Da fehlt noch was

Rohbilanz Nach der Documenta 14 in Kassel offenbart auch die Art Basel: Die Kunstwelt ist verunsichert. Geht es noch ums Werk – oder nur ums Event?

IMG_3663.JPGEin echter Eyecatcher muss es sein, etwas, das zum Publikum spricht, das einnimmt und richtungsweisend vom Stand der Dinge und der Kunst erzählt. Wenn die Art Basel, die mit Abstand umsatzstärkste Messe für Gegenwartskunst, ans Rheinknie lädt, ist ihr nichts zu aufwendig, um ihr Entree für eine kurze Messewoche mit einem Großkunstwerk der Sonderklasse zu schmücken. Schließlich steht sie vor der Aufgabe, eine Ware anzubieten, die sich entweder prostitutiv anbiedert oder sich a priori jeder Käuflichkeit entzieht.

So stand vor zwei Jahren auf dem Vorplatz eine Großküche mit hoch aufragendem Bambusdach, in der der thailändische Partizipationskünstler Rirkrit Tiravanija die bedürftigen Messebesucher gegen eine Spende mit Wan-Tan-Suppe bekochte. Vergangenes Jahr errichtete der mexikanische Bildhauer Oscar Tuazon einen hölzernen Cluster aus begehbaren Sphärenkugeln, die, wiederum Zeichen der Zeit, wie Bunker oder Flüchtlingsunterkünfte anmuteten. Nun also das Kontrastprogramm. Als gelte es diesmal gleich vor dem Eintritt in die bunte Einkaufswelt drinnen, draußen gute Stimmung zu verbreiten, baute die Schweizerin Claudia Comte eine Art Atlantikwall mit höhlenartigen Kojen, in denen den Besuchern lustige Spiele wie Kegel- und Wurfwettbewerbe, Armdrücken und Kampftrinken angeboten werden. Auf der begehbaren Wallkrone bilden Tannenstämme Buchstaben zu dem vieldeutigen Palindrom „NOW I WON“, wobei unausgemacht bleibt, wer hier gewänne: die Künstlerin, der Betrachter, der Galerist, der das lanciert hat, die Kunstwelt an sich oder eben niemand Bestimmtes.

Doch gerade wo nichts Bestimmtes angesprochen wird, spricht eines um so beredter: komplette Verunsicherung. Egal, ob man in diesem Superkunstjahr auf der Documenta in Athen, in Kassel, auf der Venedig Biennale oder auf der Art Basel vorbeischaut – es grassiert die Angst, bei der Kunst könnte es sich um eine Währung handeln, die nicht gedeckt ist.

Bitte politisch

Dazu braucht es nur einen kurzen Blick in die voll bestückten Kojen der Galerien in der Basler Messehalle 2. Ob Hauser & Wirth, Gagosian oder Zwirner, wer kann, bietet frische Blue-Chip-Ware an, also Arbeiten sattsam bekannter Künstlerpersönlichkeiten aus der ersten Liga und diese im möglichst handlichen Format.

Die Kunst sucht Deckung ihrer Werte – und nicht nur in ihrem markttauglichen Segment. Ihre Rückversicherung geht vor allem über drei Schienen: erstens, wie schon erwähnt, über die Namen anerkannter Großkünstler. Zweitens über die Eventisierung der Veranstaltungen von Messen bis hin zu einfachen Ausstellungseröffnungen. Und drittens über die Behauptung gesellschaftlicher Relevanz. Sie hat politisch zu sein.

Auch wenn die Art Basel vor allem auf die ersten zwei Faktoren, nämlich Großkünstler und den Eventfaktor, setzt, kommt sie um die Aktivierung des dritten nicht herum.

In der Halle 1 werden in einer kuratierten Ausstellung unter dem Titel Unlimited traditionell sperrige Formate gezeigt, die in den Kojen der Aussteller keinen Platz finden. Herrschten vor einem Jahr noch Buntes und Glamour, dominierten 2017 conceptional correctness, Performance und Politik. Kleinteiliger, fast bescheiden, ohne auftrumpfende Geste kommt die Unlimitedjetzt daher. Gleich am Eingang hat man daher drei engagierte Positionen platziert: erstens Jenny Holzer mit ihrem zweieinhalb Meter langen, von der Decke hängenden Leuchtschriftpendel Statement – redacted (2015), auf dem Geheimakten des US-Militärs über LED-Bänder nach unten laufen, zweitens Olaf Metzels medienkritische Aluminiumwand dermaßen regiert zu werden (2015). Und drittens, als müsste man dem Publikum das vom Politischen in der Kunst gleich mehrmals sagen, ist da noch die Arbeit Leck (2012/2015) der Künstlergruppe FORT, ein unter Neonröhren wie skelettiert wirkender Schlecker-Drogeriemarkt, mit leeren Regalen und Kassenbändern. Die Künstlerinnen Jenny Kropp, Alberta Niemann und damals noch Anna Jandt präsentierten den unheimlichen Laden nach dem Bankrott des Konzerns und der Entlassung Tausender Angestellter zu Beginn der 2010er Jahre im Ausstellungskontext.

Doch wer glaubt, nur die Marktkunst bewege sich, korrupt wie sie ist, zum gesellschaftlich Relevanten und Politischen hin, weil die Venedig-Biennale und Documenta14 die Agenda so vorgeben, irrt. Der Legitimationsdruck lastet auch in Venedig und Kassel. Nur geht bei den Großausstellungen die Entlastungsbewegung in die andere Richtung, hin zur Publikumsteilhabe und Eventisierung. Nach dem Gesetz des Events zählt ein noch so seltenes und kostbares Objekt nichts, wenn es nicht durch irgendeinen Zuspruch oder Zauber geweiht wird.

Daher hat die Documenta 14 in Kassel jedem ihrer gewichtigen Austragungsorte – der Neuen Galerie, der Documenta-Halle, dem Fridericianum, der Neuen Neuen Galerie – mindestens eine Performance beziehungsweise eine Aufführung zugedacht. So ist in der Neuen Galerie der linke Eingangsbereich für eine Verkaufsperformance der nigerianischen Künstlerin Otobong Nkanga reserviert. Wie in einem mobilen Pop-up-Store bieten freundliche Hostessen schwarze Seifen an. Das Angebot erinnert nicht ohne Absicht an rituelle Waschungen vor dem Betreten eines Tempels.

Mangel als Stärke

Und nahezu programmatisch spricht das zentrale Kunstwerk der Documenta 14, The Parthenon of Books (2017) der Argentinierin Marta Minujín, von Teilhabe und Event. Ihr Tempelgerüst auf dem Friedrichsplatz steht wie eine bildliche Klammer für die Austragungsorte Kassel und Athen, für die griechisch-hellenische Kultur, ihre klassizistische Transformation, die Fortführung des humanistischen Erbes bis heute und seine Bedrohung durch autoritäre Regime. Nun sollen in Kassel 100.000 ehemals verbotene oder noch verbotene Bücher mit Plastikfolien an Säulen und Gebälk der monumentalen, in der Nacht magisch beleuchteten Konstruktion befestigt werden. Noch fehlen gut 40.000 Titel.

Doch gerade in diesem Mangel besteht die Stärke des Monuments. Schon lange vor Eröffnung war der Aufruf an die Kassler und ihre Gäste ergangen, Bücher für den Parthenon zu spenden, ein Aufruf, der gerne befolgt wurde und weiterhin befolgt wird. Es ist ein Kunstwerk entstanden, das zur größeren Nähe nicht nur betreten werden kann, sondern das durch die Spenden Bindungen und Verbindlichkeiten herstellt, aus einem potenziellen Publikum Beteiligte macht.

Die Documenta 14 betont damit den Eventcharakter wie keine andere vor ihr. Damit ist sie bei aller versuchten Distanznahme wieder ganz nah beim Kunstbetrieb und bei der Art Basel gelandet.

Zuerst veröffentlicht in Print in Freitag 2517, 27. Juni 2017 

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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