Bi-Polar | Paralipomenon XXIII – Das Grab Jacob Taubes‘ am Oberen Friesenberg/ The Grave of Jacob Taubes

von Max Glauner

English version below

Neben dem ästhetischen Gefüge einer Stadt, ihrer landschaftlichen Lage, die Art und Verteilung ihrer Gebäude, Strassen, Plätze, besitzt jede auch ein spirituelles. Das Stadtbild erfassen wir in der Regel rasch. Die Geistlandschaft einer Stadt zu erschliessen dagegen braucht Zeit. Lexikoneinträge und Hinweisschilder an Hausfassaden geben Hinweise, Denkmale verzerren. Zuverlässig zeigen sich Friedhöfe, ihre Lage und Grablagen. Dadurch, dass Zürich mit Erstarken der Nationalstaaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zweier Weltkriege in deren Folge zunehmend Fluchtort für politische und intellektuelle Flüchtlinge wurde, hat sich eine bemerkenswerte Zahl hier verstorbener und bestatteter europäischer Geistesgrössen ergeben, die gemessen an der Einwohnerschaft jede andere Stadt in der Welt bei Weitem übersteigt.

Die anmutige Lage der Stadt am See, die Alpengipfel sind die eine Seite. Die andere, das klandestine Netz Verstorbener, das den Nachgeborenen gute Geister gewähren: James Joyce, Elias Canetti, Therese Giehse und der Literaturwissenschaftler Peter Szondi grüssen aus Fluntern am Zürichberg nach Manegg zu Friedrich Glauser und Erlenbach zu Helmuth Plessner und über den See nach Kilchberg zur Familie Thomas Mann, Georg Büchner vom Rigiblick zu August Bebel, Henri Dufour und Gottfried Keller ins Sihlfeld.

Und es gibt einen dritten Friedhof, den ich erst jetzt, viele Jahre nach meiner Ankunft in Zürich aufgesucht habe. Aus Scham? Weil er zu nah und zu abseits lag? Es ist der Friedhof der jüdischen Gemeinde am Oberen Friesenberg, ohne den sich das Netz unvollständig wäre. Der Obere Friesenberg liegt meiner Wohnung am Käferberg nach Südwesten gegenüber auf halber Höhe zum Hausberg der Stadt, dem Uetli, eine halbe Stunde mit dem Rad hinunter ins Limmattal durch ehemalige Industriequartiere und kleinbürgerliche Wohnsiedlungen, einem Krankenhaus und Schrebergärten. Schattenseite der Stadt, Frostviertel, nachdem sich die Herbstsonne hinter den Höhenzügen des Albis verzogen hat. Ich machte mich also ausgerechnet am 9. November, ein sonniger kühler Herbsttag, auf den Weg.

Inzwischen gibt Wikipedia einen Überblick über die prominenten Begräbnisse am Oberen Friesenberg, der für die jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg als Friedhof eingerichtet wurde, nachdem deren Friedhof am Untern Friesenberg zu eng geworden war. Die Zürcher Intellektuellen- und Künstlerrepublik legt eine Windung zu: Hier liegt die Dichterin Mascha Kaléko, der deutsche Aufklärer und Dokumentarfilmer Erwin Leiser und seine Frau Vera, der Ausnahmedirigent Otto Klemperer.

Worüber ich Online nichts erfuhr, war die Grablage der Familie des Zwi Taubes. In den 1980er-Jahren hatte ich Seminare zu den Koritherbriefen des Apostel Paulus bei Jacob Taubes, seinem Sohn, an der FU-Berlin besucht. Er war einer der vier, Ernst Tugendhat, Michael Theunissen und Klaus Heinrich, die lange den Ruf der Dahlemer Universität begründeten, Lichtgestalten, die im heutigen Lehrbetrieb undenkbar wären. Schon weil ihre Zahl der Veröffentlichungen, ausgenommen Ernst Tugendhats, weit hinter dem Soll zurückstand. Taubes Dissertation „Abendländische Eschatologie“ 1947, blieb die einzige grössere Publikation zu Lebzeiten. Sie war in Bibliotheken längst verschwunden, auch weil ihr der Ruch nachhing, Plagiat zu sein. Sie kursierte als Fotokopie in Studentenkreisen. Für mich unvergesslich die Begegnungen im Seminar, die Szenen kurz vor seinem Krebs-Tod, als er sich bei einer Freundin in einer Grunewalder Villa eingenistet hatte, wo ich ihn mit Kippa und Tallit im Bademantel Witze erzählten hörte, die von George Tabori hätten stammen können. Wie Tugendhat litt er unter einer Bipolaren Störung, die ihn zu einer für den Betrieb unerträglichen, doch umso mehr hinreissend-charismatischen Persönlichkeit werden liess.

Verstorben war Jacob Taubes 1987 in Berlin. Ich wusste nur, dass er die Ankunft des Messias nicht in der Hauptstadt des 1000-jährigen Reiches erwarten wollte. Dafür, dass er in Zürich begraben läge, sprach, dass er seine Jugend in Zürich und in Basel, seine Studienjahre bis zur Rabbinatsprüfung und zur anschliessenden Promotion verlebte. 1936 kam er mit seinen Eltern Fanny und Zwi Taubes aus Wien, wo er geboren wurde, nach Zürich. Der Vater war zum Oberrabiner der liberalen Jüdischen Kultusgemeinde berufen worden, der er bis 1964 vorstand.

Er liegt dort nicht begraben. Aber sein Sohn – neben der Mutter. Die Kladde in den Kolonaden des Trauergebäudes mit der Liste aller am Unteren und Oberen Friesenberg Bestatteten verzeichnet Jacob Taubes unter der Grab-Nummer OF 5363, die Mutter Fanny, geborene Blind, bereits 1957 verstorben, unter OF 5362. Und der Vater Zwi? Der wollte, wie ich später erfuhr, die letzten Lebensjahre in Israel verbringen und verstarb in Jerusalem im Jahr seiner Ausreise 1966.

Die Frauen von Jacob Taubes? Er war zwei Mal verheiratet, die zweite Frau war Margherita von Brentano, für die er die erste 1961 verliess. Hatte er damals wirklich den Ehrgeiz in den in den Preussischen Geistesadel einzuheiraten, wie man ihm nachsagte? Margherita war klug, kämpferisch und politisch engagiert und später eine der wenigen Philosophieprofessorinnen im Nachkriegsdeutschland. Die erste Frau war Susan Taubes, wie er aus Budapester jüdischer Bourgeoisie, vor dem Krieg mit dem Vater nach New York emigriert, wohin es ihn 1949 mit einem Lehramt am Jewish Theological Seminary verschlagen hatte. Sie nahm sich wenige Wochen, nachdem sie ihren Roman „Divorcing“ veröffentlicht hatte, 1969 das Leben. Da war sie bereits acht Jahre von Jacob getrennt. Ihre fiktionale Heldin heisst Sophie Blind – im Namen stossen nicht nur Sehen, Weissheit und Unkenntnis aufeinander, sondern auch der Mädchenname von Jacobs Mutter. Da treffen verlorene Seelen aufeinander. Susan Taubes wurde 1956 bei Paul Tillich an der Harvard University promoviert, ihre Schrift: „The Absent God. A Study of Simone Weil“.

P.S. Eine letzte Beobachtung: Der Grabstein Jacob Taubes‘ ist aus demselben Granit geschlagen wie der der Mutter. Auch die Silhouette ahmt diesen nach, doch er erhebt sich deutlich über den Nachbarn. Eine deutliche Hypertrophie stellt auch der in Deutsch eingemeiselte Spruch dar. Eine theologisch-existenzielle Denksportaufgabe der Sonderklasse. Hat er in seinem Seminar darüber gesprochen? Ich kann mich nicht erinnern. Auf jeden Fall, vielleicht auch das ein Versehen, habe ich keinen einzigen Grabstein auf diesem auf Egalität und Schlichtheit bedachten Friedhof mehr entdeckt, der mit solcherlei Wort-Zauber aufwartet. Er lautet:

Der Bewährte wird Leben durch sein Vertrauen.

Der Gerechte wird seines Glaubens leben.

Das Akronym hinter der dritten Zeile „hab 2.4“ verwiest auf den Propheten Habakuk, dem Gott auf die ungerechten Weltläufe vom Gerechten spricht, Luthers „Habakuks Meisterspruch“, eine Kernparole, die für den Apostel Paulus und damit wieder für Taubes eine Rolle spielt. Doch woher kommt die zweite Zeile? Sie stammt aus der Übersetzung derselben, darüber auf Hebräisch wiedergegebenen Stelle des Alten Testaments durch Martin Buber und Franz Rosenzweig 1929. Sie liest sich hier wie eine Entgegenstellung, setzt den „Bewährten“, Weltkundigen, Weltgewandten, dem „Gerechten“, Umsichtigen, Zugeneigten, das erfahrens- und vernunftgeschulte Vertrauen gegen den Glauben. Der „Wahre Jacob“ – ein „Falscher“, ein Fälscher? Mit Nichten -, Jacob Taubes hielt nicht umsonst mit seinem Lehstuhl für Judaistik an der FU den Lehrstuhl für Hermeneutik inne.

Apart from the aesthetic texture of a city, its scenic location, the type and distribution of its buildings, streets, squares, each one also has a spiritual one. As a rule, we quickly grasp the cityscape. But it takes time to grasp the spiritual landscape of a city. Encyclopaedia references and signboards on house facades give hints. Monuments deform. Cemeteries, their location and grave sites are reliable. The fact that Zurich increasingly became a place of exile for political and intellectual refugees as the nation states became stronger in the second half of the 19th century and two World Wars followed, has resulted in a remarkable number of European intellectual figures who passed away and were buried here, which, measured in terms of population, far exceeds any other city in the world.

The charming location of the town on the lake, the Alpine peaks are one side of the coin. The other, the clandestine network of deceased, which grants good spirits to those who come after them: James Joyce, Elias Canetti, Therese Giehse and the literary scholar Peter Szondi send their greetings from Fluntern am Zürichberg to Manegg to Friedrich Glauser and Erlenbach to Helmuth Plessner and across the lake to Kilchberg to the Thomas Mann family, Georg Büchner from Rigiblick to August Bebel, Henri Dufour and Gottfried Keller to Sihlfeld.

And there is a third cemetery, which I visited only now, many years after my arrival in Zurich. Out of shame? Because it was too close and too far away? It is the cemetery of the Jewish Community at the Oberen Friesenberg, without which the network would be incomplete. The Obere Friesenberg is located south-west of my flat on the Käferberg, halfway up the city’s local mountain, the Uetli, half an hour by bike down into the Limmat valley through former industrial quarters and petit-bourgeois housing estates, a hospital and allotment gardens. Shady side of the town, frosty neighbourhood, after the autumn sun has disappeared behind the Albis mountain range. So I set off on 9 November, a sunny cool autumn day, of all days.

In the meantime Wikipedia gives an overview of the prominent burials at the Upper Friesenberg, which was established as a cemetery for the Jewish Community after the Second World War, after their cemetery at the Untern Friesenberg had become too small. Zurich’s republic of intellectuals and artists is getting a twist: here lies the poet Mascha Kaléko, the German Enlightener and documentary filmmaker Erwin Leiser and his wife Vera, the exceptional conductor Otto Klemperer. What I didn’t find out about online was the grave of the Zwi Taubes‘ family. In the 1980s, I had attended seminars on the Corither Letters of the Apostle Paul with Jacob Taubes, his son, at the FU-Berlin. He was one of the four, Ernst Tugendhat, Michael Theunissen and Klaus Heinrich, who long established the reputation of Dahlem University, shining lights that would be unthinkable in today’s teaching world. If only because their number of publications, with the exception of Ernst Tugendhat’s, fell far short of the target. Taube’s dissertation „Abendländische Eschatologie“ in 1947, remained the only major publication in his lifetime. It had long since disappeared from libraries, partly because it had the reputation of being plagiarism. It circulated as a photocopy in student circles. I will never forget the encounters in the seminar, the scenes shortly before his death from cancer, when he had settled down with a friend in a villa in Grunewald, where I heard him telling jokes with Kippa and Tallit in his bathrobe, which could have been written by George Tabori. Like Tugendhat, he suffered from a bipolar disorder that made him an unbearable, but all the more ravishingly charismatic personality.

Jacob Taubes had died in 1987 in Berlin. I only knew that he did not want to await the arrival of the Messiah in the capital of the 1000 year Reich. The fact that he was buried in Zurich was proof that he spent his youth in Zurich and Basel, his years of study up to the rabbinate examination and the subsequent doctorate. In 1936 he came to Zurich with his parents Fanny and Zwi Taubes from Vienna, where he was born. His father had been appointed Chief Rabbi of the liberal Jewish Religious Community, which he headed until 1964. He is not buried there. But his son – next to his mother. The notebook in the colonades of the mourning building with the list of all those buried at the Lower and Upper Friesenberg lists Jacob Taube’s under the grave number OF 5363, his mother Fanny, née Blind, deceased as early as 1957, under OF 5362. And his father Zwi? who, as I later learned, wanted to spend the last years of his life in Israel, died in Jerusalem in 1966, the year he left the country.

The women of Jacob Taubes? He was married twice, the second wife was Margherita von Brentano, for whom he left the first in 1961. Did he really have the ambition then to marry into the Prussian intellectual aristocracy, as he was said to be? Margherita was clever, combative and politically committed and later one of the few female philosophy professors in post-war Germany. The first woman was Susan Taubes, as he had emigrated with his father from Budapest’s Jewish bourgeoisie to New York before the war, where he had ended up in 1949 with a teaching post at the Jewish Theological Seminary. She took her own life in 1969, a few weeks after publishing her novel „Divorcing“. She had already been parted from Jacob for eight years. Her fictional heroine is called Sophie Blind – in her name not only does seeing, wisdom and ignorance collide, but also the maiden name of Jacob’s mother. This is where lost souls meet. Susan Taubes received her doctorate in 1956 under Paul Tillich at Harvard University. Her writing: „The Absent God. A Study of Simone Weil“.

P.S. One last remark: Jacob Taubes‘ gravestone is carved from the same granite as his mother’s. The silhouette also imitates this one, but it rises clearly above its neighbour. The inscribed German saying is also a clear hypertrophy. A theological-existential mental exercise of the special class. Did he talk about it in his seminary? I cannot remember. In any case, maybe it was an oversight, I have not found a single gravestone in this cemetery, which is intent on equality and simplicity, that has such word magic. It reads:

Der Bewährte wird Leben durch sein Vertrauen./ The proven becomes life through its trust.

Der Gerechte wird seines Glaubens leben./ The righteous will live by his faith.

The acronym behind the third line „hab 2.4“ refers to the prophet Habakuk, whom God speaks of the righteous in the unjust world, Luther’s „Habakuk’s Master Spell“, a key slogan that plays a role for the apostle Paul and thus again for Taubes. But where does the second line come from? It is taken from the translation of the same Old Testament passage by Martin Buber and Franz Rosenzweig in 1929, which is quoted in Hebrew above it. It reads like a counterpoint, setting the “ proven“, worldly experts, worldly wise, the “ righteous“, prudent, inclined, the experienced and rational trained trust against faith.The „True Jacob“ – a „false“, a forger? Not at all -, Jacob Taubes did not hold the chair of hermeneutics with his chair of Jewish Studies at the FU for nothing.

Über Max_Glauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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