Spitzweg, Nofretete und der Berliner Museums-„Brand“

Am kommenden Donnerstag eröffnet im Neuen Museum in Berlin Mitte eine umfangreiche Schau um die Nofretete-Büste. Grund genug die musealen Randlagen wie Charlottenburg zu betrachten. Die schöne Ägypterin verbrachte dort einige Jahrzehnte. 

Lebt der Charlottenburger Museumsstandort immer noch mehr von dem, was fehlt, als von dem, was da ist? Die Sammlungen Berggruen und Scharf-Gerstenberg konnten jedenfalls bisher keinen „Brand“ generieren, der mit der Nofretete vergleichbar ist. Doch Charlottenburg bietet ungeahnte Potentiale. So erinnert man sich amüsiert an den 3. September 1989: Ein Rollstuhlfahrer sprang am hellen Mittag aus dem Gefährt, um der Deutschen Lieblingsbild, Spitzwegs „Der arme Poet“, von der Wand der Galerie der Romantik zu reißen. Der Alarmanlage ungeachtet entschwand der Simulant samt Beute über die Schlosswiese. Bis heute ist das Bild nicht wieder aufgetaucht.

Anders als vierzehn Jahre zuvor: Der Performance-Künstler Ulay klaute den Spitzweg in der Neuen Nationalgalerie und hängte ihn ins Wohnzimmer einer türkischen Familie. Bei seiner neuerlichen Rückkehr hätte es in einem zu gründenden „Museum für performative Künste“ einen Ehrenplatz und Charlottenburg endlich die verdiente Ikone.

Zu diesem Zweck könnte man jedoch schon heute ein Gemälde mit vergleichbarem Imagecharakter translozieren: Caspar David Friedrichs „Der Mönch am Meer“ wurde 1974 durch ein recht unsinniges Urteil des Bundesgerichtshofes der Berliner Schlösserverwaltung ab-, und der Nationalgalerie zugesprochen. Seit 2001 hängt es wider jeden historischen und ästhetischen Zusammenhangs mit der „Abtei im Eichwald“ in Mitte. Das dritte, mit den zwei anderen von Friedrich-Wilhelm III. 1812 gekaufte Bild, „Kreuz im Riesengebirge“, dämmert nun im „Schinkel-Pavillon“ einsam vor sich hin. Was läge näher, als diese drei Schlüsselbilder der deutschen Romantik an ihren angestammten Ort zusammenzuführen? Das wäre das Berliner Schoss. Das steht aber noch nicht. Charlottenburg böte eine würdige Interimslösung. Die Leitung der Nationalgalerie müsste sich nur einen Ruck geben.

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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