Raubkunst und digitale Feigenblätter

Es gehört zu den bitteren Einsichten der Geschichtsschreibung, dass eine nüchterne und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen monströsen Folgen erst der Enkelgeneration im Zeichen von Web 2.0 gelingt. Im September sind drei Projekte online gestellt worden, die die Auswirkungen der NS-Politik auf den Kulturbetrieb bis in die heutigen Tage eindrücklich dokumentieren.

Da ist zum einen die von der Deutschen Nationalbibliothek ins Netz gestellte und noch im Aufbau befindliche „virtuelle Ausstellung“ zu den „Künsten im Exil“ zum anderen eine Datenbank zu einem der bedeutendsten Kunsthändlern des 20. Jahrhunderts „alfredflechtheim.com“, sowie und die Onlinepublikation „German Sales 1930 – 1945“. Als pdf-Datei abrufbar, versammelt sie sämtliche bekannten Auktionskataloge von Kunstwerken, Büchern und Artefakten in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus der Zeit. Im Auftrag der Berliner Kunstbibliothek, der Heidelberger Universitätsbibliothek sowie dem Getty Research Institutes gibt die Kunsthistorikerin Astrid Bähr zum ersten Mal einen nahezu vollständigen Überblick über 3.000 Versteigerungen von 175 Auktionshäusern bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf 847 Seiten ein trockener, jedoch wichtiger Beitrag zur Forschung nach einstigen und neuen Besitzern von Kunstgegenständen.

Vergleichsweise zu der nüchternen wissenschaftlichen Arbeit nimmt sich die Website, die dem bedeutendsten deutschen Kunsthändler der Zeit zwischen den Weltkriegen, Alfred Flechtheim, gewidmet ist, wie ein digitales Feigenblatt deutscher Museen aus.  Diese wurden in den vergangenen Jahren mit Restitutionsforderungen der Flechtheim-Erben konfrontiert, wobei neben der schmalen Dokumentenlage vor allem die technokratisch-widerwillige Haltung der Kulturbürokratien zu zähen Verhandlungssituationen führte. Äußerst lückenhaft und ohne die angemessene Kontextualisierung – so findet man eine Seite zum Beltracchi-Fälschungsskandal, jedoch wenig erhellendes zur Familie, Weltwirtschaftskriese und den Arisierungsgesetzen nach der NS-Machtergreifung 1933.

Populärer geht es da auf der Website der Deutschen Nationalbibliothek zu. Sie will den entrechteten und verfolgten Künstlern, nicht nur der NS-Zeit, einen Ort der Erinnerung schaffen. Man versteht sich als Plattform und Informationssite. So finden sich auf Klick, Fotos, Texte und Bilder von Objekten nicht nur zu Max Beckmann sondern auch zum Maler und DDR-Desidenten Rainer Bonar oder der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die unter dem Securitateregime Ceausescus zu leiden hatte. Suchfunktionen zu Berufsgruppen, Zeiträumen oder Orten des Exils sollen Überblick zu Lebens-und Arbeitsbedingungen verschaffen. Eine problematische Zusammenschau, denn wo man zu zeigen versucht, dass Repression und Verfolgung nicht 1945 zu Ende sind, findet eine Nivellierung der Diktaturen statt. Ein ambitioniertes Projekt, will man allein den Tausenden der NS-Zeit ein virtuelles Denkmal setzen. Momentan steckt man noch in den Anfängen. Es bleibt fraglich, ob man ohne crowd sourcing, also die Möglichkeit, dass Nutzer aktiv Beiträge einstellen können, überhaupt nur annähernd ans Ziel kommen kann.

Website der Deutschen Nationalbibliothek: http://kuenste-im-exil.de/KIE/Web/DE/Home/home.html

German Sales 1930 – 1945. Bibliographie der Auktionskataloge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/2251/1/Baehr_German_Sales_1930_1945_2013.pdf

alfredflechtheim.com. Kunsthändler der Avantgarde. Bayerische Staatsgemäldesammlungen unter Beteiligung von 14 deutschen Museen und dem Museum Rietberg, Zürich: http://alfredflechtheim.com/home/

Advertisements

Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Buch, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Literatur, Psychogeografie, Theater, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s