Media Studies. Rodney Graham bei Hauser & Wirth in Zürich

marshall_mcluhanEigentlich ist Rodney Grahams Ausstellungstitel „Media Studies“ ein Pleonasmus. Denn welche Arbeit des heute 68-Jährigen Künstlers beschäftigt sich nicht mit der Untersuchung medialer Repräsentation? Die großformatigen Foto-Leuchtkästen, sieben neue werden bei Hauser & Wirth in Zürich gezeigt, geben inzwischen so etwas wie den „Brand“ der Vancouver-School ab. Und während der drei Jahre ältere Jeff Wall, wie Graham in Vancouver geboren, die sozialdramatisch-tragische Seite des Genres für sich reklamiert, hält Rodney Graham die komödiantische besetzt. Längst zum eigenen Hauptdarsteller avanciert, inszeniert er sich meist grüblerisch introvertiert und als der Künstler erkennbar in immer neu konstruierten Sets.

So tritt er in Zürich als eleganter Herr vor einer Hecke sitzend auf, „Newspaper Man“ (2016). Er hält sich eine Zeitung mit großen Sehschlitzen, durch die er den Betrachter unverwandt anblickt, vors Gesicht. Zur Tarnung? Zur Maskerade? Anspielung auf einen Kalter-Kriegs-Krimi oder afrikanische Kunst und kubistische Bildexperimente? Oder geht es hier einfach um das Thema Blick und Gegenblick, die Unhintergehbarkeit medialer Begegnung? Der Betrachter wird auf keine verbindliche Lesart verpflichtet und er darf sich, selbst wenn er Grahams Figuren nie ihr letztes Geheimnis entlocken kann, stets überlegen, stets etwas klüger fühlen als sie.

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Wie anachronistisch wirkt der 1970er-Jahre Dozent, als der sich Graham im monumentalen Diptychon „Media Studies `77“ (2016) gibt? Zigarette, Kord-Jackett und Schlaghosen proben im Marshall-McLuhan-Fahrwasser Tabula Rasa und der Video-Schirm links im Bild bleibt so leer wie der Kopf des gelehrten Idioten. Auch wenn Graham seine Figuren nie denunziert, wünscht man doch manchmal, dass sie mehr sind, als nur der traurige Clown im Kunstzirkus.

English Version

The title of Rodney Graham’s latest exhibition, “Media Studies,” is a pleonasm. Which of the artist’s works is not concerned with the investigation of media? Large-format photographic light boxes—there are several new ones in this show, as well as two paintings series with gesso and magazine images—have come to emit something like the “brand” of the Vancouver School. (And while Jeff Wall claims for himself the sociodramatically tragic side of the genre, Graham occupies the comedic.) Having long since advanced to his own role as a major player, Graham mostly stages himself as a brooding introvert and as the artist recognizable in ever-newly constructed sets.

Thus he appears in Zurich as an elegant gentleman seated in front of a hedge, in Newspaper Spy (all works cited, 2016). He holds a broadsheet in front of his face with observation slits through which he gazes intently at the viewer. As camouflage? As masquerade? Is this an allusion to a Cold War crime thriller or African art and Cubist image-experiments? Or is it simply a question of the theme of gaze and counter-gaze? The viewer is never constrained to any interpretive approach. If one never gets the last secret out of Graham’s figures, the beholder can always feel superior and somehow wiser than them.

How anachronistic does the teacher seem in the monumental diptych Media Studies ’77? The cigarette, corduroy jacket, and bell-bottoms recall Marshall McLuhan while a TV screen to the left of the image remains blank. Even if Graham never denounces his figures, one nonetheless sometimes wishes that they were more than just sad clowns at the art circus.

Translated from German by Diana Reese. First published https://www.artforum.com/picks/id=66473

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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