Sigismund Righini – Schlafendes Kind im Schoss des Thanatos

Der Zürcher Künstler Sigismund Righini (1870-1937) hielt die Grabrede für Ferdinand Hodler. Das markiert das Ansehen des Malers in seiner Zeit. Zwar hatte er unter dem Eindruck der französischen «Fauves» einen freien, koloristisch-fröhlichen Stil angeeignet. Doch nach Hodlers Tod betätigte es sich fast ausschliesslich als Kunstfunktionär. Kurator würden wir heute sagen. Als Freund von Cuno Amiet und Giovanni Giacometti holt er in den 1920-30ern Munch, van Gogh und Picasso ins Kunsthaus. Sein kleines, auf eine Holzfaserplatte aufgezogene Ölgemälde auf Leinwand Schlafendes Kind, datiert auf den 11.12.1900, gehört desungeachtet zu den zeitlos berührenden Bildnissen der Kunstgeschichte.

Sigismund Righini, Schalfendes Kind, 1900

Riginigs Schlafendes Kind betrachten wir heute nicht ohne unwillkürlich an die Pressebilder des Leichnams des syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi zu denken, der im September 2015 bäuchlings an einen türkischen Badestrand gespült wurde. Die Fotos zeigen ihn zumeist wie das Kind bei Righini in verkürzter Perspektive, die Füsse den Betrachtenden voran. Die abgebildeten Kinder dürften dasselbe Alter haben. Keine drei Jahre alt. Sind die Analogien damit erschöpft? Sehen wir genauer hin.

Wir sehen auf dem kleinen Ölbild im Hochformat von 36 x 28cm, in dem Braun und Ockertöne neben dem Weiss eines faltigen Hemdchens dominieren, ein vielleicht zwei bis dreijähriges Kind in starker Verkürzung mit dem rechten Füsschen uns entgegen auf dem Rücken liegend, während das Linke mit Knie und weissem Kleidchen hinter dem Rahmen rechts verschwinden. Die kompositorische Unordnung rechts besitzt eine Spiegelung im Gegenstand auf der rechten Seite des Bildes: Das zerzauste Haar des Kindes, die betont abjekte Form des Ohrs, die nackte Schulter und schliesslich der verrutschte Ärmel des Nachthemdchens, dem die kleine Hand fehlt. Ist sie hineingerutscht? Oder abgetrennt? Das Kind mit dem grossen Kopf hat die Augen geschlossen. Es scheint zu lächeln und seine gespreizten Beinchen deuten entspannten Schlaf an. Oder ist es tot? Jedes Bettzeug fehlt. Statt Plüsch und Kleinkindplunder definiert konkretes Pinselbraun den unklaren Bildraum und als Corona umgibt wolkiges Schwarz das blonde Haar.

Andrea Mantegna, Aufbahrung Christi, 1474, Brera

Mit der Verbreitung des Aylan Kurdi-Fotos verband sich jenseits des medialen Rummels – wir erinnern Ai Wai Wais plumpes Kurdi-Bodrum-Reenactment –die aktivistische Hoffnung, sein Opfer möge nicht umsonst sein, sein Tod werde die Welt zur Besinnung und Hilfsbereitschaft rufen.

Diese eschatologische Hoffnung knüpft sich nicht, darin liegt das Missverständnis, an die Sache selbst, nämlich den Skandal der Flüchtlingskrise, sondern einzig an dem aufgerufenen Bild des toten Jungen, das in der Reihe erlösungsmächtiger und dämonischer Pathosformeln steht: Mantegnas Beweinung Christi in der Mailänder Brera 1480, machte mit der dramatischen Verkürzung des Leichnams des Gekreuzigten, die ihn uns leibhaftig nahebringt, den Anfang. Hans Baldung Grien folgte profaniert mit dem Behexten Stallknecht 1534 nach.

Reghini kannte sie und legte sein Kind mit Bedacht und uns zur Verantwortung am 11. Dezember der Jahrtausendwende zwischen Thanatos, und Hypnos, dem Tod und seinem kleinen Bruder Schlaf den grossen Meistern nach. Darin liegt die Differenz zwischen der Kunst Righinis und dem stupiden Spiel heutiger Social-Media-Spektakel.

Redaktionell überarbeitet zuerst erschienen im Rahmen der Reihe „Sammlerstücke“ in Kunst Bulletin 11, 2021

Über Max_Glauner

Lecturer, Researcher, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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