Schamanismus 2.0 – Mathilde ter Heijne in der Zürcher Galerie Rotwand

English version below

Da ragt der Schädel eines urzeitlichen Fossils aus der Transportkiste, dort der Oberschenkel eines gewaltigen Dinosauriers. Und ist das nicht ein versteinerter Wal? Wenn der Besucher Mathilde ter Heijnes Ausstellung „Ontology of The In-Between“ in der Zürcher Galerie Rotwand betritt, kann er sich auf den ersten Blick im Lager eines Paläontologen wähnen.

P1280461Auf den zweiten Blick führen die fünf gezeigten Objekte nicht ins Erdmittelalter, sondern zu den Ursprüngen menschlicher Kultur im Neolithikum. Seit annähernd zehn Jahren beschäftigt sich die 1969 im französischen Straßburg geborene Niederländerin neben ihrer Tätigkeit als Installations-, Performance- und Videokünstlerin mit den Möglichkeiten der Transformation von Artefakten aus der Steinzeit, magische Abstraktionen von Mann und Frau, die eindeutig sexualisiert keine eindeutigen Zuschreibungen des Geschlechts zulassen. Sie sind im Original winzig klein. Das größte misst gerade einmal 19cm, ein in Ungarn ausgegrabener Phallus mit Brüsten und Strichmännchengesicht aus dem 6. Jahrtausend vor Christus, den die Künstlerin nun in fünffacher Größe als 115cm hohe Skulptur aus gebranntem Ton präsentiert („G.“, alle 2014). Entstanden ist er wie die anderen im Rahmen einer dreitägigen Gemeinschaftsperformance, die das Brennen der Figuren mit einem schamanischen Ritus verband.

Wer glaubt, ter Heijne wolle sich damit in Esoterikszenen einschreiben, wird durch ihre Präsentation eines besseren belehrt: Denn die funktionalen Transportbehälter, Kisten, Klappen, Aluminiumgestänge sind Teil der Skulptur, deren Überhöhung und ironische Brechung – einmal Kanzel („B.“), Seziertisch mit Wärmelampen („H.“), Altar („G.“) oder Sarkophag („F.“). Da können sich nun auch Laserlichter („F.“) oder Kristalle (u.a. „I./J.“) zur visuellen Reanimation der Figurinen hinzugesellen. In-Between und ästhetisch gewitzt verschiebt dies charmant die Einstellungen des Betrachters.

The skull of a primeval fossil protrudes here, the femur of a powerful dinosaur there. And isn’t that a petrified whale? Visitors entering Mathilde ter Heijnes’s exhibition “Ontology of The In-Between” might at first glance feel as if they are in a paleontologist’s storehouse.P1280472

On closer look, the five objects on view do not lead into the Mesozoic era but rather to the origins of human culture in the Neolithic. For nearly ten years, the Dutch artist has been engaged with the possibilities offered by the transformation of artifacts from the Stone Age—magical abstractions of man and woman which, though clearly sexualized, admit of no unambiguous attribution of gender. The originals are tiny. The largest measures not more than seven inches—a phallus with breasts and the face of a stick figure excavated in Hungary and dating from the sixth millennium BC, which the artist presents as a forty-five inch tall sculpture of fired clay (in G., all works 2014). Like the others, he came into being as part of a three-day performance that combined the firing of the figures with a shamanistic rite.

Anyone who thinks that with this ter Heijne wanted to sign up for the esoteric scene will learn better from her presentation: the functional shipping containers, crates, lids, and aluminum tubing here are all part of the sculpture, incorporated into its vertically exaggerated scale. With aesthetic cunning, the show charmingly switches the mindset of the observer to the In-Between.

First published Artforum Online 2015, September 21

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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