Soziale Plastik – Andrea Pichl erhielt als erste Künstlerin mit DDR-Hintergrund den mit 30.000 Euro dotierten Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur. Ihre Ausstellung „deutsch deutsch“ serviert der Kunsthalle Vogelmann einen ausgebufften Deutschlandparcours.
von Max Glauner

Installationsansicht, deutsch deutsch, 2026, von Andrea Pichl. Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn Foto: Max Glauner
Der Heilbronner Kilianskirchturm ragt trotzig und stolz in den Himmel. Der Bau aus der Reformationszeit – Migrant und Wechselbalg in einem – scheint nicht so recht hierherzugehören, nicht, weil er im Zweiten Weltkrieg wie die gesamte Altstadt Heilbronns nicht zerstört wurde, sondern weil der wuchtige Unterbau und der üppig skulpturale Turmaufbau eher nach Flandern passt, als in die schwäbische Neckarstadt. Die auffällige Turmgestaltung ist dem Architekten Hans Schweiner, 1473-1534, zu verdanken. Er wollte für Luthers brandneues Glaubensbekenntnis um 1524 ein weithin sichtbares Zeichen setzen. Es sollte mit wulstigen Pfeilern und antikisierenden Zierformen mit der bis dahin gepflegten Gotik brechen. Steinerne Karikaturen auf Kleriker und Klosterbrüder an der Fassade rechnen zudem mit dem Katholizismus ab. Eine Sensation: Schweiner gelang mit seiner Architektur als skulpturale Schöpfung nichts weniger als eine originäre Sprache samt politischem Biss.
Dies mag gut ein halbes Jahrtausend später den Heilbronner Unternehmer Franz Karl Vogelmann, obwohl Katholik, bewogen haben, eine ansehnliche Skulpturensammlung anzuschaffen und wie zur Krönung seines mäzenatischen Lebens, den nach ihm benannten Preis für zeitgenössische Skulptur ins Leben zu rufen. Seit 2008 wurden alle drei Jahre sechs Künstler und eine Künstlerin ausgezeichnet. Jetzt erhielt die Berliner Konzept- und Installationskünstlerin Andrea Pichl als zweite Frau und die erste mit DDR-Hintergrund die mit 30‘000 Euro hochdotierte Auszeichnung.
Seit 2008 wurden alle drei Jahre sechs Künstler und eine Künstlerin ausgezeichnet. Jetzt erhielt die Berliner Konzept- und Installationskünstlerin Andrea Pichl als zweite Frau und die erste mit DDR-Hintergrund die mit 30‘000 Euro hochdotierte Auszeichnung. Andrea Pichel steht in Heilbronn in einer beeindruckenden Reihe eigenwilliger Künstler:innen-Persönlichkeiten von Roman Signer, über Franz Erhard Walther, bis Eyse Erkmen und Gregor Schneider. Sie haben teils wegweisend den Begriff des Plastischen, der Skulptur, des Körpers im Raum erweitert, wesentlich um Körperbewegung, also Performanz, und die Skulpturalität des Raums, also die Installation, in der sich das Publikum wie auf einer Bühne bewegt.
Daran knüpft die Künstlerin in eigenwilliger Weise an. Das zeigt sich nun auch in Heilbronn. Der Vogelmann- Preis ist mit einer Einzelausstellung der ausgezeichneten Künstler:innen in der Heilbronner Kunsthalle verbunden. Was wir nun dort von Pichl sehen, verstört, fasziniert, stößt ab und zieht uns gleichermaßen an – eine Höllenfahrt in die Politiken der Kleinbürgerparadiese in drei Kapiteln, die in drei Stockwerken der Kunsthalle ausbreiten. Die Künstlerin serviert uns dabei keine eingängigen, wohlgeformten Einzelobjekte, die sich in Investorenvorgärten fügen. Ihr Begriff skulpturaler Gestaltung geht weit darüber hinaus.
Auch in Heilbronn stellt sie als Displays, Skulpturen und Ausstellungskabinette zugleiich, zwei mal drei Häuser in zwei Stockwerke eng und unheimlich nebeneinander. Gehen wir ins erste Obergeschoss. Wie im dritten stehen eng aneinader drei Häuschen. Ihr Dachfirst ragt fast unter die Decke. Zwischen ihnen ist gerade einmal so viel Platz, dass wir hindurchgehen können – ein Gefühl der Beklommenheit beschleicht die Besucherinnen und Besucher, das sich auch kaum legt, kommt man auf ihre abgewandte Vorderseite, auf der sich eine Öffnung zum Betreten zeigt. Wo sind wir da hineingeraten?
Die drei Häuschen sind Replika von Behelfsbauen, Provisorien. Obwohl sie sehr ähnlich sind stammen sie aus drei Epochen deutscher Geschichte: Aus dem Nationalsozialismus, ein Behelfsheim für Ausgebombte aus dem Jahr 1945 nach einem Entwurf des Erfinders der architektonischen DIN-Norm Ernst Neufert, eine ebenso genormte Baumarkthütte aus der Gegenwart und drittens Gartenlauben aus der DDR. Sie bergen Objekte, Assemblagen und Bilder, die sich für die Besuchenden zu einem irritierenden Netz von Fragezeichen und unsicheren Gefühlen verwebt, und das gründlich durcheinanderbringt, was man glaubte unter DDR und das Verhältnis zweier deutscher Staaten zu verstehen.
Alles andere als getrennt, besaßen BRD und DDR ein schwer entwirrbares wirtschaftlicher Geflechts an Beziehungen, die von West-Produkten aus Ost-Produktion, Niedriglöhnen und Zwangsarbeit reichten. Ein absurdes System stellte der GENEX-Katalog dar. Bilderreich pries er zur Devisenbeschaffung Waren an, die für Westmark eingekauft werden konnten. Darunter auch die von Pichl nachgebaute Gartenlaube, die meinst durch Westbeziehungen erworben, bis heute – inzwischen bundesrepublikanische – Schrebergärten zieren. In Pichl Laube im ersten Obergeschoss sind nun Fotografien der Serie Blühende Landschaften (Serie auf 2026) zu sehen, sanfte Hügel, Blumen-Idyllen, die freilich das Eigentliche verbergen: Es sind Aufnahmen von Müllhalden, auf denen billig auf Kosten der Umwelt Westdeutscher Sondermüll entsorgt wurde.
Die Ehre erste Künstlerin mit Ost-Sozialisation zu sein, widerfuhr ihr bereits ein gutes Jahr zuvor in Berlin, als sie nach 35 Jahren Wende in die Nationalgalerie der Gegenwart eingeladen war, eine ausladende Arbeit mit und gegen den Großmeister Joseph Beuys zu setzen. Sie stellte auch hier sechs Nachbauten historischer Behelfshäuser wuchtig in den Oberlichtsaal des Hamburger Bahnhofs, bestückt mit Fotografien, Zeichnungen, Diaserien, die wenig bekannte Aspekte deutsch-deutscher Ökonomien, Produktion für den Westen, Warenverkehr, Entsorgung kritisch und unsentimental ins Licht rückten – ein lakonischer Kommentar zu Beuys verschwiemelter Idee von Sozialer Plastik. Weit davon entfernt vergangener Zeiten nachzuweinen integriert Pichl gleichsam kuratorisch Arbeiten anderer Künstler:innen in ihre Installationen. In Berlin zum Beispiel Beuys Multiple DDR-Riechstein, ursprünglich ein Wetzstein für Wellensittiche aus Ostproduktion, in Heilbronn melancholische Schwarz-Weiss-Fotografien von Textilarbeiterinnen der Ostberliner Fotokünstlerin Helga Parismit Aufnahmen des Dokumentaristen Reinhard Mende, die Arbeit im Kollektiv im Auge haben.
Andrea Pichl wurde 1964 in der Provinz, im heute sachsen-anhaltinischen Haldensleben geboren und wuchs in der Hauptstadt der DDR Berlin auf. Nachdem sie weil renitenzverdächtig nicht zum Kunststudium zugelassen wurde, absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Bekleidungstechnik und arbeitete in diesem Bereich. Dies und ihre Szeneerfahrung in der Ostberliner Subkultur hat sie nachhaltig geprägt – Stoffe, Textilien, spielen als Material eine grosse Rolle. Erst nach der Wende konnte sie ab 1991 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studieren. Nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und am Chelsea College of Art & Design in London entwickelte sie ein Werk, das sich intensiv mit Architektur, Stadtplanung und den sozialen Spuren der deutschen Teilung und der neuen BRD beschäftigt. In Installationen, Zeichnungen, Fotografien untersucht Pichl die ideologischen und ästhetischen Hinterlassenschaften der DDR sowie die Transformation ostdeutscher Lebensräume nach 1989. Ihre Arbeiten verbinden dokumentarische Recherche mit einer präzisen, oft minimalistischen Formensprache. Heute gehört sie mit Olaf Nicolai, Via Lewandowsky oder Cormelia Schleime zu den wichtigen Stimmen der ostdeutsch geprägten Gegenwartskunst.
Schauen wir ins Erdgeschoss der Heilbronner Ausstellen. Da sind die beiden nahezu identischen Teppiche rechts und links an der Wand Klohäuschen, 2024, gleich zum Auftakt. In der Mitte des ein grauer Kiosk aus Stahl, Kassenhäuschen, 2024. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass es sich bei den Teppichbildern um die Aufsicht auf die quadratischen Grundmauern einer Bedürfnisanstalt handelt, wie rote Bodenkacheln, Spuren von Aborten und zwei Gullideckel verraten. Wo einst die Wände waren, hat sich Naturgrün breit gemacht. Die Objekte könnten von jeder Industriebrache stammen. Doch der gemeinsame Untertitel, Serie Plänterwald, verorten sie eindeutig in den Osten der Republik, von der dem die Nachwendregierung blühende Landschaften versprach. Die sichtbare Spontanvegetation an der Bedürfnisanstalt spricht dagegen Bände. So geht es hier, Metapher der neuen Republik, um große Versprechen und ihre Ein- und Ausschlussregime. Der Kulturpark „Plänterwald“ 1969 eröffnet, war der einzige Vergnügungspark der DDR, Haupstatattrektion mit Fahrgeschäften aus dem Westen, exklusive Freizeitunterhaltung, die nach der Wende auch aus Einfallslosigkeit und Profitgier der neuen Investoren schnell ihre Kundschaft verlor.
Pichls Arbeiten wollen, dass wir genau hinsehen. Sie inszenieren dazu mit Humor und Feingefühl eine Urteilsenthaltung, fordern „Epoché“, um Gleichtakt und Verwerfungen der jüngeren deutschen Geschichte vom Nationalsozialismus, über den Weltkrieg bis heute in den Blick zu bekommen. Dafür findet Andrea Pichl eine neue Sprache. Heilbronn hat in ihr eine würdige Preisträgerin gefunden,
Ein redaktionell überarbeiteter Text erschien in der Freitag | Nr. 20 | 13. Mai 2026