Gegen-den-Strich-bürsten lesen könnte. Beim Zuschauer steigt Unmut auf. Eine gute Nachricht: Der Film dauert auch etwas über drei Stunden. Die Zeit ist hier besser investiert. Die vierzig Minuten Ballszene am Ende des Films und der finale Abgang Burt Lancasters in eine dunkle Gasse werden in Zürich durch den schier endlosen Monolog des sterbenden Fürsten ersetzt. Hier weiss die Regie endgültig nicht mehr zu sagen und kapituliert ohnmächtig vor der Prosa, die sie zu bemeistern trachtete.
Filmstils aus „Il Gatopardo“ von Luchino Visconti 1963
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IL GATTOPARDO
von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
aus dem Italienischen von Burkhardt Kroeber
Bühnenfassung von Pınar Karabulut und Hannah Schünemann
REGIE: Pınar Karabulut
SCHIFFBAU HALLE
SCHWEIZER ERSTAUFFÜHRUNG: 29.11.2025
3 Stunden 30 Minuten (inkl. 20-minütige Pause)
1. Teil: 2 Stunden 15 Minuten
2. Teil: 55 Minuten
