Mormonenoper

Fünf Stunden Genesis, das ganze erste Buch des Alten Testaments, im Zürcher Schiffbau – für den Stoff eigentlich zu kurz bemessen, dehnt sich das für einen Theaterabend jedoch zu monströser Länge. Der Regisseur Stefan Bachmann kokettiert von Anfang an mit dem notwendigen Scheitern des Projekts und verweigert ganz in castorfscher Manier das Spiel. Er kommt im Folgenden selten über ironisch-fromme Tableaux Vivants und ironisiertes Bad Segeberg hinaus und unterhält mit der schlichten Einsicht, dass der alttestamentarische Eastern ein Western sei. Die letzte Geschichte, die Josephsgeschichte, ist dann nach Mitternacht munter zu Ende erzählt – erleichtert müder Applaus.

 

Ausführliche Rezension http://www.freitag.de in einer Woche

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Satellitentheater

Schöpfungsmythen zum Saisonstart am Zürcher Schauspielhaus  Während sich Stefan Bachmann heute im Schiffbau um die Genesis bemüht, hatte die Hausherrin Barbara Frey mit einem blutleeren Baumeister Solness gestern Premiere. Wie bei ihr mittlerweile gewohnt, setzt sie auf ihren Hauptdarsteller, hier Robert Hunger-Bühler als Baumeister Halvard Solness, und stellt die Ensemblearbeit hinten an. Das gibt wieder Sattelittentheater, ums Zentrum schwirren Stichwortgeber. Da nutzt es nichts, wenn Frey die Figur der Hilde Wangel als kratzbürstigen Emo-Meteoriten einschlagen lässt: Es bleibt ein Theater zum Verdursten, bei dem auch Hunger-Bühlers Kunst und das Irrlichternde der Vorlage auf der Strecke bleibt. Naturgemäss, trocken Zürcher Applaus.

Ausführliche Kritik folgt auf http://www.freitag.de

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Theater | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schlimmer geht’s immer – Sentimental Sculptures im öffentlichen Raum – Paralipomenon III

Text und Fotos: Max Glauner

Schlimmer geht’s immer. Mit dieser trivialen Einsicht relativiert sich ein gerne gegen die Kunstkritik erhobenes Argument: Ihre Einwände seien zwar schön und gut, doch man könne sich an Stelle des inkriminierten Kunstwerks noch etwas Schlimmeres vorstellen. Man solle sich doch über die Arbeit besser freuen – so der Subtext –, als daran rumzumäkeln.

Mein Paralipomenon „Drop-Down – Zürichs Art and the City“ replizierte ein aufmerksamer Leser mit dem augenzwinkernden Kommentar „Lieber Marmor-Sofas als Plastik-Teddys“ und behält damit in Anspielung auf die beiden Marmorsofareplika von Ai Wei Wei am Zürcher Paradeplatz, an deren Stelle man sich bei unbedarft populistischen Marketingaktionen auch lustig bemalte Zürcher Löwen, Polyesterkühe oder Berliner Buddy-Bären vorstellen könnte, natürlich recht.

Der Kommentator spricht aus Erfahrung. Wie schwer sich aufgeklärt demokratische Gemeinwesen mit ihrer Gegenwartskunst tun, zeigt sich gerade in der Heimatstadt der Plastik-Teddys, Berlin, wo es in Anbetracht der Allgegenwart des Wappentiers in findig bemalten Ausführungen, stehend auf allen Vieren, stehend auf zwei Beinchen, et cetera schwer fällt, andere Schöpfungen kreativer Geister im Stadtraum zu entdecken. Hier offenbart sich das eklatante Gefälle zwischen Kunststadtanspruch und der ästhetischen Bildung ihrer tonangebenden Klasse.

Auf bemerkenswerte Weise hat sich die Republik Irland dieses Antagonismus enthoben. Buddy-Bären-Kühe oder, wie man denken könnte, meterhohe  Plastikharfen findet man dort im öffentlichen Raum vorläufig nicht. Statt dessen stösst man in jedem noch so kleinen Kaff auf mindestens ein Exemplar dessen, was man mit der Gattungsbezeichnung „Sentimental Sculpture“ bezeichnen könnte. Es handelt sich dabei um etwas überlebensgrosse Bronzefiguren, die mit kleinen künstlerischen Stilabweichungen eine reale oder fiktive Persönlichkeit des Stadtlebens präsentieren. Sämtliche Exemplare wie Molly Malone oder James Joyce in Dublin zum Beispiel sind in den vergangenen zehn Jahren aufgestellt worden, genrehafte Wohlfühlkonterfeis mit Wiedererkennungswert, die das Publikum bei seinen Erwartungen abholen. Man posiert feixend, zückt den Fotoapparat und geht befriedig weiter.

Geht es noch Schlimmer? Zürich kann aufatmen, denn ihm sind solcherlei Zumutungen weitgehend erspart geblieben, sieht man von kleinen Ausrutschern ab. Zufall oder nicht, doch ausgerechnet dem Iren James Joyce stiftete die Stadt Zürich 1966 für dessen Grablage in Fluntern eine Sentimental Sculpture, ein Autorenpotrait, das in artistischen Verrenkungen sitzend Stöckchen, Buch und Zigarette zu equilibrieren sucht.
Natürlich lässt sich auch zu diesem Kunststückchen sagen, es sei besser als eine andere denkbar schlechtere Arbeit. Damit stösst man  unweigerlich auf den unendlichen Regress dieser populären Argumentation. Man kommt einer künstlerischen Arbeit, romatisch-idealistisch gesagt, nur immanent bei: Sie allein setzt sich Massstäbe. Kunstritik kann nicht mehr als diesen nachzuspüren, diese aufzeigen und daraus ihr Urteil fällen, das sich aus der Differenz von Anspruch und eingelöster künstlerischer Durcharbeitung, oder besser, Hingabe ergibt.

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Kunst im öffentlichen Raum, Paralipomena, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Drop-Down – Zürichs Art and the City – Paralipomenon II

Bis zum 23. September 2012 beglückt die Stadt Zürich ihre Einwohner mit einer stattlichen Anzahl von künstlerischen Eingriffen im öffentlichen Raum. Doch wen kümmert das?

Fast scheint es, als erneuere sich in unseren Tagen das traute Märchen vom schönen Königskind hinter Dornenhecken, das endlich von seinem Prinzen geküsst, erwacht. Tatsächlich schien Zürich, seit ihren Stadtheiligen Felix, Regula und ihrem treuen Begleiter Exuperantius die Köpfe abgeschlagen wurden, recht wenig mit der Kunst am Hut zu haben. Erst spät, gegen Ende des 19.-Jahrhunderts, entschloss sich eine Schaar mäzenatisch ambitionierter Bürger, etwas mehr für die Musen zu tun, sammelten, meist Franzosen, förderten aber auch talentierte Landeskinder und hoben das Kunsthaus aus der Traufe.

Mit der Gegenwartskunst hatte die Stadt an der Limmat dennoch bis weit nach den Reduit-Jahren ihre liebe Not. So war auch die Schaar der Ritter, die sich in den 1980er-Jahren aufmachten, für die spröde Schöne ihre Lanze zu brechen, um sie aus ihrem Schlaf zu küssen klein. Fast, so schien es, als agierten sie auf verlorenem Posten, bis, ja bis sich auch in den Verstandsetagen der Zürcher Banken und Immobilienverwerter die Formel herumgesprochen hatte: Kunst = Standortfaktor = Kapital. Was also wäre Stadt ohne Kunst, Kunst ohne Stadt?

Art and the City – heisst nun die städtische Grossveranstaltung, die das vernachlässigte Kind in den Hof der allgemeinen Aufmerksamkeit zu katapultieren sucht, indem sie Publikum und Passanten mit dreiundvierzig Positionen zeitgenössischen Kunstschaffens, zumeist im Kreis 5, dem deklarierten „Trendquartier“ der Limmatstadt, platziert, überraschen will. Das ist alles in allem erfreulich. Kunst tut selten weh, und Denkmale werden, frei nach Musil, eh erst wahrgenommen, wenn sie nicht mehr da sind. Sicherlich gibt es bei Art and the City auch Arbeiten die überraschen, bemerkenswert und nachhaltig sind, so, dass man sie vermissen wird, wenn sie nicht mehr da sind, wie Elisa, 2012, der Baggerarm von Arcangelo Sassolino an der Pfingstweidstrasse, der sicherlich mit dem Ende der Veranstaltung im September verschwinden wird.

Dennoch sträubt sich etwas gegen diese Schau. Ist es allein der Titel „Art and the City“, der sich des Brands einer abgespielten HBO-Serie bedient? Man reklamiert damit automatisch sexiness, wo aller Wahrscheinlichkeit nach keine vorzuweisen ist. Verbirgt sich also hinter dieser Anleihe nicht eine tiefe Unsicherheit, die sich im gesamten Rahmen der Kunstpräsentation niederschlägt und sich nicht zuletzt in der akquirierten Kunst selbst zeigt?

Ein Beispiel, die Arbeit der kubanischen Künstlergruppe Los Carpinteros am Escher-Wyss-Platz: Der Escher-Wyss-Platz ist durch eine aufgepfeilerte Hochstrasse aus den 1970er-Jahren eine städtebauliche Zumutung ohne gleichen. Die Arbeit Catedrales, 2012 besteht nun aus vier, etwa vier Meter aufgemauerten Stelen, die bei näherem besehen Aufsätze für Akkuschrauber darstellen. Für den, der es weiss, oder den, der es an einer daneben angebrachten Tafel nachliest, eine Anspielung auf die in der Gegend ehemals ansässigen Maschinenbauunternehmen, die  in den 1980er-90er-Jahren eine nach der anderen den Standort aufgegeben hatten. So weit so gut und geschenkt, die Diskussion, ob die gemauerten Stelen gerade hier her passen, weil sie wie die Hochstrasse eine ästhetische Zumutung darstellen. Weniger sexy ist nun der Umstand, dass wenige Meter neben dieser symbolischen Findung vor vier Jahren ein Projekt der Stadt Zürich durch massive SVP-Schützenhilfe„bachab“ ging. Nach einer Volksabstimmung 2008 stand das „Nagelhaus“ des Berliner Künstlers Thomas Demand nicht mehr auf der Agenda. Man verlässt den Ort nun leider mit dem unguten Gefühl, dass mit den monumentalen Klinkerakkuschraubaufsätzen grade in der Evokation von Geschichte, Geschichte in ihrer Möglichkeit und damit Gegenwart einfach zugekleistert wird.

Sex and the City, Art in the City – beides kriegt man nicht so leicht zusammen. Auf ihren Kuss muss Zürich, die Schöne, vielleicht noch warten.

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Kunst im öffentlichen Raum, Paralipomena, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Berner Postille – Paralipomenon I

I don´t like Kunstmuseum Bern – Mit der Broschüre zum Jahresbericht 2011 des Kunstmuseums Bern erreicht die Theatralisierung die Kunstprovinz

Gestern lag Post vom Kunstmuseum Bern in unserem Briefkasten: der Jahresbericht 2011, DinA-4 broschiert, matt hellblau der Einband mit weißer Aufschrift „I LIKE KUNSTMUSEUM BERN“. Nun wäre diese Postille nicht der Rede wert, gäbe es nicht diesen anbiedernden Titel, von dem die Macher glauben, Trendiness signalisieren zu können. Wir blättern weiter: Nach der Abbildung eines gerade erst angeheuerten Social Media Managers, einem Präsidenten und dem Direktor – er zeigt sich lässig auf einem Treppengeländer, als würde er das jeden Tag hundert Mal machen -, finden sich in dem Report verstreut ganzseitige Fotos von einer Samira, Simone, Sebastian, Stefan und wie die heute alle heißen, abgelichtet just auf dem Treppenmonstrum, auf dem der Direktor Platz genommen hatte, wodurch der Fotograf Stilwille signalisiert.

Sicher hätte man nun die, wenn auch verschnarchte Abbildungsserie weiterer Mitarbeiter erwartet. Damit der Laden läuft, bedarf es im Berner Kunstmuseum jedoch offenbar nur eines Präsidenten und eines Direktors. Und einer Community, die von dem smarten Knaben auf dem Introfoto gemanaged wird. Denn Samira, Simone, Sebastian, Stefan und wie die heute alle heißen, wurden durch ein Facebook-Twitter-YouTube-Casting gecastet, um mit ihrem biederen Posing den endgültigen proof für die Trendiness des Kunstmuseums zu geben.

Was sich hier als State-of-the-Art-Veranstaltung ausgibt, verrät abgesehen von der Angst vom Zeitgeist abgehängt zu werden, einen Trend, der seit einigen Jahren anhält: die Theatralisierung des Kunstbetriebs. Er teilt mit den digitalen Netzwerken die Sehnsucht nach Bedeutung und Präsenz. Der Berner Jahresbericht könnte von der Aufmachung her auch die Broschüre jedes zweitklassigen Stadttheaters abgeben. Dort gehören die saisonalen Spielzeitankündigungen als Marketinginstrument schon seit den späten 1970er-Jahren zum guten Ton. Doch die sind professioneller produziert. Das Berner Kunstmuseum macht es einem nicht leicht, es zu mögen.

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Paralipomena, Theater, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Gut gebrüllt Löwenbräu

Macht sich in Zürichs Kunstlandschaft nach den langen Jahren eines erfolgreich-fidelen Provisoriums postpubertäre Depression breit? In den Ritzen des Löwenbräu-Kunst-Areals meint man vor der Eröffnung Ende August gerade das unruhige Pfeifen im Walde zu hören.
Text: Max Glauner

Der Architekt des Löwenbräu-Areals rudert mit den Armen. Mike Guyer übertrifft jedes Gardemaß, und hätte er nicht diesen feinen blauen Anzug an, könnte man ihn jetzt für eine Windmühle halten. „Ja, der Publikumseingang ist vorne,“ korrigiert er sich, nach einer verwunderten Nachfrage beim Rundgang, „zur Limmatstraße. Da, wo er früher auch war.“ Doch so eindeutig ist das für den Architekten offensichtlich auch nicht. Statt die Besucher über den alten und neuen Haupteingang des Löwenbräu zu führen, brachte er sie über das Seitenportal in den Werkhof jenes Komplexes, der, seit er 1996 durch den Kulturbetrieb bezogen wurde, synonym mit zeitgenössischer Kunst in der Schweiz ist. Nun blickt man von der rückwärtigen Seite des Gebäudes über den unfertigen, siebzig Meter hohen Wohnturm, den neuen Seitenflügel aus Sichtbeton, die ehemalige Verladerampe und durch die großen Scheiben ins Foyer, samt seinem Treppenhaus. „Von hier aus erschließen wir das gesamte Gebäude,“ erklärt der Architekt. Dass die Eingangssituation unentschlossen wirkt, räumt er gerne ein.

Zauberwort Pragmatismus

Diese Unentschlossenheit kann man auch Pragmatismus nennen. Man trifft damit das Zauberwort für den Aufstieg des Löwenbräu zu einem internationalen Kunstmekka. Keine Selbstverständlichkeit, denn im Gegensatz zu Basel, Bern oder Genf hat sich die Limmatstadt von ihrem Ikonoklasmus seit der Reformation Zwinglis nicht wirklich erholen können. So liegt durchaus ein Stück Bilderstürmerei in dem Umstand, dass bei der Sanierung der einstigen Brauerei jene legendäre Treppe mit ihrem Handlauf aus grellrotem Plastik beseitigt wurde, die zu den Ausstellungsräumen und Galerien führte. Bei Eröffnungen herrschte hier drangvolle Enge, durch die sich der Besucher an Pipilotti Rist, Douglas Gordon oder Liam Gillick vorbeiquetschen durfte. Ein Narrativ, das zukünftig fehlen wird. Es stand wie kein zweites für das Provisorium, das Versuchsfeld Löwenbräu, das ein Hauch New York an die Limmat brachte.

Das Unfertige, Undefinierte hat wesentlich zum Erfolg des Hauses beigetragen, erklärt die Leiterin des Migros Museum für Gegenwartskunst Heike Munder: „Der Industriebau bot unerhörte Freiheiten zum Denken und Handeln.“ Nun zieht das Museum zwar in erweiterte Räume mit 2´500 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die es ermöglichen, permanent Teile der umfangreichen Unternehmenssammlung zu präsentieren. Jedoch sind Eingriffe, wie für eine Installation von Tatiana Trouvé, für die man 2009 die Böden aufbrechen ließ, zukünftig kaum vorstellbar.

„Das Provisorium dokumentierte auch, dass wir hier die Kunst auf Abruf präsentieren,“ erklärt dazu die Leiterin der Kunsthalle Zürich, Beatrix Ruf. „Nun ist der Bestand langfristig gesichert!“ Wie? Durch die ungewöhnliche Konstruktion einer Aktiengesellschaft Löwenbräu-Kunst, an der sich neben der Migros und der Kunsthalle die Stadt Zürich zu einem Drittel beteiligt, ein Bekenntnis, ohne das der Fortbestand des Löwenbräu als Kunstzentrum undenkbar gewesen wäre. Als neue Eigentümerin sorgt die AG für Erhalt und Vermietung. Während nun zum Beispiel die Daros Collection. ihren Ausstellungsbetrieb nach Lateinamerika verlegt, kommen neue Akteure hinzu. Galerien wie Freymond-Guth Fine Arts und die Luma Stiftung (Luma Westbau/Pool etc.) der Mäzenatin Maja Hoffmann sollen für frischen Wind im Haus sorgen.

Von der Peripherie ins Zentrum

Erst 1985 hatte sich der Verein Kunsthalle gegründet, um ohne eigene Sammlungstätigkeit internationale Gegenwartskunst zu präsentieren. Vier Jahre später startete ihr erster Direktor Bernhard Mendes Bürgi im verlassenen Schöller-Aral einen regelmäßigen Ausstellungsbetrieb, ein Magnet für eine lebendige Subkultur, zu der früh junge Galeristen stießen, darunter Bob van Orsouw, Peter Kilchmann, Iwan Wirth und Eva Presenhuber – der Ursprung für das Alleinstellungsmerkmal des Löwenbräu-Areals: die Mischung aus Museen und Galerien, Kunst und Kommerz unter einem Dach. Das eine vom anderen zu unterscheiden, war nicht immer einfach. „Natürlich sind Künstler, die die Kunsthalle gezeigt hat, später auch von den ansässigen Galeristen vertreten worden,“ erklärt Beatrix Ruf, seit 2001 Nachfolgerin von Bürgi, „aber wir haben uns nie zum Showroom einer Galerie machen lassen.“

Als die alte Kammgarnspinnerei Schöller abgerissen werden sollte, zog der bunte Tross 1996 in den West-Trakt der kurz zuvor durch das Migros Museum für Gegenwartskunst angemieteten ehemaligen Hürlimann-Brauerei, wo sich bald die internationale Kunstszene die Klinke in die Hand geben sollte – Zürich wurde zum „Place to be“.

Wie sehr sich die Künstlerschaar mittlerweile mit dem Löwenbräu und vor allem der Kunsthalle verbunden sieht, zeigen vierundsechzig Arbeiten, darunter von Peter Fischli, Sarah Lucas und Rosemarie Trockel, die die Künstler für eine Benefizauktion bei Christie`s in London zur Verfügung stellten. Die Versteigerung zugunsten der Kunsthalle erbrachte Ende Juni nahezu 2,5 Millionen Britische Pfund, umgerechnet 3,1 Millionen Euro. „Ums Konzept oder Marketing haben wir uns nie gekümmert. Wir haben nur irgendwann begonnen, gemeinsam Eröffnungsfeste zu organisieren,“ erzählt der Galerist Iwan Wirth. Vor kurzem hat seine Galerie Hauser & Wirth Filialen in London und New York eröffnet. Dem Standort Zürich wird er die Treue halten. Natürlich könne das Projekt Löwenbräu auch scheitern, uninteressant oder langweilig werden, gibt er unumwunden zu, „aber es war bisher eine Erfolgsgeschichte. Es wäre schön, wenn wir die fortsetzen können.“ Der Startschuss fäll am 31. August. Dann wird das neue Löwenbräu offiziell eröffnet.
Ende

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Glück den Glücklichen – die Liste 17 in Basel

Die 17. Ausgabe des Art-Basel-Satelliten Liste zeigt sich bestens aufgestellt – die beharrliche Arbeit der vergangenen Jahre zahlt sich aus.

Max Glauner

Dem Galeristen Oliver Croy war die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Seine Galerie Croy Nielsen befindet sich in Berlin-Mitte in der Weydingerstraße. Nun teilt er sich im dritten Stock der ehemaligen Warteck-Brauerei einen Raum mit der Konkurrenz aus London. „The Young Art Fair“ Liste, neben der Art Basel der Ort, wo alle hin wollen, hat gerufen. Viele, über dreihundert, haben sich beworben. Vierundsechzig sind in diesem Jahr nach einem strengen Reglement angenommen worden.

Es ist eng und stickig. Croy hat auf eine unbequeme Einzelposition gesetzt, den Kanadier Hugh Scott-Douglas, Jahrgang 1988. Der junge Künstler schneidet abstrakte Muster aus digitalen Vorlagen in Leinwände, 150 x 100 cm groß und kombiniert dies mit Diaprojektionen aus dem Ausgangsmaterial. Mit 18´000 Euro unterschreitet man das von der Messeleitung angesetzte Preislimit von 20`000 Euro nur knapp. Noch bevor die Liste offiziell eröffnet ist, hat Croy bereits zwei Arbeiten verkauft.

Mittlerweile ist es gängiger Brauch, dass die internationale Sammlerschar montags vor der Art Unlimited-Preview die Liste zur Schnäppchenjagd stürmt. Auch Christian Siekmeier von Exile in der Skalitzer Staße ist erleichtert. Nach einer aberwitzigen Installation im vergangenen Jahr präsentiert er jetzt einen jungen Maler aus New York, TM Davy. Von den à la Caravaggio gemalten Hinguckern (9`500 bis 13`000 Euro) hat er bereits in den ersten Stunden drei verkauft. „Wir haben Glück,“ strahlt Liste-Macher Peter Bläuer. „Die Sammler haben mit den Jahren Vertrauen darin gefunden, dass wir für Qualität stehen.“

Das Niveau der Arbeiten wie ihrer Präsentation hat sich in den vergangenen Jahren merklich gehoben. Zufrieden mit dem Geschäft sind fast alle, auch Jo Buschmann von der Galerie CIRCUS. Sie konnte die aparte Wandarbeit Rivoli (2011), eine gefaltete mit weißem Acryl getränkte Leinwand, von Sophie Bueno-Boutellier für 8`000 Euro verkaufen.

Die junge Französin steht für eine ganze Reihe junger Künstlerinnen, die sich selbstbewußt und unbefangen aufmachen, Kunstgeschichte zu schreiben. Die Liste ist dazu ein Sprungbrett. Mit Witz und Können loten sie im Geist einer Louise Bourgeois, Rosemarie Trockel oder Josephine Meckseper die Gattungsgrenzen zwischen Bild, Skulptur, Installation, Bühne und Performance aus: Die vierunddreißigjährige Kanadierin Kara Uzelman, mit Fotoarbeiten (je 1`600 Euro) und einem surrealen Radiotischarrangement (4`000 Euro) bei Sommer und Kohl, Berlin, zum Beispiel. Ebenso bemerkenswert sind die fragilen Stahl-Glasskonstruktionen (7`000 bis 9`500 Euro) von Sara Barker, Jahrgang 1980, bei Mary Mary, London, oder die Stahlfigurinen von Vanessa Safavi, 1980 geboren, bei Chert aus der Skalitzer Straße  (je 4`000 Euro).

Ein findiges Spiel zwischen Konkret und Abstrakt betreibt die in Berlin lebende Kanadierin Shannon Bool, Jahrgang 1972, vertreten durch die Karlsruher Galerie Kadel Willborn: Ihre Stahlobjekte bilden die Gitterstäbe eines Pankower Frauengefängnisses ab, darauf platzierte blankpolierte Bronzeobjekte die Habseligkeiten der Insassinnen (7`000 bis 8`500 Euro).

Zu dieser Kohorte gehört auch die Italienerin Deborah Ligorio, die sich mit ihrer Mailänder Galerie Minini auch neue Vertriebswege hat einfallen lassen: Ihre gebündelten Survival-Kits in Bronze lassen sich für 6`000 Euro erwerben. Ab einem Mindestgebot von 10 Euro kann man diese in der Ausgangsform auch über das Internet ersteigern. Einige Gebote lagen am Dienstag bereits bei 400 Euro. Die Konkurrenz schläft nicht.

Ende

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Rape her – Art Limited @Art Basel

Wo geht`s lang? Solide Werke, hohe Preise – doch keiner weiss, wohin es mit der Kunst und dem Markt geht – ein Glück.

Zu schreiben wäre über die miserable Pressearbeit der Art, über die uninspirierte und darum limitierte Art-Unlimited-Präsentation mit einigen Aussetzern wie Richard Phillips, der sich mit Lindsay Lohan als Freiwild auf der Bühne zurückmeldet. Zu schreiben wäre über das viele, viele Geld, das man zum Beispiel in ein knappes Dutzend Altersportraits von de Chirico stecken kann. Sie kommen daher, als portraitierte sich der Bundesdeutsche Altkanzler Helmut Schmidt. Aber wo sonst, als in Basel würde man das zu sehen bekommen?

Und sie taucht immer wieder auf der Art Basel auf: Lindsay Lohan in der feuchten Männerphantasie von Richard Phillips mit dem Subtext: take it and rape her in the dark.

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

dOCUMENTA 13 – Reviewed – PAGE 3

Die dOCUMENTA 13 wird heute offiziell eröffnet. Entgegen gedämpfter Erwartungen im Vorfeld zeigt sie sich über weite Strecken kritisch, anregend und munter – die Losung: Wer immer kann, sollte nach Kassel fahren.

Max Glauner

Diese dOCUMENTA 13 werden die Leute lieben. Wenn das Wetter mitspielt, lässt es sich stundenlang in den Karlsauen von einem Pavillon zum nächsten schlendern. Vielleicht entdeckt man ein kunstvoll gestaltetes Baumarktknusperhäuschen von Joan Jonas oder Fiona Hall, oder den Rumpelkistenwohnwagen von Shinro Ohtake, gespickt mit Zivilisationsmüll, Musik und Booten, falls die Auen doch von der Fulda überflutet werden. Dazu warten Voodoo-Püppchen in Bäumen (Issa Samb), Öko-Food-Stände in Baumarkthütten  (And And And) und Beduinenzelten (Robin Kahn), eine lustige Uhr (Anri Sala) und eine Bude mit Fotoarbeiten von Rosemarie Trockel, womit sie nicht mehr so lustig wie auf einer documenta zuvor daherkommt, wo bei ihr ein Stall mit veritablen Hausschweinen für Stimmung sorgte. Wer Verdichtung und Konzentration sucht, ist im Fridericianum oder in der Neuen Galerie gut unterhalten und angeregt. Dazu kommen weitere Ausstellungsorte in der Stadt, vom Kulturbahnhof bis zu Bunkern in den Weinbergterrassen, die in ihrer schieren Fülle jeden überfordern. Die documenta war immer schon ein Monsterformat des Kulturbetriebs. Hier wird es bestätigt.

Bewußtseinserweiterungen

Zwar zeigte sich die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev auch bei ihren Eröffnungsauftritten als intellektuelles Leichtgewicht mit erheblichen Kommunikationsdefiziten. Doch man verzeiht ihr angesichts solider kuratorischer Leistung, denn die meisten Arbeiten haben Raum und Luft zu Atmen und kommen ohne Überbau aus. Dazu ist für jeden Zeitgenossen etwas geboten, thematisch wie formal, auch wenn man vergeblich nach einem Überblick der wohlgestalteten Form, „große“ Kunst, Gerhard Richter oder Bill Viola sucht. Große Namen sind out, die Grenze zum Kunstmarkt deutlich gezogen. So finden sich auf der dOCUMENTA-13-Teilnehmerliste über 300 Personen wieder – darunter auch das Documenta-Team, Philosophen und Wissenschaftler – aber kaum zwei duzend, die höheren Bekanntheitsgrad für sich beanspruchen können, wie der Libanese Walid Raad oder der Altmeister der minimalistischen Botschaft Lawrence Weiner. Die Auswahl der Arbeiten erfolgte offensichtlich nach dem, was sie transportieren, in welchen Kontext sie gestellt werden können. Sie sollen Gegenwart verdichten, sollen im Dialog stehen. Unter Umständen über Kilometer Entfernung: Das monströse Industrieschrottensemble der Turinerin Lara Favaretto am Kassler Kulturbahnhof gibt eine Steilvorlage für die Biomüllkippe des Pariser Pierre Hyghe in der Karlsaue, die er als ein Pflanzort für bewußtseinserweiternde Gewächse nutzt.

Für den Dialog über die Jahrhunderte stehen eine Handvoll modernistischer Klassiker wie Man Ray, Giogio Morandi, oder der spanische Bildhauer Julio Gonzalés bereit, die allesamt im Allerheiligsten jeder documenta, dem Fridericianum, mit kleinen Referenzwerken vertreten sind. Sie helfen das Kernthema dieser dOKUMENTA zu illustrieren, die sich eine transkulturelle Archäologie auf die Fahnen geschrieben hat. In der Fridericianumrotunde schlug sich das durchaus erhellend und mit Humor im Nebeneinander von baktrischen Figurinen aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, zwei Marmorblöcken von Giuseppe Penone, Essere fiume 6,1998 und den Schwarz-Weiß-Fotos der Fotografin Lee Millers in Hitlers Münchner Badewanne 1945 nieder.

„Die Goldene Kaskade“

So setzt sich diese dOKUMENTA 13 stärker als ihre Vorgänger direkt und sehr unmittelbar mit der Stadt Kassel auseinander, entdeckt Orte, die selbst die Bewohner nur vom Hörensagen wussten, das ehemalige Elisabethkloster oder die Bunker in den Weinbergterrassen, zu schweigen von den ausgedehnten Karlsauen, die man nun bis in die entlegenen Ecken erwandern oder mit dem Fahrrad entdecken kann. Auch das sogenannte Hugenottenhaus gehört dazu, ein im Ursprung barocker Bau, der bis zum Leerstand als Hotel genutzt wurde. Mitten in der Stadt hinter dem Rathaus gelegen, wird es nun für die hundert Tage durch Theaster Gates, ein Künstler und Aktivist aus Chicago mit seiner Truppe in Beschlag genommen. Seit 2009 baut er in seiner Heimatstadt ein Haus um, das als Baustelle, Treffpunkt und Plattform für ästhetische wie soziale Projekte dient und nun in Kassel fröhliche Urständ feiert. Vergäbe Kassel einen Preis für die beste künstlerische Arbeit, sagen wir „Die Goldene Kaskade“, so wäre Theaster Gates sicherlich ein Anwärter.

Ein zweiter, dessen Arbeit für sorgfältige Recherche und ästhetisch überzeugende Dokumentation steht: Der Inder Amar Kanwar, der bereits bei den zwei vorherigen documenta-Austellungen vertreten war, politisch, engagiert und eindrücklich. Er ist nun mit der Arbeit The Sovereign Forest, 2012 im Ottoneum vertreten. Kanwar erzählt darin unaufgeregt vom Widerstand ostindischer Bauern und Fischer gegen die Landnahme eines Stahlkonzerns. Eine große, elegisch schöne Videoprojektion spannt ihr Narrativ zu einer Installation im abgedunkelten Nebenraum: Neben an der Wand befestigten Kästchen mit Saatgut der betroffenen Region Orissa liegen Palmblattfolianten mit vertiefenden Texten, auf die der Künstler Videoarbeiten horizontal projiziert. Statt eines starren Blicks auf die Verhältnisse gestattet Amar Kanwar ein nachhaltiges Erschließen des Konflikts.

Performance und Theater

Wenn auf der inhaltlichen Seite die Suche nach Verschüttetem, Vergessenem im Mittelpunkt steht, so ist auf der formalen Seite die Fülle performativer Kunstformen auffällig, Niederschlag einer vielgehegten Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Präsenz. Sicher hat man sich in Kassel noch zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie die in der Eröffnungswoche gezeigten Arbeiten auch weiterhin zugänglich gemacht werden können. Im Hugenottenhaus zeigte die Performance von Tino Sehgal (Ohne Titel) wie der Besucher in einem völlig abgedunkelten Parterreraum, in dem 12 junge Menschen sangen und tanzten, zuerst von Dunkelheit und Gesang und Tanz eingeschüchtert schnell Teil der wilden Meute werden konnte. Ebenso berückend und leider nur in wenigen Vorstellungen zu sehen, die Performance der elf Schauspieler des Zürcher Theaters HORA, Jugendliche mit Down-Syndrom, die unter der Anleitung des belgischen Choreographen Jérôme Bel sangen, tanzten und von ihrem Leben und ihrer Arbeit in der Produktion erzählten. Doch auch sonst ist das Angebot an Theater und Bühnen, Performativem und Partizipation des Besuchers groß: Das reicht von der verschwenderischen Fülle kopierter Zeichnungen und Texte der New Yorkerin Ida Applebroog. Jedes Blatt kann in einem Ausstellungssaal des Fridericianums als Give-away in die Tasche gesteckt werden, bis zu den Häuschen in der Karlsaue, wo man Mitmachtheater im SANATORIUM des Mexikaners Pedro Reyes geboten bekommt. Auch Haegue Yangs Jalousienballett im Kulturbahnhof kann zu den theaterreifen Arbeiten gezählt werden: Die Batterie Sicht- und Sonnenblenden wird unter der verglasten Shedhallendecke einer verlassenen Lagerhalle wie von Zauberhand auf- und zugezogen. Man hat das bei der koreanischen Künstlerin mit Wohnsitz in Berlin zwar schon öfter gesehen, doch hier erscheint es am richtigen Ort, denn sie bietet auch eine ästhetische Vermittlung zum furiosen Blackboxtheater des Südafrikaners William Kendridge, The Refusal of Time, 2012, nebenan. Kendridge entführt in eine immersiven Raum mit einer klapperndern Holzmaschine, Zirkusmusik und Videoprojektionen, die den Betrachter mit Dada-Welten à la Georges Méliès verzaubern, als wäre er im Herz von Martin Scorseses „Hugo“ gelandet.

Spiel mir die Realität

Mit dem Publikum distanzierter gehen die zahlreichen Videoarbeiten um, die ihr Thema durch Spielszenen zu transportieren versuchen. Gleich neben Kendridge findet sich die Dreikanal-Videoistallation Muster des Berliners Clemens von Wedemeyer. Er bietet eine Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit eines Mädchenerziehungsheims bei Kassel. Doch ebenso wie der Israeli Omar Fast, der Kriegstraumata in einer Videoprojektion in den Karlsauen zeigt (Continuity, 2012), gelingt es von Wedemeyer nicht wirklich überzeugend, die harsche Realität in die Fiktion zu übersetzen. Unausgegoren wirken die Texte, zu gestellt agieren die Protagonisten. Das Fade Gefühl des Betrachters bei von Wedemeyer und Fast rührt sicher auch daher, dass sie hier nur den zweiten Aufguss früherer Arbeiten servieren.

Bei zwei Arbeiten bestätigt sich dieser Eindruck in jedem Fall, leider bei dem Belgier Francis Alÿs und der Kanadierin Janet Cardiff. Von Francis Alÿs wird über die folgende Zeit in Kassel nur ein Set von postkartengroßen Malereien zu sehen sein, betörend schöne Studien, die an ein Storyboard erinnern, in einer ehemaligen Bäckerei gleich neben dem Hugenottenhaus. Doch diese Skizzen sind ein Side-Produkt des Films REEL-UNREEL, den er 2011 in Kabul gedreht hat. Man hat den Dreißig-Minuten-Film nur in wenigen Screenings zu sehen bekommen: Kinder, natürlich nur Jungs, drehen zwei Filmrollen durch die afghanische Hauptstadt, was dem Zuschauer eine schlechte Allegorie und einen aggressiv postkolonialen Blick auf die Verhältnisse zumutet. Ahnt die dOCUMENTA-Leitung etwas? Der Film wird nach dem Eröffnungswochenende weiter nicht gezeigt.

Ebenso eine Zumutung und ärgerlich ist der Alter Bahnhof Video-Walk von Janet Cardiff und Georges-Bures Miller im Kassler Kulturbahnhof: Die Künstlerin navigiert mit gesenkter Betroffenheitsstimme durch die Nazivergangenheit des Ortes. Wie in ihrem Wald-Atmo-Hörspiel mit choralem Finale in der Karlsaue erlebt man nicht mehr, als eine effektverliebte Reprise früherer Arbeiten wie Ghost-Machine im Berliner Theater HAU.

Dagegen State-of-the-Art am gleichen Ort: die Klanginstallation der Turner-Prize-Trägerin Susan Philipsz. Sie schickt mit sieben Lautsprechern unbequeme Streichmusikfragmente des 1944 in Theresienstadt umgebrachten Pavel Haas über die Gleise. Die Musik bemächtigt sich des undefinierten Raums aus Gleisen, Masten, Rampen und schafft, als sei`s ein Nachhall vom Pfeifen im Walde, eine nachhaltige Erinnerung. So auch das Tänzer-Künstlerpaar Allora & Calzadilla. Sie lassen ihre Besucher in einen Bunkerstollen hinabsteigen, um in einem Video einer Flötistin beim Spielen einer neolithischen Geierknochenflöte zu lauschen, Klänge, die menschliches Leid und Freude über Jahrtausende  transportiert.

Es ist kein Zufall, dass die Berliner Künstlerin Charlotte Salomon, 1944 in Auschwitz ermordet, 1943 auf achthundert Blättern ein gemaltes Singspiel in Gouachen Leben? Oder Theater? entwirft: Das Malen und Zeichnen will aus der Einsamkeit ausbrechen, zur gelebten Gemeinschaft und Aktion werden, wo dies die politischen Verhältnisse längst nicht mehr zulassen. Das Singspiel ist im Fridericianum zu sehen und wäre allein wert, nach Kassel zu fahren.

ENDE

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Kunst im öffentlichen Raum, Psychogeografie, Theater, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das Hugenottenhaus et.al – dOCUMENTA 13, PAGE 2

Wer jetzt glaubt über die dOCUMENTA 13 kontrolliert ein Urteil fällen zu können, hat nicht die Hälfte gesehen und leidet an völliger Selbstüberschätzung. Man befindet sich besser im Modus der reinen Perzeption. Nach gut einem Drittel der Wanderschaft sind jedoch einige Positionen wahrnehmbar, von denen aus auch eine lange Reise nach Kassel in jedem Fall empfehlenswert ist. Bemerkenswert auch hier, der Anteil an performativen Arbeiten, die Nähe zum Theater.

Musik im Hugenottenhaus am 6.6.12 (oben) und Theater am Königsplatz am 6.6.12 (unten)

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Kulturgeschichte, Kunst im öffentlichen Raum, Psychogeografie, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Tanz mir den Meteoriten – dOCUMENTA 13, PAGE 1

Die Pressekonfernz zur 13. documenta ist vor einer Stunde zu Ende gegangen. Man verliess die Veranstanltung in gelöster, fast heiterer Stimmung und hat Lust bekommen den Kassler Überforderungsparcours auf sich zu nehmen.

Überhaupt das Performative: Zuerst die sehenswerten Auftritte der vielen vielen Kollegen, besonders herausragend, die Kollegen Lindinger und Schmied, die sich wie das Heteropendant zu Eva & Adele des Print-Journalismus herausgeputzt haben. Dann, nachdem die Meisten der Hunderte Platz genommen haben, fünf Minuten für die Künstlerin Ceal Floyer auf dem Podium. Die Performance war leider wegen der Fotokollegen kaum wahrnehmbar. Wahrscheinlich kaute die Performerin in Referenz an Valie Export an den Fingernägeln oder holte sich  die Reste ihres Frühstücks aus den Zähnen. In jedem Fall gab es unangenehme Geräusche. Dann der Auftritt der PK-Kombatanten von Links auf die Plätze. Artig der Reihe nach. Und dann, als hätte sie zu dieser Pressekonferenz die Sentenz Friedrich Nietzsches, man müsse Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären, voll und ganz verinnerlicht, delirierte die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA 13 Carolyn Christov-Bakargiev kokett, doch nicht ohne Charme, nach einer „I-would-thank“-Performance in einer „Lecture“ durch ihre weit gesteckten Themenfelder von Kassel nach Kabul, von Kairo bis Banff, vom Meteoriten in Argentinien, den man gerne nach Hessen gebracht hätte, vom Tanz und der Nachhaltigkeit bis hin zur sozialen Verantwortung und zurück. So ganz wollte ihr dabei keiner folgen, zumal es wenig zur ausgestellten Kunst, den Künstlerinnen und Künstlern sagte. Doch das Sagen soll erklärter Massen eh die Kunst haben und ein Konzept für ihre Auswahl habe sie ohne hin nicht. Dass auch die erklärte Konzeptlosigkeit ein Konzept generiert wird allerdings der bekennenden Skeptikerin geläufig sein. Doch das wird erst mit dem Besuch des weitläufigen Ausstellungsparcours zu erschliessen sein. In jedem Fall hat man trotz oder gerade wegen der launischen Vorstellung Lust bekommen auf Entdeckungswanderschaft zu gehen.

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Geschmacksfragen, Kulturgeschichte, Theater, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

dOCUMENTA 13

P1470402

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Zeitgenössische Kunst | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Decorum – Jute statt Damast

Mit Von Cattelan bis Zurbarán – Deftig Barock – Manifeste des prekär Vitalen serviert das Kunsthaus Zürich seinem protestantischen Publikum einen muteren Crossover gegenreformatorischen Kunstgeistes. Wie der seinerseits ausladend barocke Titel der Schau vermuten lässt, kein einfacher Gang für die Kuratorin und ihr Publikum – von kalkulierten Peinlichkeiten abgesehen hält man Mass.

Max Glauner, Zürich – Denkt man etwas über den Begriff „Barock“ nach, so scheint in ihm, gleich, was wir sonst mit ihm verbinden mögen, ein Mangel eigen ist, ein Mangel des Masses, daher Masslosigkeit, Fülle, Überfluss, kurz ein Zuviel.

Auf Berliner Verhältnisse heruntergerechnet: Die Stadt schwitzt heute noch die Wilhelminischen Zopfstileskapaden des 19. Jahrhunderts aus, vom Berliner Dom bis zur Stadtschlossfassade, und begegnet einem heute im Goldkettchen-S-Klasseluden samt Botox-Tiger-Lady-Begleitung  in der Friedrichstraße.

Zwar finden sich letztere Zeitgenossen auch in großer Zahl auf Zürichs Bahnhofstraße, doch dann wird es kulturgeschichtlich schwierig, in einer Stadt, die als Zwinglivision im frühen 16.-Jahrhundert mit allem Tand und Bild, jeder Festkultur und öffentlichem Lebensfrohsinn erst einmal radikal Schluss gemacht hat.

Beredtes Zeugnis noch heute, das Großmünster, wo neben wenigen Artefakten nur ein griesgrämiger Karl der Große den reformatorischen Bildersturm überlebte. Erst im 20. Jahrhundert durfte ein Marienbild in den Chor, Sigmar Polke – dem Barocken nicht abgeneigt – schließlich kurz vor seinem Tod die Seitenschifffenster bildlich gestalten, ein Werk, das nicht unwesentlich der Lobbyarbeit der Kunsthaus-Kuratorin und Direktorin der letzten Venedig Biennale Bice Curiger zu verdanken ist.

Abgesehen von putzigen Rocaillen an schmucken Großbürgerhäusern hat es der Stilwille absolutistisch-gegenreformatorischer Lebenshaltung in der protestantisch geprägten Schweiz also schwer.

Dies schlägt sich unzweideutig in dem verquast-umständlichen Titel der neuen von Bice Curiger kratierten Ausstellung im Kunsthaus, Von Cattelan bis Zurbarán – Deftig Barock – Manifeste des prekär Vitalen, nieder. Er muss offensichtlich das „Deftige“, Pralle, Lebensbejahende  schon wieder im „Prekären“, Gefährdeten zurücknehmen.

Kein Wunder, dass sich die in drei Abteilungen präsentierten Altmeister – durchweg Gemälde – in St.-Peterburger-Hängung auf Jute- statt auf Dammasttapeten wiederfinden. Auch das ist protestantisch: Curigers Auswahl bevorzugt Maler mit caravaggistischem Einschlag. Die Figuren oder Gegenstände schälen sich meist aus einem schwarzen Hintergrund heraus, von dem wir vermuten dürfen, dass er der Kuratorin für die existenzielle Tiefe oder „Prekäre“ der Epoche steht.

Der Jutesackästhetik steht die weiße Wand des White Cube für die Gegenwartskünstler gegenüber: Die üblichen Verdächtigen, Urs Fischer an erster Stelle, der schon auf Curigers Arsenale-Schau in Venedig Giambolognas proto-barocken Raub der Sabinerinnen in Kerzenwachs zum schmelzen brachte. Hier ist es als symbolisches Kernstück der Ausstellung ein Bett, das bei Curiger als Metapher für alle Lebenslagen stehen darf, Ohne Titel (Soft Bed), 2011. Gleichsam das formalistische Gegenstück, eine minimalistische Stahlkonstruktion Oskar Tuazons, der damit den Bogen zwischen Sol LeWitt und Albrecht Dürers melancholischem Polyeder spannen darf, For Hire, 2012. Formal dazwischen die Fotoserien Boris Mikhailov aus dem russischen Proletenalltag, derbe Robert Crumb-Comics und unvermeidlich Paul McCarthys kleine Schweinereien (Pig, 2003).

Dann Maurizio Cattelan mit ausgestopften Hunden und einer weiblichen Wachsfigurenmärtyrerin im Kunsttransportkasten und am Ende des Parcours Cindy Shermans saftige Odd-Glamour-Inszenierungen. Hier kommt es kurz zu einem Dialog über die Jahrhunderte hinweg, wenn man den Glanz des Harnisch, das dezent darüber quillende Spitzentuch und die aufgetürmte Perücke des Marschalls in Rigauds Portrait aus dem Jahr 1708 gegenüber sieht. Sonst bleibt man in Zürich zu unterkühlt, als dass der Epochensprung Funken schlagen könnte, wie es zum Beispiel Theodora Vischer 2009 mit Holbein bis Tilmanns im Schaulager Basler Schaulager vorgemacht hat.

Sicher hat man mit einer systematischen statt einer historisch-chronologischen Leseweise  im Vorzeichen von Internet und Hypertext beim Museumsgang mehr Spaß. In Zürich ist jede Arbeit mit Bedacht und gutem Geschmack ausgewählt. Doch keine rechtfertigt den ambitionierten Titel, sieht man von der prominent plazierten Fotoserie Paradies, 2009 von Juergen Teller ab. Der Nürnberger lässt die splitternackte Charlotte Rampling in der Skulpturengalerie des Louvre neben maßlos prallen Marmorleibern posieren. Dieses Seherlebnis lohnt den Gang in die ansonsten eher gefällige Schau. Man surft zwar gerne zwischen Bild, Gemälde, Foto munter hin und her nach Belieben und sucht nach Gusto sein Zuviel, sein Übermaß und seien „Barock“. Doch das bleibt leider zu unverbindlich.

Eröffnung heute Abend 31.05.2012 bis 2. September 2012

Veröffentlicht unter Ausstellungen, Zeitgenössische Kunst | Hinterlasse einen Kommentar

Kurz vor Schluss: Matthias Lilienthal

Matthias Lilienthal setzt auch in seiner letzten Runde am HAU-Theater auf bildende Kunst: Am kommenden ersten  Juni-Wochenende eröffnen kurz vor der dOCUMENTA 13 15 Pavillons auf dem Tempelhofer Feld zur „Großen Weltausstellung“. Wir hatten ihn für das Stadtmagazin zitty im Mai befragt.

Im Sommer wird Matthias Lilienthal das Hebbel am Ufer (HAU), die drei Theater am Kreuzberger Landwehrkanal verlassen, die er seit 2003 geleitet hat. In einer Zeit, in der, wer kann, an seinem Pöstchen kleben bleibt, gehört es für den Leiter des „Theaterkombinats“ Hebbel am Ufer fast schon zum guten Ton, seinen Intendantenstuhl zu räumen, bevor die Zehnjahresfrist verstreicht. Bereits 2010 hatte er angekündigt, dass er seinen Vertrag nicht verlängern wolle. Jetzt beginnt seine letzte Spielzeit.

Seinen Abschied bedauern nicht nur Freunde des internationalen Theaters und der Performance, sondern auch der bildenden Kunst. Denn Lilienthal gelang, was im deutschen Staats- und Stadttheater Seltenheitswert besitzt: den engen Produktionsrahmen der Bretter, die immerhin die Welt bedeuten wollen, auch für Gattungsgrenzgänger attraktiv zu machen und bildende Künstler von Rang an sein Haus zu binden. „Sicher spielen die Genregrenzen für das Publikum nach wie vor eine große Rolle,“ erklärt Matthias Lilienthal in einem Hintergrundgespräch im Dezember letzten Jahres, „aber für Künstler wie Tim Etchells, Meg Stuart oder Harun Farocki sind die Arbeitsfelder so nicht abgesteckt.“ Doch ist es für das Publikum nicht selbstverständlich, statt in die Black Box des Theaters in den White Cube der Kunst zu sehen.

Lilienthal, 1959 in Berlin geboren, ab 1988 für drei Jahre Dramaturg in Basel, wechselte 1992 an die Volksbühne, wo er Christoph Schlingensief ans Haus holte. Vor seiner Intendanz an den Kreuzberger HAU-Theatern war er unter anderem als Leiter des Festivals Theater der Welt unterwegs. „Man findet die Sachen nebenan oft spannender als die eigenen“, sagt Lilienthal. So entwickelte er Jan Hoets „Chambre d’amis“, für das 1986 in Gent erstmals Kunst in privaten Wohnungen produziert und öffentlich präsentiert wurde, weiter zu einem Format für den performativen Bereich. „X-Wohnungen“ fand erstmals 2002 in Duisburg statt.

Lilienthal wird dieses Konzept nach seinem Abschied vom HAU 2012 in New York umsetzen. Dabei wird endlich der Konzeptkünstler Liam Gillick sein, der 2009 den deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale mit Wandschrank ähnlichen Raumstrukturen gestaltet hatte. Doch nicht auf alle Anfragen erhielt Lilienthal Zusagen. Matthew Barney sagte ihm für eine große Berlin-Revue ab. Auch für die außerordentliche Interactive-Media-Truppe Blast Theory aus Brighton fehlte eine gemeinsame Arbeitsgrundlage.

Ein Glücksfall war für ihn die Zusammenarbeit mit dem in Berlin lebenden Künstlerduo Janet Cardiff und George Bures Miller. Mit ihnen produzierte er 2005 den Video-Walk „Ghost-Machine“ im Hebbel-Theater, am ehesten ein Hörstück, für die meisten Besucher ein geniales Dazwischen aus Theater, Kunst und Kino. Vergangenes Jahr stellten Cardiff und Miller ein begehbares klingendes Narrenschiff vor dem Theater am Kanal auf. 2008 und 2011 veranstaltete Lilienthal das Festival „Art into Theater“. Im Windschatten von Hans-Ulrich Obrists „Il Tempo del Postino“ in Manchester und der New Yorker „Performa-Biennale“ lud er dafür Künstler wie Keren Cytter, Tino Sehgal und Thomas Demand ein, in seinen Theatern mit Installationen und Performances zu gastieren.

Wie nachhaltig diese Begegnungen waren, wird sich zeigen. Erst mal feiert Lilienthal lilienthal-typisch rauschend Abschied. Ein Höhepunkt findet bereits im Januar statt, wenn die estnische Performerin Ene-Liis Semper gemeinsam mit dem Theater No99 und dessen Direktor Tiit Ojasoo in einem Beuys-Reenactment erläutert, „Wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt“. Und keiner in der Fan-Gemeinde darf sich im Juni „Die große Weltausstellung“  mit 15 Pavillons auf dem Tempelhofer Feld entgehen lassen, und die 24-Stunden-Überforderungs-Performance „Unendlicher Spaß“ nach einem 1.500-Seiten-Roman von David Forster Wallace. In der bespielt eine Kernmannschaft aus Lilienthal-Kombattanten abgelebte Lokalitäten West-Berliner Sehnsuchts-Architektur wie den Steglitzer Bierpinsel.

Veröffentlicht unter Geschmacksfragen, Theater | Hinterlasse einen Kommentar

Schweizer Gentrifizierung

This gallery contains 2 photos.

  Das Zürcher Industriequartier mutiert zum Trendquartier Zürichs Stadtmarketing hatte sich in den vergangenen Novembertagen kräftig ins Zeug gelegt: Sämtliche Straßenbahnen waren wochenlang mit „Züri-West“-Wimpeln an der Front bestückt, als hätten alle nur ein Ziel: Zürich-West. Aufgeräumte Stadtbewohner strahlten von … Weiterlesen

More Galleries | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar