Performance Sells – die 45. Art Basel

Die 45. Ausgabe der Art Basel und die 19. der kleinen Schwester Liste zeigen sich bestens aufgelegt – Der Markt sucht nach neuen Geschäftsmodellen und greift gerne auf Altbewährtes zurück.

JoWDZSHOW2014_install_22_webDer angesagte Künstler der diesjährigen Art Basel heißt Jordan Wolfson, der „Place to Be“, der White Cube in Halle 1, wo sich seine lebensechte vollautomatische „Female figure“ (2014) präsentiert. Der restriktive Zugang, nur knapp 50 Besucher erhalten pro Tag Einlass, ein verwackeltes YouTube-Video von ihrem ersten Auftritt in der New Yorker Galerie Zwirner und der Umstand, dass die Hightech-Automate unverkäuflich ist, erhöhten den Hype. E.T.H. Hofmann lässt grüßen, tanzt eine Gogo-Blondine mit grüner Hexenmaske gegen einen Spiegel gerichtet zu gängigen Beats und zieht den Betrachter, ein Gesichtserkennungsprogramm macht es möglich, mit ihren Blicken in den Bann.

Wolfsons Auftritt ist der fünfzehnte von „14 Rooms“, in denen die Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach in der Halle 3 der Basler Messe Live-Performances von Yoko Ono, Joan Jonas und Bruce Nauman bis zu Damian Hirst und Ed Atkins zeigen. Neu ist das zwar nicht. Obrist und Biesenbach hatten das Format seit 2011 in Manchester, Essen und Sydney etabliert, die Basler Liste führt schon seit zehn Jahren nebenher ein Performanceprogramm und die Berliner ABC gab bei ihrer vergangenen Ausgabe ausreichend Freiräume für zeitbasierte Kunst. Doch mit der Architektur vom Herzog & de Meuron, dem Mix von historischen Positionen und Auftragsarbeiten, sowie deren ständige Wiederholung sorgen für Nobilitierung. Die Performace ist für den Mart getrimmt.

Einer, der sich hier auskennt, ist Jörg Johnen. Als er seine Berliner Galerie vor zehn Jahren zum ersten Mal auf der Art Basel präsentierte, führte er „This is Competition“ von Tino Sehgal auf. Es wird jetzt wieder in den „14 Rooms“ gezeigt. Sehgals Arbeiten sind käuflich. Es gibt keine Dokumentationen oder Aufzeichnungen, Verträge nur mündlich. Avanciert die Performance-Kunst damit zum Geschäftsmodell? Johnen, der den erfolgreichen Künstler vertritt, winkt ab. Für ihn bleibt Sehgal eine Ausnahmeerscheinung. In seiner Koje im ersten Stock der Messehalle 2 glänzt das Foto einer Bibliothekswand von Candida Höfer und der Leuchtkasten von Rodney Graham, in dem sich der Künstler als Mann von Welt persifliert. Immerhin eine Performance im Bild.

Anders sieht das Sabine Schmidt. Sie betreibt ihre Galerie PSM mit einem Schwerpunkt für performative Arbeiten seit 2008, seit einem Jahr in der Köpenickerstraße. 2011 war sie zum erstem Mal bei den „Statements“ vertreten, dem Sektor für Nachwuchsgalerien, der jetzt wieder in der Halle 2 bei den „Großen“ zu finden ist. Ihr Künstler, der Däne Christian Falsnaes, stellt fünf Kopfhörer zur Verfügung. Sie legen den Benutzern in 23 Sequenzen Spielanleitungen ins Ohr. Das Messepublikum ist gerne dabei. Die Arbeit kostet in einer Auflage von drei 18.000 Euro. Zwei Reservierungen, ein Verkauf in den ersten Tagen. Man ist sehr zufrieden. So auch Nikolaus Oberhuber von KOW in der Brunnenstraße. Er ist nach Beteiligungen auf der Liste zum erstem Mal auf der Art im Sektor „Feature“ vertreten. KOW zeigt hier frühe Arbeiten Santiago Sierras, Zeichnungen, Fotografien und sechs „Protokolle“ von Aktionen, mit deren Erwerb die Rekonstruktion der installativen Arbeiten verbunden ist (zwischen 40.000 und 60.000 Euro). Performance als Geschäftsmodell: Auch bei KOW war das erste Protokoll des Franz-Erhard-Walter-Schülers schnell verkauft. Etwas verhaltener ist die Stimmung nebenan: Auch die römische Galerie Lorcan O`Neill setzt auf Performatives. Sie bietet Arbeiten des 1943 geborenen Luigi Ontani an, darunter 4 unikate Fotoserien seiner Aktionen aus den 1960er-Jahren. Für 34.000 bis 49.000 Euro gab es die Videodokumentation obendrauf. Doch als traute man der eigenen Sache nicht, wird hier noch eine schrill glasierte Keramik-Stele des Künstlers im sechsstelligen Bereich angeboten (Ermestetica Pavondante, 1991).

Das ist durchaus symptomatisch. Von den aus einem Bewerberfeld von über 1000 Galerien gewählten 232 im Hauptsektor der Art Basel wagt keiner Experimente. Konzeptuelle Kunst, Installationen, aber auch Video und Film muss man in Halle 2 lange suchen. Zwar kann das der Besucher in der Sektion „Unlimited“ mit Harun Farocki, Laure Prouvost oder Ming Wong und einigen Duzend weiteren Positionen in Teilen nachholen. Doch auch hier überwiegt in einer unsäglich verbauten Messehalle 1 mit Carl Andre, Mario Merz und Yasumasa Morimura ein konservativer Grundton. In der Halle 2 lockt bei Carlier|Gebauer aus Berlin vorne ein Selbstportrait von Mark Wallinger („Freehand“, 2013), während hinter der Wand Arbeiten des jungen polnischen Malers Tomacz Kowalski auf Kunden warten. Anders hingegen bei neugerriemschneider, die unter anderem mit Ai Waiwai, Michael Majerus und Olafur Eliasson zwar nur mit mittelmäßigen Arbeiten, aber im großen Konzert brillieren. Ebenso bei Robert Mnuchin, New York, wo ein Orangeton die Auswahl der feilgebotenen Werke bestimmt: Er zieht sich in der Koje von Brice Marden, über Donald Judd, bis hin zu Morris Louis. Da wirkt es fast gewagt, dass eine Galerie wie Pace, London, mit Claes Oldenburg (ab 60.000) oder Daniel Blau mit frühen Zeichnungen Andy Warhols nur einen Künstler präsentieren (ab 25.000 Euro). Doch Marc Glimcher, Director bei Pace, und der Münchner sind – wie soll es bei diesen Klassikern anders sein – mit den Verkäufen der ersten Messetage sehr zufrieden.

Die unausgesprochene Losung lautet: Sichere Werte schaffen! Ein schönes Frauenportrait von Picasso aus dem Jahr 1941 für 25 Millionen Euro bei Marlborough, London, hängt, eine Performance der eigenen Art, von einer Sicherheitsfirma streng bewacht, als Teaser an der Wand. Er muss auch nicht unbedingt verkauft werden. Es reicht, dass damit ein Frank Auerbach für 250.000 oder Manolo Valdés für 460.000 Euro ihren Käufer finden. So ist der Berliner Galerist Michael Haas hochzufrieden, dass ihm die Messeleitung in diesem Jahr zuließ, auch Klassiker der Moderne nach Basel mitzubringen. Sein Odilon Redon, Anselm Kiefer, Hodler und Picabia im sechsstelligen Bereich haben Reservierungen oder sind bereits erworben. Der Sammler sucht, was noch ins Wohnzimmer passt und als Marketperformer Sicherheit verspricht. Viel Malerei ist in Halle 2 zusehen, in mittleren Formaten nicht über zwei mal zwei Meter. Judy Lübke von Eigen & Art aus der Auguststraße hat da wieder einmal den Zeitgeist erkannt. Er setzt aufs kleine Format und hat entsprechend gut verkauft. Im Angebot, zwei kleine Drucke von Neo Rauch (à 3.000 Euro), durchdacht Serielles von Carsten und Olaf Nicolai, betörende Malerei von Tim Eitel (zwischen 22.000 und 150.000 Euro).

Dem anachronistischen Zug hat die Liste wenig entgegenzusetzen. Man hat eine schöne neue Treppe an die ehemalige Warteck-Brauerei gebaut und neue Räume geschaffen: Über 70 Galerien können sich hier nun zeigen. Gleich am ersten Tag euphorisierte Gesichter. Viele Stände waren nach der ersten Stunde zur Hälfte ausverkauft. Kein Wunder. Das neuerdings angehobene Preislimit pro Arbeit liegt bei 35.000 Euro, ein Betrag, wo die Skala bei der Art beginnt. Hatte Marc Spiegler, Leiter der Art Basel, in der Pressekonferenz die Rolle Berlins und New Yorks als die Zentren der Gegenwartskunst hervorgehoben, spiegelte sich dies auf der Art mit vierundvierzig, auf der Liste mit zwölf Berliner Galerien überproportional. Die Galerie Sommer & Kohl erfreut mit gewitzten Bildern des Schweizers Beni Bischof, die Galerie von Dan Gunn ragt mit klugen Arbeiten des Italieners Alessio delli Castelli heraus und Javier Peres darf sich mit den allesamt verkauften Wollwebbildern des Kanadiers Brent Wadden (ab 25.000 Euro) als ein nächster Kandidat für die Art positioniert sehen. Oder ist es Ellen de Bruijne Projects aus Amsterdam? Sie hat sich mit performativ-konzeptuellen Arbeiten und der Videoarbeit von Pauline Boudry & Renate Lorenz („To Valerie Solanas“, 2013, 15.000 Euro) sicher eine Poolposition geschaffen. Man ist wieder professioneller geworden. Auf der Art wie auf der Liste. Das Gewagte bleibt aussen vor. Ein Scheitern kann sich keiner mehr leisten.

Erstveröffentlichung in einer redaktionell überarbeteten Version im Tagesspiegel Berlin am Samstag, 21.06.2014

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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