Der Griffel Gottes – Paralipomenon IV

Heinrich von Kleist veröffentlicht am 5. Oktober 1810 in den Berliner Abendblättern die Parabel „Der Griffel Gottes“. Man kann sie ohne Umschweife als Theorie der Fotografie lesen:

„In Polen war eine Gräfin von P…, eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein, und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: sie ist gerichtet! Der Vorfall (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.“

Selbstredend lässt sich diese kurze Erzählung – im Aufbau ein dreiteiliges barockes Emblem mit Inscriptio, Pictura, Subscriptio – als das Begehren einer interventionistischen Schrift und wirkungsmächtigen Literatur lesen.

Doch besieht man den Text näher, zeigt sich, dass das Urteil, sie sei gerichtet, und mit ihr die Parabel der kleistschen Pictura selbst, keineswegs das letzte Wort behält. Die beschriebenen Vorgänge sind alles andere als eindeutig. Schriftgelehrte müssen, wie in der Subscriptio vermerkt, den Vorfall erklären, Zeugen beglaubigen. Der Status der Autorschaft und ihrem Medium verschiebt sich notgedrungen: Das Schreibwerkzeug aus der Inscriptio zeigt sich in der Pictura als Blitz. Die himmlische Lichterscheinung, im altgriechischen Genitiv φωτός (photos) zerstört nicht nur, sondern hinterlässt eine sinnvolle Buchstabenfolge. Das heißt sie ritzt, zeichnet, schreibt, griechisch γράφειν (graphein). Sie ist  Photo-Grafie, Licht-Bild, Licht-Schrift, die sich jeder hermeneutischen Feststellung entzieht, indem sie die sichtbare Welt transzendiert und in ihrer Wahrheit blitzartig aufscheinen lässt, jedoch interpretationsbedürftig wird, sobald sie in die diskursive Weltordnung eintritt. Und damit ist sie in der vollen Bedeutung des Wortes nichts weniger als eine Theo-Photo-Graphie.

Kleist formuliert damit gut zwanzig Jahre vor ihrer Erfindung die Problematik eines bis heute virulenten Theorems der Fotografie. Es liegt im Wesentlichen in der Behauptung, die Fotografie und erst recht das bewegte Bild könne über die Oberfläche der Dinge und Sachverhalte zum Wesen der Dinge und Sachverhalte stoßen. Der Blitzschlag rückt die pompöse Propaganda der mit dem Erbe der unmenschlichen Gräfin bedachten Klostergemeinschaft mit einem Mal zurecht und antizipiert das Urteil des Jüngsten Gerichts. Der klösterlichen Heilsökonomie setzt Kleist die Eschatologie der Photo-Grafie entgegen. Dass diese ihrerseits wieder in den Zusammenhang einer eigenen Interpretations- und Beglaubigungslogik gestellt wird, spricht für die aufgeklärte Haltung und Hellsichtigkeit es Autors.

To be continued

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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