Magischer Minimalismus

Zilvinas Kempinas – „Slow Motion“ im Basler Museum Tinguely

Wollte man unter den vielen ephemer-schönen Arbeiten des in New York beheimateten, vierundvierzigjährigen Litauer Zilvinas Kempinas in dessen bisher umfangreichsten Einzelausstellung im Basler Museum Tinguely einen Preis vergeben, er ginge an Moon Sketch aus dem Jahr 2005.

Durch ein einfaches Objekt, durch einen kleinen Trick und auf einen kurzen Augenblick entführt sie den Betrachter in eine lunatische Gegenwelt, in der sich Kindertraum und Entdeckerglück zugleich erfüllen wollen. Kempinas befestigte dazu eine gut 90 cm lange Papierrolle mit einem einfachen Draht so an der Wand, dass das eine Ende direkt auf die Wand stößt, während das andere mit einem Diarahmen versehen als Guckloch für den neugierigen Betrachter dient. Da der Künstler, hier ganz Magier, die Innenseite des Rohrs mit Kohle beschichtete, erscheint es dem Staunenden als blickte er in pechschwarzer Nacht auf den hellen Vollmond. Er wird sich erst auf den zweiten Blick versichern, dass er in Wirklichkeit nur auf die raue Oberfläche der Saalwand des Museums starrt, die ihm vorher die schrundige Kraterlandschaft des Erdtrabanten schien. Grosse Wirkung mit einfachen Mitteln. Dabei verschwindet Kempinas´ Periskop fast hinter den gewaltigen Arbeiten des Schweizer Maschinenzauberers aus der ständigen Sammlung wie der monströsen Apparatur Méta-Harmonie IV (1985) in der sich Tinguelys bewegtes Räderwerk bis unter die Decke türmt. Die Gegensätze zwischen dem erdschweren Schweizer und dem jungen Litauer sind unübersehbar.  Und doch tat der Direktor des Museum Tinguely, Roland Wetzel gut daran, Kempinas mit einer Carte blanche das gesamte Haus für eine Einzelausstellung und damit für einen Dialog der Gegensätze zu öffnen.

Den Besucher empfangen gleich im grosszügigen Eingangssaal zwei acht Meter hohe Lichtsäulen Kempinas´, die Arbeit Light Pillars (2013) aus Eisenkonstruktionen, die hunderte Meter Magnetbänder in acht Lagen gleichmäßig in der Vertikalen halten. Im Innern sorgen Leuchtstoffröhren und Ventilatoren für irisierende Oberflächen der Objekte, während das konstante Rauschen der Rotoren den Hintergrund für die ab und an angespielten Klapp-, Krach- und Klinggeräusche der tinguelyschen Maschinen legt.

Tinguelys´ fröhlich-archaische Räderwerke hallen in Kempinas´ streng gerichteten Objekten und Installationen nur von weitem nach. Und doch zeigen sich bei allen Divergenzen Gemeinsamkeiten. Denn der Bestand der Arbeiten wird in beiden Fällen der Vergänglichkeit der Welt abgetrotzt – die bewegten Magnetbänder als Speichermedium, das Ephemere von Licht und Luft auf der einen Seite ebenso, wie der industrielle Schrott auf der anderen. Beide Werke halten genau jenen transitorischen Moment fest, der ihre Auflösung ins Geistige oder die Zerstörung im Chthonischen markiert.

Mit den Arbeiten Parallels (2007/2013) oder Slash (2013) gelingt es Kempinas zum Beispiel zwei Räume mit geringsten Mitteln in ihrer Räumlichkeit vollständig zu irritieren und aufzuheben. Dazu spannte er in Parallels in zwei Metern Höhe, als wüchsen sie aus der Wand, eine Unzahl von Magnetbändern von einer zur anderen Seite des 200 qm grossen Erdgeschossraums, der sich bis in den dritten Stock erhebt. Je länger man sich hier aufhält und bewegt umso prekärer, instabiler erscheint die Raumsituation. Bezüge und Proportionen lösten sich auf so, dass es kaum ein Halt mehr gibt.

Es mag irritieren, dass die Magnetbänder für Kempinas offensichtlich blosses Material bedeuten. Sie waren leicht verfügbar. Kempinas fand sie als Abfall einer Bibliothek im postsozialistischen Litauen. Sie sind stabil, leicht, und sie hängen beim Verspannen nicht durch. Sie zeigen sich flexibel, können diversen Luftströmen ausgesetzt – der Schweizer Roman Signer lässt grüßen – schöne Linien zeichnen wie in Fountain (2011) oder sie fliegen mit einem Ventilator durch die Luft wie in Flux (2009) oder mit vier Ventilatoren durch den ganzen Raum wie in Airborne (2008). Dass sie zuerst als Datenträger dienten, interessiert ihn nicht wirklich. Als Informationsspeicher und Machtinstrument haben sie ausgedient. An der ideologiekritischen Front war Kempinas wohl nie zu finden. Er gehört zu jener Kohorte die Glasnost und Perestroika nur  aus der Distanz erlebte. Man entzog sich den Ansinnen des Zeitgeistes und machte sein eigenes Ding. Tinguely begann seine Karriere als Schaufensterdekorateur eines Basler Optikers – Kempinas mit einem Studium der Malerei im Hintergrund als Bühnenbildner und Chefdesigner eines Möbelhauses. Sicher kommt von hier Kempinas´ ausgeprägtes Raumgespür, die Fähigkeit Objekt, Raum und Licht in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzten.

Merkwürdig nimmt sich da die Analogie der seriellen Strukturen Kempinas´ zu den horizontal geschichteten Metallstangen der Treppenhausverkleidungen des Museumsarchitekten Mario Botta aus, oder die Arbeit Timeline (2013), die sich bis zur Indifferenz mit der Architektur wie ein Lamellenvorhang vor die Scheibe der rheinzugewandten Galerie im Obergeschoss legt. Der Umstand ist kaum mehr als Zufall einzuschätzen, doch er trägt zum Eindruck des allzu Berechneten und Glatten eines im Grunde bemerkenswerten Werkes nachhaltig bei. Schwer auszudenken, was mit Kampinas geschehen wäre, hätte er nicht 1997 – wie Tinguely 1951 Basel nach Paris – Litauen in Richtung New York verlassen. Dort studierte er noch einmal, unter anderem bei Robert Morris am Hunter College. Man glaubt das in den Arbeiten Kempinas´ zu spüren, auch wenn er dessen Konzept des Specific Object nicht in extenso folgt.

Kempinas´ Objekte und Installationen – schon die Titel verraten es – sind mit Bedeutung aufgeladen, der Minimalismus von Magie und Mimesis tingiert. Die Wand kann eben auch für Mondkrater stehen, der flirrende Kreis aus Magnetbändern eine sprudelnde Quelle nachahmen.   Kempinas wird es daher auch nicht stören, wenn sein Publikum heute bei ihrem Anblick an NSA und Edward Snowden denkt. Und er wird erst Recht nicht verhindern wollen, dass sich der Betrachter die Flut darin gespeicherter Sounds und Bilder zu vergegenwärtigen sucht. In Basel ist nicht nur darum eine faszinierende Ausstellung gelungen.

First Published: Kunstforum International, Band Nr. 223, 2013

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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