Elementare Wucht – Hans Josephsohn im Zürcher Löwenbräu

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Elementare Wucht und gefasste Form – der erste Eindruck im oberen Saal der Galerie Hauser & Wirth überwältigt: Fünf monumentale Messinggüsse von ca. 150 Metern Größe reihen sich, durch ein ebenso gewaltiges hochformatiges Relief an der Wand unterbrochen, auf grauen Betonsockeln. Diese späten Arbeiten des deutsch-jüdischen Bildhauers mit Schweizer Pass Hans Josephson (1920-2012) scheinen für diesen lichten Raum wie geschaffen.

Fünf modernistische, lindgrüne Stahlstützen stemmen den Saal in die Höhe. Dazwischen spenden Milchglasfenster von der Decke bis zum Boden verschwenderisches Licht. Es trifft auf die metallenen Oberflächen, wird von ihnen eingesogen oder reflektiert, gibt Kontur oder löst sie auf, schafft Wölbung und Tiefe.

Josephsohn hielt in seinem Werk an der Darstellung der menschlichen Gestalt zeitlebens fest. Er schuf Portraits, Ganzfiguren, stehend, liegend, in Architektur gebunden als Reliefs. Gips war sein bevorzugtes Material. Er unterzieht ihn einem langwierigen Arbeitsprozess an dessen Ende er ausgewählte Stücke in Messing oder Bronze gießen ließ. Dabei erreicht er einen Abstraktionsgrad, mit dem die Form ihre eindeutige Referenz verliert. So besitzt „Ohne Titel“ (1995) nicht zufällig mit 155 cm Höhe die gleichen Ausmaße wie der berühmte antike „Torso vom Belvedere“ in den Vatikanischen Museen. Gleichzeitig ist in der monumentalen Skulptur auch eine Halbfigur zu erkennen, das Gesicht und der Oberkörper der Frau Josephsohns. Der Künstler schien von der Suche nach ihrem Urbild getrieben. Doch keines ihrer Ebenbilder entsprach dem Ideal vollständig. Sehr zum Vergnügen des Betrachters, der nun sechs der großartigen Figuren vor Augen hat. Es wird lange dauern, bis im Löwenbräu wieder eine vergleichbar beindruckende Ausstellung im Einklang von Werk und Raum zu sehen sein wird.

P1290009With elemental force and calm, this exhibition is overpowering: five untitled monumental brass castings, each approximately fifty-nine inches tall, line up on gray concrete bases. A tremendous vertical-format relief on the wall, also untitled, interrupts them. These late works by the German-Jewish sculptor with a Swiss passport, Hans Josephson, appear to have been made for this luminous space.

Five modernist lime-green steel uprights lift the room aloft. Between them, milk-glass windows from floor to ceiling afford a luxurious light. The light falls on the metal surfaces, is absorbed or reflected by them, gives contour or dissolves, creates curves and depths.

Josephsohn held fast throughout his life to the representation of the human form in his work. He created portraits, full figures, standing, reclining, tied to architecture as reliefs. Plaster was his preferred material. He put it through a lengthy working process, at the end of which he selected pieces to be cast in brass or bronze. This way he attained a level of abstraction through which the form lost its unambiguous reference. Thus, it is not by chance that an untitled sculpture from 1995, at a height of sixty-one inches, has the same proportions as the famous, ancient Belvedere Torso in the Vatican Museums. A half-figure is also to be discerned in this piece—the face and torso of Josephsohn’s wife. The artist seems driven by the search for her archetype. Still, none of her likenesses correspond to the ideal completely, much to the pleasure of the observer. It will be a long time before such an exhibition, comparably impressive in its harmony between artwork and space, will again be seen in Löwenbräu.

Translated from German by Diana Reese.

First published in Artforum Online September 2015

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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