Jungskunst – Ragnar Kjartansson im Migros Museum

Die Pastellkätzchen und Nymphen Martin Eders, die fotografierten Selbstinszenierungen Thomas Ellers oder die klaustrophoben Installationen eines Gregor Schneiders, sie alle eint, was man mit dem Begriff „Jungskunst“ bezeichnen könnte. Ihren Arbeiten wohnt ein Moment inne, aus dem heraus bei allen Brechungen und Maskeraden überkommene männliche Selbstbilder und Stereotypen wie die des autonomen Künstlergenies oder des Rottenführers einer Artistenavantgarde herauszuspringen wagen: Jungs inszenieren Jungs, Jungs inszenieren für Jungs, Jungs Inszenieren sich für Jungs.

Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson, 1976 in Reykjavik geboren, dort und in Stockholm zum Maler ausgebildet, gehört zweifelsohne zu diesem Typ. Mit der monumental präsentierten 9-Kanal-Videoarbeit The Visitors eröffnete er im vergangenen November die neuen Räume des Migros Museum für Gegenwart im Zürcher Löwenbräukunst-Areal – und bestätigte diesen Eindruck. Dazu gehört die Unsitte, dass zwar die Fahne kollaborativer Produktionsbedingungen hochgehalten wird, doch weder im Katalog noch bei Nachfrage eine vollständige Liste der beitragenden Künstler und Techniker – wie bei Film und Theater aus guten Gründen längst üblich – zu erfahren ist.

Seit gut einem Jahrzehnt, 2011 für seinen Beitrag Bliss auf der New Yorker Performa ausgezeichnet, ist Kjartansson erfolgreich als Performer und Videokünstler im Betrieb unterwegs. Im Rahmen der Manifesta 7 inszenierte er 2008 die Schumann Machine. Im norditalienischen Rovereto ließ der Künstler im Hof einer ehemaligen Tabakfabrik eine Holzbox hinter der Staffage einer Pappfeuerwand aufbauen und intonierte darin von kleinen Spieleinlagen unterbrochen, mit einem Kollegen am Klavier stunden- und tagelang die Dichterliebe des Wiener Romantikers im Geiste Christoph Schlingensiefs: Die obsolete Figur des Künstler-Heros rettete sich hier in die Figur eines sentimental-romantischen Liedsängers, dem man trotz seines professionellen Auftretens im Frack den unprofessionellen doch leidenschaftlichen Vortrag verzieh. Auch sein Beitrag für Island auf der 52. Venedig Biennale 2009 The End im Erdgeschoss des Palazzo Michiel dal Brusà präsentierte ironisierend einen ausrangierten Künstlermythos im Liveact, das Spiel von Maler und Modell. Täglich sollte von Kjartansson vor den Augen der Besucher ein Portrait des Freundes in Badehose entstehen. Das Publikum stapfte dabei durch die Hinterlassenschaften der Kunstproduktion oder trat in ein Kabinett, in dem in einer 5-Kanal-Videoprojektion eine achtköpfige Country-Band in Trapper-Kostümen, natürlich nur Jungs, in einer verschneiten Hochgebirgskulisse musizierten – Kjartansson führt auch diverse isländische Rockbands an. Damit wären weitere androzentrische Gegensatz- und Sehnsuchtswelten – Waldeinsamkeit, Abenteuer, Glamour – angerissen.

Auch die Auftragsarbeit für das Migros Museum spielt formal und inhaltlich auf dieser Klaviatur. Kjartansson verschiebt dabei Arrangement und Setting: Die frostige Bergidylle weicht dem staubig nostalgischen Ambiente eines neuenglischen Herrenhauses, dem privaten spätklassizistischen Rokeby House am Hudson River zwei Autostunden nördlich von New York. Aus fünf Projektionen werden in Zürich neun und neben der achtköpfigen Band – sie ist nun auch mit zwei Frauen besetzt – wird eine Gruppe von Zaungästen inszeniert, Mitspieler und Stellvertreter des Publikums zugleich. Der Besucher – auf der rezeptiven Ebene der „Visitor“ aus dem Titel der Installation – betritt von den Klängen der Band begleitet die Black Box des gut neunhundert Quadratmeter großen Obergeschosssaals des Migros Museums. Man kann sich des immersiven Sogs nur schwer entziehen: Schon dadurch, dass die gefilmte Zeit von 53 Minuten ohne Schnitt der gezeigten Realzeit entspricht, wird der Betrachter in Bann gezogen, zu schweigen von Musik und Bild: Die simple, melancholisch-getragene Ballade, „Once again I fall into my feminine ways“, wiederholt sich zum Ohrwurm und kulminiert in einem dramatischen Crescendo, das schließlich von einem Kanonendonner abgebrochen wird. Die neun monumentalen, gut vier auf dreieinhalb Meter großen Projektionsflächen vermitteln dagegen den Eindruck, man befände sich gegenüber Rubens` Medici-Zyklus im Pariser Louvre oder in der Versailler Galleries des Batailles. Nur dass sich der Besucher in Zürich nicht mit Schlachten oder Haupt- und Staatsaktionen konfrontiert sieht, sondern mit friedlich musizierenden Zeitgenossen. Kjartansson hatte sie über die Räume des Rokeby House verteilt, durch Kopfhörer miteinander verbunden und mit Standkameras während eines Takes filmen lassen. Der Künstler selbst erscheint nackt in einer Badewanne mit Gitarre. Ein Gitarrist spielt in der gotischen Bibliothek, ein bärtiger Schlagzeuger in der Küche, ein Pianist am Flügel im Salon, ein zweiter im Gegenschuss im gleichen Raum, eine Cellistin im Stiegenhaus, ein Mann im Schlafzimmer samt dösender Braut im Bett, eine Frau mit Akkordeon im Teezimmer, der gegenüber sinniger Weise eine klassizistische Amor-und-Psyche-Gruppe aus Marmor steht. Doch auch hier steht die überwältigend große Präsentation im Widerspruch zur intimen Situation. Nur im neunten Videoscreen finden Format und Szene eine Entsprechung. Er zeigt die in der Loggia des Hauses versammelte Gästeschar – zwei sind musizierend mit dem Solisten-Ensemble im Haus verbunden.

Für jene, die die Inszenierung des Solisten-Ensembles als zu aufdringlich empfanden, konnte dann auch der Exodus über dieses Setting versöhnlich stimmen: Die Darsteller versammelten sich zum Schluss an der Loggia vor dem Haus zu einem barock-dionysischen Zug, der sich beschwingt über die sanften Hügel gen Hudson River hinab entfernte – angeführt vom drallen Bacchus-Silenos-Kjartansson. Eine Ariadne war dabei zwar nicht zu identifizieren. Bei einer Jungskunst war dies allerdings auch kaum zu erwarten. Doch bevor das Spektakel in den neuerlichen Loup ging, blieb das letzte Wort immerhin dem Zirpen der indigenen Grillen und dem Bellen eines Hundes überlassen.

Text zuerst erschienen in Kunstforum International, Bd. 220, 2013

Katalog zur Ausstellung: Ragnar Kjartansson. To Music. An die Musik, Hrsg. Migros Museum für Gegenwartskunst und JRP, Ringier, Zürich 2012

Advertisements

Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Psychogeografie, Theater, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s