Der Dramaturg. Eine Erzählung aus dem Jahr 1982 | Paralipomenon XXIV

Ausschnitt von Gotthold Ephraim Lessing, Gemälde von Anna Rosina de Gasc (Lisiewska), 1767/1768, Gleimhaus Halberstadt Foto: Comun Licence

Nickelbrille, das angegraute Haar à la Strindberg, Benjamin, Hamacher gerauft. Darunter ein schmales Gesicht, das in ein Kinn auslief, vorgeschoben, wie ein Kiel, in dem der wulstig-kleine Mund zu verschwinden drohte. Der Dramaturg. „Setzen Sie sich!“ Aufrecht lehnte er in der Intendanz, nach der Pforte, rechts, dritter Stock, links unter dem Dach, an seinem Schreibtisch mir gegenüber. Vor sich Zeitungen ausgebreitet. „Sie sind also Herr Strecker.“

Der Wiener hatte einige Zeit vor seinem neuen Engagement in der Ruhrmetropole im Schwäbischen gearbeitet. Kannte sich also aus mit dem Theater, mit den Komikern in der Neckarmetropole, aus der er vor kurzem mit seinem berserkernden Prinzipal vertrieben worden war. Jahre vor ihnen feierte Max Strecker getragen vom jungen Fernsehen neben Häberle und Pfleiderer, die Bedeutenderen, als Mundart-Buffo Triumphe. Was also lag näher, dass mich, Max mit Vornahmen, der, wie man sagte, weitdenkende und schon damals legendäre Dramaturg Hermann Axt in aller Anerkennung und Ignoranz mit dem Namen meines schwäbischen Theater-Landsmanns belegte.

Es sei vorweggenommen: Wir sind uns nie nähergekommen. Auch wenn wir uns über die Jahre und Jahrzehnte immer wieder begegneten; aus dem Ruhrgebiet ging es für Axt und seinen Prinzipal an die Donau. Ich reiste ihnen nach. Sie feierten Triumphe. Ich blieb in Berlin und für Axt der Strecker. Dann ging es für sie an die Spree. Und obwohl ich auch dort lebte, verloren sich unsere Wege, als sie ihr Theaterschiff in den Hauptstadtmorast versenkten. Irgendwann in Wien tönte er mir gegenüber, er werde sich dort nie hinbegeben, würde man so weitermachen, wie bisher. Alles ging so weiter und Axt blieb an der Seite seines Herrn. Bis zum bitteren Rentenende.

Meine Mutter hatte damals alle Minen springen lassen. Immerhin war sie früher im Opernkinderchor, der Pelikan in einer gefeierten Zauberflöte, in der der Wundertenor Fritz Wunderlich den Tamino gab. Ihre beste Freundin, stets auf hochhackiges Schuhwerk bedacht und Gattin eines Kammersängers, Bariton, fädelte meinen Besuch bei Axt schliesslich ein. Auf meinem Weg nach Berlin, wo ich, sollte das Gespräch mit Axt missraten, studieren wollte, ging es in den Pot.

«Sie wollen studieren, Strecker? Was denn?» Axt schaute prüfend über die Brille. Mich durchfuhr es. Erster Fehler. Aber hätte ich gleich sagen sollen, dass ich das Schultheater bei Manfred Raimund Richter und dem Musiklehrer Stegmeier ganz toll fand, Kleist und den Zirkus? Und dass ich schon mal Clown war. In einer Manege, die ich mit Daniela und Philipp im Nachbargrundstück abgezirkelt hatte, und noch früher sogar Zirkusdirektor werden wollte und dass ich, jetzt bescheidener geworden, bloss noch Burgtheaterdirektor. Ich traute mich nicht ihn zu korrigieren, um mein eigentliches Anliegen anzubringen und schoss heraus, «Germanistik, aber nicht so richtig.» Es gebe da in Berlin ein Institut, das versuche alles irgendwie zusammenzubringen, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Ohne Kästchen ging es da zu.

«Das ist gut.» replizierte Axt, der sich nun davon entlastet fühlte, mir auszureden bei ihm zu assistieren oder irgendwas am Theater an der Wupper anzufangen. Er kam in Plauderlaune. «Brecht hat auch studiert, bevor er ans Theater ging.» Das leuchtete mir ein. Dummer Weise, denn ich liess mich hinreisen, zu behaupten, ein akademisches Studium wäre zumindest in den Augen meiner Familie etwas Seriöses, etwas Solides. Schwaben halt. Axt zuckte mit den Achseln und fragte, wohin es mich am Theater so triebe. Mit dem akademischen Studium im Rücken schon Dramaturg, replizierte ich artig. Brecht habe auch nicht mehr als zwei Semester Philosophie studiert. Dann könne ich ja weitersehen. Erstaunlicher Weise zeigte sich Axt geschmeichelt. Doch sicher weniger, dass er sich von mir geschmeichelt fühlte, sondern durch den Umstand, dass er jetzt die Zeit für gekommen hielt vom Wesenskern seiner Profession zu erzählen.

Also schwadronierte er los, ein König auf dem Scheitelpunkt der wortgetragenen Bühnendramatik, deren letzten Gralshüter man ihn mit Fug nennen kann, bevor der Sturm des Postdramatischen in die deutschen Theater-Häuser wehte. «Was der Dramaturg tut, weiss eigentlich keiner so recht. Er liest viel, naturgemäss.» Axt schaute auf seine Zeitung. «Es ist eben auch ein sehr alter Beruf. Ein griechischer Philosoph ist der erste Dramaturg gewesen. Was natürlich nicht heißt, dass ein Dramaturg auch ein Philosoph sein muss. Aber er ist als Denkmaschine ans Theater engagiert. Denn das Theater denkt nicht. Es spielt. Aber es muss auch denken. Nicht denkende Schauspieler zum Beispiel langweilen mich. Nehmen Sie, Strecker, einmal Ise Ritter. Sie denkt. Jeder Satz, den sie auf der Bühne sagt, denkt sie und wenn sie spricht, denken wir, sie sagt den Satz zum ersten Mal. Als hätte sie ihn gerade erst gedacht. Wir denken, wir hören ihr beim Entstehen der Sätze zu, obwohl sie das alles auswendig gelernt hat. Aber der Ise Ritter musst du nicht sagen so und so musst Du das sagen. Die Ritter kriegt das auch so hin. Sie ist einfach eine der ganz Grossen, der man das eigentlich Nichts sagen muss. So pendelt der Dramaturg täglich zwischen ‘Denkfabrik’ und ‘Mädchen für alles und nichts’ hin und her und sagt nichts.» beendete Axt seinen Bogen und wischte meine Frage, wie dieser Philosoph denn hiesse, mit einer nuschelnden Handbewegung, vom Tisch. Gab es diesen ersten Dramaturgen? Oder war ihm die Geschichte Axt honi soit qui mal y pense ein Anker, um seinen Bogen von der Antike zur Ritter schlagen zu können?

Offensichtlich durch mein schweigendes Staunen über dieses rhetorische Geschick angeregt, fuhr er fort: «Um es etwas nüchterner zu erklären. Ein Lexikon, will den Dramaturgen als einen Angestellten definieren. Er wirke, heisst es irgendwo, bei der Auswahl und Einrichtung der Stücke mit, und muss das Schauspielern erklären. Ja, wenn das so einfach wär’» schloss Axt mit einer Pause ab, nachdem er den Umlaut von «wär» wienerisch-näselnd deutlich genossen hatte. «Ja, Strecker, stellen Sie sich das mal vor!» Und Axt legte zu einer längeren Ausführung los. «Es gab Zeiten, Strecker in denen die Dichter,» Axt betonte Dichter, «die Formgesetze des Dramas definierten. Alle konnten sich daran halten. Und mussten sich daran halten. Wer sich nicht daran hielt, der wurde missverstanden, ignoriert, ausgelacht. Das erging auch dem größten Dramaturgen der Theatergeschichte so, nämlich William Shakespeare.» Ach, schon wieder etwas Schummeln, dachte ich kurz, den Gedanken ob der Kompetenz meines Gegenübers nicht zulassend und kam auf Kleist. Axt meint Kleist – der wie er, Axt, Klarinette spielte, bevor er ans Theater ging. Axt setzte seine Ausführungen unbeeindruckt fort. «Strecker, im Grunde ist jeder Theaterdichter sein eigener Dramaturg, indem er seine eigene Gesetzmäßigkeit schafft. Auf der anderen Seite ist ein Dramaturg wiederum kein Dichter, aber einen Sinn für Dichtung in allen Spielarten sollte er als eine unbedingte Voraussetzung für seinen Beruf schon haben. Der Dramaturg heute ist gewiss kein Wachmann für eine ästhetischen Norm, kein Theatertugendwächter, auch wenn er einige Theatertugenden selbst immer beherzigen sollte.» Ich fühlte mich verpflichtet ihm hier mit einem kurzen «hm, ja, verstehe» beizupflichten, denn ich fühlte, ich hätte schon zu lange geschwiegen. Doch kaum, dass er meinen Einwurf registriert hatte, wechselt er Ton und Farbe seines Vortrags: «Im Grunde ist seine Aufgabe die eines Fragenstellers, also die eines Menschen, der Fragen an ein Stück, an Schauspieler, an Autoren, an Regisseure stellt, Fragen auch an das Publikum. Möglichst richtige Fragen, also Fragen, die weiterführen. Dabei kann eine unscheinbare, eher kuriose Frage von entscheidender Wirkung sein.» Ihm schien der Gedanke zu gefallen, denn er fragte mich mit einem spitzbübischen Schmunzeln, ob ich eine Frage hätte. «Haben Sie noch eine Frage, Strecker?»

Obwohl ich dachte unser Gespräch sei nun zu Ende, schien Axt nun erst richtig in Fahrt zu kommen. «Strecker, auch wenn Sie jetzt richtig belesen ans Theater kommen, ein Dramaturg darf nie ein Besserwisser sein. Er soll es nur genau wissen wollen. Eine richtige Frage führt zur richtigen Antwort, möglich. Kein Fragen jedoch führt in die Irre, Strecker. Die richtigen Fragen aber kommen nur aus der genauen Lektüre. Unverzichtbar für die Arbeit eines jeden Dramaturgen – natürlich auch eines jeden Regisseurs – ist die genaue Durchdringung eines Stücks durch eine neugierige, den ganzen Text erfassende Frage, der eine penible Lektüre folgt. Ein Dramaturg entwickelt die Fragen und Vorschläge zuallererst aus dem Stück.»

Kunstpause. Aha! Was würde jetzt kommen? Axt schaute zu Seite und begann leise und drehte den Kopf langsam zu mir. Ich erschrak. «Ein gewissenhafter Dramaturg misst alle so genannten Regieideen an der Wahrheit…,» erneute Pause, die das folgende Wort wie ein Hase aus dem Zylinder zauberte, «…des Stücks.» Und weiter: «Ein redlicher Dramaturg tritt für den Autor ein. Er ist nie Helfershelfer gegen den Autor.» Merkwürdige Wendung. Wie sollte er das je sein? Und gibt es nicht Autoren, die aus einem anderen Zusammenhang Theater machen? Wie wir Schüler in der Theater-AG von Richter zum Beispiel? Axt donnerte weiter: «Das Theater der schnellen Einfälle braucht keinen Dramaturgen. Eine Klassikeraufführung, die den Pokal fürs Schnellsprechen holen möchte, braucht keinen Dramaturgen.» Dann wurde er milder, sich auf das Historische besinnend. «Der Dramaturg als ein regelrechter Theaterberuf trat in der Theatergeschichte erst spät auf, müssen Sie wissen, Strecker. Dramaturgen im heutigen Sinn tauchen auf, als der moderne Regisseur in Erscheinung trat, etwa Max Reinhardt. Sie kennen Reinhardt?» Die Frage zu meiner Theaterbildung! Ja, den Namen schon gehört. Was konnte ich mit ihm verbinden? Ich suchte in meinen Hirnwindungen. Berlin, Salzburg, Sommernachtstraum, 20er-Jahre, Exil. Viel war da nicht und ich nickte. «Natürlich ist der Blick des Dramaturgen immer ein anderer als der des Regisseurs,» entlastete er mich durch die entfallende Nachfrage, «weil es ein abwägender, reflektierter Blick ist, nicht die geniale Vision. Und beharrlich müssen Sie sein, Strecker!» Ich nickte abermals.

«Es geht ja nicht um Rechthaberei, alles was zählt, ist die Bühne, das heißt, ob das, was man will, auf der Bühne überzeugend sichtbar wird. Jetzt, da, bei der Abendvorstellung, schlägt die Stunde der Wahrheit. Die Stunde der Wahrheit für den Dramaturgen schlägt vorher, immer wieder bei neuen Stücken, bei Stückentdeckungen oder bei Wiederentdeckungen. Wir sind Fährtensucher ins Ungewisse, Ungesicherte, Unentdeckte hinauswagt: Neuland betretend oder lange verschlossene Türen öffnend. Er muss fähig sein, mit Schauspielern zu sprechen, mit dem Regisseur, den Bühnenbildnern und wehe, er kommt ihnen mit nachgebetetem Dramaturgengerede, akademischem Neusprech. Er muss etwas von einem Praktikus haben. Goethe hat das Wort einmal gebraucht. Er meint, einen praktischen Sinn muss er haben, das praktische Wissen kann sich der Dramaturg aneignen. Nicht auf der Universität, nicht im Schnellkurs.» Erwartete er jetzt eine Reaktion? Eine Frage. Ich nickte abermals.

«Ein Dramaturg hat eine große Verantwortung. Wie der Schauspieler. Vom Schauspieler hängt das Gelingen des Theaterabends ab. Vom Dramaturgen hängt das Gelingen aller Theaterabende ab. Die Hauptsache ist, zwischen der großen Idee und der kleinsten Geste, der Betonung des entscheidenden Worts auf der Bühne einen Zusammenhang herzustellen, einen Zusammenhang, der für alle spürbar wird. Je länger ich am Theater bin, desto deutlicher weiß ich auch, dass die Verbindung von Bühne zu den Zuschauern elementarist. Für diese Verbindung trägt gerade der Dramaturg eine große Verantwortung. Wer sich davor drückt, ist als Dramaturg fehl am Platz, der soll Privatlehrer werden. Ein Dramaturg darf keine Angst haben. Auf dem Theater ist alles möglich, insofern ist auch für einen Dramaturgen alles möglich. Er kann sogar Stücke erfinden, wenn er ein Stück zu einem bestimmten Ereignis oder wichtigem Thema haben will. Er mag es unverzagt versuchen.»

Wenn da das Postdramatische nicht lauerte. Also los zur Feedbackschleife:  «Das Publikum verzeiht Schwächen oder Fehler, nicht aber Hochstapelei und Betrug. Das Publikum ernst zu nehmen, konnte ich deswegen leicht lernen, weil ich mich immer als Zuschauer gesehen habe, auch heute noch. Habe ich in meiner Theaterjugendzeit noch begierig Kritiken studiert, so erlebe ich heute die eklatante Diskrepanz zwischen der Theaterkritik und der Theaterrealität. Ärgerlich finde ich es obendrein, wenn dies geschichtslos passiert, das heißt ohne Wissen um ein Stück und dessen Aufführungsgeschichte. Gewiss, eine Theateraufführung wirkt nur im Augenblick und doch wirkt sie auch nach. Jede Theateraufführung steht in einem Kontext, lebt aus einem Kontext und schafft diesen Kontext immer wieder neu. Zumindest in genuinen Theaterstädten wie Wien oder München, sogar Berlin, denn dort herrscht eine andere Zeitrechnung, dort entstehen geradezu Sagenwelten des Theaters durch Schauspieler und legendäre Aufführungen. An Orten, wo das Theater noch solch eine Wirkung zu erreichen vermag, tritt es, Strecker, wundersamerweise an die Stelle von Religion: Es verwandelt den Menschen. Im Grunde ist Dramaturgie und die Arbeit des Dramaturgen tatsächlich eine verwandelnde Tätigkeit. Nämlich die Verwandlung des Wortes in die emotional erlebbare Fleischwerdung auf der Bühne. Von der Klugheit der Schauspieler, den Verkörperungen des Wortes, kann ein Dramaturg unendlich viel lernen. Sie denken nicht nach, sie spielen und denken im Spiel. Wenn das Theater als eine künstlerische Institution zur Seele einer Stadt oder gar als Nationaltheater zur Identität eines Landes gehört, dann ist es die Aufgabe des Dramaturgen, diese Zusammenhänge zu ergründen und für die Gegenwart neu zu definieren. Der Dramaturg ist Hüter und ständiger Neugründer seines Theaters. ‘Wenn das Haus durchsichtig wird, gehören die Sterne mit zum Fest’, so definierte einmal Hugo von Hofmannsthal das Theater. Etwas vom Sterngucker mag der Dramaturg haben. Aber der verschrobene Hinterstubenhocker und in seinen Büchern ertrinkende mausgraue Dramaturgen-Existenz, die nichts zu sagen hat, ist längst Vergangenheit. Er wurde vom Produktionsdramaturgen ersetzt, ein Spezial-Experte fürs Spezielle im Inszenierungsteam. Fehl am Platz, wenn er nur als Rechtfertigungsgehilfe fungiert, inspirierend und wichtig, wenn er kritische Impulse zu geben vermag. Im rechten Augenblick die Notbremse ziehen können, ohne den Zug zum Entgleisen zu bringen. Auch um diese Funktion darf sich ein Dramaturg nicht drücken.» Aha. Und: «Was aber ist nun tatsächlich der Antrieb, dies alles tagtäglich auszuhalten? Selbst die vollendetste Aufführung wird zur Chimäre, denn nach der letzten Vorstellung ist sie verschwunden. Vielleicht ist es die kindliche Hoffnung, dass doch etwas bleibt, dass doch etwas weiterwirkt und den Menschen verändert, verwandelt. Stellen wir uns vor, wie es Max Frisch bei seiner Frankfurter Rede zur Eröffnung der Dramaturgentagung als erhellendes Gedankenspiel getan hat, stellen wir uns einmal vor, Strecker, alle Theater blieben nach der Sommerpause geschlossen. Sehr bald würden wir uns sagen: in unseren Städten kein Ort der Wahrheit, kein Ort der Selbstvergewisserung, kein Ort der Zukunftsvision, kein Ort des allgemeinen öffentlichen Gelächters über jene, die die Macht haben, kein Ort, um in die Herzen der Menschen zu sehen, kein Ort der Erschütterung, kein Ort des geistigen Aufruhrs, kein Ort, um Humanität im Spiel durch Spiel zu erfahren. Kein Ort, wo niemand Angst haben muss, weil alles Spiel ist. Eine theaterlose, eine schreckliche Welt. Eine trostlose Zeit. All das droht uns ohne Theater. Gegen eine solche Trostlosigkeit kämpft zusammen mit Schauspielern und all seinen Künstlerkollegen auch der Dramaturg. Als Theateridealist wird er das tun, als Theaterzyniker wäre es ihm absolut gleichgültig. Theaterzyniker sind Theaterzerstörer. Allein meine ersten Begegnungen am Theater lehrten mich, wie grandios verschieden Theater sein kann und wie sehr eine doktrinäre ästhetische Ausrichtung der Vitalität des Theaters schadet. Nicht von einem Stil, sondern von der Vielfalt der Formen und Fantasien lebt das Theater.» Schön hat er das gesagt und er guckt so ins Weite als hätte er an seinem eigenen Stuhl gesägt.

Axt griff wieder zu seiner Zeitung. «Sehen Sie Strecker, hier der Artikel. Ich muss sie ja leider alle lesen.» Er zieht die Oberlippe hoch. «Ich brauche sie aber nicht auszuschneiden. Jede Zeitung, jedes Papier hat eine Reissrichtung. So muss ich nur der Reisrichtung folgen,» er nahm die Zeitung mit der Linken und machte einmal ‘Ratsch’, «und schon habe ich den Artikel sauber ausgetrennt.» Das war seine letzte Lektion. «Melden Sie sich gerne wieder, Strecker.» Ich grüsste zurück und ging raus aus der Intendanz dann links und hinunter.

Über Max_Glauner

Lecturer, Researcher, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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