Siegfried Kober. Die Rotte

Zur Ausstellung „Siegfried Kober. Objekte und Zeichnungen“ in der städtischen Kunsthalle Brennabor in Brandenburg an der Havel vom 12.10. – 23.11.2018

Wenn der Bildhauer und Maler Siegfried Kober eine veritable Rotte Wildschweine durch die Brandenburger Kunsthalle Brennabor jagt, ist für produktive Unruhe gesorgt. Seine neueste Arbeit Keiler (2018), eine Serie von Drahtskulpturen, hat es in sich. In jedem Fall löst sie bei ihrem Publikum neben guten und schlechten Gefühlen und darauf folgenden Reaktionen eine ganze Reihe von Erinnerungen, Bildern und Erzählungen aus, die mit der Kunst und den gleichermaßen geliebten wie verschrienen Schwarzkitteln verbunden sind.

Wer kennt nicht die Geschichte von den verzauberten Gefährten des Odysseus, die auf der fernen Insel Aiaia ein säuisches Dasein fristen? Es lohnt sich diese Geschichte noch einmal genauer anzusehen. Denn schon im homerischen Gesang zeigt sich die enge Beziehung des Rüsseltiers zur Verwandlung und Transformation. In der Übersetzung von Voss heißt es:

„Kirke ging, in der Hand die magische Rute,

Aus dem Gemach, und öffnete schnell die Türe des Kofens

Und trieb jene heraus, in Gestalt neunjähriger Eber.

Alle stellten sich jetzt vor die mächtige, und diese

Ging umher und bestrich jedweden mit heiligem Safte.

Siehe, da sanken herab von den Gliedern die scheußlichen Borsten

Jenes vergifteten Tranks, den ihnen die Zauberin eingab.

Männer wurden sie schnell, und jüngere Männer denn vormals,

Auch weit schönerer Bildung und weit erhabeneres Wuchses.“ [1]

Das Wildschwein steht mit Wandlungsmächten im Bunde, eine Beziehung die ihm dadurch eignet, als seine Grundtätigkeit darin besteht in der Erde zu wühlen, um an Essbares zu gelangen. Dabei transformiert es selbst Materie und präfiguriert im animalisch-engen Wirkungskreis den großen Zauber im beherrschbar Kleinen.

Damit dies und mehr – wir kommen darauf zurück – in Kobers Rotte berufener Maßen zu lesen ist, muss sich am Kunstwerk selbst der Wandlungszauber, eine ästhetische Transformation vollziehen. Der Zauber muss für seine Betrachter durch seine plastische Form, das Material und seine Gestalt, sagen wir, seine Machart unmittelbar zu erleben sein. Denn wie unendlich hol und schnell vergessen zeigen sich bunt bemalte Polyester-Kühe und -Bären oder sentimentalische Bronzefiguren, die zur Kommemorierung an touristisch frequentierten Orten aufgestellt werden, weil Form und Inhalt, der Ort und die Botschaft nichts miteinander zu schaffen haben.

Ganz anders die neun Sauen, die der Künstler in die Kunsthalle stellt, eins nach dem anderen von hinten in die Halle nach vorn auf den erstaunten Betrachter zurennt. Jedes Schwein erscheint in seiner natürlichen Größe, ähnlich in der Form und Haltung, doch nicht als geschlossenes Volumen, nicht in einer naturalistischen Oberfläche, sondern das Volumen, Borsten und Haar bilden sich durch Meter und Meter aneinander geschweißter drei Millimeter starker Stahldrähte. Das verblüfft. Denn statt, dass die Tiere ihrem Schema, ihrer Idee gemäß präsentiert werden, hat der Betrachter die Form individuell zu synthetisieren – eine ästhetische Anverwandlung par excellence. Sie verleiht der präsentierten Rotte eine zweifache Dynamik: Zum einen transformiert sich der Drahthaufen in der Betrachtung zu einem definierten Raumkörper, den Schweinen. Zum anderen übersetzt sich der Raumkörper zurück in seinen systematisch-kunsthistorischen Kontrapunkt, die Zeichnung, denn die Drahtschnipsel werden auch als Zeichnungen im Raum gelesen. Jeder Drahtbogen zeichnet damit auch einen Strich, eine dynamische Setzung, die den Tierkörper, den Kunstkörper in Schwingung, in Bewegung versetzt und alle Abkömmlinge der Sau Phaia, den Erymanthischen und Kalydonischen Eber bis hin zum Metallschwein der Fontana del Porcellino an der Loggia del Mercato in Florenz aufruft.

Hans Christian Andersen widmete der sitzenden Eberskulptur, die der Bildhauer Pietro Tacca 1622 nach einem hellenistischen Vorbild schuf, ein sentimentales Kunstmärchen, „Das Metallschwein“ (1852)[2], das wie keine andere Mythe oder Erzählung der Weltliteratur Wandlungsfähigkeit und Kunstfertigkeit mit dem Rüsseltier verbindet. Ein elternloser Knabe schläft auf dem Bronzetier, das lebendig wird und den staunenden Jungen durch die Nacht trägt. Das tierische Vehikel wird ihm zum Cicerone, der die Gemälde und Plastiken in den Uffizien und Kirchen Florenz die Kunstwerke ebenso lebendig werden lässt, worauf der Knabe nicht nur Pflegeeltern sondern auch einen Maler zum Lehrer erhält und selbst als Künstler Karriere macht. Es wäre kaum übertrieben anzunehmen, dass die Begegnung mit Kobers Rotte nicht nur in einem Kind den Wunsch aufkeimen lässt selbst zum Künstler zu werden – um eben nicht im mimetischen Nacheifern stecken zu bleiben, sondern das Leben in der Schöpfung selbst zu fassen.

Daran erinnert ein zweiter Bezug. Denn zeitgenössisch und seriell ruft Siegfried Kobers Rotte noch eine andere Schar aus der zeitgenössischen Kunst auf, nämlich Joseph Beuys` bekannte Installation „The Pack/ Das Rudel“ aus dem Jahr 1969, die heute in der Kassler Neuen Galerie aufbewahrt wird. Aus einem VW-Bus, Baujahr 1961, entfleucht eine Meute Schlitten, vierundzwanzig an der Zahl, bepackt mit etwas Fett, Filzrollen, Taschenlampen wie unheimliche Invasoren, unheilvolle Boten einer neuen Weltordnung vielleicht. Tatsächlich stehen Kobers naturalistisch-abstrahierten Schweinerotte in klandestiner Beziehung zum romantischen Konzeptualismus von Beuys Schlittenrudel, denn beide sind auch als Warnung, Menetekel zu lesen, dafür, dass im Zweifel, die geschundene und ausgebeutete Natur irgendwann, irgendwie ihr Recht zurückfordern wird.

Dafür steht wohl auch der gewaltige Eisbär aus dünnem Draht, Eisbär (2018), im hinteren Saal der Ausstellung, aus dem die Schweinerotte zu stürmen scheint, groß und beeindruckend und, doch fragil und flüchtig in der Zeichnung. Auch er ein Monument aber auch im gezeichneten, gemalten Bild, Eisbär (2018), zugleich Mahnung an eine selbstvergessene Menschheit, die ihre Grundlagen verspielt.

Max Glauner – im September 2018

____________________

[1] Odyssee, Zehnter Gesang, Zeilen 365-402

[2] Siehe Hans Christian Andersen, Das Metallschwein, in: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe, Leipzig 1882, S.277-280

Advertisements

Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Kulturgeschichte, Zeitgenössische Kunst abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s