Enactment – Zur Ausstellung Sturm auf den Winterpalast. Die Forensik eines Bildes

 

 

 

 

Bedarf es für die gesellschaftspolitische Wirkmächtigkeit der Kunst noch eines Beweises? Eigentlich nein. Doch wer mit einer eindeutigen Einschätzung hadert, dem kommt zum Jubiläum der folgenreichsten Revolution des 20. Jahrhunderts, der russischen Oktoberrevolution 1917, die Ausstellung „Sturm auf den Winterpalast: Forensik eines Bildes“ der Kuratorinnen Inke Arns und Sylvia Sasse gerade recht. Denn sie erzählt nicht nur von der Oktoberrevolution und darf als ihre pointierteste Memorialveranstaltung im deutschsprachigen Raum gelten, sondern sie spricht allgemeiner von der Macht und Ohnmacht der Bilder, die seit jeher ein Eigenleben führen, das sich der Kontrolle ihrer Schöpfer per se entzieht.

Das Foto vom Sturm auf den Winterpalast gilt wie Grigori Goldsteins berühmtes Foto des agitierenden Lenin auf einer Holztribüne 1920, von der Leo Trotzki später wegretuschiert wird, als die Ikone der bolschewistischen Revolution: Die Kamera im Rücken stürmen uniformierte Soldaten mit Gewehren in der Rechten hinter einem Motorwagen auf eine barocke Schlossfassade zu – dem St. Petersburger Winterpalast. Rauch steigt auf und dramatisiert mit einer vom oberen Bildrand angeschnitten Triumph-Säule die Situation ins monumental-heroische.

Über nahezu ein Jahrhundert lang lieferte dieses Bild in Schul- und Geschichtsbüchern, in Magazinen, Drucken und nicht zuletzt im Internet millionenfach reproduziert den Brand zur Oktoberrevolution, der den Mythos einer revolutionären Massenbewegung bedient. Wie die Kuratorinnen der Ausstellung recherchierten – Inke Arns schrieb bereits 2016 im Kunstforum international darüber (siehe Band 240) – handelt es sich bei dem Bild um die retuschierte Version einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von einem drei Jahre nach den revolutionären Ereignissen durchgeführten Massenspektakel „Sturm auf den Winterpalast“. Die Machtübernahme der Bolschewiki 1917 war lautlos und ohne nennenswerte Kampfhandlung über die Bühne gegangen. Um zwei Uhr morgens konnte die Kerenski-Regierung ohne Widerstand im Winterpalast verhaftet werden. Im Gegensatz dazu setzte das Spektakel auf Kanonen und Getös, Wagen, Pferde und unzählige Statisten. Das Publikum – je nach Quelle zwischen 80.000 und 150.000 Personen – stand in zwei Blöcken von vier Spielstätten umgeben mitten auf dem Platz. Inmitten des Geschehens sollte es Zuschauer und unmittelbar Beteiligter sein. Regie führte der russische Theatermann Nikolaj Evreinov der dem Regime kaum nahestand, doch mit seiner These von der Theatralisierung aller Lebensbereiche die Sympathie der roten Propagandisten erweckte.

Das Foto entstand wie ein Film für die Wochenschau während der Generalprobe am Tag, während die eigentliche Aufführung punktgenau am 25. Oktober/7.November nachts über die Bühne ging. Auf der vermutlichen Originalvorlage des Fotos sind noch der hölzerne Regie-Kommandoturm und Zuschauergrüppchen zu sehen, die dem Pinsel der Retuscheure zum Opfer fielen, nicht jedoch der fünfzackige Sowjetstern am Palastbalkon, der den Schwindel vom inszenierten Akt verrät. Warum sollte etwas erobert werden, das man schon besetzt hält? Doch hier hat sich das Bild wie Evreinovs Spektakel bereits einer kritischen Deutung entzogen. Mit Sergei Eisensteins Stummfilm „Oktober“ 1928 zementiert sich der Mythos vom bewaffneten Volksaufstand unter Führung der Bolschewiki, mit dem analog zum „Sturm auf die Bastille“ eine Zäsur vom Rang der französischen Revolution reklamiert werden sollte. Der propagandistische Erfolg, wirft einen Schatten auf den künstlerischen: Evreinovs eigentliche Herausforderung lag in der Inszenierung aufwendiger Spielszenen des vorrevolutionären Klassenkampfs in expressiven Kulissen auf zwei großen Bühnen vor der dem Winterpalast gegenüberliegenden Generalität, die nun in der Erinnerungskultur möglichst getilgt werden mussten, sollte der „Sturm“ für einen realen Vorgang gehalten werden.

Aber auch sonst entfaltet das Bild und das mit dem Bild behauptete Ereignis eine eigenartige Dynamik. Bis heute. So zeigt die Ausstellung, in Dortmund etwas erweitert, Arbeiten, die sich mit der Oktoberrevolution und der Konstruktion von Geschichte auseinandersetzen wie „Surplus Value“ (2014–2016) und „La liberté raisonnée“ (2009) der Spanierin Cristina Lucas oder die dadaistischen Oktober-Reenactments Waldemar Fydrychs mit der polnischen Künstlergruppe Orange Alternative aus den 1980er-Jahren. Neben diesen älteren Positionen ragt das russische Künstlerkollektiv Chto Delat (dt. Was tun) aus Petersburg heraus, das in dem Video „Palastplatz 100 Jahre danach“ (2017) eine junge Philosophin zur Feldforschung auf den Platz vor dem Winterpalast schickt. Dort begegnen ihr nur Zombies. Die Geister der Vergangenheit geistern weiter. Wenn der Theatermacher Milo Rau wie in Dortmund dokumentiert zum Abschluss seiner „General Assembly“ an der Berliner Schaubühne mit dem Bild von Evreinovs Soldatenschaar zum „Sturm auf den Reichstag“ aufruft, hängt er sich geschichtsvergessen an den Mythos vom Sturm und der bewegten Masse an. Die gute Absicht, mit einem Weltparlament den verdammten dieser Erde eine Stimme zu verleihen, desavouiert die theatrale Werbetrommel. Der Besucher hätte sich von dieser prominenten Seite mehr historisches Bewusstsein gewünscht. Der tollen Ausstellung tut dies jedoch keinen Abbruch.

Ausstellung: Gessnerallee Zürich 24.09. – 25.10.201, HMKV, Dortmund 25.11.2017 – 08.04.2018; dazu erschienen: Nikolaj Evreinov & andere. „Sturm auf den Winterpalast“, Hrsg. Inke Arns, Igor Chubarov, Silvia Sasse Berlin/ Zürich 2017. Die beiden s-w-Abbildungen oben sind diesem Band mit Zustimmung der Herausgeber entnommen.

 

 

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Über maxglauner

Lecturer, Autor & Cultural Journalist Zürich | Berlin
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