5. Marrakech Biennale

Unter dem Titel “Où sommes nous maintenant?” hatte sich die 5. Marrakech Biennale zwischen dem 26. 02. und 31. 03. 2014 ehrgeizige Standortfragen zu Kunst, Gesellschaft und Politik vorgelegt – so verblasen das Motto, so luftig die Antworten.  Dennoch gab es respektable Arbeiten zu sehen und eine überragte durch Witz und Humor.

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Sonderlich nervös wirkte Dahmad Boutfounast vor seinem großen Auftritt nicht. Die Sonne war vor einer Stunde untergegangen und der größte Platz Marrakechs, der Jamaa el Fna, der Platz der Hingerichteten, auf dem der junge Ingenieur gleich seine Performance beginnen würde, summte und brummte auch an diesem Dienstagabend wie ein Bienenstock.

Gelassen trug der junge Mann mit seinem Assistenten ein Tischchen samt Flipchart aus dem niedrigen Gebäude der ehemaligen Bank Al Maghrib. Einige Stunden zuvor hatte man es als zentralen Austragungsort für die 5. Marrakech Biennale eröffnet. Noch bevor Dahmad Boutfounast seine Requisiten zurecht gerückt hatte, scharten sich erste Neugierige um seinen Tisch, auf dem geometrische Figuren, kleine weisse Kugeln, Würfel, Pyramiden zu Türmchen gestapelt waren, während an den Tischkanten handgemalte Pappschilder „Souvenirs“ zum kleinen Preis für 10 bis 40 Dirham, anpries. Nach einem kurzen Blick in die Runde und mit gezücktem Stift ergriff der Performer ohne Umschweife das Wort und begann unterstützt von seinen Skizzen und Formeln auf Arabisch von den Herausforderungen der darstellenden Geometrie zu dozieren.

Nichts zu verstehen, hieß dabei die Aufmerksamkeit auf jenes Moment der Veranstaltung lenken zu können, von dem ihr größter Reiz ausging, dem Publikum. Obwohl auf dem el Fna Nacht um Nacht Wahrsagerinnen mit Gauklern und Affendressuren mit Schlangentänzen um die Gunst des Publikums buhlen, hatte sich um den Vortragenden in wenigen Minuten ein stattlicher Kreis Zuhörer geschart. Einheimische Frauen, Kinder, Männer einige wenige Touristen kamen, guckten mal länger, mal kürzer. Ein harter Kern Experten, von dem ab und an fachkundige Einwürfe zu erwarten war, blieb.

Nach einer dreiviertel Stunde ging es zum Verkauf. Man könne jetzt Kunstwerke erwerben. Sie erinnerten an die Kunst der Mathematik. Die arabische Kultur habe sie zu Höhepunkten gebracht. Es waren hübsch polierte Holzklötzchen in Plastiktüten, angewandte Geometrie zum Nach-Hause-tragen, hergestellt von lokalen Handwerkern mit einem Zertifikat des französischen Künstlers Saâdane Afif, des Autors dieser Aktion mit dem Titel „Souvenir: Part 1. La leçonde géométrie“. Über den Tag standen Tisch und Tafel in der Biennale-Ausstellung der Bank, die weißen Türmchen in einer zweiten Version museal überhöht als Kunstobjekt in einer Vitrine in einem weiteren Ausstellungsort, dem landeskundlichen Museum Dar Si Said.

Afif gelang mit seiner Arbeit ein mehrfacher Transfer: ein Transfer der Ausdrucksformen, des Wissens, ebenso wie die Übersetzung des Kunstraums in den öffentlichen, wo das Kunstwerk schließlich als „Souvenir“ billig und ansprechend auf den Markt gebracht wurde. Damit erfüllte er wie kein zweiter die hehren Maßstäbe der ambitionierten 5. Marrakech Biennale. Transdisziplinär sollte sie sein, lokal verankert mit internationaler Ausstrahlung. Vor allem site-spezifische Arbeiten wollte sie zeigen. Von 42 eingeladenen Künstlern, darunter einige mit marokkanisch-nordafrikanischer Herkunft ebenso wie international bekannte mit Namen wie Keren Cytter, Walid Raad, Kader Attia oder Pamela Rosenkranz, sollten 20 Auftragsarbeiten diesen Anspruch erfüllen.

Um es vorwegzunehmen, nur wenige haben ihn eingelöst: SaâdaneAfif, die Soundinstallationen von Cevdet Erek „Courtyard Ornamentation with Sounding Dots and a Prison“ (2014) in der Ruine des gewaltigen Palais El Badi, und ebenda Katinka Bocks monumentaler Lehmofen mit Spiegel „Red, red, red“ (2014), oder auch die wohlmeinende Leuchtschrift „Bienvenue à Marrakech“ von Hicham Benohoud auf der Attika der Bank Al Maghrib. Doch sonst? Schon Walid Raads Arbeiten im Dar Si Said-Museum, die mit Stellwänden und neu dekorierten Ausstellungsvitrinen sein Thema der Erinnerungskultur aufriefen, bleiben blass und liessen sich nicht auf die Situation ein. Der Einwand lässt sich auch gegen die pop-artistischen Tumulträume des holländisch-marokkanischen Künstlers Hamid el Kanbouhi im Tresorkeller der Bank („SOUTA“, 2014) oder auch gegen Éric van Hoves kostbare Rekonstruktion eines Autormotors durch landestypische Kunstfertigkeit und Materialien geltend machen („V12 Laraki“, 2013). Ist die begehbare Holzkonstruktion mit interaktiven Soundelementen „Le Pavillon de Débris“ (2014) des Inders Asim Waqif schon dadurch site-spezifisch, dass sie ihr Material aus einer Abfallkippe im Hinterhof des El Badi bezog? Sicher nicht.

Dennoch gab es ansprechende Arbeiten, die so an keinem anderen Ort hätten gezeigt werden können. Damit erübrigt sich auch die Frage, ob es sich gelohnt hat, nach Marrakech zu reisen. Aber muss es ein zweites Mal sein? Die Wüstenmetropole besitzt zweifellos Ausstrahlung. Doch bleibt sie hinter Orten zurück, wo man auch noch beim dritten Besuch für eine laue Gegenwartskunst-Veranstaltung mit dem Erlebnis der Stadt entschädigt wird.

Also bleibt die Frage übrig, ob aus der 5. Biennale das Potential für eine 6. im Jahr 2016 abzulesen war. Tatsächlich ist ihre Finanzierung nicht gesichert. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum nachvollziehbar, dass man in dem kurzen Zeitraum eines Monats gleich vier Sektionen, neben der bildenden Kunst, die Literatur, das Theater und den Film bedienen wollte, ohne die behauptete Transdisziplinarität herzustellen. Der Vorsatz blieb Papier, das Kerngeschäft die bildende Kunst.

Trotz eines Achtungserfolgs gelang es ihrem Kurator, dem Niederländer mit marokkanischen Wurzeln Hicham Khalidi, nicht, ihr das nötige Alleinstellungsmerkmal zu verpassen. Neben unprofessionellen Nachlässigkeiten, eine Werkliste fehlte, der schnell gebastelten Katalog wurde erst zur Eröffnung an einige wenige unter der Hand verteilt, scheiterte er vor allem an seiner conceptual correctness, es allem und jedem recht zu machen.

Am deutlichsten zeigte sich das im Umgang mit der Referenz an den Landesherrn: Man zeigte zwar ein großes, schwarz-weißes Halbprofilportrait des regierenden König Mohammed VI. „The King Inspires Me“ (2013) von der jungen Marokkanerin Zaynab Khamlichi. Doch als wäre dem Kurator die bekenntnishafte Referenz an den Patron der Biennale unangenehm, wurde das Bild nicht, wie es sich gehört, repräsentativ in die Kassenhalle der Bank gehängt, sondern über dem Eingang linkisch an die Wand gelehnt, wie um den Zugereisten augenzwinkernd zu bedeuten: „Wir meinen es ja nicht so.“

P1140318Schon mit dem unverbindlichen Biennale-Titel, „Où sommes nous maintenant?“ wurde der Takt vorgegeben. War die Frage, „Wo stehen wir jetzt?“, auf den Staat und die Gesellschaft Marokkos, den arabischen Frühling oder auf allgemein Ästhetisches gemünzt? Jeder durfte sich seinen Reim darauf machten. Die gezeigten Arbeiten sorgten kaum für schärferen Kontur. Man war zurecht stolz darauf, das monströse Royal Theatre in der Vorstadt Gueliz zu bespielen. 1984 als Opernhaus geplant und nie fertiggestellt, bot es eine eindrucksvolle Kulisse für musikalische Liveacts und Performances. Auch im Museum Dar Si Sadi gelangen respektable Präsentationen im Dialog mit dem Vorhanden, wie mit der Soundinstallation „In Brown, Longtime Thresholds“ (2014) der Libanesin Mounira Al Solh und Reprisen von Arbeiten, die an anderen Orten der Biennale zu sehen waren, wie die als kostbare Preziosen präsentierten Motorteile Éric van Hoves. Und natürlich fanden sich in dem Parcours auch Arbeiten, die sich mit Migration und Flüchtlingsschicksalen auseinandersetzen. Patrick Wokmeni, Jahrgang 1985, aus Kamerun dokumentierte in der Bank Al Maghrib mit einer eindrücklichen Farbfotoserie den Exodus seiner Landsleute, „14 oevres de la serie ‘Purgatoire Rabat‘“ (2013).

Doch Arbeiten, die das politisch-ökonomische Gefüge der Stadt und des Landes unter die Lupe genommen, Auskunft über die Ränder der herrschenden Gesellschaft erfragt hätten, suchte man vergeblich. Dabei bietet Marrakech Anknüpfungspunkte und Erzählungen genug. Symptomatisch für den eingeschränkten Blick der Biennale-Macher: Keiner kannte den über 500 Jahre alten jüdischen Friedhof am Rand der Medina – mehrere Fussballfelder groß, ein Sarkophag neben dem anderen, Ahnung von der Geburt des U.S.-amerikanischen Minimalismus aus dem Geist des jüdischen Gräberfeldes und beredte Geschichte eines Landes das sich nicht zu Unrecht auf eine tolerante Tradition beruft.

Wer den Weg hierher gefunden hatte, konnte die manische Aktion des russischen Künstlers Alexander Ponomarev „Voice in the Wilderness“ zum Abschluss der Eröffnungswoche nur kopfschüttelnd goutieren. Auf einem Hügel in der Wüste, eine Autostunde von Marrakech entfernt, hatte er Fitzcarraldo-gleich eine Stahlskelett-Arche, gefährlich equilibriert auf einen Hügel bauen lassen. Sie entpuppte sich bei näherem Besehen als eine etwas geschrumpfte „Costa Concordia“.

Wider die erhabene Situation, die erhabene Wüstenkulisse samt schneebedecktem Atlasgebirge, stieg ein Helikopter auf, der mit einem langen Rohr an der Front eine Inschrift aus dem Wüstensand blies, die italienisch hieß: „Vada a bordo, cazzo“, was so viel heißt wie „Geh an Bord, S…“. Auch wenn dies die letzten Worte der Küstenwache an den glücklos-dummen Costa-Concordia-Kapitän gewesen sein mögen, man wollte diese infantile Botschaft hier nicht sehen, zumal sie als Appell an das Publikum gerichtet war. So beeindruckend das Schiff in der Landschaft, so degoutant seine Botschaft.

Was diesen für den Kulturjetset gedachte Side-Event der Biennale problematisch machte, war die Tatsache, dass er die offiziellen Beiträge kompromittierte. Namentlich den von Agnes Mayer-Brandis, die in ihrem pseudowissenschaftlichen Konzeptualismus per Plotter und schön-ironischem Video im Palais El Badi mit ihrer Arbeit „42 – The Large Meteor Trap“ (2014) einen nachhaltigen Wüsteneinschlagsplatz für Meteore vorgeschlagen hatte. Den Platz machte ihr nun das russische Schiff streitig. Sollte es eine 6. Marrakech Biennale geben, hätte sie bei allem Potential noch einiges zu kalibrieren.

Katalog in Englisch und Arabisch, 266 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen herausgegeben von der Marrakesh Biennale 5 und Jap Sam Books, Heijingen, Niederlande 2014

Zuerst erschienen in Kunstforum Internatinal Band 226; http://www.kunstforum.de/ 

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Kurzmitteilung | Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Kunst im öffentlichen Raum, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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