Chops and Crops – Jean-Marie Appriou in the Gallerie Eva Presenhuber

Der Besucher traut seinen Augen nicht. Im Geviert des ersten White Cube der Galerie erblickt er metallglänzende Bündel von realistisch dimensionierten Maisstauden, gut zwei Meter hoch. Veristische Maskengesichter mit großen Augen und spitzen Mündern lugen unheimlich daraus hervor. Übergroße metallene Heuschrecken hängen furchterregend an der Wand. Und der Besucher mittendrin. Wo ist er da hineingeraten? In den Requisitenschrank eines Märchen-Stücks? Oder in die Metallwerkstatt für Aluminium-Guss-Skulpturen?

Der junge Bildhauer Jean-Marie Appriou wurde 1986 in Brest im äußersten Nordwesten Frankreichs geboren. Er erfuhr seine Ausbildung im nahen Rennes, weit von der französischen Hauptstadt und Kulturmetropole Paris entfernt, wo er heute lebt und arbeitet. Doch er scheint noch immer tief in seiner bretonischen Heimat verwurzelt zu sein, wo er in der Garage seines Vaters die ersten Aluminium-Guss-Skulpturen gefertigt hatte. Das unedle Leichtmetall kommt in der Natur nur in Form von chemischen Verbindungen vor. Erst im 19.-Jahrhundert entdeckt, findet es heute in der industriellen Massenproduktion, zum Beispiel bei Alufolien oder Leichtbauteilen im Fahrzeug- und Maschinenbau Verwendung. Für die bildende Kunst, die figurative zumal, kam das leicht zu verarbeitende Material mit einem Schmelzpunkt halb so hoch wie der von Eisen zu spät.

Das macht sich der junge bretonische Künstler nun zunutze und lotet die Möglichkeiten des in der Kunst selten genutzten Guss-Aluminiums aus. Sieht der Besucher im ersten Galerieraum rurale Motive, Maiskolben als aufrecht stehende Bilder eines phallisch konnotierten Überflusses, zum Beispiel in Crossing the parallel worlds (alle Arbeiten 2018), folgen im zweiten White Cube morbide Miniaturlandschaften, Höhlen in hüfthohen Halbkugeln (u.a. The cave of time [mystique]), aufrecht stehende Zypressen (u.a. Cypress [blade]), die an Arnold Böcklins berühmte Toteninsel, 1880 erinnern, sowie statt der Heuschrecken (u.a. Invasion), lebensgroße Fledermäuse (u.a. Chiroptera), an denen wie in den Innenseiten der bizarren Halbkugeln deutlich die Eindrücke der knetenden Künstlerhand zu sehen sind. Alle Arbeiten entstanden im Aluminiumguss zumeist in verlorenen Formen. Dabei geht es dem Künstler neben der Ausgestaltung seiner bizarren Form-Welten vor allem auch um die Vielfalt der verschiedenen Strukturen und Oberflächen eines höchst eigenwilligen und künstlerisch anspruchsvollen Werkstoffs. Der Betrachter folgt im darin angeregt und fasziniert. Ein formal forderndes und auch einzigartiges Erlebnis.


The Visitor can’t believe his eyes. In the square of the gallery’s first White Cube he sees bundles of realistically dimensioned corn perennials, a good two metres high. Veristic masked faces with big eyes and pointed mouths peeped out of it eerily. Oversized metal locusts hang frighteningly on the wall. And the visitor right in the middle of it. Where did he get into it? In the props cupboard of a fairytale piece? Or into the metal workshop for cast aluminium sculptures?

The young sculptor Jean-Marie Appriou was born in 1986 in Brest in the far northwest of France. He received his training in nearby Rennes, far from the French capital and cultural metropolis of Paris, where he now lives and works. But he still seems to be deeply rooted in his Breton homeland, where he made his first cast aluminium sculptures in his father’s garage. The base light metal occurs in nature only in the form of chemical compounds. Discovered only in the 19th century, it is now used in industrial mass production, for example in aluminium foil or lightweight components in vehicle construction and mechanical engineering. For the visual arts, figurative art in particular, the easy-to-process material came with a melting point half as high as that of iron too late.

The young Breton artist is now taking advantage of this and exploring the possibilities of cast aluminium, which is rarely used in art. If the visitor sees rural motifs in the first gallery room, corncobs as upright images of a phallically connoted abundance, for example in Crossing the parallel worlds (all works 2018), morbid miniature landscapes, caves in hip-high hemispheres (among other things) follow in the second White Cube. The cave of time [mystique]), upright cypresses (including Cypress [blade]), reminiscent of Arnold Böcklin’s famous Isle of the Dead, 1880, as well as life-size bats (including Chiroptera) instead of locusts (including Invasion), on which the impressions of the kneading artist’s hand can be clearly seen, as in the inner sides of the bizarre hemispheres. All the works were cast in aluminium, mostly in lost forms. In addition to the design of his bizarre form worlds, the artist is above all concerned with the diversity of the various structures and surfaces of a highly individual and artistically sophisticated material. The observer follows him in it stimulated and fascinated. A formally demanding and unique experience.

Another version was published_Dezember in Artforum

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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