Gut gebrüllt Löwenbräu

Macht sich in Zürichs Kunstlandschaft nach den langen Jahren eines erfolgreich-fidelen Provisoriums postpubertäre Depression breit? In den Ritzen des Löwenbräu-Kunst-Areals meint man vor der Eröffnung Ende August gerade das unruhige Pfeifen im Walde zu hören.
Text: Max Glauner

Der Architekt des Löwenbräu-Areals rudert mit den Armen. Mike Guyer übertrifft jedes Gardemaß, und hätte er nicht diesen feinen blauen Anzug an, könnte man ihn jetzt für eine Windmühle halten. „Ja, der Publikumseingang ist vorne,“ korrigiert er sich, nach einer verwunderten Nachfrage beim Rundgang, „zur Limmatstraße. Da, wo er früher auch war.“ Doch so eindeutig ist das für den Architekten offensichtlich auch nicht. Statt die Besucher über den alten und neuen Haupteingang des Löwenbräu zu führen, brachte er sie über das Seitenportal in den Werkhof jenes Komplexes, der, seit er 1996 durch den Kulturbetrieb bezogen wurde, synonym mit zeitgenössischer Kunst in der Schweiz ist. Nun blickt man von der rückwärtigen Seite des Gebäudes über den unfertigen, siebzig Meter hohen Wohnturm, den neuen Seitenflügel aus Sichtbeton, die ehemalige Verladerampe und durch die großen Scheiben ins Foyer, samt seinem Treppenhaus. „Von hier aus erschließen wir das gesamte Gebäude,“ erklärt der Architekt. Dass die Eingangssituation unentschlossen wirkt, räumt er gerne ein.

Zauberwort Pragmatismus

Diese Unentschlossenheit kann man auch Pragmatismus nennen. Man trifft damit das Zauberwort für den Aufstieg des Löwenbräu zu einem internationalen Kunstmekka. Keine Selbstverständlichkeit, denn im Gegensatz zu Basel, Bern oder Genf hat sich die Limmatstadt von ihrem Ikonoklasmus seit der Reformation Zwinglis nicht wirklich erholen können. So liegt durchaus ein Stück Bilderstürmerei in dem Umstand, dass bei der Sanierung der einstigen Brauerei jene legendäre Treppe mit ihrem Handlauf aus grellrotem Plastik beseitigt wurde, die zu den Ausstellungsräumen und Galerien führte. Bei Eröffnungen herrschte hier drangvolle Enge, durch die sich der Besucher an Pipilotti Rist, Douglas Gordon oder Liam Gillick vorbeiquetschen durfte. Ein Narrativ, das zukünftig fehlen wird. Es stand wie kein zweites für das Provisorium, das Versuchsfeld Löwenbräu, das ein Hauch New York an die Limmat brachte.

Das Unfertige, Undefinierte hat wesentlich zum Erfolg des Hauses beigetragen, erklärt die Leiterin des Migros Museum für Gegenwartskunst Heike Munder: „Der Industriebau bot unerhörte Freiheiten zum Denken und Handeln.“ Nun zieht das Museum zwar in erweiterte Räume mit 2´500 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die es ermöglichen, permanent Teile der umfangreichen Unternehmenssammlung zu präsentieren. Jedoch sind Eingriffe, wie für eine Installation von Tatiana Trouvé, für die man 2009 die Böden aufbrechen ließ, zukünftig kaum vorstellbar.

„Das Provisorium dokumentierte auch, dass wir hier die Kunst auf Abruf präsentieren,“ erklärt dazu die Leiterin der Kunsthalle Zürich, Beatrix Ruf. „Nun ist der Bestand langfristig gesichert!“ Wie? Durch die ungewöhnliche Konstruktion einer Aktiengesellschaft Löwenbräu-Kunst, an der sich neben der Migros und der Kunsthalle die Stadt Zürich zu einem Drittel beteiligt, ein Bekenntnis, ohne das der Fortbestand des Löwenbräu als Kunstzentrum undenkbar gewesen wäre. Als neue Eigentümerin sorgt die AG für Erhalt und Vermietung. Während nun zum Beispiel die Daros Collection. ihren Ausstellungsbetrieb nach Lateinamerika verlegt, kommen neue Akteure hinzu. Galerien wie Freymond-Guth Fine Arts und die Luma Stiftung (Luma Westbau/Pool etc.) der Mäzenatin Maja Hoffmann sollen für frischen Wind im Haus sorgen.

Von der Peripherie ins Zentrum

Erst 1985 hatte sich der Verein Kunsthalle gegründet, um ohne eigene Sammlungstätigkeit internationale Gegenwartskunst zu präsentieren. Vier Jahre später startete ihr erster Direktor Bernhard Mendes Bürgi im verlassenen Schöller-Aral einen regelmäßigen Ausstellungsbetrieb, ein Magnet für eine lebendige Subkultur, zu der früh junge Galeristen stießen, darunter Bob van Orsouw, Peter Kilchmann, Iwan Wirth und Eva Presenhuber – der Ursprung für das Alleinstellungsmerkmal des Löwenbräu-Areals: die Mischung aus Museen und Galerien, Kunst und Kommerz unter einem Dach. Das eine vom anderen zu unterscheiden, war nicht immer einfach. „Natürlich sind Künstler, die die Kunsthalle gezeigt hat, später auch von den ansässigen Galeristen vertreten worden,“ erklärt Beatrix Ruf, seit 2001 Nachfolgerin von Bürgi, „aber wir haben uns nie zum Showroom einer Galerie machen lassen.“

Als die alte Kammgarnspinnerei Schöller abgerissen werden sollte, zog der bunte Tross 1996 in den West-Trakt der kurz zuvor durch das Migros Museum für Gegenwartskunst angemieteten ehemaligen Hürlimann-Brauerei, wo sich bald die internationale Kunstszene die Klinke in die Hand geben sollte – Zürich wurde zum „Place to be“.

Wie sehr sich die Künstlerschaar mittlerweile mit dem Löwenbräu und vor allem der Kunsthalle verbunden sieht, zeigen vierundsechzig Arbeiten, darunter von Peter Fischli, Sarah Lucas und Rosemarie Trockel, die die Künstler für eine Benefizauktion bei Christie`s in London zur Verfügung stellten. Die Versteigerung zugunsten der Kunsthalle erbrachte Ende Juni nahezu 2,5 Millionen Britische Pfund, umgerechnet 3,1 Millionen Euro. „Ums Konzept oder Marketing haben wir uns nie gekümmert. Wir haben nur irgendwann begonnen, gemeinsam Eröffnungsfeste zu organisieren,“ erzählt der Galerist Iwan Wirth. Vor kurzem hat seine Galerie Hauser & Wirth Filialen in London und New York eröffnet. Dem Standort Zürich wird er die Treue halten. Natürlich könne das Projekt Löwenbräu auch scheitern, uninteressant oder langweilig werden, gibt er unumwunden zu, „aber es war bisher eine Erfolgsgeschichte. Es wäre schön, wenn wir die fortsetzen können.“ Der Startschuss fäll am 31. August. Dann wird das neue Löwenbräu offiziell eröffnet.
Ende

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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