Marthaler Passion

Musik – was das Theater noch zusammenhält. Oder, was den Jungen der Brahms (Deutsches Requiem), ist den Alten ihr Mahler (das Adagietto aus der 5. Symphonie).

Christoph Marthaler und Anna Viebrock verbeugen sich gemeinsam, was für ein Bild! Die beiden Theatergroßen sind mit einem kleinen Stück des Musikgroßen John Cage „44 Harmonies from Apartment House 1776“ an der Theaterrampe des Schiffbau des Schauspielhaus Zürich zurückgekehrt. Sie verbeugen sich demütig und augenscheinlich versöhnt mit ihrem Publikum, dem Publikum einer Stadt, Zürich, die sie vor gut 15 Jahren zum Teufel gejagt hatte. Zwar sah man die beiden schon vor zwei Jahren hier mit einer Inszenierung, doch das war eine Übernahme; nun also die erste nach langer, ewig langer Zeit.

Nach dem Warmlaufen Marthalers am Pfauen kurz vorher, die Nummernrevue im Science-Fiction-Set „Wir nämeds uf öis“ im Dezember 2017, war das Register nun deutlich tiefer angesetzt und seine Botschaft lautete nach dem Satyrspiel nicht nur „Wir-sind-wieder-da!“ sondern, „Seht-her! Die-Kunst-ist-bei-weitem-nicht-so-leicht,- wie-ihr-immer-denkt;-sie-ist-vielmehr-oft-schwer-und-auf-vielen-Bühnen-zu-Haus.“ Dazu baute Viebrock viele Bühnen in den viel zu großen Schiffbausaal, so wie man es von ihr kennt, so der Vereinsheim-Charme, den man heute eben nicht mehr in Chemniz sondern in Celle wiederfindet. Hier agieren, singen, musizieren zwei Aufführungsstunden lang 13 Akteure, wie immer verschrobene Marthaler-Sonderlinge in wie immer un-sinnigen Marthaler-Aktionen bis sie am Ende im Sandkasten im Vordergrund wie auf einem Jeff-Wall-Fototableau in eine gespenstische Starre verfallen – man sieht ihre Knochen bereits von Future-Paläologen ausgegraben und untersucht. Ihr Rückrat bildet ein züchtiges Mädchencelloquartett, ab und an vom Piano unterstützt – doch hier zeigt sich bereits die dramaturgische Schwäche des Abends: Marthaler-Viebrock wissen nicht so recht, was sie außer ihrem „Hier-sind-wir-wieder!“ zeigen wollen – nein, ums Erzählen, um Narrative ist es ihnen eh nie gegangen. Da ist statt dessen das Motiv der Schicksalsgemeinschaft, der Soldatität und der Harmonie, sozial und musikalisch. Da ist der Pilz, sagen wir, als Denkfigur, als bewusstseinserweiternde Substanz, als Provokation, als Herzausforderung, das Myzel als das Netz kollaborativer Kräfte und Abbildung der menschlichen Gemeinschaft. Wie wir schon zum Theatertreffen 2017 angemerkt hatten (siehe Beitrag „Brahms aus vollen Rohren“, ed. 1.5.2017 https://wp.me/p23TFX-rK ), vermag das nur noch durch die Musik zusammengehalten werden. Doch statt Cages eher eingängiges frühes Stück „44 Harmonies“ in den geistigen, musikalischen, dramaturgischen und choreografischen Mittelpunkt zu stellen, wirkt es mal so „vorgeschlagen“ wie angarniert.

Marthalers eigentlicher Gewährsmann der Musikmoderne heißt Charles Ives. Von diesem stammt an diesem Abend zwar kein einziges Stück. Doch die marthalerschen Retuschen und Brüche an Klassikern von Bach bis Wagner und Eric Satie, das Verblasene und Verrauschte sind aus seinem Geiste. Der einzige Klassikerberg, der unverrückt bleibt, heißt Gustav Mahler. Herzzerreißend für die vier Celli arrangiert beschließt sein Adagietto aus der 5. Symphonie den Abend und kompensiert damit dessen emotionalen Leerlauf. Gut, dass das Deutsche Requiem bei Marthaler keine Verwendung findet. Es war darum ein erträglicher Abend. Aber groß geht anders.

English Version:

Music – what still holds theatre together. Or, for what the youth of Brahms need (German Requiem), the old need their Mahler (the Adagietto from the 5th Symphony).

 

Christoph Marthaler and Anna Viebrock bow down together, what a picture! The two theater giants have returned with a small piece by the music great John Cage „44 Harmonies from Apartment House 1776“ at the theater ramp of the Schiffbau of the Schauspielhaus Zürich. They bow humbly and seemingly reconciled with their audience, the audience of a city, Zurich, which they had chased to hell 15 years ago. Although they were seen here with a production two years ago, this was a take-over; now the first after a long, eternally long time.

After Marthaler’s warm-up at Pfauen shortly before, the number revue in the science fiction set „Wir nämeds uf öis“ in December 2017, the register was now set much lower and its message after the satyr play was not only „Wir-sind-wieder-da! The-art-is-not-as-easy-as-you-always-think-about-it;-it-is-much-more-often-heavy-and-on-many-stage-to-house.“ In addition Viebrock built many stages in the much too big shipbuilding hall, as one knows it from her, so the clubhouse charm, which one finds today no longer in Chemniz but in Celle. Here 13 actors act, sing, play music for two hours of performance, as always quirky Marthaler specialties in as always senseless Marthaler actions, until at the end they fall into a ghostly rigidity in the sandbox in the foreground like on a Jeff Wall photo tableau – one can already see their bones excavated and examined by Future palaeologists. Their backbone forms a bossy girl cello quartet, occasionally supported by the piano – but here the dramaturgical weakness of the evening is already apparent: Marthaler-Viebrock don’t really know what they want to show apart from their „here we are again“ – no, they were never concerned with narration, with narratives anyway. Instead, there is the motif of the community of fate, of soldierliness and harmony, social and musical. There is the mushroom, let’s say, as a figure of thought, as a consciousness expanding substance, as provocation, as a heart challenge, the mycelium as the network of collaborative forces and representation of the human community. As we already mentioned at the Theatertreffen 2017, it can only be held together by music. But instead of placing Cage’s catchy early piece „44 Harmonies“ in the intellectual, musical, dramaturgical and choreographic centre, it sometimes seems as „suggested“ as if it were „angarniert“.

Marthaler’s true guardian of modern music is Charles Ives. Not a single piece of this music was written this evening. But the Marthaler retouches and breaks in classics from Bach to Wagner and Eric Satie, the blown and noisy, are from his spirit. Gustav Mahler is the only mountain of classics that remains unaffected. Heartbreakingly arranged for the four cellos, his Adagietto from the 5th Symphony concludes the evening and thus compensates for its emotional idleness. It is good that the German Requiem is not used by Marthaler. It was therefore a bearable evening. But great is different.

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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