Kurskdiskurs. Oder, wenn wir schon nichts zu sagen haben, lassen wir es ordentlich krachen – Paralipomenon XII

„Die Versenkung des Atom‐U‐Boots Kursk durch den Feigling Steve Jobs (Teil II)” hatte gestern an der Zürcher Hochschule der Künste seine Uraufführung – Eine kleine Geschichte der Verdrängung.

Worum ging´s denn nun bei der „Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steve Jobs“? Nach gut zweieinhalb Stunden Theater in der Gessenerallee stand diese Frage deutlich auf die amüsierten bis ratlosen Gesichter des Publikums geschrieben. Lea Whitcher hatte zum Auftakt betörend gesungen, war anschließend in die Rolle einer gehetzten Journalistin geschlüpft, die auf ihrer investigativen Tour an den Baikalsee statt auf die Lösung ihrer Verschwörungstheorie betreffs U-Boot und Steve Jobs zu stoßen, auf Lorenz Baumgarten in der naturgemäß hintergründig angelegten Rolle des Bela Lugosi traf, um dort immer wieder den verpeilten Autor und Alter Ego des Regisseurs Timo Krstin, Jonas Riemer, zu verpassen, der seinerseits nach längeren Grübeleien zur Diskurstheorie mit dem Männertraum Rahel Sternberg beschäftigt blieb, während Liliane Koch und Katharina Heißenhuber mit vollem Einsatz das sekundierende Personal des Abends gaben.

Wollte man den „Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk“ einer Theatergattung zuordnen, passte er am ehesten in die Rubrik Farce, geht es ihm doch – Feydeau, Labiche sind gegrüßt – nicht um den Anschluss an Wirklichkeit, sondern um den Aufschluss von spielerischen Möglichkeiten. Das ist dem Autor und Regisseur Timo Krstin über weite Strecken unterhaltsam und clever gelungen. Bleibt man allerdings bei der Frage, worum es ihm ging, wird man eher bei der Frage fündig, worum es ihm an diesem Abend nicht ging. Nachdem Krstins Bühnendouble Jonas Riemer seine Foucault-Interpretation und die Fragen nach Geschlecht, Autor und Subjekt der gesellschaftlichen Diskursmaschine beendet hatte, ging es für seine Figur kurz nach links zur Tür ins Off: „Derrida,“ raunt sie, „den muss man jetzt doch nicht auch noch lesen.“ Nun war der Zuschauer erleichtert, dass ihm nach der Foucault- eine Derridaexegese erspart blieb. Doch die Derridalektüre hätte eine Brücke zu einem weiteren Diskurs schlagen können, der an diesem Abend auffällig abwesend war. Er klagte sein Recht darum um so lauter ein: die Psychoanalyse. Sie hätte eine Welt eröffnet, die nun in ihrer Abwesenheit, hinter dem Rücken des Autors ihre Streiche spielte und die Aufführung zum Scheitern brachte.

Worum ging`s also? Timo Krstin sitzt aus dieser Perspektive gesehen zwischen allen Stühlen und findet keinen Platz: Die „Versenkung“ inszeniert eine postdramatische Reise nach Jerusalem, hinter der, psychoanalytisch gesprochen, ein ödipaler Grundkonflikt zwischen Freiheit und Anerkennung agierte. Der große Stuhl der Geschichte ist eh besetzt: Hier sitzen Pussy Riot, Edward Snowden, die Multitude auf dem Majdan oder Like-Buttons im Netz oder eben Steve Jobs und als Camp-Heroe Bela Lugosi. Zu diesen Akteuren anschlussfähige Medien bleiben jedoch offensichtlich nur Twitter, Youtube, Hollywood und die BBC. Und das Theater? Kann es denn in irgendeiner Weise nachhaltig, relevant und dazu noch unterhaltsam, wenn nicht davon erzählen, so doch dazu Stellung nehmen? Auch hier sind für Krstin die Plätze bereits okkupiert: Da sitzen in einer Reihe Armin Petras, René Pollesch, viele andere und ganz groß Frank Castorf. Bleibt also vorerst nur dazwischen zu trotzen. Zwei Darstellerinnen lassen zum Höhepunkt des Abends eine Batterie Konfettikanonen in Stellung bringen. Man darf die bunt ejakulierenden Flittergeschosse darum sowohl als infantil werbendes Angebot an den Zuschauer deuten, alsoauch als naiv phallische Geste gegen jene, die – symbolisch oder imaginär bleibt unausgemacht – in Theater und Geschichte die Plätze besetzen. „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus,“ fasst Freud einmal zusammen. Im übertragenen Sinn gilt dies auch für diesen Theaterabend. Er hetzt von Einfall zu Einfall und bleibt damit analog zu Hypertext, clicks und likes auf der Höhe der Zeit. Viel Zeit zur Besinnung oder gar für Gefühle bleibt da nicht. Angesichts dessen mag eine Einsicht der Psychoanalyse fast tröstlich stimmen: Das Verdrängte kehrt wieder. Garantiert.

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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