Berner Postille – Paralipomenon I

I don´t like Kunstmuseum Bern – Mit der Broschüre zum Jahresbericht 2011 des Kunstmuseums Bern erreicht die Theatralisierung die Kunstprovinz

Gestern lag Post vom Kunstmuseum Bern in unserem Briefkasten: der Jahresbericht 2011, DinA-4 broschiert, matt hellblau der Einband mit weißer Aufschrift „I LIKE KUNSTMUSEUM BERN“. Nun wäre diese Postille nicht der Rede wert, gäbe es nicht diesen anbiedernden Titel, von dem die Macher glauben, Trendiness signalisieren zu können. Wir blättern weiter: Nach der Abbildung eines gerade erst angeheuerten Social Media Managers, einem Präsidenten und dem Direktor – er zeigt sich lässig auf einem Treppengeländer, als würde er das jeden Tag hundert Mal machen -, finden sich in dem Report verstreut ganzseitige Fotos von einer Samira, Simone, Sebastian, Stefan und wie die heute alle heißen, abgelichtet just auf dem Treppenmonstrum, auf dem der Direktor Platz genommen hatte, wodurch der Fotograf Stilwille signalisiert.

Sicher hätte man nun die, wenn auch verschnarchte Abbildungsserie weiterer Mitarbeiter erwartet. Damit der Laden läuft, bedarf es im Berner Kunstmuseum jedoch offenbar nur eines Präsidenten und eines Direktors. Und einer Community, die von dem smarten Knaben auf dem Introfoto gemanaged wird. Denn Samira, Simone, Sebastian, Stefan und wie die heute alle heißen, wurden durch ein Facebook-Twitter-YouTube-Casting gecastet, um mit ihrem biederen Posing den endgültigen proof für die Trendiness des Kunstmuseums zu geben.

Was sich hier als State-of-the-Art-Veranstaltung ausgibt, verrät abgesehen von der Angst vom Zeitgeist abgehängt zu werden, einen Trend, der seit einigen Jahren anhält: die Theatralisierung des Kunstbetriebs. Er teilt mit den digitalen Netzwerken die Sehnsucht nach Bedeutung und Präsenz. Der Berner Jahresbericht könnte von der Aufmachung her auch die Broschüre jedes zweitklassigen Stadttheaters abgeben. Dort gehören die saisonalen Spielzeitankündigungen als Marketinginstrument schon seit den späten 1970er-Jahren zum guten Ton. Doch die sind professioneller produziert. Das Berner Kunstmuseum macht es einem nicht leicht, es zu mögen.

Advertisements

Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Paralipomena, Theater, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Berner Postille – Paralipomenon I

  1. Ein Beitrag wie aus meiner Seele gesprochen. Dieser Jahresbericht scheint mir wie das Sahnehäubchen auf der unsäglichen Holcim-Torte die uns von Frehner Mättu bereits kredenzt wurde.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s