Marlow Moss. Eine Neoplastizistin im Zürcher Museum Haus Konstruktiv

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Bis heute halten sich die Künstlerinnenklischees aus dem 20.Jahrhundert hartnäckig. Demnach sind sie zuerst mütterliche Hüterinnen (des Figurativen) wie bei Paula Modersohn-Becker oder Frida Kahlo, oder fleißige Sammlerinnen (in den Tiefen des existenziellen Selbst) wie etwa bei Hanne Darboven oder Tracy Emin.

Daneben bleibt wenig Platz. Wer erinnert sich noch an die Mitte der 1990er-Jahre entdeckten russischen Futuristinnen und Konstruktivistinnen wie Ljubow Popowa, Olga Rosanowa und andere Pionierinnen der Moderne der 1910er-und 20er-Jahre?

Es wundert also nicht, dass die britische Künstlerin Marlow Moss (1889-1958) und ihre konkrete Kunst, eine subtile Interpretation des Neoplastizismus Piet Mondrians, heute in Zürich unter dem Label einer „vergessenen Außenseiterin“, schmackhaft gemacht werden muss. Und es verwundert auch nicht, dass ihre Transgenderexistenz, sie lebte mit einer Frau zusammen und gab sich mit dem Image des dandyhaften Herrenreiters einen Männernamen, als einzig dem Umstand geschuldet gedeutet wird, in der Männerdomäne konkreter Kunst auftreten zu wollen.

Dass sie das bloß Epigonale gegenüber ihrem fast zwanzig Jahre älteren Vorbild Mondrian früh verlassen hat, zweigen nicht nur ihre strengen auf den Primarfarben und einem Schwarz-Weiß-Raster aufgebauten Kompositionen, die mit zwei nah beieinander liegenden schwarzen Linien den Bildraum dynamisieren, wie in der reifen Arbeit „Untitled (White, Black, Blue and Yellow)“, 1954, die in der großartig kuratierten Ausstellung gleich in zwei Versionen präsentiert werden kann.


Twentieth-century clichés concerning women artists stubbornly persist to this day: Women artists are primarily motherly protectors (of the figurative), as in the case of Paula Modersohn-Becker or Frida Kahlo, or diligent collectors (diving into the depths of the existential self), as with Hanne Darboven or Tracey Emin. Given these preconceived notions, it is unsurprising that British artist Marlow Moss, along with her subtle interpretations of the Neoplasticism of Piet Mondrian and his cohorts, has to be rendered palatable here with the label “forgotten outsider.” Nor is it astonishing that her life as a gay and gender-bending artist—she lived with a woman and gave herself, in the image of a dandified gentleman jockey, a man’s name—is at times presented by others as a circumstance of her desire to enter the male-dominated domain of Concrete art, seeing as Moss herself played with the public’s perceptions of her.

Early on, she shed her epigonic status with respect to her role model, Mondrian, who was almost twenty years her senior. Her compositions built on primary colors and black-and-white grid patterns stand for themselves in this fantastically curated exhibition. Dynamizing the image space, a pair of black parallel lines running neck and neck appear in two versions of the mature work Untitled (White, Black, Blue and Yellow), 1954. There are also sketches spelled out with mathematical precision, studies for larger pieces, and works such as Composition in Red, Yellow, Blue and White, 1956–57, from the Israel Museum in Jerusalem, which—with its shimmering color modules—makes the artist an exhilarating discovery.

Translated from German by Diana Reese. First published in http://www.artforum.com

 

  

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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