Komödiantische Kunst fürs Portfolio

Peter Stein inszeniert „Le Prix Martin“ von Eugène Labiche am Pariser Odéon Theater

Der Mann hat seine besten Jahre hinter sich. Monsieur Ferdinand Martin, verkörpert durch den Ausnahmeschauspieler Jacques Weber, sitzt im grauen Gehrock und mit schiefer Perücke auf seinem Stühlchen an der Rampe. Es will unter seiner monströsen Masse schier zerbrechen und knarzt, wenn sich dieser Phänotypus eines Bourgeois nach vorn beugt, um unter den Anweisungen seines Dieners Pionceux (Jean-Damien Barbin) eine Karte vom Stapel zu nehmen. Ihm gegenüber der alerte, alte Freund Agénor (Laurent Stocker), einen Kopf kleiner, auch er hat die 60 längst überschritten. So sitzt dieses ungleiche Paar zu Beginn – und wieder am Ende – von Eugène Labiches Komödie Le Prix Martin schwadronierend am Spieltisch, als hätten die beiden hier ihren angemessenen Lebensrahmen, ja die Erfüllung ihrer Existenz gefunden.

Wie soll hier etwas in Gang kommen? Das Stück, 1876 uraufgeführt, eines der letzten von mehr als 170, wird auch auf französischen Bühnen kaum mehr gespielt. Labiche ist weder Molière noch Beckett. Statt auf Menschenstudium und existenzielle Abgründe setzte der Vielschreiber auf konstruierte Plots und Vaudeville-Pointen. Was den neuen Leiter des Odéon Théâtre de l’Europe Luc Bondy dazu trieb, den alten Kombattanten aus Berliner Schaubühnen- Tagen Peter Stein mit dieser Inszenierung zu beauftragen, blieb an diesem Freitagabend dann auch ein Rätsel.

Denn Peter Stein weiß der dramaturgischen Mechanik seines Autors nichts an Gegenwart abzugewinnen. Im Gegenteil, mit der Haltung „Wir inszenieren so, wie der Autor inszeniert hätte“ verstärkt Stein mit einem Museums-Labiche dessen misogyne Logik und lässt den Damen erst einmal im Stile Renoirs die sekundären Geschlechtsmerkmale auswattieren – allen voran Martins Frau Loïsa (Manon Combes). Sie ist gelangweilt und betrügt ihren Mann ausgerechnet mit dessen bestem Freund Agénor. Martin wird durch seinen südamerikanischen Cousin Hernandez (Pedro Casablanc), das Abziehbild eines Sombrero-Machos, auf den Betrug aufmerksam gemacht. Die beiden beschließen, Agénor in den Bergschluchten des Berner Oberlandes zu ermorden, wohin man das Ensemble nach den 45 Minuten des ersten Akts, im zweiten und nach der Pause im dritten und letzten Akt begleitet.

Der Mord findet freilich nicht statt. Skrupel lassen Herrn Martin davor zurückschrecken, dem ständig kränkelnden Freund die gehörige Dosis Laudanum in die Hühnerbrühe zu träufeln, und auch das Duell zwischen Hernandez und Agénor endet, wie soll es anders sein, im symbolischen Tod einer Ohnmacht Loïsas. Doch damit nicht genug. Als diese wieder erwacht, gibt sie der Werbung Hernandez’ nach und sucht mit ihm das Weite. Der Versöhnung der alten Herren steht nun nichts mehr im Wege: Das letzte Triebobjekt ist entzogen, und man kehrt zum Kartenspiel zurück, wie zwei Untote, die aus Gnade für die Dauer der Aufführung erweckt wurden, um danach in ihre Theatergruft zurückzukehren. Nicht umsonst sind die Wände der bürgerlichen Interieurs aller drei Akte in Schwarz gehalten.

Das passt zur Theaterretter- und Erlöserpose des selbsternannten Großinszenierers Peter Stein: In der Abwandlung eines Bibelworts darf er sich schon allein kraft seines Namen zweifach zum Fels berufen fühlen, auf dem Thalia, die Muse der performativen Künste, ihr Theater baut. Um diesem Ruf in vollem Umfang nachzukommen, fehlte Stein bisher die komödiantische Kunst im Portfolio. Mit der Inszenierung am Pariser Odéon Theater ist diese Lücke nun formal gefüllt.

Zuerst publiziert in Der Freitag, Nr. 13, 27. März 2013, S. 14

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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