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Das Kunsthaus Zürich und die Art | Basel führen exemplarisch vor, wohin es in den nächsten Jahren mit der bildenden Kunst gehen könnte.

Betritt der Besucher die Sonderausstellung im Bührle-Saal des Zürcher Kunsthauses, Sammlung Hubert Looser, wird er zur Einstimmung vor die reduktionistische Fassung eines bürgerlichen Interieurs gestellt: Er geht auf ein einladend rotes Seidensofa zu. Rechts und links wird es von weissen Stellwänden gerahmt, an denen farblich abgestimmt zwei Hochformate des U.S.-amerikaners Willem de Kooning hängen. Hinter dem Sofa sind zwei Khmer-Skulpturen und eine kostbare, bemalte Elfenbeinfigurine aus Japan plaziert.

Auch wenn das Ganze wie eine Messekoje wirkt, will das Arrangement zuerst insinuieren, hier sei einer mit Geschmack und auf der ganzen Welt zu Haus. Es versteht sich, dass das Platznehmen auf dem Sofa untersagt ist. Eine Stahlstrippe verbietet das Betreten. Wie bei den oberen Sammlerkreisen: Nicht jeder hat Zutritt, ein Blick muss genügen. Denn Abstand, Distinktion muss sein. Die exklusive Behaglichkeit, die Sofa und Kunst gewährt, bleibt dem Normalbesucher verwehrt. Verwundert es , dass die de Koonings nur von der Seite zu sehen sind?

Diese Haltung eines Museums der Kunst und ihrem Publikum gegenüber, ist zwar nicht neu, doch in dieser symbolischen Drastik kaum zu überbieten. Es serviert fortan die Kunst aus dem Geschmackstrichter des Sammlers. Ins Museum passt, was dort schon mal potentiell das Wohnzimmer schmückte. Damit gibt eine Museumsleitung die ureigene Kompetenz, die Auswahl archivierenswerter Kunst an den Sammler ab. Der Kurator wird zum Arrangeur, das Museum Plattform für Ruhm und Destinktionsgewinn.

Wer in diesem Jahr die Unlimited der Art | Basel betrat, hatte zumindest symbolisch die Wahl. Wandte man sich nach rechts, sah man sich durch das abgerissene Flugzeugheck des Japaners Noriyuki Haraguchi an globalen Luftverkehr und Katastrophen erinnert. Auf der gegenüberliegenden Seite war das Gegenprogramm mit Thomas Schüttes Wohnzimmerpersiflage aus Naturholz-Recamieren und -Hockern mit bunter Tapete aus Holzkreislein. Da war es also wieder der bürgerliche Geschmackskatalysator. Nur, dass sich dort jeder hinsetzen durfte.

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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