Von Monstern und Monstranzen. Studer&van den Berg in Wettingen

Das Gluri Suter Huus im Ortskern von Wettingen bei Zürich gibt einen Schweizer Bauerhof aus dem Bilderbuch ab: Zeitgenössische Kunst vermutet der Besucher hier nicht unbedingt – Neue Medien, für die das Künstlerpaar Monica Studer und Christoph van den Berg steht, schon gar nicht. So löst sich der Titel ihrer Ausstellung „Findings“, „Entdeckungen“, „Funde“ ein, noch bevor man das Haus betritt.

Drinnen erwartet das Publikum über zwei Stockwerke eine szenografisch klug abgestimmte Folge dreier hoch komplexer, teilweise interaktiver Bewegtbild-Installationen („Beings“, „Explorer“, „Dark Matter – One Million Years Later“), sowie ergänzender kleinerer Arbeiten, die Echtzeit-Animation („Verlauf“), ein digitales Video („Wind-Wasser-Wolken“ 2015/17) und Inkjet-Prints („Flare I-III). Nahezu alle Werke sind 2017 entstanden und in Wettingen zum ersten Mal zu sehen.

Die Arbeiten und das experimentelle Arrangement der Ausstellung sind berückend, humorvoll und intelligent in ihrer Selbstreflexion. „Findings“ zeigt sich in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit. So betritt der Betrachter die Installation „Beings“ zur Initiation gebückt über eine niedere Tür. Steht er im diffusen Licht des grün lackierten Einbaus, blickt er auf das projizierte animierte schattenrissähnliche Bild eines Urwalds. Vögel zwitschern, sekundenschnell wachsen Bäume im Dickicht. Aber auch Baugerüste, die merkwürdig fremd und passend zugleich, das konstruktiv-virtuelle der Inszenierung unterstreichen. Über einen Steuerhebel kann nun der Besucher im Bild einem Vogelschrei nachgehen, bis er auf eine magisch leuchtende abstrakte Figur stößt. Die Urwaldgeräusche brechen ab und ein drohender elektronischer Sound wird lauter und lauter, die Figur schnell grösser und grösser bis sie wieder verschwindet und das Spiel von neuem beginnen kann. So loten Studer/Van den Berg klug und unterhaltsam die Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit, Realität und Fiktion, Ohnmacht und Ermächtig aus. Das Gluri Suter Huus hält damit einen Höhepunkt des Schweizer Kunstherbstes bereit.


This venue, in the center of Wettingen, outside Zürich, radiates with the atmosphere of a picturesque Swiss farmstead—a visitor doesn’t necessarily expect to find contemporary art here, and certainly not the kind that Monica Studer and Christoph van den Berg are known for.

Within a clever and finely tuned scenographic series spanning two floors are the interactive moving-image installations (Wesen [Beings] and Forscher [Explorer], both 2017) and the digital videos Dark Matter – One Million Years Later, 2017, and Wind-Wasser-Wolken (Wind-Water-Clouds), 2015/17, as well as supplementary smaller works, such as the “real-time” animation Verlauf (Gradient), 2017—generated frame by frame via an algorithm—and a series of ink-jet prints, “Flackern I–III” (Flare I–III) 2017.

The pieces, and the experimental arrangement of the exhibition, are captivating, humorous, and intelligent in their self-reflection. The observer enters the installation Beings as if for an initiation, bending to pass through a low door. One then stands in diffuse light in a room with a platform painted green, gazing at the digitally animated projection of a silhouetted image of an ancient forest. Birds chirp and trees grow by the second in the thicket. Scaffolding, which seems both strange and fitting, underscores the constructed and virtual elements of the staging. Using a control lever, one can follow a bird’s call in the image until a magically luminous, abstract figure appears. The sounds of nature break off and a threatening electrical din becomes louder and louder, while the bright shape rapidly grows larger until it disappears and the game can start anew. In this way, Studer and van den Berg plumb the boundaries between chance and necessity, reality and fiction, powerlessness and authority.

Translated from German by Diana Reese.

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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