Komödiantische Kunst fürs Portfolio

Peter Stein inszeniert „Le Prix Martin“ von Eugène Labiche am Pariser Odéon Theater

Der Mann hat seine besten Jahre hinter sich. Monsieur Ferdinand Martin, verkörpert durch den Ausnahmeschauspieler Jacques Weber, sitzt im grauen Gehrock und mit schiefer Perücke auf seinem Stühlchen an der Rampe. Es will unter seiner monströsen Masse schier zerbrechen und knarzt, wenn sich dieser Phänotypus eines Bourgeois nach vorn beugt, um unter den Anweisungen seines Dieners Pionceux (Jean-Damien Barbin) eine Karte vom Stapel zu nehmen. Ihm gegenüber der alerte, alte Freund Agénor (Laurent Stocker), einen Kopf kleiner, auch er hat die 60 längst überschritten. So sitzt dieses ungleiche Paar zu Beginn – und wieder am Ende – von Eugène Labiches Komödie Le Prix Martin schwadronierend am Spieltisch, als hätten die beiden hier ihren angemessenen Lebensrahmen, ja die Erfüllung ihrer Existenz gefunden.

Wie soll hier etwas in Gang kommen? Das Stück, 1876 uraufgeführt, eines der letzten von mehr als 170, wird auch auf französischen Bühnen kaum mehr gespielt. Labiche ist weder Molière noch Beckett. Statt auf Menschenstudium und existenzielle Abgründe setzte der Vielschreiber auf konstruierte Plots und Vaudeville-Pointen. Was den neuen Leiter des Odéon Théâtre de l’Europe Luc Bondy dazu trieb, den alten Kombattanten aus Berliner Schaubühnen- Tagen Peter Stein mit dieser Inszenierung zu beauftragen, blieb an diesem Freitagabend dann auch ein Rätsel.

Denn Peter Stein weiß der dramaturgischen Mechanik seines Autors nichts an Gegenwart abzugewinnen. Im Gegenteil, mit der Haltung „Wir inszenieren so, wie der Autor inszeniert hätte“ verstärkt Stein mit einem Museums-Labiche dessen misogyne Logik und lässt den Damen erst einmal im Stile Renoirs die sekundären Geschlechtsmerkmale auswattieren – allen voran Martins Frau Loïsa (Manon Combes). Sie ist gelangweilt und betrügt ihren Mann ausgerechnet mit dessen bestem Freund Agénor. Martin wird durch seinen südamerikanischen Cousin Hernandez (Pedro Casablanc), das Abziehbild eines Sombrero-Machos, auf den Betrug aufmerksam gemacht. Die beiden beschließen, Agénor in den Bergschluchten des Berner Oberlandes zu ermorden, wohin man das Ensemble nach den 45 Minuten des ersten Akts, im zweiten und nach der Pause im dritten und letzten Akt begleitet.

Der Mord findet freilich nicht statt. Skrupel lassen Herrn Martin davor zurückschrecken, dem ständig kränkelnden Freund die gehörige Dosis Laudanum in die Hühnerbrühe zu träufeln, und auch das Duell zwischen Hernandez und Agénor endet, wie soll es anders sein, im symbolischen Tod einer Ohnmacht Loïsas. Doch damit nicht genug. Als diese wieder erwacht, gibt sie der Werbung Hernandez’ nach und sucht mit ihm das Weite. Der Versöhnung der alten Herren steht nun nichts mehr im Wege: Das letzte Triebobjekt ist entzogen, und man kehrt zum Kartenspiel zurück, wie zwei Untote, die aus Gnade für die Dauer der Aufführung erweckt wurden, um danach in ihre Theatergruft zurückzukehren. Nicht umsonst sind die Wände der bürgerlichen Interieurs aller drei Akte in Schwarz gehalten.

Das passt zur Theaterretter- und Erlöserpose des selbsternannten Großinszenierers Peter Stein: In der Abwandlung eines Bibelworts darf er sich schon allein kraft seines Namen zweifach zum Fels berufen fühlen, auf dem Thalia, die Muse der performativen Künste, ihr Theater baut. Um diesem Ruf in vollem Umfang nachzukommen, fehlte Stein bisher die komödiantische Kunst im Portfolio. Mit der Inszenierung am Pariser Odéon Theater ist diese Lücke nun formal gefüllt.

Zuerst publiziert in Der Freitag, Nr. 13, 27. März 2013, S. 14

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Harzige Zirkusträume

Die marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch mit ihrer Installation Goodby Horses im Kunsthaus Zürich – ein Rückblick

Der Besucher der 54. Venedig Biennale vor zwei Jahren hat sie noch gut in Erinnerung: Einige Duzend weiße Fahnenstangen ohne Fahnen, zehn Meter hoch, munter schief aus der Vertikalen gekippt, säumten einen Großteil des Wegs vom Eingang der Giardini zur großen Ausstellungshalle. Das aus den Fugen geratene Spalier schrie nicht danach gedeutet zu werden. Der fröhliche Torkelschritt der hochgereckten Masten ließ zuerst an Minimalismus und konkrete Kunst denken, bevor politische Fragen aufkeimten. War mit dem windschiefen Cluster die verworrene Weltlage gemeint? Nationalstaatlichkeit, die unseren Weg behindert? Oder sollte gar die Utopie einer globalen Egalität heraufbeschworen werden? Das war weder schlecht gemacht, noch fehl am Platz. Doch die Arbeit Fantasia der 1974 in Marokko geborenen, in Paris aufgewachsenen Wahlschweizerin, Latifa Echakhch blieb zu sehr im Landschaftspflegerischen und hermeneutisch im Beliebigen, als dass die Arbeit wirklich hätte packen können.

Dass sie es auch präziser kann, hat Latifa Echakhch drei Jahre zuvor 2008 bei ihrem ersten Museumsauftritt im Rahmen der Themenausstellung „Shifting Identities“ am Zürcher Kunsthaus bewiesen. Unter den vier Arbeiten der Künstlerin war zum Beispiel eine 22 x 28 cm große Messingplakette mit der Gravur, „Alien of Extrordinary Ability“ zu sehen, eine einschließend-ausschließende Zuschreibung, mit der die U.S.-Einwanderungsbehörden VISA-Distinktionen vornehmen, eine Praxis, die mit dem Schild exponiert und konterkariert wurde. Auch die Fahnenmasten waren zu sehen. Die Ur-Version von Fantasia (Empty Flag) aus dem Jahr 2007 ist für einen Innenraum konzipiert. Auf Hüfthöhe sind Bündel von drei Meter langen schwarzen Fahnenstangen an der Wand befestigt, die in einem klirrenden Gewirr nach oben streben. Minimalistisch ist auch diese Installation, doch beim Betrachter stellt sich unmittelbar ein Gefühl der Bedrohung ein. Statt ein schützendes Dach zu bieten, scheinen die Stangen wie im Kampf erstarrt – ein bestechendes Bild für staatlichen Anspruch, Macht und Repression, wobei der Schweizer vielleicht auch noch an die Landsknechts-Heere in den Schlachten bei Sempach und Marignano denken mag.

Seitdem ist Latifa Echakhch gefragt. Ihre eindrückliche Installation À chaque stencil une révolution, der Titel nimmt eine Losung des Palästinenserführers Jassir Arafats auf, zeigte einen Raum, den sie vollständig mit blauem Durchschlagpapier tapezierte. Durch die Behandlung mit Methylalkohol bildeten sich kräftige Schlieren, die zwischen Ornament und Spur der Zerstörung von den Wänden auf die Böden flossen. Die Matrizenwand, 2007 konzipiert, kam mit Fantasia noch 2008 in die Tate Modern und wurde 2010 zur Art Unlimited nach Basel eingeladen.

Die Erwartungen an ihre Ausstellung „Goodby Horses“ im Kunsthaus Zürich waren also hochgesteckt. Doch sie wurden, um es vorwegzunehmen, enttäuscht. „Goodby Horses“ bestand im Wesentlichen aus vorgefundenen Objekten aus der Welt des Zirkus. Lag es an der Schwäche der Arbeiten? Oder gab es kuratorische Fehlentscheidungen? Oder lag es an den schwer zu bespielenden Räumen des Kunsthauses?

Für kleine Ausstellungen stehen ihm lediglich ein Kabinett und eine Raumflucht im Erdgeschoß des Anbaus von Erwin Müller aus dem Jahr 1976 zur Verfügung. Diese wird allerdings vor allem als erweitertes Treppenhaus wahrgenommen – eine Transitsituation, die kaum zum Verweilen einlädt und keinem Kunstwerk Ruhe lässt.

Hier nun waren die Objekte von „Goodby Horses“ ausgebreitet. Bereits in der Enfilade vom Eingang durch den Moser-Bau hindurch war ein munter rot-gelbes Zirkuszelt (Untitled, Circus Tent, 2012) zu sehen, – „Brand“ und Verheißung der kleinen Schau. Wie ein müder Elefant breitete sich seine Plane über den glatten Boden, reckte sich über eine erste Stange in die Höhe, um sich durch eine zweite in einem eleganten, letzten Schwung mit bunten Wimpeln in den ersten Stock emporzurecken. Das war einfach und schön. Nie hatte man die Treppenhaussituation so lakonisch konterkariert gesehen, und oben an der Treppe sah man durch die Zelt-Fähnchen von Latifa Echakch Franz Gertschs Silvia III, an der Wand und den Pferdebalg von Berlinde de Bruyckere auf dem Boden des Saals mit anderen Augen. Ist die Kunst nicht erkauft durch die Abwesenheit von Leben? In dieses Memento schrieb sich Echakchs „Goodby Horses“ ein, wenn sie neben dem Zelt, das seine Vorstellungen hinter sich hat, keine Pferde- und Trapeznummern mehr aufführt, deren Relikte präsentiert: Podeste, Equilibristenutensilien, samt deren abgelegte Kostüme, ein Rhönrad, die Keulen von Jongleuren, als seien sie wie ein Splash von Richard Serra in die Ecke gepfeffert worden (Untitled, Juggling, 2012), ein großer blauer Ball, Stühle von waghalsigen Artisten in einen Turm gestapelt. Der Besucher nahm das ausgebreitete Material gerne zur Kenntnis, rief die Legion melancholischer Clowns von Picasso, Rouault bis Cindy Sherman und Paul McCarthy auf. Dann waren die hinterlassenen Trikots immer einem männlichen und weiblichen Akteur zuzuordnen, was einen Genderdiskurs wachrufen mochte. Doch spätestens bei Untitled (Five Figures), 2012 war Schluss mit dem wohlwollenden Verständnis. Die Künstlerin hatte fünf Paillettenrevuekostüme mit Kopfputz samt Schuhen anfertigen lassen, die nun im dekorativen Kreis herumlagen. Sie sollten die These, die das Zelt bereits vermittelte, noch einmal beibringen.

Hätte man ihr dieses Arrangement wie so manches andere nicht besser ausreden müssen? Man hätte die aufdringliche  Überdetermination und die Unschärfe der Form verhindern können – womit die eklatante Schwäche der kuratorischen Seite angesprochen wäre. Dabei zeigte „Googby Horses“ durchaus Potential. Neben der Zeltskulptur entwickelte sich der blau-gelbe Halbkreisbogen einer Manege in den hinteren Ausstellungraum, wo sich die Manegen-Segmente zu einem chaotischen Cluster türmten, als hätte man es mit einem Alterswerk von Frank Stella zu tun. Hier war formal noch ein zweiter Höhepunkt erreicht. Doch das war offensichtlich nicht genug: Auch hier mussten Clownskostüme ausgelegt werden, wohl damit es noch der dümmste August unter den Besuchern verstehen konnte.

Zuerst erschienen in Kunstforum International Bd. 220, 2013

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Jungskunst – Ragnar Kjartansson im Migros Museum

Die Pastellkätzchen und Nymphen Martin Eders, die fotografierten Selbstinszenierungen Thomas Ellers oder die klaustrophoben Installationen eines Gregor Schneiders, sie alle eint, was man mit dem Begriff „Jungskunst“ bezeichnen könnte. Ihren Arbeiten wohnt ein Moment inne, aus dem heraus bei allen Brechungen und Maskeraden überkommene männliche Selbstbilder und Stereotypen wie die des autonomen Künstlergenies oder des Rottenführers einer Artistenavantgarde herauszuspringen wagen: Jungs inszenieren Jungs, Jungs inszenieren für Jungs, Jungs Inszenieren sich für Jungs.

Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson, 1976 in Reykjavik geboren, dort und in Stockholm zum Maler ausgebildet, gehört zweifelsohne zu diesem Typ. Mit der monumental präsentierten 9-Kanal-Videoarbeit The Visitors eröffnete er im vergangenen November die neuen Räume des Migros Museum für Gegenwart im Zürcher Löwenbräukunst-Areal – und bestätigte diesen Eindruck. Dazu gehört die Unsitte, dass zwar die Fahne kollaborativer Produktionsbedingungen hochgehalten wird, doch weder im Katalog noch bei Nachfrage eine vollständige Liste der beitragenden Künstler und Techniker – wie bei Film und Theater aus guten Gründen längst üblich – zu erfahren ist.

Seit gut einem Jahrzehnt, 2011 für seinen Beitrag Bliss auf der New Yorker Performa ausgezeichnet, ist Kjartansson erfolgreich als Performer und Videokünstler im Betrieb unterwegs. Im Rahmen der Manifesta 7 inszenierte er 2008 die Schumann Machine. Im norditalienischen Rovereto ließ der Künstler im Hof einer ehemaligen Tabakfabrik eine Holzbox hinter der Staffage einer Pappfeuerwand aufbauen und intonierte darin von kleinen Spieleinlagen unterbrochen, mit einem Kollegen am Klavier stunden- und tagelang die Dichterliebe des Wiener Romantikers im Geiste Christoph Schlingensiefs: Die obsolete Figur des Künstler-Heros rettete sich hier in die Figur eines sentimental-romantischen Liedsängers, dem man trotz seines professionellen Auftretens im Frack den unprofessionellen doch leidenschaftlichen Vortrag verzieh. Auch sein Beitrag für Island auf der 52. Venedig Biennale 2009 The End im Erdgeschoss des Palazzo Michiel dal Brusà präsentierte ironisierend einen ausrangierten Künstlermythos im Liveact, das Spiel von Maler und Modell. Täglich sollte von Kjartansson vor den Augen der Besucher ein Portrait des Freundes in Badehose entstehen. Das Publikum stapfte dabei durch die Hinterlassenschaften der Kunstproduktion oder trat in ein Kabinett, in dem in einer 5-Kanal-Videoprojektion eine achtköpfige Country-Band in Trapper-Kostümen, natürlich nur Jungs, in einer verschneiten Hochgebirgskulisse musizierten – Kjartansson führt auch diverse isländische Rockbands an. Damit wären weitere androzentrische Gegensatz- und Sehnsuchtswelten – Waldeinsamkeit, Abenteuer, Glamour – angerissen.

Auch die Auftragsarbeit für das Migros Museum spielt formal und inhaltlich auf dieser Klaviatur. Kjartansson verschiebt dabei Arrangement und Setting: Die frostige Bergidylle weicht dem staubig nostalgischen Ambiente eines neuenglischen Herrenhauses, dem privaten spätklassizistischen Rokeby House am Hudson River zwei Autostunden nördlich von New York. Aus fünf Projektionen werden in Zürich neun und neben der achtköpfigen Band – sie ist nun auch mit zwei Frauen besetzt – wird eine Gruppe von Zaungästen inszeniert, Mitspieler und Stellvertreter des Publikums zugleich. Der Besucher – auf der rezeptiven Ebene der „Visitor“ aus dem Titel der Installation – betritt von den Klängen der Band begleitet die Black Box des gut neunhundert Quadratmeter großen Obergeschosssaals des Migros Museums. Man kann sich des immersiven Sogs nur schwer entziehen: Schon dadurch, dass die gefilmte Zeit von 53 Minuten ohne Schnitt der gezeigten Realzeit entspricht, wird der Betrachter in Bann gezogen, zu schweigen von Musik und Bild: Die simple, melancholisch-getragene Ballade, „Once again I fall into my feminine ways“, wiederholt sich zum Ohrwurm und kulminiert in einem dramatischen Crescendo, das schließlich von einem Kanonendonner abgebrochen wird. Die neun monumentalen, gut vier auf dreieinhalb Meter großen Projektionsflächen vermitteln dagegen den Eindruck, man befände sich gegenüber Rubens` Medici-Zyklus im Pariser Louvre oder in der Versailler Galleries des Batailles. Nur dass sich der Besucher in Zürich nicht mit Schlachten oder Haupt- und Staatsaktionen konfrontiert sieht, sondern mit friedlich musizierenden Zeitgenossen. Kjartansson hatte sie über die Räume des Rokeby House verteilt, durch Kopfhörer miteinander verbunden und mit Standkameras während eines Takes filmen lassen. Der Künstler selbst erscheint nackt in einer Badewanne mit Gitarre. Ein Gitarrist spielt in der gotischen Bibliothek, ein bärtiger Schlagzeuger in der Küche, ein Pianist am Flügel im Salon, ein zweiter im Gegenschuss im gleichen Raum, eine Cellistin im Stiegenhaus, ein Mann im Schlafzimmer samt dösender Braut im Bett, eine Frau mit Akkordeon im Teezimmer, der gegenüber sinniger Weise eine klassizistische Amor-und-Psyche-Gruppe aus Marmor steht. Doch auch hier steht die überwältigend große Präsentation im Widerspruch zur intimen Situation. Nur im neunten Videoscreen finden Format und Szene eine Entsprechung. Er zeigt die in der Loggia des Hauses versammelte Gästeschar – zwei sind musizierend mit dem Solisten-Ensemble im Haus verbunden.

Für jene, die die Inszenierung des Solisten-Ensembles als zu aufdringlich empfanden, konnte dann auch der Exodus über dieses Setting versöhnlich stimmen: Die Darsteller versammelten sich zum Schluss an der Loggia vor dem Haus zu einem barock-dionysischen Zug, der sich beschwingt über die sanften Hügel gen Hudson River hinab entfernte – angeführt vom drallen Bacchus-Silenos-Kjartansson. Eine Ariadne war dabei zwar nicht zu identifizieren. Bei einer Jungskunst war dies allerdings auch kaum zu erwarten. Doch bevor das Spektakel in den neuerlichen Loup ging, blieb das letzte Wort immerhin dem Zirpen der indigenen Grillen und dem Bellen eines Hundes überlassen.

Text zuerst erschienen in Kunstforum International, Bd. 220, 2013

Katalog zur Ausstellung: Ragnar Kjartansson. To Music. An die Musik, Hrsg. Migros Museum für Gegenwartskunst und JRP, Ringier, Zürich 2012

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Spitzweg-Spuk

Zürich – Alvis Hermanis besticht in seiner Kaspar-Hauser-Adaption mit einem Pony und Kindern in Biedermeier-Puppenstubeninterieur – damit verschleiert er die kritisierten Machtverhältnisse

Schiffbau Box, Samstagabend, der Kaspar Hauser von Alvis Hermanis steht zur Uraufführung an. Noch bevor das Publikum versammelt auf den Plätzen sitzt, das erste Bild: Ein Pony, weiß, im Spot an der Rampe angeschirrt, links vier Klaviere, schwarz, im Halbdunkel aufgereiht. Das ist schön anzusehen. Man hat Zeit zu meditieren, über Kunst und Kreatur, das dressierte Naturwesen, das zugerichtete Zirkustier, ein Alter Ego des zugerichteten Kaspar Hauser, wie aller reinen und unschuldigen Naturen, Jung Siegfried etwa auf seiner Grane im Nibelungenfilm Fritz Langs, oder Joseph Beuys, der 1969 im TAT in Frankfurt mit Iphigenie/Titus Andronikus in Gegenwart eines Schimmels Goethe und Shakespeare ins Mikro sprach. Bodo Strauss schrieb als Rezensent dazu: „Beuys konfrontiert mit dem Bildhaften; das Pferd ist seine persönliche Epiphanie.“

Bei Alvis Hermanis bleibt die persönliche Epiphanie freilich aus. Dafür wird das Publikum mit Bildhaftem konfrontiert. Doch kann man nach dem Schimmel mit Klavieren noch eins oben drauf geben? Ja, man kann. Nach dem Eingangsbild jedoch ein Zwischenspiel zum Luft holen: Sechs Darsteller reihen sich in schwarzen Trikots an der Rampe und gehen rasch wieder ab, als wollten sie sagen, „wir sind eigentlich nicht dagewesen“. Dann der Prolog: Ein Kleinwüchsiger (Roland Hofer) im „Klein Zaches, genannt Zinober“-Kostüm wuselt zum Pferd. Der Zwerg schirrt es ab, führt es nach rechts, schirrt es hinter einer Sandkiste wieder an, wo es die nächsten siebzig Minuten Heu fressen wird. Anschließend scharrt er im Sandkistenberg, bis, ach, ein Mensch daraus hervorkullert und unbehende die ersten Schritte wagt. Es ist, wie kann es anders sein, der Kaspar Hauser.

Am 28. Mai 1828 wird der sprachlich und intellektuell Zurückgebliebene in Nürnberg aufgefunden und begleitet von einem beachtlichen publizistischen Echo, von Mitgliedern der fränkischen Bürgerschaft in Obhut und Zucht genommen. Der Jüngling stirbt 1833 spektakulär an einer Stichverletzung in Ansbach: Bis heute ist ungeklärt, ob er sich diese, wie andere Wunden, selbst beibrachte, oder ein Mordanschlag dahintersteckt. Ebenso hartnäckig hält sich die Verschwörungstheorie, Hauser sei ein verstoßener Thronprätendent des Großherzogtum Baden. So geistert er seit über hundertachtzig Jahren durch die Kriminalistik, Medizin, Soziologie, Pädagogik, Literatur, Theater und Film.

Im Schiffbau wird er verkörpert durch den Schauspieler Jirka Zett. Dieser gibt einmal aus dem Sand geschaufelt, den Findling wieder alle historische Wahrscheinlichkeit als krüppeligen Deppen und obendrein in einer grünen Landseruniform, die ihn in die Nähe von Büchners Woyzeck rücken soll. Während der Zwerg – im weiteren Hausers Albtraum-Wiedergänger – dem Hauser den Sand abklopft, hat sich eine der Darstellerinnen an eines der Klaviere gesetzt und kündigt an, die erste Geschichte beginne, „Wie Kaspar Hauser den Menschen begegnet“.

An die Rampe kommen drei Kinder, sechs- bis zehn Jahre alt, in Biedermeierkostümen, grauen Perücken und geisterhaften Masken. Sie umringen den Riesen-Hauser und debattieren die nächsten zwei Minuten gestikulierend darüber, was mit dem Kerl nun wohl passieren soll. Dabei werden ihre Stimmen von drei der schwarz gewandten Schauspieler geliehen, die hinter den Kindern knien. Und damit nicht genug. Die schwarzen Trikotschatten manipulieren dazu noch die Bewegungen, Hände, Kopf und Füße, der solchermaßen marionettengleichen Rasselbande.

Das ist putzig anzusehen, und bevor man länger darüber nachdenkt, folgt schon die „Zweite Geschichte“ oder vielmehr das zweite lebende Biedermeier-Bild. Zweiunddreißig weite werden folgen. Doch spätestens nach sechs Nummern ist das Konzept durchschaut, der Zauber verflogen. Und das, obwohl der Regisseur zur fünften Geschichte den Vorhang zu einem detail-verliebt realistischen Biedermeier-Interieur aufzog. Dessen Größenverhältnisse wurden auf die verkleideten Kinder und ihre knienden Schattenagenten zugeschnitten und der riesige Hauser musste sich nun zum allgemeinen Ach und Jööh durch die Tür und durchs kurze Leben zwängen. Dieser verquere Puppenstuben-Realismus entfaltete seinen Reiz und, wem der Sinn danach stand, delektierte sich am Interieur und seinen manipulierten Bewohnern, an deren Miniatur-Maximen der Monster-Hauser zugrunde gehen sollte. Er lernt im Tableau Nummer acht mit kleingeistigen Lehrern am zu kleinen Tisch das Lesen und Schreiben, in Nummer neun mit geistlosen Gouvernanten ein Gedicht, in Nummer dreiunddreißig siecht er schließlich weg. In jeder Szene wird die einfache Parabel vom zugerichteten Fremden hübsch und saftig im Spitzweg-Format illustriert.

Das japanische Theater hat das Bunraku hervorgebracht, ein Stabpuppenspiel, bei dem die Puppenspieler in schwarzen Kimonos und Kapuzen hinter den Figuren auf der Bühne agieren. Der Reiz dieser Kunstform besteht in der Einheit von Puppenspieler und Puppe, die im Spiel zu einer anmutigen Bewegung verschmelzen, während die Rahmenerzählung und Dialoge von einem Rezitator am Bühnenrand eingesprochen werden. Hermanis dürfte das für seinen Kaspar Hauser abgeguckt haben. Doch statt der Puppen sieht man hier die Kinder, statt der unsichtbar-sichtbaren Spieler, die unbeholfen auf den Knien rutschenden Darsteller, die den sprachlosen Kindern puppengleiche Bewegungen abverlangen. Im Schlusstableau treten die sechs Kleinen zu einem wacker-schräg vorgetragenen Streichsextett auf die Bühne – sie werden neben beträchtlichem Lampenfieber auch ihren Spaß gehabt haben. Mag sein, dass man dieses Geschrammel dann als „Bild auf die bessere Gesellschaft als erbärmlich krächzende Kakophonie“ deuten kann, wie in der NZZ geschehen. Doch mit dieser Perspektive vergisst man, dass  sämtliche Bilder des Abends, einzig durch die Manipulation der sechs Kinderdarsteller ermöglicht wurde. Unter diesem Blickwinkel wirkt Hermanis Kaspar-Hauser-Produktion unangenehm, reaktionär. Denn einerseits prangert sie auf der inhaltlichen Ebene die Zurichtung des Fremden an, doch andererseits lässt sie auf der formalen Ebene wenn nicht dressierte, so doch gefügige Kinderdarsteller agieren und unterläuft  somit die eigene Botschaft. Die Antithese zu diesem Theater hat Jérôme Bel mit seinem Disabled Theatre geliefert.

Inhaltlich lässt sich die Manipulation der Kinder bei Hermanis zwar vordergründig mit dem Argument legitimieren, die dargestellten Akteure seien ebenso entfremdete Subjekte. Doch nivelliert sich damit nicht nur die Differenz der aufgezeigten Machtverhältnisse zwischen Kaspar Hauser und der feinen Nürnberger Gesellschaft, sondern auch der Unterschied zwischen Kinderspiel und Bühnenkunst. Aus diesen Zwangsverhältnissen gibt es bei Hermanis weder ethisch noch ästhetisch ein Entrinnen. Es gab kräftigen Applaus. Doch Pony hin, Biedermeier her, zum Komplizen dieses Kaspar Hauser will man sich nicht machen lassen.

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Wolfgang Tillmans, die Kunsthalle und das Löwenbräu

Ein weiterer Rückblick: Die Kunsthalle eröffnete im Sommer 2012 das neue Löwenbräu-Areal – clever gedacht und clever gemacht – mit Arbeiten von Wolfgang Tillmans, „Neue Welt“

Um ein Haar wäre Schluss gewesen: Das Zürcher Löwenbräu Areal, in dem seit 1996 die Züricher Kunsthalle und das unternehmenseigene Migros Museum für Gegenwartskunst mit einer Reihe von Galerien, darunter die von Hauser & Wirth, Bob van Orsouw und Eva Presenhuber untergebracht war, sollte in einen renditeträchtigen Büro- und Wohnkomplex verwandelt werden. Zumindest die öffentlichen Einrichtungen hätten sich dann wieder an der Peripherie der Limmatstadt wiedergefunden. Die Gegenwartskunst ist in Zürich erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Standortfaktor erkannt worden. Wohl auch darum entschloss sich die Stadt in letzter Minute, sich zu einem Drittel an einer von den Museen getragenen Löwenbräukunst Aktiengesellschaft zu beteiligen. Sie kaufte nach zwei Jahren umfangreicher Sanierung und Ausbau die neuen Räume vom Projektentwickler und vermietet davon Teile unter anderem an die Luma Stiftung und Galerien.

Am 31. August gab es die feierliche Eröffnung, zumindest bei der Kunsthalle und den größeren Galerien wie Hauser & Wirth, während das Migros Museum seine erste Ausstellung in den November verschieben musste. Doch eines war schnell klar: Der Charme und die Herausforderung des ehemaligen Industriebaus ist erst einmal verloren. Zwar haben sich die Architekten des kurz zuvor in der Nachbarschaft des Industriequartiers Zürich-West eröffneten 120 Meter Prime Tower Gigon/Guyer redlich bemüht, die Substanz zu erhalten, doch das Unverwechselbare wie die legendäre, viel zu schmale Haupttreppe ging, ebenso wie der Charakter vieler Ausstellungsräume, verloren. Statt Abwechslung überwiegt nun White-Cube-Standard. Dafür besitzt die Kunsthalle nun 1´200 statt 800 qm Ausstellungsfläche und kann temporär, wie jetzt zur Eröffnung, zusätzlich zwei Säle der Luma Stiftung übernehmen. In den angestammten Räumen zeigte die junge Künstlerin Helen Marten bodennah wuchernde Installationen, während in den neuen Räumen im 2. und 3. Obergeschoß die Foto-Arbeiten aus Wolfgang Tillmans` „Neue Welt“ zu sehen waren.

Die Wiedereröffnung mit Tillmans trug taktisch-programmatische Züge. Mit ihm verbindet die Kunsthalle Vergangenheit: Hier hatte der junge Fotograf im Frühjahr 1995, damals noch im längst abgerissenen Schöller-Industrieareal, die erste institutionelle Einzelausstellung. Der optimistische Titel der neuerlichen Veranstaltung verheißt auch Aufbruch und Zukunft: Eine neue Welt ist für die Kunsthalle die gesicherte Existenz im neuen Löwenbräu Areal. Tillmans schuf dazu auch gleich die apotropäische Ikone: In „Headlight (b)“ (2012) zeigt er nahsichtig, einen modisch gestylten Autoscheinwerfer, hinter dem die Haifischaugen eines aggressiven Immobilienspekulanten zu blitzen scheinen. Fotografiert hat er dieses Chromobjekt in einer Tiefgarage in Hobart auf Tasmanien. Nun hängt es als Tintenstrahldruck von 138 x 207 cm neben „Jurys Inn“ (2011), die Abbildung einer Hotelzimmerecke und „blacks“ (2011), eine ebenso nahsichtige Rückenansicht, in der nur die Falten einer schwarzen Arbeitsmontur zu erkennen sind.

Tillmans ist in den letzten Jahren viel gereist. Um die ganze Welt, von London nach Südamerika, Afrika, Australien und Asien – immer nur kurze Aufenthalte, die Oberflächen auf ihren Bestand hin besehen und weiter. Davor hat er lange Zeit Distanz zu seinen frühen Arbeiten genommen, vorwiegend abstrakte, malerische Fotografie betrieben. Er wollte nun wissen: „Wie sieht die Welt aus, 20 Jahre nachdem ich angefangen habe, mir von der Welt ein Bild zu machen? Kann es einen „neuen“ Blick auf sie geben?“

Was sieht er? Was zeigt er uns? Es sind Momentaufnahmen, kurze Einblicke in Vorgänge und Lebensverhältnisse, die Tillmans wie dem Betrachter fremd bleiben, doch in ihrer Andersheit weder denunziert noch gefällig gemacht werden: Menschen, Maschinen, Transportmitteln, Behausungen gilt sein besonderes Augenmerk und dem Sternenhimmel, wo er es mit naiver Freude mit den elaborierten Fotoarbeiten von Thomas Ruff aufnimmt. Immer wieder sind in den Aufmarsch der dokumentarischen Bilder seine gegenstandslosen, abstrakten Arbeiten gehängt, als wolle er den Betrachter in der Bilderflut auch einmal Atem holen lassen, – zum Beispiel wenn er „Silver 94“ (2012) neben den drolligen Tukan in „Tukan“ (2012) hängt. Tillmans Bilder verstören nicht, sie wollen nicht wachrütteln. Bilder von Krieg, Gewalt, oder auch von Liebe und Sexualität sind ausgespart, als wolle er die Einsicht bestätigen, dass die Menschen im Großen und Ganzen all überall unaufgeregt einem geregelten Tagwerk nachgehen. Tilmanns Bilder sind so Bestandsaufnahmen des Banalen ohne selbst banal zu sein, und es Bedarf oft nur einer kurzen Überlegung, die Anstrengung und das Leid des von Tillmans dokumentierten Lebens zu erahnen, wenn nicht in seiner vollen Wucht zu spüren: Der Tintenstrahldruck „Ushuaia Lupine (a)“ (2010) präsentiert den Schmetterlingsblütler übergroß im vollem Saft, dahinter der Fährhafen von Lampedusa, der in den letzten Jahren durch das Flüchtlingselend aus Nordafrika traurige Berühmtheit erlangte. Oder man sieht die Fliege auf einem monumental präsentierten Berg Langustenschalen („astro crusto a“ 2012), ein klassisches Memento Mori, das direkt neben einem Foto eines arabischen Jungen („young man, Jeddah a“, 2012) und dem Bild von einem wuseligen afrikanischen Markt („Market I“, 2012) darüber zu denken gibt, wie fragil und verletzlich Menschen und Gemeinschaften sein können. Tillmans Bilder drängen sich nicht auf, doch sie vermitteln die kraftvolle Lust des unverstellten Blicks. Einzig die Präsentation konnte Fragezeichen hinterlassen: Warum mussten die Fotografien auf XXL-Format getrimmt werden? Warum dieser gleichförmige Bilderreigen im Gleichklang mit dem strengen Deckenraster und den Fenstervertikalen? Die Antwort liegt schlicht darin, dass es der Kuratorin Beatrix Ruf mit dieser Ausstellung, nicht allein darum zu tun sein konnte, den Künstler Tillmans auszustellen, sondern mit Tillmans die neuen Räume. Raum und Bilder haben sich dabei im Lot gehalten, kuratorisch einwandfrei, – Chapeau!

Katalog: Wolfgang Tillmans. Neue Welt, Hrsg. Wolfgang Tillmans. Mit einem Interview mit Beatrix Ruf, Kunsthalle Zürich, Köln 2012

Der Text erschien in leicht veränderter Form zuerst im Kunstforum International Band 219.

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Amar Kanwar – Evidence

Eine der eindrücklichsten Ausstellungen des vergangenen Jahres gelang dem Fotomuseum Winterthur mit „Evidence“, einer Retrospektive des indischen Dokumentarfilmers und Künstlers Amar Kanwar. Eine Nachlese.

Heinrich von Kleist veröffentlicht am 8. Oktober 1810 in den Berliner Abendblättern die Parabel „Der Griffel Gottes“. Man kann sie ohne Umschweife als Theorie der Fotografie lesen: „In Polen war eine Gräfin von P…, eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein, und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: sie ist gerichtet! Der Vorfall (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.“

Selbstredend lässt sich diese kurze Erzählung – im Aufbau ein dreiteiliges barockes Emblem mit Inscriptio, Pictura, Subscriptio – als das Begehren einer interventionistischen Schrift und wirkungsmächtigen Literatur lesen. Doch besieht man den Text näher, zeigt sich, dass das Urteil, sie sei gerichtet, keineswegs das letzte Wort behält. Die beschriebenen Vorgänge sind alles andere als eindeutig. Schriftgelehrte müssen, wie in der Subscriptio vermerkt, den Vorfall erklären, Zeugen beglaubigen. Der Status der Autorschaft und ihrem Medium verschiebt sich notgedrungen: Das Schreibwerkzeug aus der Inscriptio zeigt sich in der Pictura als Blitz. Die himmlische Lichterscheinung, im altgriechischen Genitiv φωτός (photos) zerstört nicht nur, sondern hinterlässt eine sinnvolle Buchstabenfolge. Das heißt sie ritzt, zeichnet, schreibt, griechisch γράφειν (graphein). Sie ist  Photo-Grafie, Licht-Bild, Licht-Schrift, die sich jeder hermeneutischen Feststellung entzieht, indem sie die sichtbare Welt transzendiert und in ihrer Wahrheit blitzartig aufscheinen lässt, jedoch interpretationsbedürftig wird, sobald sie in die diskursive Weltordnung eintritt. Kleist formuliert damit gut zwanzig Jahre vor ihrer Erfindung die Problematik eines bis heute virulenten Theorems der Fotografie, das im Wesentlichen in der Behauptung liegt, die Fotografie und erst recht das bewegte Bild könne über die Oberfläche der Dinge und Sachverhalte zum Wesen der Dinge und Sachverhalte stoßen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist kaum ein Künstler in Erscheinung getreten, der das Spannungsfeld zwischen dem bewegten Bild als Medium der Wahrheit und die Dialektik ihrer Restriktionen so nachhaltig und formal überzeugend ausgelotet hat, wie der Inder Amar Kanwar. Obwohl einer der wenigen Künstler, die seit 2002 auf allen drei Documenta-Ausstellungen vertreten waren, wurde ihm erst jetzt eine umfangreiche Überblicksausstellung zuteil, in einer Institution zumal, die bisher nur sporadisch Videofilme gezeigt hatte, dem Fotomuseum Winterthur. Mit der Retrospektive unter dem Titel „Evidence“ würdige man nicht nur einen großartigen Künstler, Filmemacher und Dokumentaristen, erklärt der scheidende Direktor Urs Stahel, sondern erinnere auch an den Gründungsgedanken des Fotomuseums, mit dem man die Fotografie als Medium der Reflexion und der gesellschaftlichen Veränderung verstehe.

Man hätte dazu keine bessere Wahl treffen können, auch wenn man das Museum mit sieben Arbeiten Kanwars, von kurzen Videoessays bis zu hochkomplexen Mehrkanalinstallationen, an die Kapazitätsgrenzen und seine Besucher an die ihres Auffassungsvermögens brachte. Nur drei der gezeigten Videofilme dauern weniger als zwanzig Minuten „To Remember“ (2003) acht, „Henningsvaer“ (2006) fünfzehn, „A Love Story“ (2010) fünfeinhalb Minuten. Die vier weiteren Arbeiten, unter anderem „The Thorn First Pages“ (2004-2008) und „The Lightning Testimonies“ (2007), beanspruchen mit über einer Stunde Videomaterial viel Zeit. Dazu glichen die engen Ausstellungsräume Katakomben, ein Eindruck, der die meist schwermütigen Filme in ihrer Melancholie noch verstärkte, ähneln doch einige, wie die Kuratorin Sandhini Poddar in einem Katalogbeitrag vermerkt, Epitaphen, die an den gewaltsamen Tod von Protagonisten der indischen Geschichte erinnern wie der Videoessay „To Remember“ (2003). Mit einem Gang durch die Gedenkstätte Mahatma Gandhis  verbindet Kanwar die Frage nach offizieller Erinnerungskultur mit den verdrängten Ereignissen des Gujarat-Massakers aus dem Jahr 2002.

Amar Kanwar wurde 1964 in Neu-Delhi als jüngerer von zwei Brüdern in eine indische Mittelklassefamilie geboren. Der Vater, Offizier der indischen Marine, floh wie die Mutter 1947 mit der indischen Teilung aus dem Punjab. Kanwar studierte zunächst Geschichte. Er wurde durch die Greul im Anschluss an die Ermordung Indira Gandhis 1984 und nach der Giftgaskatastrophe in Bhopal im gleichen Jahr zum Aktivisten und schrieb sich zu einem Filmstudium in Delhi ein. Bevor Kanwar 2002 mit „A Season Outside“ auf der Documenta 10 zum ersten Mal im Kunstbetrieb auftrat, hatte er bereits gut ein Duzend dokumentarische Arbeiten produziert. Seitdem sind seine Filme vielschichtiger geworden. Sein auktoriales Erzähler-Ich wich einer Polyphonie der Bilder und Stimmen, die den Betrachter auffordern, selbstständig Narrative zu entwickeln und Stellung zu beziehen. In „The Lightning Testimonies“ (2007) etwa, einer gut dreißigminütigen Acht-Kanal-Video-Projektion: Die Bilder und Texte, erzählen ohne reißerisches Getue und falsche Anteilnahme von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen während militärischer Auseinandersetzungen an den Rändern des indischen Subkontinents. Die Untaten wurden abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit verübt, von offiziellen Stellen gedeckt. Die Videoinstallation erzählt aber vor allem vom Kampf der betroffenen Frauen gegen ihre Sprach- und Rechtlosigkeit. Amar Kanwar beschreibt daher seine Utopie der künstlerischen Intervention 2008: “Imagine the formal presentation of poetry as evidence in a future war crimes tribunal.“ Der Griffel Gottes ist dann in seiner Hand.

Katalog: Amar Kanwar. Evidence, Fotomuseum Winterthur, 8.9.-18.11.2012, Hrsg. Urs Stahel, Daniela Janser, Göttingen 2012. 399 Seiten, ca. 220 Abb.

Der Text erschien zuerst in Kunstforum International Band 219

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Über Lisa, Susie, Senta und Sara

Vier Zürcher Inszenierungen – vier bemerkenswerte Frauenfiguren beanspruchen Zeitgenossenschaft und damit eine Überlegung, ob und wie sie diese einlösen: Lisa in Daniela Löfflers Kinder der Sonne im Pfauen, Susie in Keren Cytters Show Real Drama im Theater am Neumarkt, die Senta in Andreas Homokis Der fliegende Holländer im Opernhaus und Laura Koerfers Miss Sara Sampson im Theater am Neumarkt. Was erzählen sie über Theater heute, heutiges Rollenverhalten und Geschlechterbeziehungen?

Sicher war es Zufall, dass die letzten vier Zürcher Inszenierungen des vergangen Jahres, die ich besuchte, den ewigen Plot Boy meets Girl behandelten und damit Frauenfiguren ins Zentrum stellten, die Zeitgenossenschaft reklamierten. Obwohl die Genres und Ansprüche der Darbietungen bei einigen Gemeinsamkeiten – sie waren allesamt Textbasiert und auf Guckkastenbühnen präsentiert – sehr unterschiedlich waren, eine Oper, eine Aufführung, die unter der falschen Gattungsbezeichnung „Performance“ firmierte, zeigte sich die Stärke und Aussagekraft der Figuren wesentlich abhängig von inszenatorischen Entscheidungen, gelungenen und gescheiterten Dispositionen der Regie und ihrer Darstellerinnen.

Den Reigen eröffnete zufällig Lisa in Daniela Löfflers Premiere von Maxim Gorkis Kinder der Sonne im Pfauen des Schauspielhauses. Die Inszenierung krankte an manchem: Trotz ambitioniertem Reduktionismus zeigte sich der Abend geschwätzig: Auf- und Abtritte der Darsteller ins Parkett, wo sie auf den nächsten Einsatz warten durften, ein Einheitsbühnenbild in Bienenwabenform, Kostüme von der Kaufhausstange, ein kleines Chemielabor und der Samowar des Protagonisten Protassow auf dem Bühnenboden – sie stellten die einzigen Requisiten dar – sollten für die Hipness-Punkte des Abends sorgen. Doch es fehlte ein Anliegen wie an dramaturgischem Gespür und Timing. Vorrevolutionärer Eskapismus: Eine Gesellschaft um den egomanen Pawel Protassow (Rainer Bock) schließt sich gegen das feindliche Draußen ab.  Die Cholera wütet im Land während man drinnen von den „glücklichen und edlen Menschen“ der Zukunft träumt, aber keine der zwischenmenschlichen Beziehungen gelingt. Warum erzählt Löffler die Geschichte? Eine einfache Antwort hätte lauten können: Eine Parabel, die von heute erzählt. Oder einfach: Ich habe hier tolle Schauspieler, die euch was zeigen können. Doch wie am Pfauen unter der Intendanz von Barbara Frey meist der Fall: Es agieren auch bei Daniela Löffler begabte Solisten, doch kein Ensemble. Und man hätte getrost streichen dürfen. Warum man vor der letzten halben Stunde noch in die Pause geschickt wird, kann wohl keiner so recht erklären.

Dass der Abend dennoch nicht als völlig gescheitert erklärt werden muss, liegt an den Darstellern Löfflers, die sich redlich und hingebungsvoll ihrer Figuren annahmen und zweien, die professionellen Ansprüche an die Schauspielkunst dann weit übertrafen: Julia Kreusch als Lisa Protassowa, die labile Schwester des Protagonisten und Sean McDonagh als deren Widerpart und Geliebter, der manisch-depressive Veterinärmediziner Boris Nikolajewitsch Wagin. Es mag dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass sonst so wenig zu sehen war, doch ich ersehnte jede Szene, die sie wieder zusammen auf die Bühne bringen würde. Ihr Hin und Her, ihr Liebt er mich oder nicht, was soll-ich-mit-ihm-und-er-mit-mir, die Sehnsüchte nach dem Anderen, die permanente Selbstbefragung, die Zweifel, die Unsicherheiten – das alles war von beiden so beiläufig und ausgestellt so ernst und gewitzt zugleich gespielt, dass in diesen Momenten die Realität des Theater zum Realen anwuchs. Wie sie das geschafft haben? Kreusch und McDonagh wollen im Gegensatz zu vielen Schauspielern nicht um jeden Preis geliebt werden. Das macht sie an diesem Abend zu Ausnahmeerscheinungen.

In Bezug auf die zweite Figur, Susie, in „Show Real Drama“ von Karan Cytter ist vielleicht noch erwähnenswert, dass in Kinder der Sonne ein gewalttätiger Schlosser, ein Faktotum des Hauses Protassow vorgeführt wird, der die eigene Frau, deren Rolle bei Löffler gestrichen wurde, verprügelt, bis sie schliesslich hinter der Szene stirbt. Auch bei Cytter wird geprügelt und zwar nicht zu knapp. Und nicht von einem stocktrunkenen Schlosser, dem die hilflos dumme Bühnengesellschaft bei Gorki das Prügeln verbieten will, sondern von Fabian. Fabian (Fabian Stumm), ein arbeitsloser Schauspieler nach der Abschlussprüfung ist die zweite Figur neben Susie (Susanne Meyer), Fabians Kollegin und Exfreundin, in dem als „Performance“ angekündigten Abend. Die Autorin, Video-, Theater- und Performancekünstlerin bewegt sich seit Jahren im Graubereich der Genres, lieferte hier aber eine Darbietung, die sich mit zwei professionellen Darstellern, einer definierten Textvorlage, Requisiten und Bühnensituation samt einstudierten Handlungsabläufen weitgehend am Theater orientierte. Dieses konventionelle Setting wurde inszenatorisch geringfügig gebrochen. Einerseits durch gefilmte und auf die Rückwand der kleinen Bühne grossflächig projizierte Spielszenen, die die Vergangenheit des dargestellten Künstlerpärchens präsentierten. Andererseits durch ein imaginäres Quadrat auf dem Bühnenboden, auf das die Bewegungen der Darsteller im Raum reduziert wurden. Susie und Fabian lieferten sich nun in der knappen Aufführungsstunde ein neurotisches Beziehungsspiel, in dem sich private und berufliche Ansprüche, Verweigerungen, Erwartungen und Enttäuschungen die Waage hielten – bis auf die Macho-Klatschereien des Protagonisten. Denn war das belanglose Off-Stage-Stückchen bisher nur langweilig, so wurde es hier richtig ärgerlich. Dass die Protagonistin die Schläge ohne Konsequenzen und kommentarlos hinnimmt, obwohl sie sich als selbstbewusste und durchsetzungsfähige Frau gibt passt nicht zusammen. Oder bekommen wir einfach das Schlüsselloch zu insgeheim verabredeten BDSM-Nummern serviert? Dafür gibt es in der Inszenierung keine Hinweise und so keimt ein anderer, schlimmerer Verdacht: Karen Cytter ist keine Regisseurin. Sie arrangiert Sets, in denen Szenen entstehen, indem sie ihren Schauspielern weitgehend freie Hand lässt. „Gib dich so, wie du bist,“ lautet ihre Zauberformel, die bei professionellen Darstellern den Dilettanten provozieren will. Der körperliche Übergriff des Darstellers Fabian Stumm wird damit weder schlimmer, noch ist er entschuldigt. Er liefert ein billiges Mittel die fade Artistenbeziehungskiste dramatisch aufzupeppen, um den Preis allerdings, dass ein schlimmes machistisches Stereotyp reproduziert wird. Er zeigt eine abwesende beziehungsweise faule Regie, die sich mit der Übernahme der gefilmten Prügelszene in den Abend einer Komplizenschaft schuldig macht, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung affirmiert.

Susie versus Senta: Zeigte sich der gehypte Performance-Theater-Abend als Reaktionär, entpuppte sich Wagners „Der fliegende Holländer“ am Opernhaus als das Gegenteil davon und alles andere als bloße Schönkunst. Und das, obwohl ihm das vorgestrige Frauenbild mit Sigel ins Libretto gastempelt ist, ein Erlösungsdrama mit Frauen-Opfer im dritten Akt par Excellence: Senta fühlt sich dem großen Unbekannten, dem sagenumwobenen Holländer, hingezogen. Als dieser mit großem Krach die Bühne betritt, lässt sie alles stehen und liegen und verspricht ihm Treue bis in den Tod. Was der Holländer gerne haben kann, denn dies würde ihn endlich davon befreien, ständig über die Ozeane zu Irrlichten. Der dramatische Höhepunkt ist erreicht, als ein Jägersmann, mit dem Senta bereits verlobt war, auftaucht und ihr nur übrig lässt, mit einem Sprung über die Klippe, in Zürich ein suizidaler Schuss aus der Waidmannsflinte, ihre Wahl für den weitgereisten Fremden zu bekräftigen. Mit Wagners Ahasver der Weltmeere gab der neue Intendant des Zürcher Opernhauses Andreas Homoki seinen Einstand als Regisseur. Das ließ programmatisches Erwarten: Wenn schon kulinarisches Musiktheater, dann auf hohem Niveau, der Holländer als Künstler- und Beziehungsparabel, intelligent und über weite Strecken auf der Höhe der Zeit.

Die Schweiz liegt bekanntlich nicht am Meer. Weniger bekannt ist, dass 6 Schweizer Reedereien eine Handelsflotte von knapp vierzig Schiffen unterhält, mit denen sie im Mittelfeld der weltweiten Seehandelsnationen steht. Aus dieser Perspektive war es naheliegend, die Handlung vom Schiffsdeck in das Einheitsbühnenbild eines Handelskontors des Fin de siècle zu rücken. Aus Matrosen wurden Prokuristen, aus den fleißigen Spinnmaiden emsige Tipsen, dem Holländer und seiner Geisterbrut die Inkarnation ihrer eskapistischen Phantasien. Wagners Wiedergänger figuriert in Zürich als getriebener Versucher, als der Grenzgänger, der schlechthin Andere. Der Zürcher Holländer weist so über das Künstler-Alter-Ego hinaus auf dasjenige Moment, das jede Konvention und Konformität sprengt und gesellschaftlich nicht zu integrieren ist. Die Verschiebung des historischen und inszenatorischen Kontextes, Wagners Zeit, Landrattenphantasie, sind dann auch der ausreichend entrückt-neutrale Hintergrund, um die romantische Psychomechanik der Protagonisten bar jeder psychologischer Motivation als stimmig zu erleben. Wäre Sentas begeistertes, „Ich sei´s, die dich durch ihre Treu` erlöse!“ sonst erträglich und mehr als die Begeisterung einer Vierzehnjährigen für Justin Bieber? Was sehen und hören wir dann? Eine Figur, die bedingungslos auf ihrem Eigensinn beharrt, gegen jede Konvention auch noch den Potlatch des Vaters, der die Tochter gegen die Reichtümer des Fremden tauscht, unterläuft.

Das alles ergab einen herausragenden Abend und er hätte ein großer werden können, wenn Homoki nicht nur herausragende Sänger, Bryn Terfel als Titelhelden und Anja Kampe als Senta sondern herausragende Sängerdarsteller hätte aufbieten können. Ihnen fehlte die gesangliche Feinabstimmung. Obwohl sie die Partien zuvor schon gemeinsam bestritten hatten, rächte sich die Probenabsenz des stämmigen Briten, der gut daran getan hätte, mehr auf seine Partnerin zu hören. Und nun fehlte Anja Kampe offensichtlich der Mut dem wuchtigen Bariton nicht bedingungslos nachzulegen. Wo man sich eigentlich hätte auf Augenhöhe begegnen können, reproduzierte sich auf der künstlerischen Ebene dann leider das Klischee des dominanten männlichen Bühnenstars.

Den Star – man kann etwas weniger gewählt auch sagen, die Rampensau – gab es auch bei Laura Koerfers Miss Sara Sampson, das erste bürgerliche Trauerspiel des sechsundzwanzigjährigen Lessing im Theater am Neumarkt. Hier ist es Jakob Leo Stark, ein junger Brachialmime im Format eines Bernhard Schütz, als Melfont mit nackter Brust und Puderperücke, der mit seiner geliebten Sara (Franziska Wulf) in einem Gasthof festsitzt, als hätte er sämtliche Passwörter seiner sozialen Netzwerke verlegt. Woher, wohin, was wollt ihr, was will die Welt von mir? All das sind Fragen, die der junge Autor zu Beginn seiner Laufbahn und in der Stunde, als sich das Bürgertum anschickt, als politisches Subjekt die Weltbühne zu betreten, stellt. Der Regisseurin fallen dazu einige kluge Dinge ein, zum Beispiel die Diener mit ihren Rüpelszenen in den Vordergrund zu stellen, als sei`s eine Existenzialistenbühne à la Beckett, oder Sir William, den Vater der Sara, gleich ganz zu streichen. Allerdings wird einem auch hier nicht klar, warum das gezeigt wird. Auch wenn einige gute Einfälle und ein zeitgeistiges Stagedesign à la Berliner Pappelbaum-Schaubühne  zu einem kurzweiligen Abend beitragen, bleiben die Triebschicksale der Dreierkonstellation Sara, Mellfont, Marwood, Mellfonts Exgeliebte zu sehr unter den Damast-Röcken verborgen. Über das stückverordnete Frauenschicksal hinaus haben die Damen leider nichts zu sagen.

So gebührte der eigensinnigen Darstellerin der Lisa Julia Kreusch die Palme, der eigenwilligen Inszenierung des Holländer-Senta eine ehrenhalber.


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Von Investigation, Intervention und Innovation

Drei neue Publikationen aus dem Kontext Kunst.

Feld-, Kunst- und Wiesenforschung – Ein echter „Koffer“, 460 Seiten, für jeden, der mitreden will ein „Must“: „Das Kunstfeld. Eine Studie über Akteure und Institutionen der zeitgenössischen Kunst“, herausgegeben von der Direktorin des Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich Heike Munder und dem an der Universität Lüneburg lehrenden Ulf Wuggenig. Für den, der für Museumsbesucherbefragungen, empirische Sozialforschung, Mapping und Balkendiagramme etwas übrig hat, sicher ein Gewinn. Für die eher kritischen Zeitgeister, eine Einladung über Reichweite und Aussagekraft demografischer Arbeiten nachzudenken. In jedem Fall jedoch für alle beruhigend, denn die Ergebnisse bestätigen bis auf kleine Ausreißer, was man immer schon geahnt hat: Es gibt ihn, den kritischen Museumsbesucher und Kunstfeldakteur. Das Kunstfeld. Eine Studie über Akteure und Institutionen der zeitgenössischen Kunst am Beispiel von Zürich, Wien, Hamburg, Paris, Hrsg. Heike Munder, Ulf Wuggenig, Verlag JRP/Ringier, Zürich 2012

How to get Lufthoheit – Bei einer Eingabe des Worts „Intervention“ bei Google – selbst schon ein Eingriff, also eine Intervention – werden innerhalb von 0,75 Sekunden 227 Millionen Einträge aufgerufen. Der Gebrauch des Begriffs ist inflationär: Mal kaschiert er gewaltsame Eingriffe, wie im Kontext von Völkerrecht, Krieg, Pädagogik oder Wirtschaft, mal dient er als Kampfbegriff, wie im Zusammenhang von sozialem und politischem Aktionismus und in den letzten Jahren vermehrt in Städtebau und Gegenwartskunst. Licht ins Begriffsdunkel bringt jetzt die kleine Publikation des Merve Verlags „Glossar der Interventionen“, herausgegeben durch eine DFG-geförderte Forschungsgruppe an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Bei 150 Einträgen auf 270 Seiten, von „Aktivistische Intervention“ bis „Zufallsintervention“ alphabetisch geordnet, mit erfreulich trocken Texten, und reichlich Quellenangaben fühlt man sich ebenso gut informiert wie unterhalten. Das lädt zum Stöbern und gewährt Einsichten. Einzig das Fehlen eines Index und Personenregisters schränkt die Tauglichkeit dieses ansonsten nützlichen Büchleins ein. Das sollte jedoch nicht dazu verleiten, auf eine Online-Version zu warten. Das „Glossar“ gehört jetzt unter den Tannenbaum. Glossar der Interventionen. Annäherung an einen überverwendeten aber unterbestimmten Begriff, Hrsg. Friedrich von Borries, Christian Hiller, Daniel Kerber, Friderike Wegner, Anna-Lena Wenzel, Merve Verlag, Berlin 2012

Visibility – und keiner schaut hin – Mag der Wille zu Kunst noch so beherzt walten, die Wahrscheinlichkeit, dass ein hoffnungsvoller Wurf, auf  den Wühltischen des Betriebs landet, ist nur allzu groß. Doch wie das mit Wühltischen so ist: Dort findet sich manches, dessen unerkannte Weitsicht, nur darauf wartet,entdeckt zu werden. Zu den Trouvaillen der letzten Zeit gehört zweifelsohne jenes schmale Büchlein, das unter dem sperrig-merkantilen Titel „BMW Art Guide by Independent Collectors“ nicht gerade gutes verspricht, bei näherem Besehen jedoch echtes Potential entfaltet. Man stelle sich vor, man kurve gerade mit seinem BMW X5 Offroader durch die Strassen von Kiew. Da erscheint ein rotes Kontrolllicht auf dem GPS-gesteuerten Display. Es signalisiert „private collection of contemporary art ahead“  und schwups, steuert man wie von Zauberhand geleitet, vor das Pinchuk Art Center, Velyka Vasylkivska Ecke Baseyna Straße. Ein dezentes, automatisch gesteuertes Hupen lässt nun den bereitstehenden Groom herbeieieilen, der die teure Karosse ins nächste Parkhaus befördert. Der Automobilist und Kunstliebhaber kann sich währenddessen im Museum an Jeff Koons` Hanging Heart in Magenta und Gold erfreuen.

Utopie? Nein. Die Phantasie wird mit dem Art Guide der Bayerischen Motorenwerke zur greifbaren Wirklichkeit. Denn eines haben der moderne Mensch, die Kunst und das einfache Industrieprodukt gemeinsam: Wo jeder und alles Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt, müssen sie vor allem um „Visibility“ bemüht sein, ein Begriff aus dem Marketingdeutsch, der vor allem das Produzieren eines Hinguckers mit nachhaltiger Kundenbindung meint. Dass auch der Sammler zeitgenössischer Kunst unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden könnte, hat der BMW Art Guide messerscharf erkannt und liefert gleich das geeignete Vademekum: Auf 160 Seiten bemüht er sich unbescheiden jede auf der weiten Welt verstreute private Sammlung zeitgenössischen Kunstschaffens mit Zugang für jedermann aufzuspüren und ins rechte Licht der Öffentlichkeit zu rücken, alphabetisch und nach Ländern geordnet. In den kurzen Texten zu jeder der 174 Sammlungen erfährt der Leser zwar nicht, wie zum Beispiel Herr Pinchuk die Sammlung finanziert, dafür aber, dass er für einen Gursky 3,3 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt hat. Auch nimmt der Leser das humorige Statement des Oligarchen, die Besucherschlange vor seinem Museum sei jetzt die einzige im Land, gerne zur Kenntnis. Damit man sich da nicht erst einreihen muss, werden für die Voranmeldung dankenswerter Weise gleich Telefonnummern und Webadressen mitgeliefert. Dazu wird jedem Länderteil, und hier liegt das eigentliche Potential des Büchleins, der Umriss der Staatsgrenze vorangestellt, in den die  Ziffern für die nachfolgend aufgeführte Sammlung eingetragen ist.

Was läge nun näher, in einer zweiten Auflage hier noch die geodätischen Angaben für das GPS anzugeben? Und im nächsten Schritt gibt es den BMW Art Guide serienmäßig als Teil der hauseigenen Efficent- Dynamics-Technology: Durch ein Signal auf dem Display im Cockpit des Fahrzeugs könnte für jede Private Collection in der Umgebung sofort „Visibility“ hergestellt werden, samt Angaben zum Benzinverbrauch, Parkplatzsituation und dem Gesamtwert der ausgestellten Werke. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch man darf auf die up-dated Version gespannt sein. Denn damit ließe sich eine echte Win-Win-Situation generieren. Wir lebten endlich in einer Welt, in der, wenn nicht jeder Automobilist, so doch wenigstens jeder BMW-Fahrer als potentieller Kunstliebhaber und jeder Kunstliebhaber als passionierter Automobilist geoutet wäre.  BMW Art Guide by Independent Collectors. The First Global Guide to Private and Publicly Accessible Collections of Contemporary Art, Hatje Cantz, Ostfildern 2012

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Nofretete – die Wanderschöne

Nach Jahrtausenden erblickte vor genau 100 Jahren, am 6. Dezember 1912, das wohl bekannteste Exponat der Staatlichen Museen zu Berlin erneut das Licht der Welt: die Büste der altägyptischen Königin Nofretete. Anlass ihr und ihrer Zeit im Neuen Museum  eine umfangreiche Ausstellung zu widmen – ihr Ursprungsland Ägypten bleibt dabei außen vor

Der Heilige Nikolaus hielt am 6. Dezember 1912 für die Herren der Deutschen Orientgesellschaft ein ganz besonderes Geschenk bereit: In einem bis zu den Grundmauern zerstörten Haus des ägyptischen Nilortes Tell el-Amarna fand sich eine, wie es in den damaligen Inventarlisten lapidar hieß, „bemalte Büste der Königin.“

Der schönste Gipskopf der Welt, die „Büste der Nofretete“, ist, mit einem Kern aus Kalkstein ausgestattet, über 3.300 Jahre alt. Mitsamt seiner Bemalung zeigt er sich bestens erhalten, sieht man von Schäden an den Ohren ab und dem linken Auge, das bis heute fehlt. Aug und Ohren wären, hätte man die Statue 50 Jahre früher gefunden, zweifellos ergänzt worden, was den Reiz, den sie heute auf die Besucher ausübt, erheblich schmälerte, denn gerade dieser Makel verleiht dem makellosen  Porträt Geschichte und Authentizität. Dass sie in einem Bildhaueratelier gefunden wurde, wahrscheinlich als Muster für öffentliche Darstellungen der Gattin des Echnaton diente, trug ebenso zum Mythos des 50 Zentimeter hohen Bildwerks bei, wie die idealisierte Schönheit der Porträtierten, die sie neben Mona Lisa und  Micky Maus unter die Top Ten des kulturellen Common-Sense katapultierte.

Was also liegt näher, als dem freudigen Fundereignis in einer Ausstellung zu huldigen: Ab dem 6. Dezember zeigt das Neue Museum „Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete“. Während man die Büste im zweiten des Hauses Obergeschoß für gewöhnlich bar jeden Zusammenhangs als isoliertes Meisterwerk präsentiert, soll sie die Amarna-Schau nun in einen größeren Kontext stellen. Mit teilweise nie gezeigten Fundstücken will Kuratorin Friederike Seyfried die Zeit der Nofretete, die Kultur und das Leben der Leute damals erfahrbar machen. Leihgaben des Louvre, des Metropolitan Museum of Art und des British Museum ergänzen die Berliner Bestände. Doch wo bleibt  das Ägyptische Museum in Kairo als Leihgeber, wo doch die andere Hälfte der Nikolausgaben von 1912, gut 4000 Artefakte der Nikolausgaben lagern?

 Allein am Gabentisch

Doch da wird die Sache kompliziert. Sofort, nachdem man die Nofretete 1924 in Berlin erstmals der Öffentlichkeit zeigte, wurden Rückgabeforderungen laut. Zwölf Jahre war sie in Privatbesitz des Mäzens James Simon, der die Amarna-Grabungen finanziert hatte und der sie schließlich dem Freistaat Preußen vermachte. Der Grabungsleiter, Ludwig Borchardt, fürchtete um seine Lizenz, würde das schöne Fundstück bekannt. Er ahnte er, dass die Rechtmäßigkeit der damals üblichen Fundteilung von französischer Seite angezweifelt würde. Diese stand im britisch besetzten Ägypten noch in den 1920er-Jahren dem staatlichen Antikendienst vor. Die Debatte um eine Rückgabe zog sich bis zu einem endgültigen Nein des Kulturministeriums 1930 hin. Die späteren Pläne Görings und Göbbels’, die Büste als Morgengabe zum Kronjubiläum des ägyptischen Königs Fuad I. an den Nil zurückzuschicken, wurden aus der Reichskanzlei unterbunden.

Dankenswerter Weise wird auch diese Geschichte in der Ausstellung ausführlich bis in die Gegenwart erzählt, mehrten sich doch seit der Jahrtausendwende und mit der Eröffnung des Neuen Museums die Stimmen, die für eine Rückgabe der Nofretete eintreten. Inzwischen ist zumindest die juristische Seite zweifelsfreigeklärt, nach der die Fundteilung und die Ausfuhr der Amarna-Artefakte ohne Tricks über die Bühne ging.

Bleibt also das moralische Argument, das besagt, die Nofretete sei identitätsstiftendes Symbol der ägyptischen Nation. So war es wiederholt vom Chef der Altertümerverwaltung Zahi Hawass zu hören, der mit britischer Unterstützung ein inzwischen im Rohbau fertiggestelltes Museum in Tel El-Amarna errichten wollte: „Die Nofretete gehört an ihren Entstehungsort.“ Hawass, kurzzeitig auch Kulturminister, musste allerdings seinen Posten mit dem arabischen Frühling räumen. Doch wie steht die neue ägyptische Regierung, der liberale Kulturminister Mohamed Saber Arab und Hawass` Nachfolger in der Altertümerverwaltung, Mustafa Amin dazu? Sie werden Wichtigeres auf der Agenda haben. Doch immerhin haben die Staatlichen Museen eine ägyptische Delegation nach Berlin eingeladen. Wer da kommt, wurde nicht verraten. Aber man kann hoffen, dass die Damen und Herren nicht wieder am postkolonialen Katzentisch Platz nehmen dürfen., sondern mit Europa an der großen Tafel feiern können.

7.12.12.-13.4.13: Neues Museum, Bodestr.1-3, Berlin http://www.imlichtvonamarna.de

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Spitzweg, Nofretete und der Berliner Museums-„Brand“

Am kommenden Donnerstag eröffnet im Neuen Museum in Berlin Mitte eine umfangreiche Schau um die Nofretete-Büste. Grund genug die musealen Randlagen wie Charlottenburg zu betrachten. Die schöne Ägypterin verbrachte dort einige Jahrzehnte. 

Lebt der Charlottenburger Museumsstandort immer noch mehr von dem, was fehlt, als von dem, was da ist? Die Sammlungen Berggruen und Scharf-Gerstenberg konnten jedenfalls bisher keinen „Brand“ generieren, der mit der Nofretete vergleichbar ist. Doch Charlottenburg bietet ungeahnte Potentiale. So erinnert man sich amüsiert an den 3. September 1989: Ein Rollstuhlfahrer sprang am hellen Mittag aus dem Gefährt, um der Deutschen Lieblingsbild, Spitzwegs „Der arme Poet“, von der Wand der Galerie der Romantik zu reißen. Der Alarmanlage ungeachtet entschwand der Simulant samt Beute über die Schlosswiese. Bis heute ist das Bild nicht wieder aufgetaucht.

Anders als vierzehn Jahre zuvor: Der Performance-Künstler Ulay klaute den Spitzweg in der Neuen Nationalgalerie und hängte ihn ins Wohnzimmer einer türkischen Familie. Bei seiner neuerlichen Rückkehr hätte es in einem zu gründenden „Museum für performative Künste“ einen Ehrenplatz und Charlottenburg endlich die verdiente Ikone.

Zu diesem Zweck könnte man jedoch schon heute ein Gemälde mit vergleichbarem Imagecharakter translozieren: Caspar David Friedrichs „Der Mönch am Meer“ wurde 1974 durch ein recht unsinniges Urteil des Bundesgerichtshofes der Berliner Schlösserverwaltung ab-, und der Nationalgalerie zugesprochen. Seit 2001 hängt es wider jeden historischen und ästhetischen Zusammenhangs mit der „Abtei im Eichwald“ in Mitte. Das dritte, mit den zwei anderen von Friedrich-Wilhelm III. 1812 gekaufte Bild, „Kreuz im Riesengebirge“, dämmert nun im „Schinkel-Pavillon“ einsam vor sich hin. Was läge näher, als diese drei Schlüsselbilder der deutschen Romantik an ihren angestammten Ort zusammenzuführen? Das wäre das Berliner Schoss. Das steht aber noch nicht. Charlottenburg böte eine würdige Interimslösung. Die Leitung der Nationalgalerie müsste sich nur einen Ruck geben.

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Der Griffel Gottes – Paralipomenon IV

Heinrich von Kleist veröffentlicht am 5. Oktober 1810 in den Berliner Abendblättern die Parabel „Der Griffel Gottes“. Man kann sie ohne Umschweife als Theorie der Fotografie lesen:

„In Polen war eine Gräfin von P…, eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein, und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: sie ist gerichtet! Der Vorfall (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.“

Selbstredend lässt sich diese kurze Erzählung – im Aufbau ein dreiteiliges barockes Emblem mit Inscriptio, Pictura, Subscriptio – als das Begehren einer interventionistischen Schrift und wirkungsmächtigen Literatur lesen.

Doch besieht man den Text näher, zeigt sich, dass das Urteil, sie sei gerichtet, und mit ihr die Parabel der kleistschen Pictura selbst, keineswegs das letzte Wort behält. Die beschriebenen Vorgänge sind alles andere als eindeutig. Schriftgelehrte müssen, wie in der Subscriptio vermerkt, den Vorfall erklären, Zeugen beglaubigen. Der Status der Autorschaft und ihrem Medium verschiebt sich notgedrungen: Das Schreibwerkzeug aus der Inscriptio zeigt sich in der Pictura als Blitz. Die himmlische Lichterscheinung, im altgriechischen Genitiv φωτός (photos) zerstört nicht nur, sondern hinterlässt eine sinnvolle Buchstabenfolge. Das heißt sie ritzt, zeichnet, schreibt, griechisch γράφειν (graphein). Sie ist  Photo-Grafie, Licht-Bild, Licht-Schrift, die sich jeder hermeneutischen Feststellung entzieht, indem sie die sichtbare Welt transzendiert und in ihrer Wahrheit blitzartig aufscheinen lässt, jedoch interpretationsbedürftig wird, sobald sie in die diskursive Weltordnung eintritt. Und damit ist sie in der vollen Bedeutung des Wortes nichts weniger als eine Theo-Photo-Graphie.

Kleist formuliert damit gut zwanzig Jahre vor ihrer Erfindung die Problematik eines bis heute virulenten Theorems der Fotografie. Es liegt im Wesentlichen in der Behauptung, die Fotografie und erst recht das bewegte Bild könne über die Oberfläche der Dinge und Sachverhalte zum Wesen der Dinge und Sachverhalte stoßen. Der Blitzschlag rückt die pompöse Propaganda der mit dem Erbe der unmenschlichen Gräfin bedachten Klostergemeinschaft mit einem Mal zurecht und antizipiert das Urteil des Jüngsten Gerichts. Der klösterlichen Heilsökonomie setzt Kleist die Eschatologie der Photo-Grafie entgegen. Dass diese ihrerseits wieder in den Zusammenhang einer eigenen Interpretations- und Beglaubigungslogik gestellt wird, spricht für die aufgeklärte Haltung und Hellsichtigkeit es Autors.

To be continued

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Der 9. November

Überlegungen zur Ikono-Chronologik Deutscher Geschichte

Da war etwas aus dem Ruder gelaufen. Ein Foto, schwarzweiß: Der Mann hebt pathetisch den rechten Arm, etwas zu hoch um ihn als den Deutschen Gruß zu identifizieren. Mit dem linken streckt er dem Betrachter wie eine priesterliche Gabe ein Kruzifix entgegen. Aus der Nase strömt Blut, der Blick wirkt abwesend, wirr. Der Mann mit Kruzifix, Weste und Hut ist Joseph Beuys. Nahezu jeder würde ihn noch heute zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod auf einem Foto von Heinrich Riebesehl aus dem Jahr 1964 wiedererkennen. Joseph Beuys arbeitete früh mit seinem Image, mit einem medialen Erscheinungsbild, das ihn als Künstler, als Person Joseph Beuys öffentlich authentifizierte.

Auf dem Foto von Riebesehl tritt der Künstler nun – blutende Nase – als Opfer auf. Ungeschminkt: Das Blut ist echt, der Blick zeigt Schock. Doch er gibt sich zugleich – Gestus der Gabe und Kreuz – als Märtyrer, als Erlöser. Mit dem Schwarzweißbild wird das Image zur Ikone. Damit steht es  am Anfang einer Reihe von Versuchen der Nachkriegslinken der deutschen Geschichte Herr zu werden: Denn das Foto wurde am 20. Juli 1964 während des „Festivals der neuen Kunst“ an der TU Aachen aufgenommen. Im Verlauf des Festivals kam es Tumulten und Schlägereien, bei denen auch Beuys verletzt wurde. Das Festival musste abgebrochen werden. Auch wenn das Veranstaltungsdatum anfangs zufällig gewählt war, wurde es – der Tag des Attentats auf Adolf Hitler – durch die Organisatoren und Presse zum Politikum.

Die Martyrergeste von Joseph Beuys am 20. Jahrestag des Attentats konnte und wollte sich nicht außerhalb einer kunstinteressierten Öffentlichkeit eingegraben. Doch die Strategie Bildmacht und historisches Datum in eigener Sache zu nutzen, hatte sich bewährt und wurde in den Folgejahren ohne bewussten Bezug auf das Fluxusevent immer wieder aufgegriffen. Dabei wurde nicht das singuläre Ereignis des 20. Juli 1944 beschworen, sondern der 9. November, mit dem sich weitaus mehr Zäsuren in der deutschen Geschichte verbinden als gemeinhin angenommen und darüber hinaus also zu fragen ist, in welchem Zusammenhang sie stehen.

Um die erste Frage zu beantworten, reicht fast schon ein Klick zum Eintrag 9. November bei Wikipedia. Relevant für die deutsche Geschichte sind allerdings nur die Jahre 1848, 1918, 1923, 1938, dann 1967, 1969,1974 und schließlich 1989, also die Jahre der modernen Nationalstaaten nach Einführung des Gregorianischen Kalenders 1586 in katholischen, 1700 in protestantischen Ländern.

Alle genannten Daten haben eins gemeinsam: Sie verbindet Opfergänge, verkappte Revolutionen und Revolten. Das kann kein Zufall sein. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich über den Verlauf der Geschichte eines Nationalstaats Jahrestage mit epochaler Bedeutung häufen, ist wenig nahe liegend. Bemerkenswert ist allerdings der Umstand, dass in der Geschichte moderner Staaten freilich jährlich ein Tag wiederkehrt, nämlich der Nationalfeiertag, der Tag also, der den Gründungsakt – den Tag der Befreiung, der Selbstständigkeit oder der Verkündung einer Verfassung – symbolisch wiederholt und damit auch das Ende der Geschichte markiert: Ab hier soll der Gemeinschaft Gleichberechtigter nichts mehr Wesentliches passieren. Mit dem nationalen Feiertag soll gerade das ausgeschlossen werden, was gefeiert, nämlich ein Gründungsakt, der die vorige Gemeinschaft (revolutionär) abgelöst hat. Gerade aber dieser Vorgang findet in der Widerholung und Beschwörung des 9. Novembers in der deutschen Geschichte statt. Der 9. November hat seine eigene Dynamik.

Allgemeiner bekannt ist die Tatsache, dass der Putschversuch am 9. November 1923 mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle in München, bewusst auf den Tag gelegt wurde, an dem fünf Jahre zuvor Philipp Scheidemann vom Reichtag aus die erste Republik ausrief. Diese im Nationalsozialistischen Deutschland als Tag der Erhebung gefeierte gescheiterte Umsturzversuch, veranlasste nicht nur Goebbels dazu, den SA-Vandalismus der Reichsprogromnacht 1938 als Volkserhebung zu legitimieren, sondern bot durch seinen ritualisierten Ablauf auch Gelegenheit zu planvollen Attentaten: Georg Elser versuchte am 9. 11. 1938 im Bürgerbräukeller in München einen Anschlag auf Hitler zu verüben, der Schweizer Student Maurice Bavaud am 9. 11. 1939 von einer Tribüne an der Feldherrnhalle aus. Nach der Verhaftung wurde Bavaud 1941 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, Elser 1945 kurz vor der Befreiung im KZ Dachau ermordet.

Doch schon vor Scheidemanns Akt am Reichstag und auch nach Bavauds Attentat ergibt sich eine bemerkenswerte Chronologie, die über eine bloß zufällige Kette der Ereignisse hinausgeht. Philipp Scheidemann hatte als Führer der Mehrheits-SPD die Republik eigentlich gegen seinen Willen erst ausgerufen, nachdem er erfahren hatte, dass dies Karl Liebknecht vom Stadtschloss der Hohenzollern aus tun wolle. Der Kaiser sollte eh zurücktreten, was er zwei Tage später am 11. November auch tat. Nun kam Scheidemann seinem USPD-Kollegen aus taktischen Gründen zuvor. Liebknecht sah sich in der revolutionär-marxistischen Tradition, die die Gründung einer neuen Gesellschaft nicht dem Rücktritt eines Monarchen überlassen konnte. Daher der Plan das Stadtschloss als Kulisse, den 9. November als Datum des Gründungsakts zu wählen: Für diesen Akt gab es ein Zeitfenster von einigen Tagen. Doch mit diesem Zeitpunkt konnte er ein revolutionäres Opfer beschwören, dessen Vermächtnis nun mit einem neuerlichen revolutionären Akt eingelöst würde: Am 9. November 1848 hatte man vor den Toren Wiens den linken Abgeordneten der aufgelösten Paulskirchenversammlung Robert Blum mit dem Versprechen auf freies Geleit gelockt und ohne Prozess standrechtlich erschossen. Was lag also näher die mit Blum begrabene Revolution genau siebzig Jahre später wieder auferstehen zu lassen?

In dieser Durchkreuzung von Opfer, Befreiung und Erlösung, so die Logik, kommt die Zeit als sinnloser Ablauf der Ereignisse zum Stillstand, zur Epoche.

Für die 9. November der Nachkriegsgeschichte mit Ereignischarakter – bis hin zu Günther Schabowskis hilfloser Antwort auf die Frage, ab wann die neue ständige Ausreiseregelung gelte: „Meines Wissens ab sofort,“ am 9. November 1989 – ist diese Chronologik ebenso anzunehmen, auch wenn sie einmal mehr die Seite des Opfers einmal mehr die Seite der Erlösung betonen. Der revolutionäre Ereignischarakter steht 1967 im Vordergrund, als die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer am 9. 11. das Transparent „Unter den Talaren/ Muff von 1000 Jahren“ vor den Ordinarien im Audimax der Uni Hamburg aufziehen. Doch erst der Koinzidenz des Tags der Amtseinführung des neuen Rektors, der Aktion und der Anwesenheit eines Agenturfotografen, der den Spruch verbreitete, ließ die Aktion in die Geschichtsbücher eingehen. Von Albers und Behlmer ist nicht bekannt, dass sie mit dem Datum Epochales verbanden.

Anders bei der Stadtguerillagruppe Tupamaros West-Berlin, die am 9. November 1969 unter dubiosen Umständen und bis heute unbekannten Motiven einen Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße verüben wollte.

Anders am 9. November 1974. Hier stirbt der 183 cm große Holger Meins nach einem Hungerstreik auf 30 kg abgemagert in der rheinland-pfälzischen Justizvollzugsanstalt Wittlich an Unterernährung. Der Ort seines Todes ist eher zufällig. Beim Zeitpunkt kommt man nun leicht ins Grübeln. Während die Unterbringung von Holger Meins den Überlegungen der deutschen Justizbehörden zuzurechnen ist, die vor der Zusammenlegung der gefangenen RAF-Kämpfer im eigens erbauten Hochsicherheitstrakt der Stuttgart-Stammheimer Haftanstalt darum bemüht war, ihre erklärten Feinde weit voneinander entfernt zu isolieren, steht der Zeitpunkt seines Todes in der Reihe eines keineswegs zufälligen Datums. Um gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren und um als Kriegsgefangene zu gelten, tritt die gefangene RAF-Führung Andreas Baader, Holger Meins, Jan Carl Raspe, Gudrun Ensslin, Brigitte Mohnhaupt und Ulrike Meinhof auf unterschiedliche Gefängnisse der Republik verteilt Mitte September 1974 in einen dritten Hungerstreik. Während man darum bemüht war, die Sache nach außen hin glaubhaft durchzuziehen, jedoch heimlich Nahrung zu sich nahm, hatte man Meins als Opferfigur auserkoren, der diese Rolle auch annahm und diszipliniert durchzog. Gudrun Ensslin versorgte ihn mit regelmäßigen Durchhalteparolen. Anfang November schreibt sie: „Du bestimmst, wann du stirbst. Freiheit oder Tod.“ Holger Meins, ein Hungerkünstler, der trotz Zwangsernährung auf den 9. November hinsiecht, um Robert Blums Vermächtnis zu erfüllen, der sinnlosen Folge sinnloser und grausamer Ereignisse deutscher Geschichte ein Ende zu setzen?

Der Kassiber Gudrun Ensslins an Holger Meins macht es wahrscheinlich, dass er im Bewusstsein der Propagandawirksamkeit des Datums wider medizinischer Wahrscheinlichkeit darum bemüht war, exakt am 9. November 1974 zu sterben. Damit hätte die Bewegung endlich ihr protestantische Opfer- und Erlöserbild, das an Christus und KZ gemahnte und Ikonengleich als An- Klagebild durch die Straßen geführt werden konnte. Es signalisierte Wahrheit. Hier würde nicht eine Person, sondern die Sache, nicht das Ego, sondern das Ethos vertreten.

Max Glauner
Der Text „Der 9. November“ erschien zuerst 2008 in „Deutschlandsaga-Fanzine, die 70er-Jahre“, Hrsg. Schaubühne am Lehniner Platz, Christoph Barner, Andreas Seyfert, Berlin 2008

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Klaus Lutz – Im Universum

Das Zürcher Museum Haus Konstruktiv widmete dem St. Galler Ausnahmekünstler Klaus Lutz in diesem Sommer posthum eine Retrospektive. Eine Nachbetrachtung.

Am Ende des Dokumentarfilms The Beauty of My Island (1999) von Frank Matter – der einzige, der über den Schweizer Zeichner, Filmer und Performer Klaus Lutz entstanden ist, – stiehlt sich der Künstler, der nach einer kurzen Performance die Requisiten in ein Köfferchen gepackt hatte, hoppelnd aus dem Bild, als wolle er bedeuten, „Entschuldigung, ich gehöre nicht hierher.“ Im Betrieb ist er nie angekommen. Einmal da, machte er sich auf und davon. 1999 hatte Klaus Lutz im Zürcher Helmhaus eine umfassende Werkschau. Doch der hagere St. Galler, Jahrgang 1940, geriet auch schnell wieder in Vergessenheit, nachdem er in sein winziges Wohnatelier in New Yorker zurückgekehrt war. Dort lebte er seit Anfang der 1990er Jahre, kurzzeitig mit Atelierstipendien der Stadt Zürich ausgestattet. Ab und an gab es Ausstellungen, so in Galerien von Laurie De Chiara, die ihn 2003 auch in Berlin zeigte, 2005 bei Staubkohler und deren Nachfolger, der Galerie Rotwand in Zürich. Doch die erhoffte Resonanz blieb aus.

Als die Veranstalter des Toronto International Film Festivals 2009 die Vorführung seines dreizehnminütigen 16mm-Films Titan prominent auf den 11. September platzierten, verstarb Klaus Lutz einen Tag vor seiner Abreise. Dass Klaus Lutz nach seinem Tod nicht der Vergessenheit anheimfiel, ist einem Verein zu verdanken, der mit der Zürcher Galerie Rotwand die Nachlassverwaltung übernommen hat. Die Retrospektive Klaus Lutz – Im Universum im Zürcher Museum Haus Konstruktiv tat in diesem Sommer ein Übriges, den Ausnahmekünstler einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen .

Klaus Lutz zählt zu jenen Spätberufenen, die schließlich ihre Berufung mit Zähigkeit und Eigensinn verfolgen. Den Schriftsteller Robert Walser wählte er nicht ohne Grund als zentrale Bezugsgröße. Nach einem abgebrochenen Architekturstudium in Zürich trat Lutz 1963 – er hatte eine Familie zu ernähren – eine Stelle als Primarschullehrer in Graubündner Käffern an. Neun Jahre später quittierte der den Schuldienst und zeigte erstmals kleinformatige Kaltnadelradierungen und Kupferstiche nach Prosastücken von Walser, die in Leporellos zusammengebunden werden. Die Drucke begleiten keinen Text. Sie scheinen einem Storyboard näher als der Buchillustration, und tragen die Anlage zum Film, der ab 1987 sein eigentliches Medium wird, bereits in sich. Zum Beispiel entwirft Lutz nach Walsers Erzählung Das Ende der Welt (1972) dreißig kleinformatige, fiebrig schwingende Miniaturen, die zwar im Spielerisch-Ornamentalen das Vorbild Paul Klee verraten, jedoch in der zentralen Figur des Mädchens auf der Suche nach dem Ende der Welt und seinem von Blatt zu Blatt wechselnden Kontext die existenziell-eschatologische Tiefe seines Referenztextes grafisch auslotet. Auch weil diese für das künstlerische Selbstverständnis Klaus Lutz` wichtige Arbeit im Internet abrufbar ist (www.das-ende-der-welt.ch), konnten in der Zürcher Ausstellung für die frühe Werkphase vergleichbare Kaltnadelradierungen wie Das Götzenbild (1972) mit dreizehn Drucken oder die 52 x 78 cm große Arbeit Eine Stadt (1974) stehen. Ihr szenografischer Aufbau, die Liebe zum Detail und die Sorgfalt in der Ausführung weisen Jahre voraus. Auch der Filmemacher Klaus Lutz betreibt die Zeichnung als eigenständiges Medium, genauso wie sie neben ihrer Funktion als Ideenskizze, Drehbuch oder Protokoll unmittelbar in die filmische Arbeit eingeht.

So lud die über drei Geschosse großzügig arrangierte Ausstellung den Besucher im zweiten Stock in den Palazzo Zu (2007) , eine begehbare Installation, die den Betrachter unmittelbar in die Zeichenwelt des Künstlers eintauchen ließ. Zweiunddreißig Blätter mit rotem und schwarzem Grund waren zu einem von einer Seite zugänglichen rechteckigen Raum in den Raum gehängt. Wie der Protagonist in Lutz` Filmen, war der Betrachter aufgefordert, die dort versammelten Zeichen zu lesen und zu interpretieren.

Unbestritten ist, dass Klaus Lutz Reibung und Auseinandersetzung kaum in der zeitgenössischen New Yorker Kunstszene fand, mehr in der Literatur und Philosophie, Walser, Frege, Wittgenstein. Sicherlich war sein künstlerisches Schaffen beseelt davon, eine Sprache zu schaffen, die das Imperfekte und Hierarchische der alphabetischen Sprache hinter sich lässt. Klaus Lutz lernte daher Chinesisch, beschäftigte sich mit frühen Hochkulturen. Die Arabesken in Palazzo Zu lassen sich durchaus als Schriftzeichen eines künstlerischen Idiolektes deuten. Als zweifelhaft dürfte allerdings die im Katalog von Martin Jaeggi in Aussicht gestellte Möglichkeit eingeschätzt werden, das Werk von Klaus Lutz zu „entziffern“ – man stieße hier bereits methodologisch früh an Grenzen. Ein Desiderat bleibt jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung.

Ein Schwerpunkt der Zürcher Ausstellung lag auf dem filmischen Werk, das er ab 1987 bis zu seinem Tod entwickelt. Der hohe Erdgeschosssaal entführte den Besucher zum Auftakt unvermittelt in eine Black Box, in der drei 16mm-Projektoren im Loop Sequenzen aus den Filmen Mach (1989), Caveman Lecture (2002), Vulcan (2004), auf eineinhalb Meter große Ballons auf Stativen, eine Konstruktion des Künstlers, projizierten. Sie mögen entfernt an Georges Mélies oder die Dokumentarmontagen Dziga Vertovs erinnern, doch sie sprechen dabei ihre ureigene Sprache. Wo immer möglich, begleitete Lutz die Filme mit Performances, ein Moment das in Zürich selbstredend fehlte, jedoch für seinen transgressiven Ansatz entscheidend ist. Jedes Moment der Arbeit will von ihm bestimmt sein. Er bastelt an den Linsen, ist Drehbuchautor, Kameramann, Set-Designer, einziger Hauptdarsteller und Cutter. Er beharrt auf die analoge Apparatur.

Klaus Lutz schafft damit einen eigenständigen cineastischen Kosmos, dessen Narrative von Weltbezwingern, Titanen, Ballonfahrern und Flugkapitänen bevölkert werden. Ironie und Ernst, Verausgabung und Hingabe, kindliche Freude und Sendungsbewusstsein gehen bei Lutz Hand in Hand. Das will mehr sein als Budenzauber. Dass sich dies einlöst, hat die Zürcher Ausstellung auf eindrucksvolle Weise gezeigt.

Katalog zur Ausstellung im Kehrer Verlag: Klaus Lutz, Im Universum, Hrsg. Dorothea Strauss, Stiftung für konstruktive, konkrete Kunst, Museum Haus Konstruktiv, vom 31. 5. – 2. 9. 2012, 175 Seiten, divers. Abbildungen, Zürich 2012

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Heilige Johanna im Haifischbecken

Auf der Höhe der Zeit – Sebastian Baumgarten stellt Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses zur Diskussion

Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe hat Konjunktur. Zwar ist sie, 1932 als Hörspiel, 1959 auf der Bühne uraufgeführt, schon über ein halbes Jahrhundert entrückt. Aber in Zeiten von Bankenkrise, Raubtierkapitalismus und auf der  Suche nach Heilsgewissheiten erwartet man von ihr immer noch Handlungsformate und Anleitung zur Reflexion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Falschen.

Daher steht sie gerne wieder auf Theaterspielplänen, die Zeitgenossenschaft signalisieren wollen. So auch im Zürcher Schauspielhaus, das sich bei einem beliebig profillosen Spielplan mit der brechtschen Johanna ein paar Hipness-Punkte abholen wollte. Damit diese noch etwas zahlreicher ausfallen würden, setzte man mit Sebastian Baumgarten, 1969 in der Hauptstadt der DDR geboren, zusätzlich auf eine Ost-Biografie, die zudem authentischen Brechtgeruch an den Pfauen mitbringen kann – hatte er doch, wie im Programmheft betont wird, bei Ruth Berghaus, einer Brechtschülerin, assistiert. Dass man dabei seinen zweiten Lehrmeister, Einar Schleef, kurzerhand auch zu einem Brechtschüler macht, ist dann eine intellektuelle Fahrlässigkeit, die diese Tendenz zum billigen Marketing noch unterstreicht.

Dass Baumgarten am Zürcher Schauspielhaus trotz dieser flauen Winde eine respektable Inszenierung gelingen würde, war nun nach seinem leichtfüssigen Labiche im Schiffbau zu erwarten. Doch dass er diese Erwartung bei weitem übertraf, überraschte dann doch. Denn, was man in Zürich nur in Ansätzen bei Frank Castorf und René Pollesch gesehen hat und in der Intendanz von Barbara Frey sonst gänzlich vermisst, ist in Bachmanns Johanna vorzüglich gelungen: eine solide Ensemblearbeit, vor der sich Ausnahmetalente wie Markus Scheumann als Mauler und Yvon Jansen als Titelheldin abzuheben vermögen, ohne dumm aus der Reihe zu fallen, wie das sonst am Pfauen die Regel ist.

Allein schon darum gebührt Bachmann die Palme. Dass er dazu mit dem Bühnenbild von Thilo Reuther state of the art produziert und obendrein dem Brechtschen Text etwas abgewinnen kann, Humor zeigt und nicht klüger sein will, als die Vorlage, ist nichts weniger als intelligent und vergnüglich. Chapeau!

Rezensionen zu Sebastian Baumgartens „Die Affäre Rue de Lourcine“ im Zürcher Schiffbau im Februar 2011 unter

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/menschen-die-mit-turen-schlagen

Und Nicolas Stemanns „Heilige Johanna der Schlachthöfe“am Deutschen Theater Berlin im Dezember 2009

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-plastiktuten-der-frau-luckerniddle

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Für eine Handvoll Lehm

Romane und andere nichtdramatische Texte werden in den letzten Jahren vermehrt ans Theater gebracht. Also auch das Buch der Bücher: Stefan Bachmanns „Genesis“ in Zürich vor einer Woche im Schiffbau Premiere.

Ist die Sache nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, die Genesis, das 1. Buch Moses, im Theater zu erzählen, von der Schöpfung an, über Adam und Eva, Noah, Abraham bis hin zur Geschichte Josephs samt der Geschlechterlisten? Im Zürcher Schiffbau des Schauspielhauses hat sich der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann, Jahrgang 1966, der Sache angenommen.

Guckkastenbühne, ein mächtiger Lehmberg in der Bühnenmitte, elf Schauspieler und fünf Stunden Zeit – die Bibel auf die Bühne! Zum einen bietet sich das Projekt schon deshalb an, weil das Theater seit einiger Zeit nach den großen Prosatexten schielt, um sich aktuell zu halten. Zum andern stellen sich mit den globalen Verwerfungen der vergangenen Jahre auch aufgeklärte Westeuropäer vermehrt die Frage, wie es mit der Religion zu halten sei.

Dazu wird in Zürich zum Auftakt erst einmal informiert: Ein Bärtiger in Amish-Tracht umrundet den Berg (Michael Neuenschwander im Folgenden als Gott, Abraham, Jakob), setzt sich und liest aus der revidierten Lutherfassung, wie das mit dem Licht, dem Wasser, Adam und Eva so zuging. In einer knappen Stunde kommt er (inzwischen gibt es etwas Spiel im Lehm) von der Errettung Noahs zum Turmbau von Babel (ein Sandhäufchen).

Irgendwann durchfährt den Zuschauer unwillkürlich der Gedanke, dass die Inszenierung der Bibel eigentlich eine ureigene Aufgabe von Frank Castorf oder Peter Stein gewesen wäre, sieben Tage an Originalschauplätzen.

Tableaux vivants

Denn Bachmanns Inszenierung präsentiert sich so, als stünde er zwischen den altmeisterlichen Antipoden – zwischen Ernst und Ironie. Erste Spielszene: Abraham, Sarah und Lot im Sandalenfilmoutfit sollen rühren, was aber zugleich mit einem Pharao im Pappkostüm gebrochen wird. Dann Bewegung im Publikum: Der neue Bund mit Gott, Neuenschwander gibt ihn als Sergio-Leone-Clint-Eastwood, wird durch Beschneidung bezeugt. Eine Schar nackter Darsteller tritt an. Schreie, Blut, Krämpfe – das aktuell Politische bekommt ein expressives Bild. Bachmann gelingen bis zur Pause weiter eindrückliche Theatermomente, die Opferung Isaaks, Jakobs Ringen mit dem Engel, der Traum von der Himmelsleiter. Aber selten kommt er über fromme Tableaux vivants hinaus.

Mit der Textvorlage der ungleich dramatischeren Josephsgeschichte gewinnt das Ensemble nach der Pause an Fahrt. Die Bezugsgrößen der Regie heißen nun nicht mehr Passionsspiel und Peter Stein, sondern Italowestern und Frank Castorf. Der Lehmberg wird für die ägyptischen Gefilde mit Videoprojektionen bespielt, und die Söhne Jakobs, Joseph und seine Brüder, treten als die glorreichen Sieben auf.

Joseph, von seinen Brüdern gehasst und als Sklave verkauft, macht Karriere in Ägypten. Im Bund mit Gott weiß er die Träume des Pharao zu deuten. Die Konkurrenz unter den Brüdern wird bei Bachmann am großen Tisch beim großen Fressen an der Bühnenrampe verhandelt und begraben.

Das entwickelt die Regie mit ihren Darstellern so unterhaltsam, dass der aufmerksame Zuschauer fortan Isaak nicht mehr mit Jakob und diesen mit Joseph verwechseln wird. Mehr Tiefgang ist aber nicht avisiert. Am Ende reibt sich die Theatergemeinde müde die Augen, zufrieden damit, fünf Stunden Überforderungstheater durchgestanden zu haben, während auf den designierten Chef des Schauspiel Köln jetzt eigentlich nur noch die Korintherbriefe und die Johannesapokalypse als Herausforderung warten.

 
Zuerst erschienen in: http://www.freitag.de

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