Phyllidia Barlow. „Demo“ in der Kunsthalle Zürich

foto

Nach dem Leitungswechsel vor zwei Jahren verschwand die Zürcher Kunsthalle vom Radar der internationalen Kunstszene. Nun sendet ihre Black-Box erste fröhlich-kraftvolle Signale. Allerdings aus brackigem Wasser. Denn die Freude über die vitale und lustige Schau „Demo“ der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow, die zwei expansive Arbeiten zeigt, wird zum Einen dadurch getrübt, dass die zweiundsiebzigjährige Künstlerin, Mutter von fünf Kindern und einflussreiche Lehrerin so bekannter Persönlichkeiten wie Rachel Whiteread oder Douglas Gordon, erst vor einem Jahr nicht weit von Zürich entfernt in St. Gallen eine beachtliche Werkschau zeigte. Zum Anderen setzt sich die Kunsthalle wieder dem Vorwurf aus, sie diene der Großgalerie Hauser & Wirth als Pop-Up-Store.

Doch Gefälliges hatte Phyllida Barlow nie im Portefolio. Stattdessen erwartet den Besucher in den unteren Räumen der Kunsthalle ein gewaltiger Einbau aus bemaltem Holz, Karton, Plastik, Eisen und Styropor. Die rohen, erst auf den zweiten Blick bearbeiteten Materialien ziehen sich nun für den Betrachter in aberwitzigen Konstruktionen als eine Bühnenbildcollage über drei Säle hin. Wild wuchernd von den Wänden bis unter die Decke. Der Besucher läuft zwischen Pfosten, Pfählen, Stangen hindurch, als bewegte er sich durch einen Märchenwald. Und tatsächlich, hebt er seinen Kopf, mag die kaschierte Papierkugel dort auf einer Holzstrebe vielleicht ein Vogel sein, oder ein Zwerg, obwohl alles Figurative aus Barlows skulpturaler Arbeit getilgt erscheint. Daher sind es nicht die Vexierspiele allein, die in dieser Installation vergnügen, sondern das Augenmaß und Proportion, mit denen dieser tumultartige Überschwang vorgetragen wird. Und trotz ihrer Perfektion und Ausgeglichenheit scheint die Installation in ständiger Bewegung, in Entstehung, als müsste sie durch den Betrachter erst fertig gestellt werden. Der Betrachter, der Kollaborateur: in der zweiten Arbeit ein Stockwerk höher betritt er ein Podium, eine weitere Bühne. Durch Sehlöcher kann er dann die Sanierungsarbeiten der angrenzenden Ausstellungssäle beobachten oder von einer besseren Kunsthalle träumen. Mit Phyllida Barlow wird dies kurzzeitig Realität.

English Version

After changing directors two years ago, this Kunsthalle is beginning to transmit cheerfully powerful signals. However, the joy over the vital and funny show “Demo,” encompassing two expansive works by the sculptor Phyllida Barlowx, is clouded, as the seventy-two-year-old artist, mother of five children, and influential teacher of such well-known pupils as Rachel Whiteread and Douglas Gordon, had a formidable show just one year ago in St. Gallen, not far from Zurich. Meanwhile, the Kunsthalle has again exposed itself to the criticism that it is too friendly with Hauser & Wirth (the gallery that represents the artist).

A forceful installation of painted wood, cardboard, plastic, iron, and Styrofoam awaits the visitor in the lower spaces of the Kunsthalle. The rough materials—only revealed upon second glance to have been worked on—extend across three rooms in absurd constructions, proliferating rampantly. The visitor walks between posts, piles, and rods, as if moving through a fabled forest. If one raises one’s head, a laminated paper ball on a wooden strut might seem to be a bird, or a dwarf—although figuration seems to have been erased from Barlow’s work. Thus, it is not just games of deception that give pleasure in this installation but also the visual sense and proportion with which this tumultuous exuberance is executed.
Despite its perfection and poise, the installation appears to be in perpetual motion, in evolution, as if it could only be finished by the beholder. In the second work, one story higher, the viewer steps out onto a podium, another stage. Through sight holes, one can then observe the restoration work on the adjacent exhibition halls or dream of a better Kunsthalle. With Barlow, for a short time this is a reality.

Translated by Diana Reese

Advertisements

Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s