Drei Schwestern retweeted

 

Der Darling des deutschen Regietheaters Simon Stone katapultiert Tschechows Drei Schwestern am Basler Theater in die Gegenwart – mitten ins Ziel und voll daneben, denn statt zentrifugaler Kräfte regieren zentripetale, statt urbaner Sehnsuchtsräume das Wochenendhäuschen in der Prignitz. Damit ist die Fahrt zum Theatertreffen in Berlin eigentlich schon vorgebucht.

Der Regisseur von Hate Radio und Kongo Tribunal Milo Rau gab vor kurzem zu Protokoll, er wolle seiner kleinen Tochter später nicht sagen müssen, dass er, als die Welt brannte, bloß Tschechow inszeniert habe. Was auf den ersten Blick hip und von Weltveränderungsenergie durchdrungen scheint, zeigt sich bei näherem Besehen nahe an jenem falschen Pathos, von dem aus der Formalismusvorwurf seit jeher an jene erging, die konzeptuelle oder expressive Kunst vertraten. Dies ist merkwürdig auch in sofern, dass sich Vertreter einer neuen (politischen) Dringlichkeit in der Kunst dann selten getrauen, zu sagen, sie wollten einfach vermeiden, schlechte Kunst zu machen, und statt dessen Autoren wie eben Anton Tschechow als ihre Gegner nennen.

Etwas Ähnliches muss sich auch der Regisseur der Basler Drei Schwestern gesagt haben; „bloß Tschechow“, was immer das bedeuten mag, das geht heute nicht. Und so wird die Inszenierung des Jungstars Simon Stone vollmundig als Uraufführung angekündigt. Es bleibt weitgehend die Figurenkonstellation, der formale Aufbau, doch sonst wird Tschechow „überschrieben“, zeitgeistig auf Byung-Chul-Han-Niveau Reenacted so, dass das Palimpsest nur noch im Groben zu erahnen ist. Dabei reduziert Stone und sein Übersetzer Tschechows Gesellschaftsdrama in der russischen Provinz auf ein paar Tweets seiner Kohorte in Papas Wochenendhäuschen in der Prignitz, von wo aus das Stückchen gedacht ist, und nicht wie behauptet aus der Schweiz, was in Basel keinen so recht stört, obwohl das psychogeografisch so ein Ding der Unmöglichkeit ist. Aber der Zuschauer sitzt schon dadurch in einer perversen Veranstaltung, dass hier 1980er-Schauspielerjahrgänge für ein Mumienpublikum arbeiten, das im Schnitt kaum über den Großväter-Jahrgang der Darsteller kommt. Wie also kann es sein, dass hier eine Generation, die künstlerisch-intellektuell offensichtlich kaum über die 140 Zeichen eines Tweets hinauszudenken gelernt hat, für die Masse eines 68er-Bildungsbürgertums in Rente erfolgreich Theater macht und dafür auch noch vom Feuilleton akklamiert wird?

Es ist die schlicht die trügerische Illusion, Tschechow mit einer deutschen Vorabendserie, Sprachmagie mit dem infantilen Screwball versöhnen und dem zeitgenössischen Theater mit Einfühlungsrealismus in der Darstellung beikommen zu können. Als szenografisches Surplus winkt dann noch das auf der Drehbühne exponierte Wochenendhäuschen, dem die Alten unten mit großen Ohren (Microport) und Augen (Scheiben) der deplatzierten Jugend in gleichsam scientivischen Reenactment-Setting (Frau und Mann lassen ab und an szenisch motiviert Geschlechtsteile sehen) beiwohnen dürfen. Ein Hoffnungsschimmer, die wenigen, die das Spektakel über die Pause hinweg nicht aushalten wollten und das Haus höflich nach einer Stunde fünfzehn verließen.

Bilder oben: Links, Rod Dickinson, Milgram Reenactment, Installationsansicht, 2002, Foto: KW-Berlin. Rechts, oben, Theater Basel, Drei Schwestern, 2016; Foto: Sandra Then. Rechts, unten, Hate Radio, 2011, Foto: Kunsthaus Bregenz.

 

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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